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    W. Hartmann: Brauchen wir noch kritische und gedruckte Editionen kirchenrechtlicher Quellen?

    discussions 9 (2014)

    Wilfried Hartmann

    Brauchen wir noch kritische und gedruckte Editionen kirchenrechtlicher Quellen?

    Résumé :

    Est tout d'abord fourni un aperçu de l'état des éditions des sources de droit canon, avant tout pour les collections canoniques de l'Antiquité tardive au XII e siècle. Il en ressort qu'il n'existe pas d'édition critique, tant des collections par ordre chronologique que des collections systématiques, pas plus que des textes essentiels. Les éditions électroniques disponibles sur internet sont pour la plupart inachevées. Dans un second temps, on présente les caractéristiques fondamentales d'une édition critique. Le tome 5 de la série des »Concilia« des Monumenta Germaniae Historica, paru depuis peu, est présenté à titre d'exemple. Enfin, on s'interroge sur les avantages d'une présentation électronique d'une édition de texte par rapport à une version imprimé. Il en ressort que les deux formes ont leurs avantages, mais aussi leurs inconvénients.

    Resümee:

    Zunächst wird ein Überblick über die Editionslage bei den kirchenrechtlichen Quellen, vor allem den Kanonessammlungen von der Spätantike bis ins 12. Jahrhundert, geboten. Dabei ist festzustellen, dass sowohl bei den Sammlungen historischer Ordnung als auch bei den systematischen Sammlungen nach wie vor zentrale Texte nicht in kritischer Edition vorliegen. Die im Internet zugänglichen elektronischen Editionen sind meist in einem unfertigen Zustand. Sodann werden die unverzichtbaren Bestandteile einer kritischen Ausgabe genannt. Als Beispiel wird der kürzlich erschienene Band 5 der Reihe »Concilia« innerhalb der Monumenta Germaniae Historica kurz vorgestellt. Abschließend wird gefragt, welche Vorteile eine elektronische Darstellung einer Textedition gegenüber der gedruckten Version besitzt. Dabei zeigt es sich, dass beide Formen ihre Vor-, aber auch Nachteile haben.

    Bemerkungen zur Editionslage

    <1>

    Was die vorgratianischen Rechtssammlungen angeht (und natürlich auch Gratian selbst), so gibt es nur wenig abgeschlossene und im Druck erschienene Editionen dieser für die Kenntnis der Praxis des Kirchenrechts äußerst wichtigen Texte 1 . Zentrale Sammlungen der Zeit bis ca. 900 stehen überhaupt nicht in kritischen Editionen zur Verfügung. Und auch für die Sammlungen der folgenden Zeit ist die Lage nicht wesentlich besser.

    <2>

    Diese Feststellung gilt besonders für die Sammlungen historischer Ordnung, also für solche »Collectiones canonum«, die zuerst die Kanones der Konzilien und dann die Dekretalen der Päpste in chronologischer Abfolge bieten. Für solche Texte kann festgestellt werden, dass der Konzilsteil der »Collectio Hispana« jetzt in einer kritischen Edition vollständig vorliegt (der 6. Band, der bis zum 15. Konzil von Toledo des Jahres 688 reicht, ist 2002 erschienen) 2 .

    <3>

    Weniger gut steht es mit der ungeheuer weit verbreiteten und in mehreren Redaktionen vorhandenen »Collectio Dionysiana« aus dem Beginn des 6. Jahrhunderts, die immer noch in unzureichenden Drucken aus dem 16. Jahrhundert benutzt und zitiert werden muss 3 . Seit Kurzem gibt es immerhin eine kritische Ausgabe der ältesten Dekretale, des Schreibens von Papst Siricius (384‒399) JK 255, die wir Klaus Zechiel-Eckes verdanken 4 . Diese Edition bietet im einleitenden Kapitel über die Überlieferung der Dekretale sozusagen »nebenbei« eine Darstellung der Geschichte der Kirchenrechtssammlungen historischer Ordnung und nennt die jeweils wichtigsten Handschriften dieser »Collectiones« mitsamt der Literatur. Außerdem enthält sie einen Überblick über die Abhängigkeiten zwischen diesen Sammlungen. Der Edition mit ihrem ausführlichen Variantenapparat ist eine Übersetzung in gut lesbarem Deutsch beigefügt. Die Sachanmerkungen beschränken sich auf einige Bemerkungen zu Textproblemen.

    <4>

    Die Editionslage bei den systematischen Sammlungen sieht nicht viel besser aus: Hier fehlen vor allem kritische Ausgaben der »Collectio Hibernensis«, der Irischen Kanonessammlung (entstanden im 7. Jahrhundert), und der »Collectio Dacheriana« (entstanden um 800). Für beide Sammlungen gab es in den letzten 60 bis 70 Jahren immer wieder Anläufe, aber zu einem erkennbaren Abschluss ist man bisher nicht gelangt. Während für die »Hibernensis« immerhin eine ältere Ausgabe (von 1874 bzw. 1885) vorliegt 5 , ist die »Dacheriana« immer noch im Erstdruck durch Luc d'Achery zu benutzen, der aus dem Jahr 1672 stammt 6 .

    <5>

    Die umfangreichste Sammlung des ausgehenden 9. Jahrhunderts, die »Collectio Anselmo dedicata«, ist noch gänzlich ungedruckt. Das bedeutende und interessante Sendhandbuch Reginos von Prüm muss in einer Ausgabe aus dem Jahr 1840 benutzt werden 7 . Für das weit verbreitete Dekret Burchards von Worms sind wir auf den Erstdruck aus dem Jahr 1548 angewiesen, wenn man nicht den äußerst fehlerhaften Nachdruck in Mignes »Patrologie« (Band 140) benutzen will 8 . Die wie Burchards Dekret aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts stammende umfangreiche »Collectio duodecim partium« kann überhaupt nur in den Handschriften gelesen werden 9 .

    <6>

    Für die Sammlungen aus dem weiteren Verlauf des 11. und des beginnenden 12. Jahrhunderts sieht es etwas besser aus: Die Edition der »Collectio« Anselms von Lucca ist aber unvollständig geblieben (es fehlen die Bücher 11 bis 13) und berücksichtigt nur eine von drei Versionen der Sammlung 10 . Die Ausgabe der »Collectio« des Kardinals Deusdedit aus dem Jahr 1905 ist nicht ganz vollständig, sie bietet nämlich keinerlei Register, nur ein Initienverzeichnis 11 . Lediglich das Werk Bonizos von Sutri ist in einer schönen Edition (aus dem Jahr 1930) greifbar, die alle erforderlichen Beilagen enthält, also Einleitung, den kritischen Text mit Varianten, Quellen- und Sachkommentar mit Hinweisen auf Parallelen in anderen Kanonessammlungen sowie einen ausführlichen Registerteil, nämlich Namen- und Sachregister, Quellenverzeichnis, Kanoneskonkordanz und Initienverzeichnis 12 . Die großen Sammlungen Ivos von Chartres, »Collectio tripartita«, »Dekret« und »Panormia« sind bisher nicht kritisch ediert.

    <7>

    Die Edition von Gratians Dekret durch Emil Friedberg (aus dem Jahr 1879) hat heftige und grundsätzliche Kritik erfahren und müsste schon seit Längerem von Grund auf neu gemacht werden. In den letzten Jahren hat sich bei Gratian jedoch so viel Neues ergeben, dass wir eigentlich froh sein müssen, dass noch keine neue Edition aufgrund der bis zum Jahr 2000, als Winroths umstürzendes Buch erschienen ist 13 , gültigen Überzeugungen von der Entstehung des Dekrets erarbeitet wurde.

    <8>

    Nicht besser sieht es bei den Bußbüchern aus: Trotz jahrzehntelanger Arbeit ist bisher nur ein schmaler Band mit den in einer oder zwei Handschriften überlieferten Paenitentialien erschienen 14 , während die weit verbreiteten und einflussreichen Texte, wie der »Quadripartitus« 15 , die Bußbücher Halitgars und des Hrabanus Maurus 16 oder die Beda und Egbert zugeschriebenen Paenitentialien immer noch auf ihre editorische Auferstehung warten müssen.

    <9>

    Nun gibt es aber doch einige kritische Editionen von kirchenrechtlichen Texten oder Sammlungen aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, die als vorbildlich betrachtet werden können. Da ist einmal Horst Fuhrmanns Edition des »Constitutum Constantini«, erschienen 1968 17 . Die besondere Leistung dieser Edition liegt in dem gelungenen Versuch, die komplizierte Überlieferung und Rezeption des weit verbreiteten Textes im kritischen Apparat möglichst vollständig darzustellen: Die verschiedenen Versionen werden als Textstufen aufgefasst, in denen die jeweiligen Varianten geboten werden. Damit konnte die räumlich und zeitlich weit gespannte Wirkung dieses Textes dokumentiert und in der zweidimensionalen Form einer Buchseite anschaulich gemacht werden.

    <10>

    Sodann ist Hubert Mordeks Ausgabe der »Collectio Vetus Gallica«, die 1975 erschienen ist, zu nennen 18 . Mordek edierte die wirksam gewordene Fassung, die in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts in Corbie entstanden ist. Die früheren Fassungen können nur erschlossen werden, da keine handschriftlichen Zeugen mehr vorhanden sind. Im kritischen Apparat werden alle Textvarianten und Korrekturen sorgfältigst verzeichnet. Der Quellenkommentar gibt für jedes Kapitel die ursprüngliche Herkunft an und vermerkt die Abweichungen zwischen der Urquelle und dem Text der »Vetus Gallica«.

    <11>

    Außerdem zu erwähnen ist die Ausgabe der »Concordia canonum« des Cresconius durch Klaus Zechiel-Eckes (erschienen 1992) 19 . Kritisch könnte man vielleicht anmerken, dass in allen drei Editionen ein eigentlicher Sachkommentar fehlt. Kommentiert wird nämlich nicht der Inhalt der einzelnen Kapitel, sondern lediglich einige interessante Text-Varianten. Der Index-Teil dieser Ausgaben besteht aus Verzeichnissen der Quellen, der Initien und der Handschriften sowie einem Register der Personen, Orte und Sachen.

    <12>

    Neben diesen Vorbildern gibt es auch negative Beispiele, Fälle von nicht gelungenen bzw. von der Kritik abgelehnten Editionen. Der Versuch einer Edition der »Collectio Anselmo dedicata«, den Jean-Claude Besse 1957 vorlegte 20 , hat eine vernichtende Kritik von Gabriel Le Bras erfahren, der das Vorgehen von Besse als »amateurhaft« abgekanzelt hat 21 . Besse brach daraufhin die Arbeit an seiner Ausgabe ab.

    <13>

    Auch die Edition der »Collectio in V libris« von Mario Fornasari, von der 1970 die ersten drei Bücher erschienen 22 , erfuhr heftige Kritik 23 . Fransen schreibt u.a.: »nous demandons des éditions critiques et non des conjectures gratuites ou des lectures approximatives: collationer trois manuscrits n'est pas une tâche surhumaine!« und: »manifestement cette édition est à refaire« 24 . Was die Identifizierung der Vorlagen angeht, so vermisst Fransen vor allem ein genaues Eingehen auf die Texte aus der »Hibernensis«, wobei er zugestehen muss, dass die derzeit vorhandene Edition (von Wasserschleben aus dem Jahr 1874/1885) nicht zureichend ist. Die Folge dieser Kritik war, dass die beiden noch fehlenden Bücher in Fornasaris Edition nicht mehr erschienen sind.

    <14>

    Wenn man nach weiteren gelungenen kritischen Editionen von kirchlichen Rechtssammlungen der letzten Jahrzehnte sucht, so ist die Ausbeute neben den bereits genannten sehr karg. Zu nennen ist hier die Ausgabe der »74-Titel-Sammlung« durch John Gilchrist aus dem Jahr 1973 25 , die zwar auch Kritik erfahren hat, die aber nicht grundsätzlich ist. So schreibt Horst Fuhrmann: »G.s Edition ist ... die erste Ausgabe einer kirchenrechtlichen Sammlung der Periode zwischen Pseudoisidor und dem Pontifikat Gregors VII., die das Attribut ›kritisch‹ in vollem Sinne verdient und die einen weiten, Durchblick verschaffenden Schneisenschlag darstellt im Dickicht mittelalterlicher kirchenrechtlicher Texte 26

    <15>

    Dass diese Ausgabe nicht voll befriedigt, hängt vor allem damit zusammen, dass über die Benutzung von Vorlagen keine genauen Aussagen gemacht werden. Dies geht wieder darauf zurück, dass für 250 der 315 Kapitel der »74-Titel-Sammlung« die pseudoisidorischen Dekretalen die Vorlage bilden und dass für diese zentral wichtigen Texte – jedenfalls im Jahr 1975 – die Editionslage »katastrophal« war, wie Fuhrmann schreibt.

    <16>

    In der Zwischenzeit hat sich hier etwas verändert. Und damit sind wir beim 21. Jahrhundert und bei den Versuchen, im Internet noch nicht endgültig abgeschlossene Ausgaben für die Benutzer bereitzustellen. Karl-Georg Schon hat für seine Darbietung (von Edition kann man noch nicht sprechen) der pseudoisidorischen Dekretalen 12 der 105 Handschriften berücksichtigt 27 . Der Text der einzelnen gefälschten Papstbriefe ist zwar nicht gerade benutzerfreundlich dargeboten, aber man kann auf jeden Fall sagen, dass dieses work in progress (hoffentlich geht es damit weiter!) ein riesiger Fortschritt gegenüber der Ausgabe von Paul Hinschius aus dem Jahr 1863 28 darstellt.

    <17>

    Martin Brett und Bruce Brasington haben ihre Edition der »Panormia« Ivos von Chartres (wenn er dieses Werk überhaupt verfasst hat) ins Internet gestellt 29 . Sie bietet einen kritischen Text mit den Varianten aus zahlreichen Handschriften, aber keine Analyse der Quellen bzw. der direkten Vorlagen.

    <18>

    Und auf der Homepage der MGH findet sich eine vorläufige Edition der Sammlung »Polycarpus« des Gregor von San Grisogono 30 . Sie bietet einen kritischen Text mit Variantenapparat aus elf Handschriften. Aber auch hier gilt: Eine gedruckte kritische Edition kann diese Darstellung nicht ersetzen. Es fehlt noch viel, vor allem ein Sachkommentar und ein Registerteil. Die Quellennachweise können einer separaten Liste entnommen werden 31 .

    <19>

    Der wichtigste Grund dafür, dass es so wenig kritische Editionen von kanonistischen Sammlungen des frühen und hohen Mittelalters gibt, scheint mir darin zu liegen, dass die Grundlagen dafür fehlen, und das sind: kritische Editionen der alten, auch noch im Hochmittelalter weit verbreiteten und benutzten Sammlungen der historischen Ordnung. Daher ist es nur schwer oder überhaupt nicht möglich, die direkten Vorlagen für die meisten der verarbeiteten Exzerpte genau zu bestimmen, die von den Sammlern des 9. bis 12. Jahrhunderts herangezogen wurden. Hiermit also, mit der Edition der dionysischen Sammlungen, der »Hispana« und Pseudoisidors müsste begonnen werden, dann wären endlich die »Hibernensis« und die »Dacheriana« in Angriff zu nehmen!

    Unverzichtbare Bestandteile einer kritischen Edition

    <20>

    Damit komme ich zum speziellen Teil meines Beitrags und zur Frage: Was sind eigentlich die unverzichtbaren Bestandteile einer kritischen Ausgabe? Es gibt einige unverzichtbare Teile:

    ‒ genaue Handschriftenbeschreibungen,

    ‒ Erstellung des Textes (oder Abdruck einer Leithandschrift oder einer ausgewählten Version),

    ‒ Erfassung der (wichtigen) Varianten eines Textes,

    ‒ Untersuchung und vielleicht auch Darbietung der unterschiedlichen Versionen,

    ‒ Nachweis der direkt oder indirekt zitierten Quellen sowie

    ‒ den Versuch, die tatsächlich benutzten Vorlagen zu bestimmen.

    <21>

    Im Sachkommentar sollen die Voraussetzungen für das Verständnis des Textes geliefert werden durch:

    ‒ Erklärung seltener Wörter,

    ‒ Hinweise auf Textverderbnis,

    ‒ Identifizierung der vorkommenden Namen von Personen und Orten.

    <22>

    Fraglich ist, ob im Sachkommentar auch Hinweise auf Parallelen im Kirchenrecht oder im weltlichen Recht sowie Erklärungen der historischen Hintergründe, auf die im Text vielleicht nur angespielt ist, gegeben werden sollen. Unter den Beigaben zur Edition sind ausführliche Verzeichnisse und Indices unverzichtbar. Es wird noch darüber zu sprechen sein, welche von diesen Teilen besser im Druck und welche besser in einer Darstellung im Netz geboten werden können, und wie es mit den Vor- und Nachteilen für den Benutzer aussieht. Als Beispiel möchte ich auf den erst vor Kurzem erschienen fünften Concilia-Band 32 verweisen und daraus auf die Ausgabe des Konzils von Tribur 895 etwas näher eingehen.

    <23>

    Zuerst zum Aufbau der Abschnitte über die einzelnen Synoden. Nach einer knappen historischen Einleitung mit Angaben von Regesten und Literatur folgt eine Zusammenstellung der Nachrichten über die Synode in vor allem historiographischen Quellen (»Indirekte Nachrichten«), dann ein Überblick über die Überlieferung, vor allem natürlich über die Handschriften und die Drucke. In diesem Vorspann werden auch – eventuell in tabellarischer Form – die Rezeption und die kanonistische Nachwirkung der Synodalkanones geliefert. Auf die Editionen der Texte, die diese Synoden hervorgebracht haben, also vor allem Beschlüsse, Protokolle und Synodalurkunden, werde ich später noch zurückkommen.

    <24>

    Diese Textausgaben enthalten nicht nur einen Variantenapparat mit der Verzeichnung der Textabweichungen, sondern auch einen ausführlichen Sachkommentar, in dem die vorkommenden Orte und Personen identifiziert und die benutzten Quellen, möglichst die direkten Vorlagen, angegeben werden. Außerdem werden die historischen Hintergründe der Texte erläutert. Und es werden Literaturangaben gemacht zu Sachverhalten, die im Text angesprochen werden.

    <25>

    Besonders wichtig ist der Registerteil:

    ‒ Index der Handschriften,

    ‒ Initienverzeichnis: also die ersten fünf Wörter aller Kanones und sonstigen im Band vorkommenden Texte,

    ‒ Index der Zitate, also der wörtlich oder indirekt benutzten Quellen,

    ‒ kanonistische Rezeption,

    ‒ Personen und Orte,

    ‒ schließlich ein Register der wichtigen Wörter und Sachen, im Fall der Konzilien vor allem der kirchenrechtlich einschlägigen Wörter und Wortverbindungen.

    <26>

    Zu den in dieser Edition angewandten Prinzipien der Textedition möchte ich folgendes bemerken: Clausdieter Schott hat kürzlich den MGH-Editionen von Rechtstexten pauschal vorgeworfen, dass sie »Einheitseditionen« seien, die »nach dem Ur- oder Idealtypus« suchen. Dies habe »oft trotz umfangreicher Variantenapparate (…) den Blick auf wesentliche Details und auf die Individualität der Handschriften« verstellt 33 .

    <27>

    Demgegenüber möchte ich hervorheben, dass es nicht das Ziel einer Edition kanonistischer Texte ist, nach dem Archetyp eines Textes oder nach seiner Urform zu fragen. Vielmehr geht es bei der Darbietung dieser Texte, die historisch wirksam waren und oft auch in der Praxis des kirchlichen Alltags oder des kirchlichen Gerichts benutzt wurden, darum, die verschiedenen Erscheinungsformen des Textes deutlich werden zu lassen.

    <28>

    Das Interesse an diesen Texten, die eben nicht nur »öde Exzerptensammlungen« 34 von anderweitig zu edierenden oder bereits edierten »Originalen« sind, besteht nämlich gerade darin, die historisch wirksam gewordenen Textversionen dem Benutzer bereitzustellen. Deshalb werden nach Möglichkeit auch Textstufen nicht nur in den Variantenapparaten, sondern auch im Obertext berücksichtigt.

    Die Akten des Konzils von Tribur 895

    <29>

    Wie wurde diese Forderung bei der Ausgabe der Synodalkanones von Tribur 895 umgesetzt? Während die Edition der Akten von Tribur 895 im zweiten Band der »Capitularia regum Francorum« durch Victor Krause den Versuch machte, die unterschiedlichen Versionen der Akten in einen einzigen Text zu zwängen, was zusätzlich zu einer Vulgata-Version mit nicht wenigen Sternanmerkungen und einigen A- bzw. B-Fassungen den Druck von 9 Kapiteln »Iudicia« und 13 »Canones extravagantes« erforderlich machte 35 , wurde in der neuen Edition eine andere Lösung gewählt, die dem Überlieferungsstand eher gerecht wird. Nach den Vorarbeiten von Rudolf Pokorny 36 wurden drei Versionen hintereinander gedruckt, nämlich eine »Versio Vulgata«, bestehend aus einer Vorrede, 58 Kapiteln und einer Unterschriftsliste mit den Namen von 22 Bischöfen 37 , dann die sog. »Versio Catalaunensis«, benannt nach der wichtigsten Handschrift, die in der Bibliothèque municipale von Châlons-en-Champagne aufbewahrt wird; diese Version bietet die Namen von 25 teilnehmenden Bischöfen, eine kurze Vorrede und 35 meist eher kurzen Kapitel 38 , schließlich die »Versio Diessensis-Coloniensis«, die am besten in zwei Handschriften aus dem Kloster Diessen und aus der Dombibliothek Köln bewahrt wird und die aus einer Vorrede mit den Namen von 25 Bischöfen und 27 Kapiteln besteht, die nicht alle eine Nummer tragen 39 .

    <30>

    Um die inhaltlichen Parallelen zwischen den Kapiteln der drei Versionen deutlich zu machen, wurden nicht nur Konkordanztabellen angefertigt und publiziert 40 , sondern die inhaltlich verwandten Kapitel wurden auch in einer dreispaltigen Synopse dargeboten 41 . Die in zwei oder drei Versionen übereinstimmenden Wörter sind durch Fettdruck hervorgehoben, so dass die gemeinsamen Wörter auf einen Blick erkannt werden können. Ich meine, dass mit dieser optischen Darbietung die Vorteile des Drucks deutlich gemacht wurden.

    <31>

    Abschließend möchte ich noch kurz die Frage erörtern, ob eine Darstellung einer Textedition auf elektronischem Weg der Darbietung auf einer Druckseite überlegen oder eher unterlegen ist. Eine elektronische Darstellung gibt neue Möglichkeiten:

    1. die Handschriften selbst können zusammen mit der Transkription bzw. der Darbietung des »endgültigen« Textes geboten werden;

    2. verschiedene Versionen eines Textes können besser zur Darstellung gebracht werden;

    3. zitierte Literatur kann nicht nur als kurzes Zitat und Angabe des Druckorts, sondern als längerer Auszug aus einem Literaturtitel erscheinen; damit kann man sich den Gang zum Bücherregal oder die Bestellung eines zitierten Werks in einer Bibliothek ersparen;

    4. Quellen und Vorlagen können sehr viel ausführlicher dargestellt und die Handschriften von Parallelen oder Vorlagen als Bilder präsentiert werden.

    <32>

    Alle diese speziellen Vorteile einer elektronischen Edition sind aber in den bisher im Internet zur Verfügung stehenden »Ausgaben« kirchenrechtlicher Quellen nicht ausgenützt, weder bei Ivos »Panormia« noch beim Polycarp oder bei Pseudoisidor!

    <33>

    Was ist in der gedruckten Edition leichter darzustellen oder vom Benutzer zu erfassen?

    ‒ Synopse von Text und Varianten,

    ‒ Nebeneinanderstellen von Texten, um komplizierte Abhängigkeitsverhältnisse deutlich zu machen, so wie das eben bei dem dreispaltigen Paralleldruck der inhaltlichen Parallelen in den drei Versionen von Tribur 895 erläutert wurde.

    <34>

    Eine letzte Frage ist, ob Editionen überhaupt noch nötig sind und ob es nicht genügt, Handschriften als Bilder ins Netz zu stellen und eine Transkription hinzuzufügen? Ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, dass eine kritische und kommentierte Edition einen wesentlichen Mehrwert bietet, auf den wir hoffentlich auch künftig nicht verzichten müssen. Texteditionen, die zweifellos auch im 21. Jahrhundert nötig sind, müssen jedoch nicht unbedingt auf Papier, sie können auch elektronisch dargeboten werden.

    1 Das hat sich nicht so sehr geändert, seit Hubert Mordek seine Bestandsaufnahme vorgelegt hat: Hubert Mordek, Systematische Kanonessammlungen vor Gratian: Forschungsstand und neue Aufgaben, in: Proceedings of the Sixth International Congress of Medieval Canon Law, hg. von Stephan Kuttner, Kenneth Pennington, Vatikan 1985, S. 185‒201. Vgl. außerdem Wilfried Hartmann, Schwierigkeiten beim Edieren. Gelungene und gescheiterte Editionen von großen Kirchenrechtssammlungen, in: Fortschritt durch Fälschungen? Ursprung, Gestalt und Wirkungen der pseudoisidorischen Fälschungen. Beiträge zum gleichnamigen Symposium an der Universität Tübingen vom 27. und 28. Juli 2001, hg. von Wilfried Hartmann, Gerhard Schmitz, Hannover 2002 (MGH. Studien und Texte, 31), S. 211‒226.

    2 La Colección canónica Hispana, ed. Gonzalo Martínez Díez, Félix Rodríguez, bisher 6 Bände, Madrid 1966‒2002 (Monumenta Hispaniae sacra, ser. can. 1‒5).

    3 Zu den Ausgaben der »Collectio Dionysiana« und der »Collectio Dionysio-Hadriana« vgl. Lotte Kéry, Canonical Collections of the Early Middle Ages (ca. 400–1140). A Bibliographical Guide to the Manuscripts and Literature, Washington D.C. 1999 (History of Medieval Canon Law), S. 9, 14.

    4 Klaus Zechiel-Eckes, Die erste Dekretale. Der Brief Papst Siricius' an Bischof Himerius von Tarragona vom Jahr 385 (JK 255). Aus dem Nachlass mit Ergänzungen hg. von Detlev Jasper, Hannover 2013 (MGH. Studien und Texte, 55).

    5 Die irische Kanonensammlung, ed. Hermann Wasserschleben, 1. Aufl., Gießen 1874, 2. Aufl., Gießen 1885.

    6 Luc d'Achery, Veterum aliquot scriptorum qui in Galliae Bibliothecis, maxime Benedictorum latuerant. Spicilegium, Bd. 2, Paris 1672, S. 1‒200.

    7 Reginonis abbatis Prumiensis Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis, ed. F. G. A. Wasserschleben, Leipzig 1840.

    8 Die älteste Ausgabe von Burchards Dekret aus dem Jahr 1548 wurde durch Gérard Fransen und Theo Kölzer 1992 nachgedruckt: Burchard von Worms, Decretorum libri XX. Ergänzter Neudruck der Editio princeps Köln 1548, hg. von Gérard Fransen, Theo Kölzer, Aalen 1992.

    9 Vgl. vor allem die Untersuchung von Jörg Müller; Untersuchungen zur Collectio Duodecim Partium, Ebelsbach 1989.

    10 Anselmi episcopi Lucensis Collectio canonum una cum collectione minore, ed. Friedrich Thaner, 2 Bde., Innsbruck 1906‒1915. Diese Edition bricht mit dem Kapitel 15 des 11. Buchs unvollständig ab. Kathleen G. Cushing, Papacy and Law in the Gregorian Revolution. The Canonistic Work of Anselm of Lucca, Oxford 1998 (Oxford Historical Monographs) bietet auf S. 179‒200 eine Incipit-Explicit-Ausgabe der bei Thaner fehlenden Kapitel aus einer einzigen Handschrift.

    11 Die Kanonessammlung des Kardinals Deusdedit, Bd. 1: Die Kanonessammlung selbst, ed. Victor Wolf von Glanvell, Paderborn 1905.

    12 Bonizo, Liber de vita christiana, ed. Ernst Perels, Berlin 1930.

    13 Anders Winroth, The Making of Gratian's Decretum, Cambridge 2000 (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought, Ser. 4, 49).

    14 Paenitentialia minora Franciae et Italiae saeculi VIII‒IX, ed. Raymund Kottje unter Mitarbeit von Ludger Körntgen, Ulrike Spengler-Reffgen, Turnhout 1994 (Corpus Christianorum. Series Latina, 156).

    15 Vgl. die Untersuchung von Franz Kerff, Der Quadripartitus. Ein Handbuch der karolingischen Kirchenreform. Überlieferung, Quellen und Rezeption, Sigmaringen 1982 (Quellen und Forschungen zum Recht im Mittelalter, 1).

    16 Vgl. Raymund Kottje, Die Bußbücher Halitgars von Cambrai und des Hrabanus Maurus. Ihre Überlieferung und ihre Quellen, Berlin, New York 1980 (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters, 8).

    17 Das Constitutum Constantini (Konstantinische Schenkung), ed. Horst Fuhrmann, Hannover 1968 (MGH. Fontes iuris Germanici antiqui, 10).

    18 Hubert Mordek, Kirchenrecht und Reform im Frankenreich. Die Collectio Vetus Gallica, die älteste systematische Kanonessammlung des fränkischen Gallien. Studien und Edition, Berlin, New York 1975 (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters, 1).

    19 Klaus Zechiel-Eckes, Die Concordia canonum des Cresconius. Studien und Edition, 2 Teile, Frankfurt am Main u.a. 1992 (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte. Studien und Texte, 5).

    20 Jean-Claude Besse bot in seinem Beitrag Collectionis Anselmo dedicata liber primus, in: Revue de droit canonique 9 (1959), S. 207–296 eine Ausgabe des ersten Buchs der Sammlung nach der Handschrift Paris, BnF lat. 15392 und in seinem Buch Histoire des textes du droit de léglise au moyen-âge de Denys à Gratien. Étude et texte, Paris 1960 eine Incipit-Explicit-Ausgabe aller Kapitel nach derselben Handschrift.

    21 Gabriel Le Bras, in: Bibliothèque de la Revue d'histoire ecclésiastique 33 (1959), S. 103.

    22 Collectio canonum in 5 libris, ed. Mario Fornasari, Turnhout 1970 (Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis, 6).

    23 Vgl. Gérard Fransen, in: Revue d'histoire ecclésiastique 66 (1971), S. 130‒136; Horst Fuhrmann, in: Deutsches Archiv 27 (1971), S. 221f. und Hubert Mordek, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kan. Abt. 60 (1974), S. 477f.

    24 Fransen (wie Anm. 23), S. 134, 136.

    25 Diversorum patrum sententie sive Collectio in LXXIV titulos digesta, ed. John T. Gilchrist, Vatikan 1973 (Monumenta Iuris Canonici, Series B: Corpus Collectionum, 1).

    26 Horst Fuhrmann, in: Deutsches Archiv 31 (1975), S. 251.

    28 Decretales Pseudo-Isidorianae et Capitula Angilramni, ed. Paul Hinschius, Leipzig 1863.

    30 www.mgh.de/datenbanken/kanonessammlung-polycarp/(19.05.2014).

    31 Die Basis hierfür liefert: Uwe Horst, Die Kanonessammlung Polycarpus des Gregor von S. Grisogono. Quellen und Tendenzen, München 1980 (MGH. Hilfsmittel, 5).

    32 Die Konzilien der karolingischen Teilreiche 875‒911, ed. Wilfried Hartmann, Isolde Schröder, Gerhard Schmitz, Hannover 2012 (MGH. Concilia, 5).

    33 Clausdieter Schott, Lex und Skriptorium – Eine Studie zu den süddeutschen Stammesrechten, in: Leges – Gentes – Regna. Zur Rolle von germanischen Rechtsgewohnheiten und lateinischer Schrifttradition bei der Ausbildung der frühmittelalterlichen Rechtskultur, hg. von Gerhard Dilcher und Eva-Marie Distler, Berlin 2006, S. 257‒290, hier S. 257.

    34 So Bruno Krusch, Neue Forschungen über die drei oberdeutschen Leges: Bajuvariorum, Alamannorum, Ribuariuorum, Berlin 1927 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, phil.-hist. Klasse, NF 20,1), S. 7 Anm. 2.

    35 Die alte Edition der Kanones von Tribur 895 von Victor Krause findet sich in dem Band MGH. Capitularia regum Francorum, Bd. 2, ed. Alfred Boretius, Viktor Krause, Hannover 1897, S. 196‒249.

    36 Rudolf Pokorny, Die drei Versionen der Triburer Synodalakten von 895. Eine Neubewertung, in: Deutsches Archiv 48 (1992), S. 429‒511.

    37 Die Konzilien der karolingischen Teilreiche 875‒909, ed. Wilfried Hartmann, Gerhard Schmitz, Isolde Schröder, Hannover 2012 (MGH. Concilia, 5), S. 341‒370.

    38 Ebd., S. 371‒378.

    39 Ebd., S. 379‒387.

    40 Ebd., S. 387‒389.

    41 Ebd., S. 390‒415.

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    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Historische Hilfswissenschaften, Kirchen- und Religionsgeschichte
    6. - 12. Jh.
    4015701-5 4193179-8 4014363-6 4073199-6 4256178-4
    édition critique; étude du droit canon; concile de Tribur; Gratien; Pseudo-Isidore kritische Edition; Kanonistik; Konzil von Tribur; Gratian; Pseudoisidor
    500-1200
    Europa (4015701-5), Druckmedien (4193179-8), Elektronisches Publizieren (4014363-6), Kanonisches Recht (4073199-6), Textvergleich (4256178-4)
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    W. Hartmann: Brauchen wir noch kritische und gedruckte Editionen kirchenrechtlicher Quellen?
    In: Pourquoi éditer des textes médiévaux au XXIe siècle? 8e rencontre de la Gallia Pontificia, organisée par l’École nationale des chartes, l’Institut historique allemand et les Monumenta Germaniae Historica, Paris, 17 mai 2013, éd. par Olivier Canteaut, Rolf Große (discussions, 9)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/9-2014/hartmann_quellen
    Veröffentlicht am: 02.09.2014 16:15
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:04
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