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C. Zey: Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven - Eine Einführung

Discussions 3 (2010)

Claudia Zey

Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven

Eine Einführung


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Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich darf Sie meinerseits herzlich hier im Deutschen Historischen Institut in Paris begrüßen. Es freut mich sehr, dass Sie der gemeinsamen Einladung des DHI und meiner Wenigkeit gefolgt sind, um den heutigen Tag dem Thema »Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven« zu widmen.

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Das Programm verrät, dass wir die Thematik aus einem bestimmten Blickwinkel angehen wollen, nämlich vorrangig aus Sicht der Zeitschriften zur Mittelalterforschung. Dabei geht es uns vor allem darum, anhand eines zeitlich und thematisch begrenzten Ausschnitts aus dem großen Spektrum geschichtswissenschaftlicher Zeitschriften die Situation und die Perspektiven besser fassen und diskutieren zu können. Die heute hier vertretenen Publikationsorgane sollen also exemplarisch für das gesamte Segment von wissenschaftlichen Periodika in unserem Fach stehen.

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Ausschlaggebend für unsere Überlegungen, eine solche Table Ronde zu veranstalten, war die entweder schon vollzogene oder sich andeutende Umbruchsituation, in der sich zahlreiche Zeitschriften befinden. Das betrifft die Angebotslage, die Publikationsform, die Finanzierung , die immer lauter werdenden Forderungen an den geisteswissenschaftlichen Zeitschriftenmarkt, das in den Naturwissenschaften gängige Peer-Review-Verfahren zu adaptieren, und sich auf dieser Grundlage in internationalen Rating-Verfahren kategorisieren zu lassen.

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Zu den Punkten im Einzelnen: Zunächst zur Frage des Angebots von wissenschaftlichen Aufsätzen und Miszellen . Die Klage etlicher Herausgeberinnen und Herausgeber über den Rückgang qualitativ überzeugender Angebote für die Periodika ist unüberhörbar. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Tagungsbände, Festschriften und Sammelbände von Forschungsverbünden, wie den zahlreichen Sonderforschungsbereichen, binden die Publikationsaktivitäten von Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zumeist in so starker Weise, dass daneben kaum noch Kapazität für die Ausarbeitung weiterer Aufsätze bleibt. Dass sich die Marktlage in dieser Hinsicht in absehbarer Zeit ändern wird, ist nicht zu erwarten. Deshalb muss die Frage an die Redaktionen lauten, wie sie sich auf die veränderte Wettbewerbslage einstellen wollen oder können; ob zum Beispiel die Publikation von Tagungsheften oder Themenheften die Angebotsmisere beheben könnte.

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Die Frage der Publikationsform gehört durch den rasanten Fortschritt der elektronischen Publikationsmöglichkeiten sicher zu den spannendsten. Zugleich bleiben die Prognosen über das Lese- und Rezeptionsverhalten des wissenschaftlichen und studentischen Publikums aber weiterhin unsicher. Mischformen aus gedrucktem Aufsatzteil und elektronischem Rezensionsteil, gleichzeitiges oder zeitlich versetztes Erscheinen von gedruckter und elektronischer Form sind die Antworten von Redaktionen und Verlagen auf die Herausforderungen des elektronischen Zeitalters. Ein eindeutiger Trend zur rein elektronischen Publikationsform im Open-Access-Verfahren zeichnet sich zwar derzeit nicht ab, aber angesichts stärkeren finanziellen und internationalen Drucks wird sich diese Frage in den kommenden Jahren forciert stellen 1 . Umso interessanter ist es für uns, dass wir heute von den Erfahrungen mit einer zuerst online und dann gedruckt erscheinenden Zeitschrift wie dem »Concilium medii aevi« hören werden.

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Die Finanzierungsfrage stellt sich gleich in mehrfacher Hinsicht. Die entscheidende Finanzierungsgrundlage der geschichtswissenschaftlichen Periodika sind die Abonnements der Bibliotheken und Institute und damit letztlich die öffentlichen Kassen. Deren Finanzierungsspielraum wird trotz anders lautender Bekundungen immer enger, von Platzproblemen ganz zu schweigen. Schlimmstenfalls ist die Kündigung von Abonnements zwangsläufig die Folge, oder doch wenigstens die Auflage an Instituts- und Universitätsbibliotheken, dieselben Periodika am Ort nur noch in je einem Exemplar anzukaufen. Hier mögen in erster Linie die Verlage gefordert sein, doch wirkt sich der finanzielle Druck natürlich auch auf die redaktionelle Arbeit aus.

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Die meisten Redaktionen sind institutionell verankert, entweder im universitären Rahmen oder wie bei der »Francia« oder dem »Deutschen Archiv« in außeruniversitären Forschungsinstitutionen. So oder so ist die redaktionelle Betreuung von Aufsatz- und Rezensionsteilen eine zeitraubende und kostspielige Angelegenheit, für die adäquate personelle und finanzielle Ressourcen vorhanden sein müssen. Auch diese werden von der öffentlichen Hand gewährt, so dass die öffentlichen Kassen streng genommen doppelt in die Produktion und in den Vertrieb wissenschaftlicher Zeitschriften investieren. Ein Zustand, der möglicherweise noch lange anhält, der sich in Zeiten krisenhafter Finanzentwicklung aber auch schnell ändern kann. Auf diese Situation wenigstens vorbereitet zu sein, scheint dringend geboten.

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Eine Möglichkeit zur Verschlankung des Zeitschriftenmarktes und zur Kostenreduktion scheint das Peer-Review-Verfahren zu sein. Von großen Wissenschaftsorganisationen und von Universitätsleitungen wird die Forderung nach Anwendung auch auf geisteswissenschaftliche Zeitschriften immer lauter. Der Maßstab der Naturwissenschaften mit einem seit Jahrzehnten stark regulierten Publikationsmarkt und der internationale Wettbewerb stehen hinter diesen Postulaten. Anpassungen zeichnen sich bereits ab, indem entweder Fachredaktionen und Herausgeberschaften als Gutachtergremium deklariert werden oder tatsächlich ein international besetztes Gutachtergremium installiert wird, welches ein mehr oder minder anonymisiertes und standardisiertes Begutachtungsverfahren anwendet.

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Die Situation ist freilich insofern paradox, als nahezu ausschließlich die wissenschaftlichen Zeitschriften mit diesen Forderungen konfrontiert werden, obwohl sie in der Regel hohe Qualitätsstandards zur Annahme von Manuskripten haben. Dagegen scheinen für die ebenfalls kostenintensive Publikation von Sammelbänden diese Standards weniger vordringlich zu sein, obwohl Sammelbände den Markt für Aufsätze eindeutig dominieren.

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Hier könnte freilich eine große Chance für die Zeitschriftenanbieter liegen, wenn es ihnen gelänge, durch Bewertungsverfahren und ein allgemein anerkanntes Punktesystem die Spitzenpublikationen aus den Sammelbänden herauszulösen und in die eigenen Organe zu ziehen.

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Dass es aber letztlich unmöglich ist, den riesigen Markt an Fachzeitschriften wirklich differenziert zu bewerten, hat das Zeitschriften-Rating der European Science Foundation (ESF) und des von der Europäischen Kommission lancierten Projekts »Humanities in the European Research Area« (HERA) gezeigt. Darin aufgenommene Zeitschriften (und es sind bei Weitem nicht alle aufgenommen) wurden nach kaum durchschaubaren Kriterien – einzig das Peer-Review-Verfahren wurde als wichtigster Faktor genannt – in die Kategorien A–C eingeteilt 2 . Nach der Veröffentlichung der ›Initial Lists‹ des »European Reference Index for the Humanities« (ERIH) 3 im Jahr 2007 hagelte es von vielen Seiten Kritik 4 , die zu einer Revision der Listen führen sollte. Die für Ende 2009 angekündigten Aufstellungen sind allerdings noch nicht publiziert. In der für Geschichte bis dato gültigen Liste von 2007 5 , für die sechs Personen verantwortlich zeichnen 6 , wurde von den hier vorzustellenden Zeitschriften einzig das »Deutsche Archiv für Erforschung des Mittelalters« in die Kategorie A eingeordnet – eine Zeitschrift, bei der bekanntlich ausschließlich die Herausgeber und eben nicht ein internationales Gutachtergremium für die Qualität der angenommenen Aufsätze bürgen.

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Damit sind wir bereits an einem neuralgischen Punkt angekommen, der im Rahmen unserer Table Ronde zur Situation und den Perspektiven wissenschaftlicher Zeitschriften heute sicher diskutiert werden wird. Wesentlich – das sei am Ende meiner Einführung eigens hervorgehoben – war Frau Gersmann, Herrn Große und mir beim Zuschnitt des Programms besonders der Vergleich zwischen deutschsprachigen und französischsprachigen Zeitschriften, durch den sich hoffentlich weitere Perspektiven eröffnen.

Autorin:

Prof. Dr. Claudia Zey
Universität Zürich
zey@access.uzh.ch

1 Beispielhaft kann an dieser Stelle auf zwei Initiativen unterschiedlichen Zuschnitts verwiesen werden:
1) ZORA (Zurich Open Repository and Archive), die Open Access-Plattform der Universität Zürich. Nach dem Wunsch der Universitätsleitung sollen hier alle von Universitätsmitgliedern online oder gedruckt publizierten Arbeiten möglichst im Volltext hinterlegt werden: URL: http://www.oai.uzh.ch/index.php?option=content&task=view&id=383&Itemid=260&mos_lng=en <14.02.2010> mit einem instruktiven Link zu Open Access worldwide.
2) Arbeitsgruppe Elektronisches Publizieren der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, die gegründet wurde, um alle für das elektronische Publizieren im Rahmen von Akademieprojekten relevanten Fragen zu erörtern, gemeinsame Standards zu erarbeiten und damit zusammenhängende Fragen zu beantworten. URL: http://www.akademienunion.de/gremien/elektronischespublizieren/ <14.02.2010>, über die auch die Broschüre »Open Access: Akademieforschung für alle« heruntergeladen werden kann.

4 Stellvertretend für andere Äußerungen kann hier auf die in Sudhoffs Archiv 93 (2009), S. 1–3 abgedruckte, von 45 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichnete Protestnote »Journals under Threat: A Joint Response from History of Science, Technology and Medicine Editors« verwiesen werden, in der Verfahrensweise und Ansatz der ERIH-Kategorisierung grundsätzlich abgelehnt werden. Bereits im Dezember 2008 versuchte die ESF erfolglos kritische Stimmen zu entkräften (URL: http://www.esf.org/research-areas/humanities/erih-european-reference-index-for-the-humanities/joint-response-to-criticism.html <14.02.2010>).

6 Das sind: Simon Mercieca (Chair), University of Malta (ML), Richard Aldous, University College Dublin (IR), Tønnes Bekker-Nielsen, Syddansk Universitet, Odense (DK), Dusan Kovac, Slovak Academy of Sciences, Bratislava (SK), John Morrill, University of Cambridge (UK) und Jan Luiten van Zanden, International Institute of Social History, Amsterdam (NL), vgl. URL: http://www.esf.org/research-areas/humanities/erih-european-reference-index-for-the-humanities/erih-governance-and-panels/erih-expert-panels.html#c23966 <14.02.2010>.

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Claudia Zey
Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven
Eine Einführung
CC-BY-NC-ND 3.0
Finanzierung Publikationsform Peer-Review-Verfahren Rating-Verfahren
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C. Zey: Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven - Eine Einführung
In: Revues scientifiques. État des lieux et perspectives (Table ronde, organisée par l’Institut historique allemand et le département d’histoire de l’université de Zurich, 15 octobre 2009) - Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven (2. Tag der Geisteswissenschaften, veranstaltet vom DHIP und dem Historischen Seminar der Universität Zürich, 15. Oktober 2009) , éd. par / hg. von Rolf Große (discussions, 3)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/3-2010/zey_zeitschriften
Veröffentlicht am: 23.03.2010 14:35
Zugriff vom: 18.11.2017 01:51
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