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R. Große: Francia

Discussions 3 (2010)

Rolf Große

Francia

Ein Forum westeuropäischer historischer Forschung


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Die Zeitschrift Francia ist untrennbar mit Karl Ferdinand Werner, dem Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris von 1968 bis 1989, verbunden. Bereits vor seiner Amtszeit plante er eine Zeitschrift als Forum für seine ausgesprochen groß dimensionierten Forschungsprojekte1. In konkrete Überlegungen stieg man 1968 ein, und die Planungen waren bereits ein Jahr später abgeschlossen. Es dauerte allerdings noch bis 1973, ehe der erste Band erscheinen konnte. Der Name Francia, den der damalige Mitarbeiter Jürgen Voss vorschlug2, ist zwar griffig, zugleich aber vieldeutig, kann er doch ebenso das Karolingerreich wie bestimmte kleinere Landschaften in Frankreich und Deutschland bezeichnen.

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Der Untertitel: Forschungen zur westeuropäischen Geschichte mag präziser sein, deckt jedoch auch nicht das gesamte Spektrum ab, das Karl Ferdinand Werner vor Augen stand. Klarheit gewinnen wir, wenn wir einen Blick in sein Vorwort zum ersten Band werfen3: Die Zeitschrift soll Beiträge zur Geschichte Frankreichs, der Schweiz und der Beneluxländer bringen. Deutschland rechnet Werner nicht zu West-, sondern zu Mitteleuropa. Dementsprechend ist deutsche Geschichte wie die des iberischen Raums und der Britischen Inseln nur aus der Perspektive ihrer Beziehungen zu Frankreich und der des Vergleichs ihrer Entwicklungen zu berücksichtigen. Ziel der Zeitschrift sei es, den Einfluss, den Westeuropa auf die Welt ausgeübt hat und ausübt, zu veranschaulichen4.

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Es ging Werner also um die Vermittlung eines eindeutig frankozentrischen Weltbilds. Ferner sollten in der Francia, nach dem Vorbild der Zeitschrift des römischen Schwesterinstituts, der Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Quellen, die in Frankreich liegen, ediert und kommentiert werden. Als zeitlichen Rahmen der Beiträge sah Werner die Jahrhunderte vom spätantiken Gallien bis zur Gegenwart vor. Bevorzugte Themenbereiche sollten sich mit den Forschungen der Mitarbeiter und Stipendiaten des Instituts berühren. Die Zeitschrift war als Sprachrohr des Instituts gedacht, und so erschien in ihr auch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis 2007 der Jahresbericht des Direktors. Die Redaktion lag in den Händen zweier Mitarbeiter, Martin Heinzelmann und Jürgen Voss. Den Autoren wurde in den ersten Jahren ein Honorar gezahlt: zunächst 15,- DM, später 10,- DM pro Seite5. Mit der Francia schuf Werner die erste deutsche Zeitschrift, deren Blick sich speziell auf Westeuropa richtet. Um sie zu einem Forum der internationalen Diskussion zu machen, sollten die Beiträge nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch auf Französisch und Englisch publiziert und in allen drei Sprachen jeweils kurz resümiert werden.

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Seine Ergänzung fand dieses anspruchsvolle Programm darin, dass die Francia auch als Rezensionsorgan dienen sollte, das Arbeiten zur westeuropäischen Geschichte vorstellt. Der erste Band bringt zudem die sogenannten »Bibliographischen Mitteilungen«. Auf mehr als 200, in kleiner Schriftgröße gesetzten Seiten und in nicht weniger als 123 Sektionen gegliedert, wurden vom Direktor und den Mitarbeitern des Instituts mehrere tausend Neuerscheinungen zur westeuropäischen Geschichte aufgelistet, sowohl Monographien als auch Aufsätze, und ihr Inhalt zumindest hier und da kurz kommentiert. In einigen Rubriken, vor allem zur französischen Landesgeschichte, wird sogar auf ungedruckte oder in Bearbeitung befindliche Thèses hingewiesen.

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Dieser Teil der Zeitschrift richtete sich hauptsächlich an den deutschen Leser und bildete das Pendant zu dem vom Institut herausgegebenen »Bulletin bibliographique«, das nach Frankreich hin ausgerichtet war6. Das »Bulletin« wurde allerdings nicht innerhalb der Francia publiziert, sondern gesondert, und zwar bereits seit 1962, zunächst in mehreren Lieferungen pro Jahr. Ziel war es, über Neuanschaffungen der Institutsbibliothek zu informieren und damit auch die Zahl der Bibliotheksbenutzer zu erhöhen. Der Arbeits- und Kostenaufwand für beide Bibliographien war jedoch so enorm, dass die »Bibliographischen Mitteilungen« nur ein einziges Mal erschienen und auch das »Bulletin bibliographique« 1975 eingestellt wurde.

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Seit ihren Anfängen erscheint die Francia als Jahrbuch. Nimmt man den ersten Band, Jahrgang 1973, zur Hand, so droht der Umfang von 1.232 Seiten den Leser förmlich zu erschlagen. Er enthält dreißig Beiträge. Von ihnen stammen sechs aus der Feder von Mitarbeitern des Hauses, einer von Eugen Ewig, dem Gründungsvater des Instituts, und zwei von Stipendiaten. Dreizehn Aufsätze beruhen auf Vorträgen eines vom DHI veranstalteten deutsch-französischen Historikerkolloquiums über »Die napoleonische Herrschaft in Europa«. Von 44 Rezensionen wurden 17 von Institutsangehörigen verfasst. Dies zeigt, dass der erste Band sich weitgehend aus der Arbeit des Instituts speiste. In den nächsten Jahren trat zwar eine Änderung insofern ein, als Kolloquiumsakten nicht mehr in der Zeitschrift, sondern in den Buchreihen, insbesondere den Beiheften der Francia und den Pariser Historischen Studien, publiziert wurden.

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Selbst wenn der erste Band eine Sonderstellung einnimmt, so ist es bis heute dabei geblieben, dass sich unter den Autoren fast immer Mitarbeiter und Stipendiaten des Hauses finden. Auch Einzelvorträge, die im Rahmen der Donnerstagsvorträge, der »Jeudis«, gehalten werden, erscheinen häufig in gedruckter Form innerhalb der Francia. Daneben rekrutiert sich ein wichtiger Teil der Beiträger nach wie vor aus dem Umfeld der Forschungsprojekte des Hauses. Diesem Umstand trägt der Aufbau der Zeitschrift Rechnung7. Er blieb von ihren Anfängen bis heute weitgehend gleich: Neben den Aufsatzteil tritt die Sektion »Zur Forschungsgeschichte und Methodendiskussion«, gefolgt von den »Miszellen« und bis zum Jahrgang 2007 den Rezensionen, die inzwischen ins Internet verlagert wurden. Dazu später. Ferner gibt und gab es Sektionen, die einzelnen Themenfeldern, zumeist im Zusammenhang mit einem Projekt des Hauses, zugeordnet sind. Zu ihnen gehören die »Prosopographica Burgundica«, die das Burgundprojekt von Werner Paravicini begleiteten, oder die »Sources hagiographiques narratives de la Gaule« für das Projekt von Martin Heinzelmann. Die Ergebnisse kleinerer Tagungen oder von Vortragsreihen werden zudem seit einigen Jahren unter der Rubrik »Ateliers« veröffentlicht.

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Entsprechend der Mittlerfunktion, die das DHI einnimmt, war es von Anfang an das Bemühen, die deutsche Forschung in Frankreich und umgekehrt die französische in Deutschland besser bekannt zu machen. Für den Rezensionsteil bürgerte sich deshalb der Brauch der sogenannten »kreuzweisen Besprechung« ein, das heißt, dass die Bücher in der jeweils anderen Sprache rezensiert werden. Für den Aufsatzteil ist es unser Ziel, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen deutschen und französischen sowie englischen Beiträgen zu erreichen. Ein Blick auf die Grafik zeigt jedoch, dass dies nicht ganz gelungen ist: Die deutschen Aufsätze (51 %) sind gegenüber den französischen (40 %) in der Überzahl, englische Beiträge (9 %) eher die Ausnahme8.

Grafik 1: Beiträge nach Sprachen

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Weit verbreitet ist, gerade unter französischen Historikern, die Meinung, die Francia sei eine rein mediävistische Zeitschrift. Dies rührt zum einen daher, dass sie von einem Mediävisten, Karl Ferdinand Werner, ins Leben gerufen wurde; und zum anderen kann auch der Name Francia zu dem Fehlschluss verleiten. Werner ist an diesem Missverständnis nicht ganz unschuldig, schrieb er doch selbst in anderem Zusammenhang, in der Francia habe das Institut den Wunsch angedeutet, »eines der Zentren der internationalen Forschung zur Geschichte des fränkischen Gesamtreichs zu sein«9. Gleichwohl trifft es nicht zu, dass der Schwerpunkt der Francia im Mittelalter liegt. Das Verhältnis ist noch nicht einmal ausgeglichen. Die Statistik zeigt vielmehr, dass die Beiträge zur Neuzeit diejenigen zum Mittelalter quantitativ übersteigen.

Grafik 2: Beiträge nach Epochen

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In den vier Jahrzehnten ihres Bestehens sah sich die Francia zwei einschneidenden Änderungen gegenüber. Sie fallen in die Jahre 1989 und 2007. Die beiden Daten lassen erkennen, dass die Zäsuren mit dem Wechsel in der Leitung des Instituts verbunden waren: 1989 von Karl Ferdinand Werner zu Horst Möller und 2007 von Werner Paravicini zu Gudrun Gersmann. Die ersten fünfzehn Bände umfassten ausnahmslos mehr als 900 Seiten; drei Bände überschritten sogar die Tausendergrenze. Sowohl dem Verlag, Thorbecke, als auch den Redakteuren und dem neuen Direktor, Horst Möller, erschien es deshalb sinnvoll, die Zeitschrift ab 1989 in drei Teilbänden zu veröffentlichen, jeweils etwa gleichen Umfangs10. Damit sollten die drei Epochen, Mittelalter, Frühe Neuzeit und Neuzeit/Zeitgeschichte, für die jeweils ein eigener Redakteur zuständig war, dasselbe Gewicht erhalten und dem Leser die Möglichkeit geboten werden, nur einen Teilband zu erwerben.

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Der Gesamtumfang aller drei Teile nahm dadurch sogar noch zu, wobei der Jahrgang 2000 mit insgesamt 1.257 Seiten an der Spitze lag. Die drei Teilbände erschienen nicht zum selben Zeitpunkt, sondern zeitlich gestaffelt von Oktober bis zum April des Folgejahres. Die Hoffnung, dadurch den Abonnenten entgegenzukommen, hat sich tatsächlich erfüllt. Der Aufstellung des Verlags ist zu entnehmen, dass etwa 2/3 der Abonnenten alle drei Teilbände bezogen und immerhin 1/3 nur einen. Bei den Abonnentenzahlen besaß der Mittelalterband immer einen leichten Vorsprung vor der Frühen Neuzeit und der Neuzeit/Zeitgeschichte. Und auch beim Umfang hatte er meistens die Nase vorn. Band 34/1, der 2007 erschien, umfasste 454 Seiten.

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Zu einer erneuten Zäsur, die gleich vier grundlegende Änderungen mit sich brachte, kam es mit dem Amtsantritt von Gudrun Gersmann11: Die Rezensionen erscheinen seit 2008 nur noch im Netz; die Dreiteilung der Francia wurde aufgehoben; alle Bände mit einer Movingwall von zwei Jahren retrodigitalisiert; und über die Annahme der Beiträge entscheidet ein Gutachtergremium. Voraussetzung für diese Neuerung war die Einrichtung der Online-Publikationsplattform Perspectivia. Auf ihr werden Veröffentlichungen der Auslandsinstitute, die unter dem Dach der Stiftung »Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland« zusammengefasst sind, digital publiziert und kostenfrei zugänglich gemacht. Unter dieser Adresse, www.perspectivia.net, findet sich die Rubrik Francia-online, und von dort gelangt man zu Francia-Recensio und Francia-Retro. In der Bewertung von Google genießt Perspectivia den sehr guten Pagerank von sechs Punkten.

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Die technische Redaktion von perspectivia.net ist in Bonn-Bad Godesberg angesiedelt und steht unter der Leitung von Michael Kaiser. Ihre Stellen wurden bislang vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und künftig von der Stiftung »Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland« finanziert. Die Kosten der Retrodigitalisierung übernahm die Bayerische Staatsbibliothek in München. Die Redaktion im herkömmlichen Sinne, die die Aufsätze und Rezensionen zur Veröffentlichung vorbereitet, befindet sich weiterhin in unserem Institut. Sie besteht aus drei wissenschaftlichen Redakteuren, die jeweils für eine Epoche zuständig sind, Rainer Babel, Rolf Große und Stefan Martens, sowie der Redaktionsassistentin, Dagmar Aßmann. Diese Stellen werden aus dem Haushalt des Instituts finanziert. Gleiches gilt für die Kosten der gedruckten Francia, für die wir zu 100% aufkommen.

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Welche Überlegungen führten zu der Umstrukturierung? Angesichts der wachsenden Flut an Publikationen hatten wir unsere Rezensenten bereits vor einigen Jahren gebeten, den Umfang ihrer Besprechungen auf etwa eine Druckseite zu begrenzen. Dennoch drohte der Rezensionsteil aus allen Nähten zu platzen. 2007 mussten zahlreiche Besprechungen sogar aus Platzgründen zurückgestellt werden. So fiel die Entscheidung, den Rezensionsteil komplett ins Internet auszulagern. Seit 2008 erscheint viermal im Jahr eine Lieferung von Francia-Recensio, jeweils im März, Juni, September und Dezember. Über das Erscheinen kann sich der Leser per RSS-Feed benachrichtigen lassen.

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Unserer Aufgabe, geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln, sind nun keine Grenzen mehr gesetzt. Wir können eine größere Zahl an Besprechungen publizieren und vor allem viel schneller als bislang. Damit sind wir der gedruckten Version an Aktualität voraus. Gerade dieser Aspekt wird von unseren Rezensenten positiv gesehen; die Texte stehen oftmals bereits wenige Wochen nach Eingang in der Redaktion im Netz. Ausführlichere Rezensionen und Sammelbesprechungen sind weiterhin der Zeitschrift vorbehalten, und zwar der Sektion »Zur Methodengeschichte und Forschungsdiskussion«.

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2008 wurden 355 Titel besprochen, davon 130 in französischer Sprache, 2009 kamen wir auf 525 Rezensionen, darunter 162 auf Französisch. Dies belegt, dass wir möglichst umfassend über das Schrifttum informieren möchten. Unser Bemühen stößt durchaus auf Interesse, denn fast 30.000 Benutzer riefen im vergangenen Jahr die online-Rezensionen auf12. Bei der Auswahl der rezensierten Titel beschränken wir uns nicht auf Werke, die von den Verlagen übersandt werden, sondern sehen regelmäßig die Verlagskataloge durch und fordern Rezensionsexemplare gezielt an. Bei der Auswahl der Rezensenten stützen wir uns auf eine Datenbank mit den Namen von 2.743 Wissenschaftlern.

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Außer den Rezensionen gelangte auch der Jahresbericht der Direktorin ins Netz, und zwar auf die Homepage des Instituts. Das Problem des zu großen Umfangs, mit dem wir immer wieder zu kämpfen hatten, ist nun behoben. Dies gab uns die Möglichkeit, die drei Teilbände wieder zusammenzuführen. Neben diesem rein praktischen Motiv spielte vor allem die konzeptionelle Überlegung eine Rolle, dass die bisherige Dreiteilung künstlich ist und einer Behandlung epochenübergreifender Themen im Wege steht. Wir beabsichtigen, künftig auch Themenhefte zu bringen, die an der Epochengrenze nicht Halt zu machen brauchen. Doch stehen wir mit diesen Überlegungen noch am Anfang. Auch sind wir zu der alten, im Laufe der Jahre aber aufgegebenen Praxis zurückgekehrt, den Aufsatzteil um dreisprachige Resümees zu ergänzen.

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Befürchtungen, die Zahl der Abonnenten könne durch die Aufhebung der Dreiteilung des Bandes zurückgehen, haben sich nicht bewahrheitet. Wir konnten ihre Zahl wie auch den Absatz insgesamt sogar noch leicht steigern: Von Francia 35 (2008) wurden 388 Exemplare verkauft, die meisten davon im Abonnement, bei einer Druckauflage von 500 und einer Verkaufsauflage von 400 Stück. Die Abonnentenzahlen weisen dabei einen vorsichtigen Aufwärtstrend auf. Zu diesem für unsere Verhältnisse günstigen Ergebnis trägt sicher auch der moderate Preis von 38,- EUR im Abonnement und 45,- EUR im Einzelverkauf bei. Berücksichtigt man, dass die Zahl der Abonnenten seit einigen Jahren stetig gefallen war, so konnten wir diese Entwicklung nicht nur stoppen, sondern auch eine Trendwende erreichen. Was die regionale Verteilung betrifft, so sind deutsche Bezieher im Übergewicht: 56% der Abonnements gehen nach Deutschland, 17% nach Frankreich und 6% in die Beneluxländer. Die Francia ist in den Bibliotheken des frankophonen Raums also durchaus präsent.

Grafik 3: Abonnenten nach Ländern (Stand: 2008)

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Eine weitere Neuerung ist die Retrodigitalisierung der gesamten Francia bis zu dem 2007 erschienenen Band 34. Die neueren Bände werden sukzessive mit einer Movingwall von zwei Jahren, künftig sogar schon nach einem Jahr ins Netz gestellt. Voraussetzung für die Retrodigitalisierung war die Zustimmung eines jeden Autors, angefangen bei Band 1. Nur ein einziger hat sie verweigert; sein Beitrag steht nun nicht im Netz. Dagegen erhielten wir zahlreiche zustimmende, manchmal sogar begeisterte Antworten. Unter der Bezeichnung Francia-Retro ist die Zeitschrift, genau wie die Rezensionen, auf Perspectivia für jedermann frei zugänglich. Dass dies die Visibilität der Zeitschrift erhöht, lässt sich daran ablesen, dass im vergangenen Jahr fast 105.000 Besucher die digitalisierte Francia aufgerufen haben13.

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Die einschneidenden Änderungen im Erscheinungsbild der Francia gingen einher mit der Gründung eines Gutachtergremiums. Bislang war es üblich, dass über Annahme und Ablehnung eines Manuskripts der Herausgeber, der zuständige Redakteur und ein Wissenschaftler aus dem Hause entschieden. 2008 haben wir ein international besetztes Gutachtergremium eingerichtet, dessen Mitglieder aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien stammen14. Wird uns ein Manuskript angeboten, so holen wir das Urteil von zwei Gutachtern ein. Dies dient zum einen der Qualitätssicherung der Francia; zum anderen hoffen wir, damit die Attraktivität der Zeitschrift für Autoren zu steigern, die bei Bewerbungen darauf hinweisen können, in einem Periodikum mit Peer-Review-Verfahren zu publizieren.

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Nach wie vor rekrutiert sich ein großer Teil der Autoren aus Mitarbeitern des Hauses, Stipendiaten, Referenten der »Jeudis« und Kollegen aus gemeinsam betriebenen Forschungsprojekten. Auch die übrigen Beiträger werden häufig durch persönliche Kontakte zur Direktorin oder zu einem der Redakteure veranlasst, uns ihren Aufsatz anzubieten. Dementsprechend selten kommt es vor, dass ein Manuskript eingeht, dessen Absender im Institut nicht näher bekannt ist. Dieser Befund sollte nicht überraschen, da die Francia in ihrer von Karl Ferdinand Werner formulierten und eingangs zitierten Aufgabenstellung die Arbeit des Instituts spiegelt. Sie ist nach wie vor frankozentrisch bestimmt. Aufsätze zur deutschen Geschichte werden in der Regel nur dann angenommen, wenn sie einen Bezug zu Frankreich aufweisen.

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Dieses Auswahlprinzip engt den Kreis möglicher Autoren ein. Für deutsche Wissenschaftler sind wir die erste Anlaufstelle. Frankophone Kollegen, die über ein französisches Thema arbeiten, haben hingegen eine viel größere Auswahl an Publikationsorten. Hier ist es die Aufgabe vor allem der Redakteure, ein Netzwerk aufzubauen und zu pflegen. Es mangelt nicht an Beiträgen, die uns angeboten werden. Es gibt aber kein Überangebot, das uns zwingen würde, Beiträge zurückzustellen und erst in zwei oder drei Jahren zu publizieren. Dies sichert ihre Aktualität. Ganz abgesehen davon ist die Zusage, einen angenommenen Aufsatz gleich im nächsten Band zu bringen, gerade für jüngere Autoren von Vorteil.

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Ziehen wir ein Resümee, so ist festzuhalten, dass die Francia mit ihrer Fokussierung auf westeuropäische Geschichte zumindest unter den Zeitschriften zum Mittelalter eine Sonderrolle einnimmt. Im Jahre 1998 wurde das DHI Paris vom Wissenschaftsrat evaluiert. In seiner Stellungnahme unterstreicht er die zentrale Rolle der Francia »bei der wechselseitigen Wahrnehmung der deutschen und französischen Historiker«15. Im Rating der European Science Foundation, das allerdings sehr umstritten ist, wurde die Francia der Kategorie B zugeordnet als international ausgerichtete Zeitschrift16. Obwohl ihrer Thematik Grenzen gesetzt sind, mangelt es nicht an Autoren. Diesen Umstand verdankt die Francia in erster Linie der Anbindung an unser Institut. Trotz der zahlreichen Kolloquien, die wir selbst veranstalten und deren Ergebnisse wir zumeist in den Buchreihen publizieren, hat die Zeitschrift ihren Wert behalten. Der wachsenden Bedeutung des Internets tragen wir durch die Auslagerung des Rezensionsteils und die Retrodigitalisierung Rechnung. Anforderungen des Ratingsystems führten zur Einrichtung eines internationalen Gutachtergremiums. Auflage und Absatz zeigen, dass wir nicht zu den großen Periodika zählen. Immerhin konnten wir die Zahl unserer Abonnenten in letzter Zeit leicht steigern. Francia-Recensio und Francia-Retro werden den Bekanntheitsgrad und die Visibilität sicher noch erhöhen. So besteht Anlass zu der optimistischen Erwartung, dass die Francia sich auch in einem veränderten Umfeld behaupten wird.

Autor:

Prof. Dr. Rolf Große
Deutsches Historisches Institut Paris
RGrosse@dhi-paris.fr

1 Grundlegend zur Geschichte der Francia ist der Beitrag von Martin Heinzelmann, Die Zeitschrift Francia / La revue Francia, in: Rainer Babel, Rolf Große (Hg.), Das Deutsche Historische Institut Paris. L 'Institut historique allemand, 1958–2008, Ostfildern 2008, S. 171–195.

2 Vgl. Werner Paravicini, Wachstum, Blüte, neue Häuser: Das Institut in den Jahren 1968–2007 / Croissance, floraison, demeures nouvelles: l 'institut pendant les années 1968–2007, in: Babel, Große, Das Deutsche Historische Institut (wie Anm. 1), S. 85–169, hier S. 90.

3 Karl Ferdinand Werner, Zum Geleit, in: Francia 1 (1973), S. 13f., hier S. 13.

4 Werner, Zum Geleit (wie Anm. 3), S. 14: »Alle Lebensbereiche sollen Berücksichtigung finden, um das Phänomen des Einflusses, den Westeuropa auf die Welt ausgeübt hat und ausübt, zur Anschauung zu bringen und zugleich zu seiner Erklärung beizutragen.«

5 Vgl. Heinzelmann, Zeitschrift (wie Anm. 1), S. 172.

6 Siehe dazu Paravicini, Wachstum (wie Anm. 2), S. 90.

7 Zu den verschiedenen Sektionen vgl. Heinzelmann, Zeitschrift (wie Anm. 1), S. 176–179.

8 Die Grafiken unseres Beitrags wurden von Christian Heinemeyer (Tübingen) angefertigt. Er konnte sich für die Grafiken 1 und 2 auf die Statistiken von Heinzelmann, Zeitschrift (wie Anm. 1), S. 179–186 stützen und sie ergänzen.

9 Karl Ferdinand Werner, Die Forschungsbereiche des Deutschen Historischen Instituts in Paris, ihre Schwerpunkte und Projekte, in: Francia 4 (1976), S. 722–748, hier S. 730.

10 Vgl. Horst Möller, Vorbemerkung des Herausgebers, in: Francia 16/1 (1989), S. XI sowie Heinzelmann, Zeitschrift (wie Anm. 1), S. 175f.

11 Vgl. Gudrun Gersmann, Vorwort der Herausgeberin, in: Francia 35 (2008), S. IXf.

12 Die Statistik verzeichnet für das Jahr 2009: 29.762 unterschiedliche Besucher, 37.569 Besuche insgesamt, 118.782 aufgerufene Seiten.

13 104.979 unterschiedliche Besucher, 126.679 Besuche insgesamt, 202.153 aufgerufene Seiten.

14 Die Mitglieder sind verzeichnet unter http://francia.dhi-paris.fr.

15 Wissenschaftsrat. Stellungnahme zu den Geisteswissenschaftlichen Auslandsinstituten, November 1999 (Drs. 4348/99), S. 97, URL: http://www.wissenschaftsrat.de/texte/4348-99.pdf <13.11.2009>.

16 European Science Foundation. European Reference Index for the Humanities (ERIH), Initial list: History (2007), URL: http://www.esf.org/research-areas/humanities/research-infrastructures-including-erih/erih-initial-lists.html <13.11.2009>.

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Rolf Große
Francia
Ein Forum westeuropäischer historischer Forschung
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R. Große: Francia
In: Revues scientifiques. État des lieux et perspectives (Table ronde, organisée par l’Institut historique allemand et le département d’histoire de l’université de Zurich, 15 octobre 2009) - Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven (2. Tag der Geisteswissenschaften, veranstaltet vom DHIP und dem Historischen Seminar der Universität Zürich, 15. Oktober 2009) , éd. par / hg. von Rolf Große (discussions, 3)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/3-2010/grosse_francia
Veröffentlicht am: 23.03.2010 14:40
Zugriff vom: 21.01.2018 09:46
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