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G. Gersmann: Zur Einführung

Discussions 3 (2010)

Gudrun Gersmann

Zur Einführung


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Seit dem Jahre 2008 findet am DHI Paris jährlich ein ›Tag der Geisteswissenschaften‹ statt, bei dem im deutsch-französischen Expertenkreis zentrale Themen der Geisteswissenschaften diskutiert werden. Stand bei der ersten Veranstaltung der Versuch einer Verortung der ›sciences humaines‹ in einer Zeit des radikalen gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Wandels im Vordergrund, so konzentrierte sich der zweite, im Oktober 2009 veranstaltete Tag der Geisteswissenschaften auf die Frage nach der Rolle der mediävistischen Fachzeitschriften im Zeitalter der Digitalisierung. Für die Wahl dieses Themenschwerpunkts gab es Gründe genug.

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Erstens haben sich in den vergangenen Jahren auch in den Geisteswissenschaften einschneidende Umbrüche auf der Ebene der Versorgung mit Fachliteratur vollzogen, die ein Nachdenken über das wissenschaftliche Arbeiten und Forschen im 21. Jahrhundert angeraten sein lassen. Die Rede ist nicht nur von ökonomischen Entwicklungen, die sich im Begriff der ›Zeitschriftenkrise‹ resümieren ließen. Es geht vielmehr um einen grundlegenden, durch die neuen Medien vollzogenen Veränderungsprozess im Bereich der Verbreitung und Rezeption des Fachwissens: Das alte überschaubare Spektrum der etablierten Fachzeitschriften, in denen die Autoritäten des Faches schrieben und deren Ausgaben jeweils mit Spannung erwartet wurden, hat, pointiert formuliert, vielerorts offenbar ausgedient: Debatten und Beiträge werden nun immer häufiger in Mailinglisten oder Blogs veröffentlicht, in denen weniger die Meinung des Spezialisten oder der Eingriff des Herausgebers gefragt ist als die ›Weisheit der Masse‹. Den Stellenwert der Fachzeitschriften wird es in diesem Horizont neu zu definieren gelten.

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Zweitens hat das Pariser Institut seine eigene Fachzeitschrift, die 1973 gegründete, Epochen übergreifende Francia in den vergangenen drei Jahren einer konsequenten Umstrukturierung unterzogen, die im Rahmen einer internationalen Tagung präsentiert und diskutiert werden sollte. Von einem reinen ›Print-Journal‹ ist die Francia inzwischen, wie im Beitrag von Rolf Große nachzulesen, zu einem ›Hybrid-Journal‹ geworden, das sowohl über einen online- wie auch über einen gedruckten Teil verfügt. Während der Aufsatzteil nach wie vor in einer Druckausgabe veröffentlicht wird, haben wir die Rezensionen konsequent ins Netz ausgelagert. Damit folgen wir einem generellen Trend in den Geschichtswissenschaften, der seinerseits wiederum vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass online-Rezensionen viel schneller auf das Erscheinen von Fachbüchern reagieren können als gedruckte Buchbesprechungen, die aufgrund des Herstellungsprozesses oft erst Jahre nach der Publikation selbst erscheinen, und das gelegentlich zu einem Zeitpunkt, an dem das Werk selbst gar nicht mehr im Buchhandel vorhanden ist.

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Die Möglichkeit einer zeitnahen Veröffentlichung von Rezensionen ist indes nicht der einzige Vorzug eines online-Journals: Auch wenn derzeit nur ein kleiner Teil des Fachpublikums die interaktiven Funktionen des Kommentierens im Netz nutzt, so zeichnen sich mit aktuellen Entwicklungen, die unter Stichworten wie ›soziale Netzwerke‹ oder ›Web 2.0‹ zitiert seien, doch schon jetzt neue kollaborative Formen des wissenschaftlichen Arbeitens ab, deren Siegeszug unaufhaltsam sein dürfte. Begleitet wurde und wird die Neuausrichtung der Francia durch ein gemeinsam mit dem Thorbecke-Verlag und der Bayerischen Staatsbibliothek in München realisiertes Retrodigitalisierungsprojekt: Seit November 2008 sind sämtliche Jahrgänge der Francia für den Zeitraum von 1973 bis 2006 für jedermann frei online zugänglich; mit einer zweijährigen ›moving-wall‹ werden auch die zukünftigen Ausgaben sukzessive digitalisiert.

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Warum hat sich das Pariser Institut bei seinem ›Flaggschiff‹, der Francia , für eine dezidierte Umstrukturierung der gewohnten Publikationswege entschieden? Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang die Beobachtung der gegenwärtig in starkem Wandel begriffenen Autorerwartungen: Immer mehr Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zeigen sich Open-Access-Publikationen gegenüber aufgeschlossen, weil sie sich davon zu Recht ein ›Mehr‹ an internationaler Visibilität versprechen. Fast alle Francia-Autoren, die wir vor der online-Publikation ihrer Beiträge um eine Abdruckgenehmigung baten, haben die Initiative begrüßt und unterstützt. Aufgrund der positiven Bilanz wollen wir deshalb in den nächsten Jahren wiederum gemeinsam mit dem Zentrum für Elektronisches Publizieren (ZEP) der Bayerischen Staatsbibliothek auch die anderen Publikationsreihen des DHI wie die Beihefte der Francia , die Instrumenta und Pariser historischen Studien retrodigitalisieren lassen und an dieser Stelle, das heißt auf www.perspectivia.net , dem institutionellen Repositorium der in der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland zusammengefassten Institute, veröffentlichen.

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Inwieweit kann das ›Francia-Modell‹ auch auf andere Fachjournale übertragen werden, wie setzen sich andere Redaktionen von Fachzeitschriften mit der Zeitschriftenkrise und den Herausforderungen des online-Publizierens auseinander? Bei der Pariser Tagung vom Herbst 2009 wurde gerade im internationalen Vergleich der mediävistischen Zeitschriften das erstaunliche Spektrum an Verfahrensweisen deutlich, das gegenwärtig das Feld beherrscht. Fast sieht man sich bemüßigt, ein ›anything goes‹ zu konstatieren: Die klassischen gedruckten Journale existieren zwar auch weiterhin, werden aber zunehmend durch Hybrid-Versionen oder eine gänzliche Umstellung auf Netzveröffentlichungen (ob im Open-Access oder kostenpflichtigen Modus) ergänzt bzw. abgelöst.

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Ein solcher Schritt will allerdings – auch das wurde bei den Diskussionen deutlich – reiflich überlegt sein, da die Umstellung auf ein online-Journal ungeachtet aller Vorzüge ihren Tribut fordert. Die Frage nach den technischen Grundlagen, nach dem Einsatz von geeigneten content-management-Systemen und der Sicherung der Langzeitverfügbarkeit ist weder trivial noch leicht zu beantworten, von den Material- und Personalkosten einmal ganz zu schweigen. Anders als in früheren Zeiten, als die redaktionelle Tätigkeit im Prinzip mit der Verschickung der korrigierten Druckfahnen an die Verlage beendet war, konfrontieren online-Publikationen Herausgeber, Autoren und Redaktionen mit einem erhöhten Arbeitsaufwand und Pflegebedarf, angefangen beim Hochladen der Texte in das content-management-System bis hin zur regelmäßigen, auch kostenpflichtigen Aktualisierung der verwendeten Datenbanken et cetera. Der Preis für online-Publikationen ist sicherlich hoch – doch er zahlt sich aus im Hinblick auf die internationale Rezeption der Beiträge.

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Ob gedruckt oder online – in jedem Fall ist die aktuelle Zeitschriftenlandschaft außerordentlich vielfältig, und das nicht allein in Bezug auf die mediävistischen Journale. Wir wünschen eine spannende Lektüre.

Autorin:

Prof. Dr. Gudrun Gersmann
Deutsches Historisches Institut Paris
GGersmann@dhi-paris.fr

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PSJ Metadata
Gudrun Gersmann
Zur Einführung
CC-BY-NC-ND 3.0
Francia Visibilität open access Retrodigitalisierung
PDF document gersmann_einfuehrung.doc.pdf — PDF document, 272 KB
G. Gersmann: Zur Einführung
In: Revues scientifiques. État des lieux et perspectives (Table ronde, organisée par l’Institut historique allemand et le département d’histoire de l’université de Zurich, 15 octobre 2009) - Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven (2. Tag der Geisteswissenschaften, veranstaltet vom DHIP und dem Historischen Seminar der Universität Zürich, 15. Oktober 2009) , éd. par / hg. von Rolf Große (discussions, 3)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/3-2010/gersmann_einfuehrung
Veröffentlicht am: 23.03.2010 14:35
Zugriff vom: 17.10.2017 22:19
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