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    S. Zanke: Politik und Kommunikation im Konflikt

    discussions 11 (2015)

    Sebastian Zanke

    Politik und Kommunikation im Konflikt

    Das Papsttum in Avignon und die kommunikative(n) Herausforderung(en) des spätmittelalterlichen Europa

    Abstract

    Das spätmittelalterliche Papsttum hatte den Anspruch eines politischen Akteurs von europäischem Format, doch war die Umsetzung desselben vor dem Hintergrund der kommunikativen Rahmenbedingungen des Spätmittelalters nicht immer unproblematisch. Am Beispiel des Pontifikats Johannes’ XXII. (1316–1334) legen die folgenden Ausführungen den europäischen Kommunikationsraum aus Sicht der Kurie in Avignon dar und folgen hierbei der Spur der Strukturen und Akteure politischer Kommunikation in den kurialen Registerserien. Dabei ist insbesondere von Interesse, wie die päpstliche Politik in der Kommunikation Gestalt annahm und in der (Nicht-)Kommunikation Ablehnung fand.

    Résumé

    La papauté du Moyen Âge tardif avait l’exigence d’un acteur politique de taille européenne; aussi, la mise en place de celle-ci dans le contexte du cadre des conditions de la communication à la fin du Moyen Âge n’était pas sans poser de problèmes. À partir de l’exemple du pontificat de Jean XII (1316–1334), les explications suivantes présenteront le cadre européen de la communication du point de vue de la curie en Avignon et, pour ce faire, suivront la trace des structures et des acteurs de la communication politique dans les registres pontificaux. Un intérêt plus particulier sera porté sur l’adoption par la politique pontificale d’un comportement dans la communication et sur le refus qu’elle rencontra dans la non-communication.

    Alltägliches Avignon

    <1>

    Der 1. Mai 1321 versprach zunächst kein sonderlich außergewöhnlicher Geschäftstag an der Kurie im südfranzösischen Avignon zu werden1. Die Kanzlei ging ihren üblichen Geschäften nach, 19 Schreiben, zumeist Provisionen und Expektanzen, wurden an diesem Tag im Namen des fast 80-jährigen Papstes Johannes XXII. ausgestellt und verließen den südfranzösischen Hof, zumeist in Richtung Italien und Frankreich. Doch ein Anliegen aus dem Osten Englands sollte die Routine der Schreibstube jäh durchbrechen. William de Spalding, Kleriker aus Shouldham in Norfolk, bedurfte wohl tatsächlich besonderer päpstlichen Fürsprache, wie dem Kontext der päpstlichen Bulle zu entnehmen ist, die sich in Form einer Kopialüberlieferung in den kurialen Registerbänden im Vatikanischen Archiv erhalten hat2. Anlass der Supplik Williams war ein Fußballspiel, bei dem der ambitionierte, aber wohl eher unsportliche Geistliche gerade den Ball spielen wollte, als er mit einem Laien gleichen Namens zusammenprallte. Was zunächst wie ein nicht sonderlich dramatischer Sportunfall aussah, der kaum die Aufmerksamkeit des apostolischen Stuhls erforderlich gemacht hätte, barg in sich eine gewisse Dramatik, da unser Kleriker sehr zum Leidwesen seines Gegenspielers ein verborgenes Messer bei sich trug, an dem sich der Laie derart schwer verletzte, dass er binnen sechs Tagen verstarb. Es war zweifellos eine Tragödie, indes aufgrund fehlender fußballerischer Regularien wohl eher als unglücklicher Unfall zu bezeichnen, was auch der Papst erkannte und die Unschuld per Dispens festhielt.

    <2>

    Man kann nur noch mutmaßen, welche Reaktionen dieser kulturgeschichtlich bedeutsame Fall in der päpstlichen Kanzlei auslöste und ob dies vielleicht sogar Tagesgespräch auf den Straßen Avignons war, denn Zeugnisse über eine weitere Tradierung der nicht ganz alltäglichen Geschichte fehlen. Allerdings lässt das Anliegen des ungeschickten Klerikers in besonderer Weise erahnen, welche Pluralität an Themen in Südfrankreich debattiert wurde, wo sich das Papsttum zu Beginn des 14. Jahrhunderts an der Rhône niedergelassen hatte. Letztlich war im päpstlichen Avignon nahezu das gesamte lateinische Europa (und darüber hinaus) vertreten, zumeist in Person von Petenten, Gesandten und Prokuratoren, die verschiedenste politische oder kirchliche Interessen vertraten, eigene wie fremde. Aus der beschaulichen Provinzstadt wurde binnen kürzester Zeit eine europäische Metropole und im Umfeld der Kurie entwickelte sich ein facettenreiches Milieu, dessen Besonderheiten allerdings vornehmlich mit dem kritischen Verdikt Petrarcas prägnant Eingang in das historische Gedächtnis gefunden haben3. Dabei ist für die folgenden kommunikationsspezifischen Ausführungen aber weniger die einzelne Stimme des wortmächtigen Italieners von Bedeutung, sondern vielmehr der gesamte europäische Chor, also die alltäglichen Anliegen der Christenheit und die kuriale Reaktion hierauf, die letztlich Eingang in die Überlieferung gefunden haben.

    <3>

    Aus Sicht des erhaltenen Materials war das prominenteste Thema die Erlangung von Gunst- oder Gnadenerweisen, was auf die zunehmend bedeutendere Rolle des spätmittelalterlichen Papsttums im Benefizialwesen zurückzuführen ist4. Dabei sind die großformatigen Papier- und Pergamentcodices der päpstlichen Kanzlei, die Kommunregister, unsere Hauptzeugen, deren archivierte Korrespondenz bis zur Anlage der Supplikenregister zur Mitte des Jahrhunderts meist auch den letzten verbliebenen Hinweis auf entsprechende Anfragen darstellt5. Die Zeugnisse reichen in die Tausende, was der Kontext des einleitenden Beispiels deutlich macht. Allein für den Monat der William-Dispens haben sich 230 Schreiben der päpstlichen Kanzlei erhalten6, knapp 1.800 (1.794) für das gesamte Pontifikatsjahr und dementsprechend Zehntausende für den 18 Jahre währenden Pontifikat des amtierenden Papstes, Johannes XXII. (1316–1334)7. Sämtliche Schriftstücke reagierten dabei auf eine taxenpflichtige Eingabe, sie stellten die Resultate des viel kritisierten und höchst bürokratischen Geschäftsganges an der avignonesischen Kurie dar8. Pfründenverleihungen oder die Vergabe von Expektanzen bildeten neben den verschiedenen Justizsachen das Tagesgeschäft in Avignon, dessen eindrucksvolle Quantität in den Kommunregistern ablesbar ist.

    <4>

    Dagegen fällt das politische Wirken zumindest im Zahlenbefund zurück, denn lediglich ein Drittel des jährlichen Schriftaufkommens behandelte politisch oder administrativ relevante Sachverhalte und wurde in den noch jungen Bänden der Sekretregister niedergelegt. Die hier zugrunde liegenden Entscheidungen wurden nicht in der Kanzlei getroffen, sondern in der Kammer als dem eigentlichen Zentrum der Kurie. Während die Kanzleikorrespondenz mit Ausnahme der wenigen de-curia-Schreiben dezidiert auf eine Eingabe am Papsthof reagierte, wurden die Schreiben der Kammer auf eigene Initiative expediert. Hier scheint ein eigener politischer Wille des Papsttums gegenüber den europäischen Regionen greifbar zu sein, was Götz-Rüdiger Tewes vor dem Hintergrund des 15. Jahrhunderts prägnant mit dem Begriff der »Interessenräume« charakterisierte9. Darauf wird zurückzukommen sein, denn hier sind Zweifel angebracht. Gleichwohl hinterließ das spätmittelalterliche Papsttum in den Abschriften der Sekretregister ein vielschichtiges Bild der politischen Prozesse Europas, einen Ausdruck des Interagierens von Kurie und Raum, was sowohl die europäische(n) Herausforderung(en) als auch das päpstliche Engagement hierin begreifbar macht. Denn die Bände selbst repräsentieren einen Kommunikationsraum, der in sich einen Aktionsraum konstituierte und in dem sich die grundlegenden Strukturen politischer Kommunikation nachzeichnen lassen, was nicht nur Träger, Formen und Praktiken hervortreten lässt, sondern im konkreten Kontext auch Einblick in das politische Selbstverständnis des Papsttums, respektive dessen Stellenwert in partibus, gibt.

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    Daher ist für die Betrachtung auch eine spezifische Figur von Nöten, denn den generalisierbaren Gedanken geht der konkrete Einzelfall voran. Strukturen und Praktiken der Kommunikation (und verhinderten Kommunikation) werden im Folgenden exemplarisch im Pontifikat Johannes’ XXII. verdeutlich, womit man sich einer kontrovers diskutierten Person bedient und zugleich eine gewisse Agilität in zahlreichen Regionen, zeitgenössischen Fragen und vor allem Konfliktfeldern zunutze macht10. Denn sowohl der kommunikative ›Normalzustand‹ als auch die Reaktion auf das Außergewöhnliche, also die Abweichung von der Norm, welche eine Veränderung der Kommunikation bewirkte, ist hierbei von Interesse. Denn diese gibt Aufschluss über die eigentliche kuriale Intention, etwaige Legitimationsstrategien oder Ordnungskonfigurationen11. Und (potentielle) Konflikträume gab es im Europa des frühen 14. Jahrhunderts in reicher Zahl.

    Kommunikationsräume und Kommunikationsstrukturen

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    Die päpstlichen Register erfuhren zu Beginn der avignonesischen Zeit eine erhebliche qualitative Entwicklung, und so fand nahezu die gesamte Korrespondenz der Kurie in den Reihen von Kommun-, Kurial- und Sekretregistern Aufnahme12. Nicht zu unrecht betonten die avignonesischen Päpste die Vollständigkeit ihrer Register13. Dementsprechend ist auch ein quantitativer Ansatz denkbar, bei dem die Gesamtheit der europäischen Kommunikation der Kurie betrachtet werden kann. Allzu lange sollte man jedoch nicht in dieser »statistische[n] Ödnis«14 verharren, denn die Zahlen der Benefizialpolitik sind bereits bekannt und auch die Sekretregister werden an anderer Stelle en détail beziffert15. Eine knappe Zusammenfassung und einige Schlaglichter müssen daher genügen.

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    Wirft man zunächst den Blick vom Sender auf die Empfänger, so zeigt sich in der politischen und administrativen Korrespondenz kaum Überraschendes hinsichtlich der Konfiguration des Kommunikationsraumes. So verließ in machen Jahrgängen nahezu jedes zweite Schreiben der Kammer Avignon in Richtung Italien, und auch die Kuriennähe Frankreichs wird statistisch erfahrbar, nimmt dieser Raum im Schnitt doch ein weiteres Drittel innerhalb der Sekretregister ein. Die übrige Korrespondenz verteilt sich relativ gleichmäßig auf das Reich, die Iberische Halbinsel und die Britischen Inseln, was allerdings auch tagespolitisch begründeten Schwankungen unterlag. Die weiteren Regionen, vor allem der Osten Europas und Skandinavien, spielten quantitativ kaum eine nennenswerte Rolle in Avignon. Nur vereinzelt erschienen diese aufgrund der Präsenz apostolischer Nuntien für kurze Zeit auf der kurialen Agenda, was bereits an dieser Stelle verdeutlicht, dass Raum im Mittelalter immer auch personal erschlossen werden musste.

    <8>

    Stellt man die Befunde der Sekretregister der räumlichen Ausprägung der Benefizialpolitik gegenüber, die beispielsweise Louis Caillet und Franz Felten für Johannes XXII. und Bernard Guillemain für Benedikt XII. erarbeiteten, so zeigen sich gewisse Abweichungen16. Von allen untersuchten Benefizialsachen, die immerhin über die Hälfte der Einträge in den Kommunregistern bildeten, war wiederum fast jede zweite Entscheidung (Expektanzen, Provisionen, etc.) an einen französischen Empfänger adressiert17, während Italien erst nach einer inhaltlichen Ausdifferenzierung im Bereich der höheren Pfründen – also Bistümer und Abteien betreffend – mit einem deutlichen Übergewicht heraussticht18. Hier ähneln die Zahlen den Relationen der Sekretregister. Indes ist hierbei nicht nur die absolute Zahl der Empfänger päpstlicher Schreiben zu berücksichtigen, sondern zugleich die Zahl der grundsätzlich möglichen Adressaten. Die hervorgehobene Rolle Italiens bei den höheren Benefizien erklärt sich eben auch durch die grundsätzliche Anzahl an Bistümern, die Bedeutung Frankreichs im avignonesischen Pfründengeschäft an dem Anteil an Benefizien, deren Vergabe der Papst für sich reserviert hatte19. Die diözesane Raumgliederung, unerlässlich für ein erfolgreiches Agieren des Papsttums in kirchenpolitischen Fragen, wirkte sich entsprechend deutlich auf die Kommunikationsstrukturen aus20. Dies lässt sich jedoch nicht ohne weiteres auf den politischen Raum und die heterogenen Adressaten der Sekretregister übertragen.

    <9>

    Der Blick aus einer kommunikationstheoretischen Perspektive mag dies verdeutlichen. Allerdings entzieht sich das Empfängerprofil der Sekretregister allzu schematischen Kategorisierungen, wie Sophia Menaches Kommunikationsmodell, das zwischen entsandten Gesandten – wie Kardinallegaten oder apostolischen Nuntien – über Konzilien und Synoden bis hin zu den Konstanten kirchlicher Administration – von der Diözese bis in die Pfarrei – differenziert und hierbei bis zum 14. Jahrhundert eine »institutionalization of communication« beobachten will21. Partiell ist Letzteres ist sicher zutreffend, das zeigt alleine die noch zu diskutierende formale Schriftlichkeit. Doch letztlich steht in der politischen Kommunikation der Sekretregister ein wesentlich pragmatischeres Moment im Vordergrund, das sich durch lokale Variationen, ein reziprokes Kommunikationsverständnis sowie einen distinguierten persönlichen Charakter auszeichnet22.

    <10>

    Die politische Korrespondenz des Papsttums erreichte in Europa eine Vielzahl von Adressaten. Die zugrunde liegenden Kommunikationsstrukturen orientierten sich dabei kaum an den gängigen kirchlichen Ordnungskategorien, sondern wiesen vielmehr regionale Spezifika auf. So stellten im Bereich Westeuropas, vornehmlich in Spanien, Frankreich und England, die Herrschaftsträger und ihre Höfe Konstanten des Kommunikationsprozesses dar, wobei erst in einem zweiten Schritt situativ päpstliche Gesandte einbezogen wurden. Bemerkenswert ist dabei, dass Vertreter des lokalen Episkopats vornehmlich in ihrer Funktion als lokale Amtsträger oder politische Würdenträger angesprochen wurden und nicht als Vertreter des Papsttums vor Ort, was den eigens entsandten oder berufenen Nuntien und Legaten vorbehalten blieb. Hier fand gewissermaßen eine Separierung der Systeme statt, wobei natürlich durchaus auch zur Distribution päpstlicher Bestimmungen, wie der Publikation von Kirchensentenzen oder Prozessen, auf die kirchliche Administration zurückgegriffen wurde23. Ein deutlich anderes Bild boten demgegenüber die verschiedenen Regionen Italiens, die sich vornehmlich in den Amtsträgern der Kirchenprovinzen, den Legaten sowie einer vergleichsweise enormen Zahl an apostolischen Nuntien darstellten, die wiederum eine Vielzahl an Schreiben auf sich vereinten und daher merklich aus dem Quellenbild herausstachen. Erst hieran anschließend folgten die Kommunen und Signorien Nord- und Mittelitaliens mit einem bemerkenswert differenzierten Empfängerkreis, was eine souveräne Kenntnis lokaler Gegebenheiten nahelegt24. Die weiteren Herrschaftsträger, von Neapel bis in das Piemont, stellten schließlich den dritten Empfängerkreis dar.

    <11>

    Die personale Figuration der päpstlichen Kommunikation, wie dies in den Registern erkennbar wird, korreliert freilich mit der entsprechenden Politik und lässt dadurch sowohl Rückschlüsse auf die Bedeutung eines Raumes an der Kurie sowie die politischen Gestaltungsmöglichkeiten des Papsttums zu. Insbesondere die päpstlichen Gesandten prägten hierbei die Kommunikationsabläufe sowie das kuriale Agieren vor Ort25. Sie waren Augen und Ohren des Papstes im Raum. Besonders exponierte Figuren waren in diesem Zusammenhang die päpstlichen Kardinallegaten, von denen im Pontifikat Johannes’ XXII. insgesamt fünf in Europa tätig waren: Gaucelme de Jean und Luca Fieschi 1317–1318 in England, Guillaume de Pierre Godin 1320–1324 auf der Iberischen Halbinsel sowie Bertrand du Poujet und Giovanni Orsini, die ab 1320 bzw. ab 1326 in Italien wirkten26. Gerade Letztere sorgten für eine dauerhafte Vertretung päpstlicher Ansprüche vor Ort, was allerdings noch nichts über deren Durchsetzbarkeit aussagt. Einem ähnlichen Problem sahen sich auch die Amtsträger und Nuntien als weitere Mittler im Raum gegenüber. Vor allem die Rektoren und Thesaurare der Kirchenprovinzen nahmen in der Italienpolitik Johannes’ XXII. eine tragende Rolle ein27, wie auch die bis zu zwölf Nuntien, die zeitgleich südlich der Alpen wirkten. Die personale Quantität wiederholt sich in keinem anderen europäischen Raum, im Regelfall sind nur zwei bis drei Nuntien in den verschiedenen europäischen Regionen zugegen28, was erneut auf die besondere Bedeutung des italienischen Raumes innerhalb der kurialen Agenda verweist.

    Schrift und Form (in) der Kommunikation

    <12>

    Die Registerbände bestätigen in kommunikativer Hinsicht in großen Teilen das Bild eines europäisch agierenden Papsttums. Entsprechend vielfältig gestalteten sich auch die Inhalte, die an der Kurie in Avignon rezipiert wurden, und auch hier ist dies eng verknüpft mit den Adressaten vor Ort. So werden gerade in Italien die konstanten Bemühungen um Steuerung der kleinteiligen, regionalen Entwicklung und Durchsetzung der päpstlichen Autorität in einem unruhigen Raum mit päpstlichem Eigeninteresse deutlich. Eine Verschärfung der Situation lässt sich hier zudem mit dem Italienzug Ludwigs des Bayern erkennen, was zwei verwandte Konflikträume noch enger zusammenführte. Auch die Auseinandersetzung zwischen Kaiser- und Papsttum selbst war natürlich ein wichtiges Thema, wenngleich nicht in der Dominanz, wie dies die ältere Forschung meist kommentarlos voraussetzte29. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatten bereits andere europäische Regionen dem Reich den Rang als kuriale Kommunikationspartner abgelaufen. So beispielsweise Frankreich, das sich mit beeindruckender Detailfülle in den Kammerbänden wiederfand. Nicht nur die klassischen Räume Europas waren in den Registerbänden präsent, sondern auch Bereiche der Grenzregionen und weit darüber hinaus, insbesondere im Zusammenhang mit Missionsbestrebungen oder Kreuzzugsplänen30. Indes sollte keinesfalls der Eindruck eines omnipräsenten oder allwissenden Papsttums vermittelt werden, denn grundsätzlich galt, dass Inhalte an der Kurie vermittelt werden mussten, bevor diese rezipiert wurden. Und so finden sich von zahlreichen Themen, eben insbesondere auch der europäischen Peripherie, letztlich überhaupt keine Spuren in den Registern. Erhaltenes wirkt dagegen umso kurioser, wie eine rekonstruierte Anfrage des englischen Günstlings Hugh Despenser, der magische Machenschaften gegen sein Leben fürchtete und um päpstlichen Beistand bat31.

    <13>

    Eine gewisse Diversität zeichnete nicht nur Empfänger und Themen der päpstlichen Korrespondenz aus, sondern auch deren Form. Die Register vereinen eine Vielzahl unterschiedlicher Schriftstücke, einfache Briefe wurden neben förmlichen Exkommunikationsbullen oder Privilegien registriert, beispielsweise als Fakultäten für Nuntien oder Legaten32. Doch auch hier verschwimmen die Grenzen, insbesondere zwischen Briefen und den litterae apostolicae als Urkundenform. Gemessen an den erhaltenen Registertexten und den wenigen Originalschreiben in verschiedenen Empfängerarchiven, wurde die Mehrzahl der Schriftstücke als litterae expediert, einschließlich des Siegels und weiterer Urkundenmerkmale, wobei aber bei weitem nicht alle einen rechtlich relevanten Inhalt aufwiesen, beispielsweise Gunsterweise oder Rechtsentscheidungen, sondern durchaus brieftypische Elemente beinhalteten. Manch ein Schreiben diente schlicht der Initiierung eines Dialogs33, respektive der Informationsvermittlung (litterae missivae). Dies mag durch die verwandten Spezifika von päpstlicher Diplomatik und spätmittelalterlicher Briefkultur begünstigt worden sein, wobei ohne vertiefende Studien offenbleiben muss, inwiefern vor allem auch der Brief formalisierten Vorgaben folgte34. Betrachtet man die Register, respektive das in ihnen vereinte Material, so lässt sich trotz der verbindlichen Regelhaftigkeit des kurialen Geschäftsganges gerade bei den politischen Betreffen der Sekretschreiben ein gewisser Pragmatismus im Umgang mit Schrift erkennen. Das zunehmende Aufkommen derselben bedingte einen Rationalisierungsprozess in der technischen Ausfertigung, wie er auch in der Entwicklung der eigentlichen Registerserien erkennbar ist, deren Form und Anlage aus den konkreten Erfordernissen des Alltagsgeschäftes resultierten35. Ob im Einzelfall der Ausstellung abseits rechtlicher Anforderungen rhetorische Stilfragen eine Rolle spielten, ist fraglich36.

    Kommunikationspraxis

    <14>

    Es erscheint sinnvoll, die Schriftstücke in ihrer Gesamtheit für die Praxis der Kommunikation heranzuziehen und nicht den Einzelfall zu vertiefen, sondern letztlich im konkreten Kontext als diplomatische Korrespondenz zu betrachten. Entsprechende Systematisierungen erleichtern die Differenzierung innerhalb der Register und der Kommunikationsabläufe, gerade zwischen Kurie und Raum, respektive den apostolischen Gesandten in partibus37. Somit steht nicht eine etwaige Abgrenzung von Urkunde und Brief im Vordergrund, sondern die Implementierung gängiger Kategorisierungen wie Empfehlungsschreiben, Mandate, Ermächtigungsschreiben, Mahnschreiben oder generelle Schreiben. Die Bedeutung einzelner Kategorien variiert dabei je nach Empfängertyp, was am anschaulichsten die Ausstattung einzelner Legationen zeigt38. Die Vorbereitung der Englandlegation der Kardinäle Gaucelme de Jean und Luca Fieschi zog sich beispielsweise von März bis Juni 1317 hin, wobei nicht nur die zentralen Aufgaben klar umrissen wurden, sondern eine enorme Zahl an Schreiben verschiedenste administrative, iurisdiktionelle und natürlich auch finanzielle Fragen behandelte39. Nach der Abreise der Legaten kam es weiterhin zu einem regen Austausch mit der Kurie, was die Quantität der Kommunikation nochmals erheblich erhöhte. Interessanterweise zeigt sich hierin auch der relativ begrenzte Handlungsspielraum der apostolischen Gesandten trotz der Fülle an Vollmachten. Zentrale Fragen, wie beispielsweise die Ausführung von Kirchenstrafen, verlangten eine nochmalige Bestätigung durch den Papst40, was die ältere Diktion von der Vollgewalt der Legaten mit einem deutlichen Fragezeichen versieht41.

    <15>

    In diesem Zusammenhang lassen sich auch die Tücken der Kommunikation erkennen. So konnte es durchaus vorkommen, dass sich Ersuche der Kardinäle nach weiteren Anweisungen mit Schreiben aus Avignon überkreuzten. Nachrichten aus England benötigten beispielsweise bis zu sieben Tage, bis sie den Papst erreichten42, wobei dann immer noch keine sofortige Reaktion zu erwarten war, sondern verschiedene Faktoren den Kommunikationsprozess in die Länge zogen43. In manchen Fällen erwies sich dies als erheblich zu langwierig, um auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. So erreichten im Winter 1317 Gaucelme de Jean und Luca Fieschi, die unter anderem auch im anglo-schottischen Konflikt vermittelten, neue Handlungsanweisungen Johannes’ XXII., der bereit war, gewisse Zugeständnisse in problematischen Fragen zu machen, erst nachdem sie einen eigenen Boten in den Norden entsandt hatten44. Entsprechend ergebnislos blieb das Unterfangen. Die diplomatischen Bemühungen scheiterten unter anderem an den Prämissen spätmittelalterlicher Kommunikation. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

    <16>

    Grundsätzlich spielte der Aspekt der – meist mangelhaften – Informationsvermittlung eine wichtige Rolle in der Korrespondenz. Gegenüber den Englandlegaten beklagte der Papst sogar explizit, dass ihre Berichte an die Kurie unzureichend seien – was indes auch implizit als willkommene Erklärung für seine eigene gescheiterte Politik gedient haben mag45; und in den ereignisreichen Monaten des englischen Thronwechsels 1326/1327, als Edward II. von seiner Frau Isabella und ihrem Liebhaber Roger Mortimer abgesetzt wurde46, forderte er den Nuntius Hugh de Engolisma dazu auf, im Lande zu bleiben und ihn über die Entwicklungen zu unterrichten, obgleich der unglückliche Kleriker aus gesundheitlichen Gründen zuvor um seine Abberufung gebeten hatte47. Auch das (englische) Klima konnte sich auf die Kommunikationspraxis auswirken. Problematisch erwies sich daneben an mancher Stelle aber nicht nur die Informationsrezeption, sondern auf umgekehrtem Wege deren Distribution, vornehmlich vor dem Hintergrund vergleichsweise alltäglicher Tücken beispielsweise bei der Präsentation päpstlicher Schreiben vordem Adressaten. Hier sollte die Schriftlichkeit eine Auflösung erfahren und durch den mündlichen Vortrag ein Dialog initiiert werden. Doch auch im lateinischen Spätmittelalter konnte Sprache ein interkulturelles Hemmnis darstellen, es bedurfte der Vermittlungsdienste Dritter, was bei Schreiben des Nachfolgers Petri durchaus auch einmal der Primas der englischen Kirche sein konnte48.

    <17>

    Dieses Beispiel deutet zugleich auf das klassische Spannungsfeld von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in den Kommunikationsprozessen hin, was insbesondere vor dem Hintergrund der schriftbasierten Registerbände ein ganz grundsätzliches Problem anspricht. In der Forschung wurde das »Wechselspiel von Schriftlichkeit und Mündlichkeit« dezidiert als »Merkmal mittelalterlicher Kommunikation« benannt49, im diplomatischen Kontext zudem auf die zentrale Bedeutung des mündlichen Vortrages hingewiesen, beispielsweise in Verhandlungen an der Kurie. Doch war dem wirklich so, war der Bote das Wichtigste am Brief50? Auffällig ist, dass Mündlichkeit kaum Eingang in die Schriftlichkeit gefunden hat, vor allem die eigentlich zu erwartenden viva-voce-Vermerke stellten allenfalls eine Marginalie dar51. Das ist zumindest überraschend und auch ein Überlieferungszufall ist letztlich wenig wahrscheinlich eingedenk der Prämissen des diplomatischen Geschäftsganges, der auch bei mündlichen Kommunikationsformen ein legitimierendes Schreiben erforderte, also eine Kredenz, die den Boten auswies und die Nachricht ankündigte52. Entsprechende Spuren müssten sich also erhalten haben. Dass dem nicht so war, mag auf eine veränderte Bedeutung der Schrift sowie auf eine weniger bedeutsame Implikation von Aspekten wie »vertraulich« oder »geheim« zurückzuführen sein53. Mündlichkeit war in diesem Kontext offenbar kein konstitutives Moment der Kommunikation mehr, zumindest nicht in der Retrospektive der Register. Diese Quellenmasse sowie das zugrundeliegende Bewusstsein für Archivierungsprozesse verdeutlichen wiederum die Bedeutung von Schrift, auch in der Kommunikation. Nicht Mündlichkeit prägte diese Kommunikationskultur, sondern vielmehr die Schriftlichkeit. Zweifellos bestand eine Wechselwirkung zwischen beiden Polen, doch zugleich wurde dies mit einer klaren Hierarchie versehen.

    <18>

    Der Primat der Schrift wird auch im Umgang mit den Schriftstücken deutlich, die gerade von dritter Seite nochmalig in eigenen Kommunikations- und Handlungsprozessen verwendet wurden. Dabei kam es durchaus vor, dass Abschriften alter päpstlicher Schreiben wieder die Kurie erreichten, um die Position einer Partei zu unterstützen und gleichsam in den Verhandlungen mit dem Papsttum mit der kurialen Autorität zu versehen54. Einem ähnlichen Verwendungszweck dienten die Schreiben auch andernorts55, unter Umständen auch mit pragmatischen Überlegungen. Im Angesicht des nahenden Thronsturzes ordnete Edward II. die erneute Veröffentlichung einer älteren päpstlichen Bulle an, welche Kirchenstrafen gegenüber denjenigen androhte, die sich gegen König oder Reich wenden würden56. Die Wiederverwendung im aktuellen Kontext war zweifellos nicht im Sinne des päpstlichen Ausstellers, man mag sogar so weit gehen, von einer Fälschung zu sprechen, da die legitimierenden Merkmale, wie datum und actum, bei der Publikation fortgelassen wurden. Der Erfolg der Maßnahme war indes begrenzt. Im Gegenteil, denn zeitgleich kamen Gerüchte auf, der Papst habe dem Geschehen seinen Segen erteilt und würde das Vorgehen Isabellas und Mortimers unterstützen, indem er die Lehnseide aufhob und Gegner der Königin exkommunizierte. Selbst zwei Kardinallegaten fanden in diesem Zusammenhang Erwähnung57, was zweifellos eine Reminiszenz an die Legation von Gaucelme de Jean und Luca Fieschi war. Diese Gerüchte entbehrten natürlich jeglicher Grundlage, auch wenn Johannes XXII. tatsächlich gewisse Sympathien für die Entwicklungen gehegt haben mochte58.

    Kommunikation und Politik

    <19>

    Was bleibt, ist die Frage nach der Politik in der Kommunikation. Behalten wir hierfür den Blick auf die Britischen Inseln bei. Die bereits mehrfach angeführte Legation der Kardinäle Gaucelme de Jean und Luca Fieschi hatte ihren Ursprung in einer hochrangigen englischen Gesandtschaft, die Südfrankreich im Frühjahr 1317, also wenige Monate nach Amtsantritt Johannes’ XXII., erreichte und mit Verweis auf die traditionelle Lehnsbeziehung zum Heiligen Stuhl seine Unterstützung in einer Reihe dringlicher Fragen erbat59. Dies zielte vor allem auf den Konflikt mit Schottland. Dort hatte sich wenige Jahre zuvor der bekannte Robert Bruce auf den Thron geschwungen und wurde zunehmend erfolgreicher in seinen Bestrebungen, einerseits die Königsherrschaft zu festigen und andererseits die traditionellen englischen Herrschaftsansprüche abzuwehren60. In dieser Situation fand Edward II. an der Kurie Gehör, wo ein wohlwollender Papst sich dazu bereit erklärte, die besagte Legation zu entsenden, um die Situation zu bewerten und einen Frieden zu vermitteln. Was vermeintlich ausgleichend wirkte, barg in sich eine gravierende Problematik, denn die Tücke lag auch hier im kommunikativen Detail. In den begleitenden päpstlichen Schreiben wurde der schottische König lediglich als Regent bezeichnet, also als »regnum Scotiae regentem, in presentarium Regnum Scocie gubernantem« oder »gerentem se pro rege Scotiae«61. Dies stellte zwar vordergründig keine direkte Absage an seinen Herrschaftsanspruch dar, aber implizit wurde trotz aller Vermittlungsrhetorik deutlich, dass Johannes XXII. gewillt war, der englischen Argumentation zu folgen, die das Königtum Bruces ablehnte, und eigene Ansprüche formulierte62. Wenig überraschend scheiterten die Vermittlungsbemühungen und alle Versuche der Legaten, mittels eigener Gesandten die päpstlichen Schriftstücke zu überstellen, da Bruces Anhänger die Annahme und Übergabe verweigerten, weil diese nicht korrekt adressiert gewesen waren. Gleiches galt für die Überstellung einer päpstlich auferlegten Waffenruhe, die in London verkündet und nach Schottland zur Kenntnisnahme überstellt wurde. Die weitere Entwicklung war damit vorgezeichnet. Unter Missachtung der von schottischer Seite nie rezipierten Waffenruhe eroberte Bruce mit Berwick eine weitere englische Stadt, woraufhin die Exkommunikation über den schottischen König verkündet und das Interdikt über Schottland verhängt wurde63. Ein Jahr später wurde zudem mit aller kirchenrechtlichen Konsequenz ein förmliches Verfahren eröffnet und Bruce sowie vier schottische Bischöfe nach Avignon zitiert, was öffentlichkeitswirksam an die Portale des Doms von Avignon angeschlagen wurde64. Dies zeitigte allerdings erwartungsgemäß keine Wirkung und in letzter Konsequenz fand der Konflikt ohne Zutun des Papstes vor Ort eine Lösung65.

    <20>

    Auffällig sind die divergierenden Kommunikationsstrategien. Ähnlich wie in anderen Fällen, allen voran natürlich im Prozess gegen Ludwig den Bayern, generierte der öffentliche Anschlag an der Hauptkirche eine »juristische Fiktion der Öffentlichkeit«66, was notwendig für die rechtliche Wirksamkeit des päpstlichen Verfahrens war, das eine öffentliche Bekanntmachung voraussetzte. Angeklagte mussten von dem Prozess in Kenntnis gesetzt werden, falls diese aber die Überstellung zu verhindern suchten, genügte seit dem Konzil von Vienne die quasi-öffentliche Proklamation in der Papstresidenz67. Im Falle des schottischen Königs war die Gefahr der Unterbindung aus leidvoller Erfahrung gegeben, entsprechend nachvollziehbar war die Publikationsmethode. Doch neben den juristischen Prämissen offenbart sich auch ein symbolischer Wesenszug in diesem Verfahren, die Kommunikation – zunächst beschränkt auf Papst, Könige und Kardinäle – betrat den Bereich des Öffentlichen und damit waren auch die Klagepunkte weithin sichtbar. Demgegenüber wählte Bruce den Weg der leisen Worte. Auch wenn sich die Schotten später noch (erfolglos) mit der bekannten Declaration of Arbroath an die Kurie wenden sollten68, so fand das eigentliche päpstliche Vorgehen keinerlei Akzeptanz. Es wurde schlicht ignoriert. Interessanterweise hatte Bruce mit dieser Strategie Erfolg, die offenkundige Missachtung päpstlicher Autorität und die mangelnde Einlassung auf die kurialen Verfahrensformen führten dazu, dass dem Papsttum alle Handlungsmöglichkeiten entzogen wurden und es somit letztlich seine Politik vor Ort nicht mehr durchsetzen konnte. Dies war vom schottischen König wahrscheinlich nicht einmal intendiert. Vielmehr wird im königlichen Schweigen und der Verweigerung der Kommunikation eine Ablehnung englischer Ansprüche und der päpstlichen Ordnungskonfiguration deutlich.

    <21>

    Das Papsttum hatte zu Beginn des 14. Jahrhunderts bereits viel von seiner Rolle als Autorität in Europa eingebüßt. Dies wird auch in der Kommunikation deutlich. Nicht nur die Schotten verweigerten die Annahme der päpstlichen Schriftstücke mit dem Hinweis auf die fehlerhafte Adresse, bereits 1312 hatten englische Barone in einem Konflikt mit Edward II. die Vermittlungsbemühungen päpstlicher Legaten abgelehnt, da sie sich die Unkenntnis Auswärtiger verbaten, und auch die begleitenden Schreiben Clemens’ V. wurden unter Berufung auf ihre mangelnde Bildung zurückgewiesen, denn sie würden die Schreiben gar nicht verstehen69. Daneben waren entschuldigende Hinweise auf unzureichende Vollmachten eine beliebte Methode, Entscheidungen hinauszuzögern oder gar zu vermeiden, sowohl in partibus als auch an der Kurie70. Und interessanterweise findet daneben in einem solchen Zusammenhang – dem Konflikt zwischen Frankreich und Flandern – eine Konstruktion Anwendung, die dem Papst zwar eine Vermittlerrolle zusprach, aber nicht kraft amtlicher Autorität sondern »ut private persone et amici«71. Es war ein Bedeutungswandel, den das Papsttum selbst mit angestoßen hatte und der im konkreten Kontext des frühen avignonesischen Papsttums auf eine grundsätzlich wenig konzise politische Linie sowie eine vollständige Verlagerung von Entscheidungsprozessen in das kuriale Zentrum zurückging. Dies war nötig geworden, um den gestiegenen Anforderungen an den Geschäftsgang zu entsprechen, doch es hatte zugleich eine Vernachlässigung lokaler Gegebenheiten zur Konsequenz. Es lässt sich kaum eine europäische Region ausmachen, in der das Papsttum eigene originäre Interessen entwickelte, die päpstliche Politik muss durchweg als rein reagierend beschrieben werden. Dementsprechend wurden Anliegen an der Kurie präsentiert, was letztlich erst das päpstliche Engagement begründete und schließlich entsprechend präfiguriert in den Raum zurückgetragen wurde. Dabei wurden die spezifischen Gegebenheiten vor Ort vernachlässigt – man mag von einem politischen Reskript sprechen –, und es lag in der Natur der Sache, dass hiervon derjenige profitierte, der sein Anliegen in Avignon entsprechend dem kurialen Geschäftsgang zu vertreten wusste. Umgekehrt führte dies natürlich auch zu einer Ablehnung der päpstlichen Politik vor Ort, was die schwindende Autorität des Papsttums zu Beginn des 14. Jahrhunderts (mit) begründete. Letztlich scheiterte das Papsttum nicht am Wandel des Amtsverständnisses, sondern an den Prämissen der Kommunikation und an den Herausforderungen des spätmittelalterlichen Europa.

    Autor:

    Dr. phil. Sebastian Zanke
    Historisches Museum der Pfalz Speyer
    sebastian.zanke@gmail.com

    1 Dieser Essay stellt eine erweiterte Fassung des Pariser Vortrags dar, wobei der Vortragsstil beibehalten und die Anmerkungen auf das Notwendigste beschränkt wurden. Den Kommentatoren Jean-Dominique Delle Luche (Paris) und Matthias Thumser (Berlin) sei für ihre wertvollen Anregungen gedankt. Weite Teile der folgenden Ausführungen basieren auf der zeitgleich publizierten Studie: Sebastian Zanke, Johannes XXII., Avignon und Europa. Das politische Papsttum im Spiegel der kurialen Register, Leiden, Boston 2013 (Studies in Medieval and Reformation Traditions, 275). Entsprechend ist eine Reihe von Wiederholungen leider unvermeidlich, wobei zugleich für weiterführende Erörterungen auf diesen Band verwiesen wird.

    2 Das Schreiben findet sich in Reg. Vat. 72, fol. 149r, in Regestenform bei Guillaume Mollat (Hg.), Jean XXII. (13161334). Lettres communes analysées d’après les registres dits d’Avignon et du Vatican, 16 Bde., Paris 19041974, Nr. 13306 sowie bei William H. Bliss (Hg.), Calendar of Entries in the Papal Registers Relating to Great Britain and Ireland. Papal Letters, Bd. 2: A.D. 13051342, London 1895 (ND Nendeln 1971), S. 214. Auf diese Regesten wird im Folgenden aufgrund der Übersichtlichkeit verwiesen.

    3 Einige Berühmtheit erlangte dabei insbesondere der Vergleich mit Babylon, vgl. Berthe Widmer (Hg.), Francesco Petrarca, Aufrufe zur Errettung Italiens und des Erdkreises, Basel 2001, deutlich beispielsweise im 17. und 18. Brief (ibid., S. 296298, 314).

    4 Was ebenfalls nicht unkritisiert blieb, vgl. zur Kritik am avignonesischen Papsttum, insbesondere unter den Aspekten von Fiskalismus und Zentralismus: Thomas Martin, Das avignonesische Papsttum im Spiegel der zeitgenössischen Kritik, in: Mitteilungen des oberhessischen Geschichtsvereins 77 (1992), S. 445477. Nimmt man lediglich das Zahlenwerk in Verbindung mit den zurückhaltenden Versuchen der Eindämmung von Pfründenmissbrauch und Pfründenjagd, so befeuert dies freilich die zeitgenössische Kritik. Dennoch sollte auch hier Zurückhaltung geübt werden, denn die Zahlen waren zugleich Ausdruck eines erneuerten Geschäftsganges und der zunehmenden Bedeutung von Schriftlichkeit.

    5 Dies gilt zumindest für eine kontinuierliche Überlieferung, da Hinweise auf die Registrierung von Suppliken bereits für den Pontifikat Johannes’ XXII. erhalten sind, vgl. Patrick Zutshi, The Origins of Registrations of Petititions in the Papal Chancery in the First Half of the Fourteenth Century, in: Hélène Millet (Hg.), Suppliques et requêtes. Le gouvernment par la grâce en Occident (XIIe–XVe siècle), Rom 2003, S. 177191, hier S. 181183. Daneben haben sich vereinzelt auch Suppliken an anderer Stelle erhalten, wie im Register des Prokurators Andrea Sapiti, vgl. Barbara Bombi (Hg.), Il registro di Andrea Sapiti, procuratore alla curia avignonese, Roma 2007 (Ricerche dell’Istituto Storico Germanico di Roma, 1).

    6 Mollat (Hg.), Jean XXII (wie Anm. 2), 1329813528.

    7 Insgesamt lassen sich etwa 51.366 Schreiben aus Mollat (Hg.), Jean XXII (wie Anm. 2), Bd. 1–13, herausstellen, wobei auf diese Zahlen bereits verschiedentlich hingewiesen worden ist, vgl. Franz Felten, Päpstliche Personalpolitik? Über Handlungsspielräume des Papstes in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: Historisches Jahrbuch 122 (2002), S. 43–86, bes. S. 84.

    8 Vgl. Patrick Zutshi, Inextricabilis curie labyrinthus. The Presentation of Petitions to the Pope in the Chancery and the Penitentiary during the Fourteenth and First Half of the Fifteenth Century, in: Andreas Meyer u.a. (Hg.), Päpste, Pilger, Pönitentiarie. Festschrift für Ludwig Schmugge zum 65. Geburtstag, Tübingen 2004, S. 393410. Petrarca bemühte oftmals das Bild des Labyrinths für die Charakterisierung des avignonesischen Papsttums, beispielsweise im 10. und 16. Brief, vgl. Widmer, Francesco Petrarca (wie Anm. 3), S. 258, 290.

    9 Wobei er auf die für das 15. Jahrhundert maßgeblichen Breven zurückgreift. Demgegenüber standen die Zuwendungsräume der Kommunregister, vgl. Götz-Rüdiger Tewes, Die römische Kurie und die europäischen Länder am Vorabend der Reformation, Tübingen 2005 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, 95), S. 133137.

    10 Vgl. zu Johannes XXII. zuletzt die Tagungsbände Michelle Fournié (Hg.), Jean XXII et le Midi, Toulouse 2012 (Cahiers de Fanjeaux, 45), sowie Martin Rohde, Hans-Joachim Schmidt (Hg.), Johannes XXII. Konzepte und Verfahren seines Pontifikats, Berlin u.a. 2013 (Scrinium Friburgense, 32), was gleichwohl beides lediglich eine additive Zusammenstellung verschiedener Aspekte darstellt und nicht eine wünschenswerte Biografie ersetzt.

    11 Wie wurden Räume und Prozesse wahrgenommen, wie die Politik kommuniziert, was beeinflusste Wahrnehmung, Kommunikation und damit Politik? Zugleich: Wie wurden Ordnungen in der Kommunikation oder Nicht-Kommunikation legitimiert, wie Hierarchien etabliert?

    12 Vgl. auch Franz Felten, Kommunikation zwischen Kaiser und Kurie unter Ludwig dem Bayern (13141347). Zur Problematik der Quellen im Spannungsfeld von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, in: Heinz-Dieter Heimann (Hg.), Kommunikationspraxis und Korrespondenzwesen im Mittelalter und in der Renaissance, Paderborn u.a. 1997, S. 5189, hier S. 56. Für die Sekretregister unter Johannes XXII. geben einzig die ersten vier Jahrgänge ein problematischeres Bild, da hier meist undatierte Schriftstücke weniger Räume zusammengeworfen wurden. Der Band des fünften Pontifikatsjahres ist sogar verschollen, erst für den Zeitraum ab 1321/1322 weist das Material die notwendige Qualität auf, wenngleich natürlich auch für den vorangehenden Zeitraum einzelne Fallstudien, beispielsweise für die Britischen Inseln, möglich sind; vgl. zu den Registerbänden unter Johannes XXII. die Arbeiten von Friedrich Bock, Über Registrierung von Sekretbriefen. Studien zu den Sekretregistern Johanns XXII., in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 29 (1938/39), S. 147233; Carl Erdmann, Zu den Sekretregistern Johanns XXII., in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 29 (1939/40), S. 233248; Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), insbesondere S. 917 sowie zuletzt die zahlreichen Arbeiten von Patrick Zutshi.

    13 In einer vielzitierten Passage verwies beispielsweise Benedikt XII. gegenüber dem französischen König auf die vollständige Aufnahme aller Schreiben in den Registern, vgl. Othmar Hageneder, Die päpstlichen Register des 13. und 14. Jahrhunderts, in: Annali della Scuola Speciale per Archivisti e Bibliotecari dell’Università di Roma 12 (1973), S. 45–76, hier S. 70. Benedikt XII. wurde gerade in der älteren Forschung eine wichtige Rolle in der Fortentwicklung der Registerserien zugesprochen, und tatsächlich lassen sich vielfach Neuerungen, wie die Unterteilung der Kommunregister in verschiedene Sachgruppen, erstmalig in seinem Pontifikat nachweisen. Dennoch wurde zuletzt auch die Bedeutung Johannes’ XXII. für die Etablierung der Sekretregister herausgestellt, der zudem technische Neuerungen wie die erstmalige Registrierung auf Papier (mit anschließender gesammelter Übertragung auf Pergament) einführte sowie grundsätzlich eine Aufnahme des gesamten Geschäftsgangs der Kurie veranlasste, vgl. hierzu Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 1317.

    14 Felten, Päpstliche Personalpolitik (wie Anm. 7), S. 49.

    15 Vgl. Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 7984, 115120, 141146, worauf die folgenden Skizzen der Empfängerräume basieren, sowie Louis Caillet, La papauté d’Avignon et l’Église de France. La politique bénéficiale du pape Jean XXII en France (13161334), Paris 1975; Felten, Päpstliche Personalpolitik (wie Anm. 7) für die Benefizialzahlen. Einen Vergleich hierzu bietet Bernard Guillemain, La politique bénéficiale du pape Benoît XII. 13341342, Paris 1952.

    16 Wobei sich Felten, Päpstliche Personalpolitik (wie Anm. 7), S. 57 kritisch gegenüber der Methode Caillets äußert, insbesondere mit Blick auf die regionale Zuordnung. Dies ist nicht ganz unberechtigt, weshalb im Folgenden primär auf die Zahlen Feltens (ibid., S. 84) zurückgegriffen wird.

    17 Ibid., S. 57. Felten rechnet mit 14.700 von 31.500 Stücken für den Pontifikat Johannes’ XXII.

    18 Ibid., S. 58, hier mit 548 Provisionen von insgesamt 1.332 (Frankreich: 362).

    19 Vgl. grundlegend zum Wandel der Pfründenvergabe und den rechtlichen Ansprüchen des Papsttums auf Kollatur: Thomas Willich, Wege zur Pfründe. Die Besetzung der Magdeburger Domkanonikate zwischen ordentlicher Kollatur und päpstlicher Provision 12951464, Tübingen 2005 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, 102), S. 182f., 186195, sowie zu den spezifischen Veränderungen unter Johannes XXII. John E. Weakland, Administrative and Fiscal Centralization under Pope John XXII (13161334), in: The Catholic Historical Review 54 (1968), S. 285–310.

    20 Vgl. zu diesem Aspekt auch grundsätzlich Hans Schmidt, Kirche, Staat, Nation. Raumgliederung der Kirche im mittelalterlichen Europa, Weimar 1999 (Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte, 37).

    21 Vgl. Sophia Menache, The Vox Dei. Communication in the Middle Ages, New York 1990, S. 5077, Zitat (Überschrift) S. 50.

    22 Auf die Schwierigkeiten der Eingrenzung des Kommunikationsbegriffes soll an dieser Stelle nicht eigens hingewiesen werden, einen lesbaren Abriss gab zuletzt Oliver Daldrup, Zwischen König und Reich. Träger, Formen und Funktionen von Gesandtschaften zur Zeit Sigmunds von Luxemburg (14101437), Münster 2010 (Wissenschaftliche Schriften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Reihe X, 4), S. 1932, der auf S. 21 auch auf den spezifischen Kommunikationskontext hinweist: »Um als Historiker sinnvoll über Kommunikation sprechen zu können, ist es unabdingbar, sich über die jeweiligen Bedingungen zu verständigen, unter denen sie zustande kommt. Denn Kommunikation selbst konkretisiert sich immer in der Praxis, was bedeutet, dass kommunikative Akte in hohem Maße situationsgebunden sind und überhaupt nur in den Handlungskontexten, in denen sie sich ereignen, verständlich werden«.

    23 Beispielsweise bei den Prozessen gegen Ludwig den Bayern, vgl. dazu auch Martin Kaufhold, Öffentlichkeit im politischen Konflikt, in: Zeitschrift für historische Forschung 22 (1995), S. 435454.

    24 In einem Schreiben an Piacenza fungierten nicht weniger als 25 Einwohner als Adressaten (ASV Reg. Vat. 112, fol. 49r49v). Einige Probleme hatte der Schreiber der Kanzlei hingegen mit der Benennung lokaler Adeliger bei Konflikten in den Hochstiften Köln und Mainz (ASV Reg. Vat. 114, fol. 148r).

    25 Vgl. z.B. Bernard Barbiche, Les »diplomates« pontificaux du Moyen Âge tardif à la première modernité. Office et charge pastorale, in: Armand Jamme, Olivier Poncet (Hg.), Offices et papauté (XIVe–XVIIe siècle). Charges, hommes, destins, Rom 2005 (Collection de l’École française de Rome, 334), S. 357–379; zu den Legaten ausführlich u.a. Werner Maleczek, Die päpstlichen Legaten im 14. und 15. Jahrhundert, in: Rainer Schwinges, Klaus Wriedt (Hg.), Gesandtschafts- und Botenwesen im spätmittelalterlichen Europa, Stuttgart 2003 (Vorträge und Forschungen, 60), S. 33–84.

    26 Vgl. zu Godin William McCready, The Theory of Papal Monarchy in the Fourteenth Century. Guillaume de Pierre Godin, Tractatus de causa immediata ecclesiastice potestatis, Toronto 1982 (Studies and Texts, 56); zu Orsini Blake Beattie, Angelus Pacis. The Legation of Cardinal Giovanni Gaetano Orsini, 1326–1334, Leiden, Boston (The Medieval Mediterranean, 67).

    27 Was bislang in der Forschung kaum erkannt oder benannt wurde, vgl. beispielsweise Stefan Weiß, Delegierte Herrschaft. Innozenz VI., Kardinal Albornoz und die Eroberung des Kirchenstaats, in: Claudia Zey, Claudia Märtl (Hg.), Aus der Frühzeit europäischer Diplomatie. Zum geistlichen und weltlichen Gesandtschaftswesen vom 12. bis zum 15. Jahrhundert, Zürich 2008, S. 67–84, hier S. 71f.

    28 So waren auf der Iberischen Halbinsel im Schnitt drei bis vier Nuntien tätig, im weiteren Mittelmeerraum bis zu fünf, im Osten und in Skandinavien zeitweise je zwei bis vier, auf den Britischen Inseln sowie in Frankreich je zwei, wobei hier noch fallweise, beispielsweise zur Vermittlung im anglo-französischen Konflikt, ein weiteres Nuntienpaar hinzutrat, welches sich zwischen den Höfen in London und Paris bewegte. Zugleich bereiste Frankreich eine vergleichsweise außerordentliche Zahl an Kollektoren. Alle Zahlen und Befunde nach Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1).

    29 Die Auseinandersetzung zwischen Kaiser- und Papsttum stand natürlich im Fokus gerade der deutschen Forschung, auch aufgrund der grundsätzlichen Debatte über die Stellung beider Größen in der Christenheit, sowie verwandte Konfliktfelder wie der Armutsstreit, vgl. Hilary Seton Offler, Empire and Papacy: the Last Struggle, in: ders. (Hg.), Church and Crown in the Fourteenth Century: Studies in European History and Political Thought, Aldershot 2000, S. 21–47; Jürgen Miethke, Der Kampf Ludwigs des Bayern mit Papst und avignonesischer Kurie in seiner Bedeutung für die deutsche Geschichte, in: Hermann Nehlsen, Hans-Georg Hermann (Hg.), Kaiser Ludwig der Bayer. Konflikte, Weichenstellung und Wahrnehmung seiner Herrschaft, Paderborn 2002, S. 39–74. Eine Einordnung in einen europäischen Vergleichshorizont unter Heranziehung der päpstlichen Register offenbart indes Überraschendes, denn in rein quantitativer Sicht spielt das Reich in den untersuchten Jahrgängen (bspw. 1323/1324, 1327/1328) keine außergewöhnliche Rolle im politischen Tagesgeschäft an der Kurie, sondern pendelt sich zahlenmäßig zwischen der Iberischen Halbinsel und den Britischen Inseln ein. Allerdings verraten die Zahlen noch nichts über die Qualität der begleitenden Diskussion, und diese war in der Tat außerordentlich hoch, wie bereits der Anteil der relevanten Schreiben in den einzelnen Bänden und andere Beobachtungen zur Kommunikation der Prozesse erkennen lassen, vgl. Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 85–97, 128–133.

    30 Wie beispielsweise das Großherzogtum Litauen, das aufgrund eines Konvertierungsangebotes des Großherzogs kurzfristig päpstliche Aufmerksamkeit genoss, vgl. Stephen Rowell, Pagans, Peace and the Pope, 1322–1324: Lithuania in the Centre of European Diplomacy, in: Archivum Historiae Pontificiae 28 (1990), S. 68–98. Auch die Kreuzzugsfrage nahm einen breiten Raum in den Registerbänden ein, die eigens verschiedene Kommentare des Kardinalkollegs hierzu festhielten, also in diesem Zusammenhang nicht nur als Briefregister dienten (ASV Reg. Vat. 110, fol. 208v–231v). Daneben werden auch weitere außereuropäische Themen genannt, wobei daneben ein eigenes Register für diese Materien existierte, vgl. James Muldoon, The Avignon Papacy and the Frontiers of Christendom. The Evidence of Vatican Register 62, in: Archivum Historiae Pontificiae 17 (1979), S. 125–195.

    31 Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 461.

    32 Vgl. die folgenden Beispiele aus der Praxis der Kommunikation für verschiedene Schrifttypen. Klassische Beispiele sind daneben die Bullen aus dem Prozess gegen Ludwig den Bayern, beginnend mit Jakob Schwalm (Hg.), Constitutiones et acta publica imperatorum et regum, Bd. 5: 1313–1324, Hannover 1909–1911 (Monumenta Germaniae Historica, Leges, 4,5), Nr. 792.

    33 Oder »dialogische Kommunikation« nach Christine Wand-Wittkowski, Briefe im Mittelalter. Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Literatur, Herne 2000, S. 22.

    34 Also der ars dictaminis, wobei deren Bedeutung sowohl für den mittelalterlichen Brief als auch die Urkunde hervorzuheben ist, vgl. Hans Martin Schaller, Art. »Ars dictamini, ars dictandi«, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 1, Sp. 1034–1039; Wand-Wittkowski, Briefe (wie Anm. 33), S. 31f.; Giles Constable, Letters and Letter-Collections, Turnhout 1976 (Typologie des sources du Moyen Âge occidental, 17), S. 16–20 – wobei ganz unpäpstlich Wert auf eine gewisse Kürze gelegt wurde (ibid., S. 19) – oder zuletzt Florian Hartmann, Ars dictaminis. Briefsteller und verbale Kommunikation in den italienischen Stadtkommunen des 11. bis 13. Jahrhunderts, Ostfildern 2013 (Mittelalter-Forschungen, 44), S. 10–20 zu Regeln und Stilistik. Hier erscheinen weiterführende Studien wünschenswert, die systematisch die Registerüberlieferung unter entsprechenden Gesichtspunkten untersuchen und in Anlehnung an die Formelhaftigkeit der urkundlichen Überlieferung, die auch den rechtlichen Implikationen genügen musste, die Einhaltung von Formeln und Formen in den einfachen Briefen in den Blick nehmen. Dabei sind auch Aspekte der Stilistik mit Blick auf die generelle Anwendung von stilus curiae und cursus interessant, vgl. Thomas Frenz, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit, Stuttgart 22000 (Historische Grundwissenschaften in Einzeldarstellungen, 2), S. 44–49. Dabei gilt es aber auch stets Kontext und pragmatische Erfordernisse im Blick zu behalten, denn trotz der vorangehenden zugespitzten Anmerkungen erscheinen allzu rigide Abgrenzungsbemühungen wenig zielführend.

    35 Vgl. Zanke, Johannes XXII. (wie Anm 1.), S. 9–17 mit einigen neuen Beobachtungen zur Entwicklung der päpstlichen Registerserien, die gerade zu Beginn noch einen experimentellen Charakter hatten. Daneben ist gerade der Bereich des Benefizialwesens bedeutsam für prozessoptimierende Vorgehensweisen, wie der Rückgang der feierlichen Privilegien zugunsten einfacherer (aber trotzdem normierter) Ausstellungsformen oder das Reskriptprinzip, ohne das die Bewältigung des alltäglichen Aufkommens an der avignonesischen Kurie nicht denkbar gewesen wäre. Interessanterweise fand dieser pragmatische Schriftgebrauch während eines zutiefst bürokratischen Pontifikats statt, wobei sich Johannes XXII. insbesondere durch seine administrativen Neuerungen und Normierungen (Kanzleiregeln, Rota) einen Namen machte (ibid., S. 54).

    36 In ähnlicher Weise scheitern auch alle Versuche der Klassifizierung an der fehlende Kennzeichnung in den Registern, die nur den Text eines Schriftstückes bewahrten, aber nicht mehr die Ausstellungsform als littera patens oder littera clausa, anders als beispielsweise die englische Kanzlei, die nach der Form trennte oder die Art der Ausstellung gesondert vermerkte, vgl. Christoph Egger, Littera patens, littera clausa, cedula interclusa. Beobachtungen zu Formen urkundlicher Mitteilungen im 12. und 13. Jahrhundert, in: Karel Hruza, Paul Herold (Hg.), Wege zur Urkunde, Wege der Urkunde, Wege der Forschung. Beiträge zur europäischen Diplomatik des Mittelalters, Köln 2005 (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters, 24), S. 41–63, hier S. 42, sowie Patrick Zutshi, The Political and Administrative Correspondence of the Avignon Popes, 1305–1378. A Contribution to Papal Diplomatics, in: Aux origines de l’État moderne. Le fonctionnement administratif de la papauté d’Avignon, Rom 1990 (Collection de l'École francaise de Rome, 138), S. 371–385.

    37 Die von Pierre Chaplais etablierte Systematisierung diplomatischer Korrespondenz erlaubt zudem eine feinere Gewichtung der verschiedenen Aufgabenfelder. Zusammenfassend bei Barbara Bombi, Petitioning between England and Avignon in the First Half of the Fourteenth Century, in: Gwilym Dodd, William Ormrod, Anthony Musson (Hg.), Medieval Petitions: Grace and Grievance, Woodbridge 2009, S. 64–81,hier S. 70.

    38 Vgl. auch Maleczek, Die päpstlichen Legaten (wie Anm. 25), S. 43f.

    39 Eine Auswahl findet sich bei Mollat (Hg.), Jean XXII. (wie Anm. 2), 5148–5183, 5207–5223.

    40 Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 429 mit der Anweisung zur Exkommunikation des schottischen Königs durch die Legaten, obgleich entsprechende Fakultäten von Anbeginn an gewährt worden waren und zudem die Mandate die Ausführung der Kirchenstrafen klar festlegten (ibid., S. 445; Mollat [Hg.], Jean XXII. [wie Anm. 2], 5155).

    41 Vgl. Ralf Lützelschwab, Flectat cardinales ad velle suum? Clemens VI. und sein Kardinalskolleg. Ein Beitrag zur kurialen Politik in der Mitte des 14. Jahrhunderts, München 2007 (Pariser Historische Studien, 80), S. 131f.; grundsätzliche Überlegungen zu den Legaten, Vollmachten und Befugnissen auch bei Birgit Studt, Anspruch und Wirklichkeit. Der Wandel von Handlungsräumen und Reichweite päpstlicher Diplomatie im 15. Jahrhundert, in: Zey,Märtl (Hg.), Aus der Frühzeit europäischer Diplomatie (wie Anm. 27), S. 85–118, sowie Maleczek, Die päpstlichen Legaten (wie Anm. 25), S. 41f., der sich ebenfalls skeptisch gegenüber der Vollgewalt zeigt.

    42 Vgl. Karsten Plöger, England and the Avignon Popes, London 2005, S. 153f. Eine Gesandtschaft benötigte sogar zwischen 20 und 30 Tagen.

    43 Wie die aragonesischen Gesandten König Jaymes II. beständig in ihren Schreiben versicherten, besaß Johannes XXII. nicht nur einen schwierigen Charakter, sondern war auch manchmal über lange Zeiträume hinweg schlicht nicht erreichbar, vgl. Franz Felten, Verhandlungen an der Kurie im frühen 14. Jahrhundert. Spielregeln der Kommunikation in konfliktgeladenen Beziehungsnetzen, in: Klaus Herbers, Nikolas Jaspert (Hg.), »Das kommt mir Spanisch vor«. Eigenes und Fremdes in den deutsch-spanischen Beziehungen des späten Mittelalters, Münster 2004 (Geschichte und Kultur der Iberischen Welt, 1), S. 411–474, hier S. 431–433.

    44 Hier ging es um die Frage des rechtmäßigen Königstitels, was im Folgenden noch knapp diskutiert wird. Johannes XXII. war kurzzeitig bereit, den schottischen Forderungen zu entsprechen, allerdings erreichten die neu ausgestellten päpstlichen Schreiben die Legaten zu spät. Die Schotten hatten bereits die Vermittlungsbemühungen des Papstes abgelehnt und den Feldzug fortgesetzt, was alle weiteren Ausgleichsverhandlungen obsolet machte, vgl. den Bericht über die Mission des Franziskaners in der kurialen Retrospektive: Augustin Theiner (Hg.), Vetera monumenta hibernorum et scotorum historiam illustrantia, Rom 1864 (ND Osnabrück 1964), Nr. 427 sowie die verspäteten Handlungsanweisungen des Papstes Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 427, 431; zum Hintergrund knapp Archibald Duncan, The Nation of the Scots and the Declaration of Arbroath, London 1970, S. 23–33.

    45 Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 430.

    46 Vgl. zur Ereignisgeschichte im europäischen Kontext konzise: Dieter Berg, Die Anjou-Plantagenet. Die englischen Könige im Europa des Mittelalters, Stuttgart 2003, S. 211–216; Claire Valente, The Deposition and Abdication of Edward II, in: English Historical Review 113 (1998), S. 852–881.

    47 Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 484. Dabei ging der Papst mit den grundsätzlichen Problemen offen um und bat im selben Schreiben um Verständnis, dass er erst auf die Ankunft des Bischofs von Hereford in Avignon warten müsse, von dem er sich eine Lageskizze erhoffe (ibid.). Die Kommunikation war in diesem Fall auch stark personal geprägt. Dabei war das grundsätzliche Vertrauen in die Wege der Kommunikation aber ungebrochen. Jahre später äußerte er fast ungläubiges Erstaunen gegenüber Berichten der englischen Königsmutter Isabella über Unruhen im Lande, da seine Nuntien ihn hiervon nicht in Kenntnis gesetzt hatten (ibid, S. 491).

    48 Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 430; vgl. auch Pierre Chaplais, English Diplomatic Practice in the Middle Ages, London 2003, S. 128f. mit weiteren Beispielen.

    49 Daldrup, Zwischen König und Reich (wie Anm. 22), S. 25 mit Verweis auf Horst Wenzel.

    50 Vgl. zu den Verhandlungen an der Kurie und der mittlerweile klassischen Formulierung Hartmut Hoffmans: Felten, Kommunikation (wie Anm. 12), S. 61.

    51 Vgl. auch Chaplais, English Diplomatic Practice (wie Anm. 48), S. 75f. So findet sich ein (!) Beispiel in den englischen Betreffen (Bliss [Hg.], Calendar [wie Anm. 2], S. 455), das aufgrund der Offenheit der Formulierung und des fehlenden Datums natürlich dienlich für verschiedenste Interpretationen war. John Maddicott, Thomas of Lancaster, 1307–1322, Oxford 1970, S. 255f. sah hierin sogar eine Lösung von Edwards II. Eid auf das politische Reformprogramm der »Ordinances«. Dies kann getrost bezweifelt werden, Entsprechendes wäre nicht lediglich mit einem viva-voce-Vermerk geregelt worden.

    52 Vgl. Felten, Kommunikation (wie Anm. 12), S. 60f.

    53 Kommunikation konnte im Mittelalter natürlich auch einen Geheimcharakter annehmen, sich also in der Ausgestaltung in vertrauliche Bereiche hineinbewegen, wie Felten, Kommunikation (wie Anm. 12), S. 61f. mit Beispielen verdeutlicht oder Friedrich Bock, Die Geheimschrift in der Kanzlei Johanns XXII., in: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 42 (1934), S. 279–303 mit zeitgenössischen Verschlüsselungstechniken (der Schrift!) zeigt. Allerdings erscheint der vertrauliche Aspekt weit weniger bedeutsam als in modernen Zusammenhängen. Vielmehr könnte hier ein Gegenstück zum Aspekt der Öffentlichkeit – welchen Kommunikation ebenfalls bewusst aufgreifen konnte – zu sehen sein, also als ein Ausnahmefall zur Verdeutlichung des Kontextes oder der symbolischen Aufladung der Botschaft. In der Retrospektive des Archivs wurde dies aber in jedem Fall vermerkt, vgl. die weiteren Ausführungen sowie zum Öffentlichkeitsbegriff: Carl A. Hoffmann, Öffentlichkeit und Kommunikation in den Forschungen zur Vormoderne. Eine Skizze, in: Carl A. Hoffmann, Rolf Kießling (Hg.), Kommunikation und Region, Konstanz 2001 (Forum Suevicum, 4), S. 69–110.

    54 Im Vorfeld einer größeren Gesandtschaft an den Papsthof kopierte die englische Kanzlei eine Reihe älterer päpstlicher Dokumente, die offenbar in Avignon vorgezeigt wurden und womöglich sogar Aufnahme in die päpstlichen Register fanden. So findet sich in ASV Reg. Vat. 110, fol. 162r ein Schreiben Clemens’ IV., dessen Herkunft ungeklärt ist, aber das in einen passenden Kontext eingetragen wurde und in Verbindung mit aktuellen englischen Entwicklungen der Zeit Edwards II. zu sehen ist. Naheliegend ist die Verbindung über die Kopien der englischen Kanzlei, da die Ausfertigung des Schreibens überliefert ist, aber eine Eintragung in den rekonstruierten Registern Clemens’ VI. nicht nachgewiesen werden kann. Dementsprechend verfügte die Kurie über keine Kopie, sondern nur die Engländer über das Original. Vgl. zu den Kopien John Phillips, Aymer de Valence, Earl of Pembroke, 1307–1324. Baronial Politics in the Reign of Edward II, Oxford 1972, S. 109.

    55 So wurde bei dem Treffen von Amiens im Juli 1320, wo Edward II. dem französischen König den Lehnseid für seine Festlandsbesitzungen leisten sollte, vom »keeper of the privy seal« eine Reihe von kürzlich ausgestellten päpstlichen Schreiben mitgeführt, die den anglo-schottischen Konflikt betrafen und mit zweckentfremdeten päpstlichen Argumenten möglicherweise eine Erneuerung der Auld Alliance verhindern sollten, vgl. Joseph Bain, Calendar of Documents Relating to Scotland Preserved in her Majesty’s Public Record Office, Bd. 3, Edinburgh 1887, Nr. 725 mit der Empfangsbestätigung des Exchequer und dem Hinweis auf die Weiterverwendung, sowie zum Hintergrund: Berg, Die Anjou-Plantagenet (wie Anm. 46), S. 203. Interessanterweise war auch der frühere Englandlegat Gaucelme de Jean in Amiens zugegen.

    56 Vgl. John Wright, The Church and the English Crown 1305–1334. A Study Based on the Register of Archbishop Walter Reynolds, Toronto 1980 (Studies and Texts, 48), S. 200f.

    57 So berichtet es jedenfalls Geoffrey le Baker, der sich für die Schilderung des Umsturzes auf Augenzeugenberichte stützen konnte: »Praeterea prosiluit mendacium ab exercitu in omnes regni plagas divulgatum quod summus pontifex Romanus omnes Anglos absolvit a fidelitate jurata suo regi, fulminaretque sententiam excommunicationis in omnes contra reginam arma deferentes. An hujus mendacii confirmationem finguntur duo cardinales esse reginae adhaerentes nuntii praemissorum«, nach William Stubbs (Hg.), Chronicles of the Reigns of Edward I and Edward II, Bd. 2, London 1883, S. 309; vgl. auch die kommentierende Einleitung von Richard Barber in David Preest (Hg.), The Chronicle of Geoffrey le Baker, Woodbridge 2012.

    58 Dies legt ein drastischer Rückgang englischer Betreffe in den Monaten des Thronwechsels nahe, was mit einem auffällig zurückhaltenden Agieren des Papstes in dieser Frage zusammenfiel. Päpstliches Schweigen mag in diesem Zusammenhang eine gewisse Zustimmung implizieren, vgl. Sebastian Zanke, John XXII. and the Deposition of Edward II (in Vorbereitung), sowie Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 120–124, 249–263.

    59 Zur sog. Pembroke Gesandtschaft vgl. Philipps, Aymer de Valence (wie Anm. 54), S. 107f.; Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 214–222. Für die Lehnsbeziehung zwischen der Kurie und England zeichnete Johann Ohneland verantwortlich, indes spielte sie in der Praxis der Beziehungen kaum eine Rolle und implizierte erst recht keine herrschaftsrechtliche Unterordnung. Zusammen mit dem beachtlichen Zins von 1.000 fl. war sie immer dann dienlich, wenn es darum ging, die Gunst der Kurie zu gewinnen (ibid., S. 210–212).

    60 Vgl. grundlegend Geoffrey Barrow, Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland, Edinburgh 1988, sowie Duncan, The Nation of the Scots (wie Anm. 44) für die Ereignisgeschichte.

    61 Mollat (Hg.), Jean XXII. (wie Anm. 2),5162; Theiner (Hg.), Vetera (wie Anm. 44), Nr. 404; James Raine (Hg.), Historical Papers and Letters from the Northern Registers (Rolls Series, 61), London 1873, Nr. 163, S. 260.

    62 Sarah Layfield, The Pope, the Scots and their Self-Styled King: John XXII’s Anglo-Scottish Policy, in: Andy King (Hg.), England and Scotland in the Fourteenth Century: New Perspectives, Woodbridge 2007, S. 157–171, hier S. 171, kommt indes auf derselben Quellengrundlage zu einer anderen Interpretation und erkennt eine gewisse Sympathie des Papstes für die schottische Sache, schließlich ließ er die Angelegenheit solange in der Schwebe und bemühte sich immerhin um eine Konfliktlösung. Dies ist aber nicht überzeugend, denn die Forderung des Papsttums war für die Schotten nicht erfüllbar, und dies war dem Papst auch bewusst, der gleich zu Beginn das Fehlen des Titels zu verzeihen bat (Mollat [Hg.], Jean XXII. [wie Anm. 2], 5184). Überspitzt könnte man sogar formulieren, dass alles in diesem Prozess auf ein Scheitern hin angelegt war. Warum der Papst sich aber nicht dezidiert gegen das Königtum aussprach, lag zum einen in den traditionell guten Beziehungen zu Schottland, immerhin war die schottische Kirche unmittelbar dem Papsttum unterstellt, zum anderen im eigentlich trivialen Befund, dass auch der Papst nicht nach Belieben bestehende Herrschaftskonfigurationen öffentlich in Frage stellen konnte. Dies geschah im Reich einzig aufgrund der besonderen Beziehung zum Heiligen Stuhl und der Konstruktion von Approbations- und Idoneitätslehre wie auch der spezifischen Interessenskollision in Italien, vgl. hierzu grundlegend Miethke, Der Kampf (wie Anm. 29), sowie Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 272–283 zu den Beziehungen zwischen Kurie und Schottland vor 1316.

    63 Theiner, Vetera (wie Anm. 44), Nr. 421, Bliss (Hg.), Calendar (wie Anm. 2), S. 430.

    64 Mollat (Hg.), Jean XXII. (wie Anm. 2), 12040, 12041.

    65 Bruce ignorierte die Vorladung und statt seiner und der Bischöfe erreichte die Kurie im Sommer 1320 die Declaration of Arbroath, die ohne irgendeinen Bezug zum Prozess oder dem päpstlichen Agieren ganz generell in rhetorisch eindrucksvoller Weise die schottische Eigenständigkeit betont. Auch die Begleitschreiben lassen, zumindest nach Ausweis der erhaltenen päpstlichen Antwortschreiben, nicht erkennen, dass Bruce das kuriale Vorgehen in irgendeiner Weise antizipierte. Zwar kam es in der Folgezeit noch vereinzelt zu punktuellen Verhandlungen mit der Kurie, doch letztlich lief dies ins Leere. Nachdem nach dem Thronwechsel 1326/1327 ein Frieden zwischen England und Schottland geschlossen wurde, fand auch der Prozess keine Erwähnung mehr und Bruce wurde sogleich wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen (Mollat [Hg.], Jean XXII. [wie Anm.2] 43139), vgl. Zanke, Johannes XXII. (wie Anm. 1), S. 311–318.

    66 Zu der gesamten Problematik vgl. Kaufhold, Öffentlichkeit (wie Anm. 23), Zitat S. 437.

    67 Ibid, S. 438.

    68 Vgl. zur Wirkungsgeschichte der Declaration of Arbroath, der eine immense Bedeutung für das schottische Selbstverständnis zukam, die aber nahezu keinerlei Wirkung auf das Geschehen hatte, zuletzt Edward Cowan, For Freedom Alone. The Declaration of Arbroath 1320, Linton 2003.

    69 Nach Trokelows Annalen, vgl. Menache, The Vox Dei (wie Anm. 21), S. 54f.

    70 Vgl. Paul Lehugeur, Histoire de Philippe le Long. Roi de France (1316–1322), Bd. 1, Paris 1897 (ND Genf 1975), S. 129 mit dem Beispiel von Verhandlungen zwischen Flamen und Frankreich an der Kurie, wobei sich die flandrischen Vertreter mit fehlenden Ermächtigungen entschuldigten. Interessanterweise verwies der Papst im Falle Schottlands gegenüber dem englischen König ebenfalls auf unzureichende Vollmachten der schottischen Gesandten, was die Verhandlungen verzögerte, wenn nicht sogar scheitern ließ, vgl. Theiner, Vetera (wie Anm. 44), Nr. 434; vgl. weiterhin Felten, Verhandlungen (wie Anm. 43), sowie Bombi, Petitioning (wie Anm. 37), S. 72.

    71 Zitiert nach Lehugeur, Histoire (wie Anm. 70), S. 122. Diese Konstruktion ist beispielsweise bereits aus dem Pontifikat Bonifaz’ VIII. vor dem Hintergrund des anglo-französischen Konflikts bekannt und sollte im 14. Jahrhundert noch mehrfach Anwendung finden.

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    Sebastian Zanke
    Politik und Kommunikation im Konflikt
    Das Papsttum in Avignon und die kommunikative(n) Herausforderung(en) des spätmittelalterlichen Europa
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    Johannes XXII. Papsttum Avignon politische Kommunikation Jean XXII papauté communication politique
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    S. Zanke: Politik und Kommunikation im Konflikt
    In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/zanke_politik
    Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:42
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:20
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