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C. Waldvogel: »Item So Bekennit her...«

discussion 11 (2015)

Christina Waldvogel

»Item So Bekennit her...«

Drei spätmittelalterliche Gerichtsbücher aus Bautzen unter soziopragmatischer Betrachtung

Abstract:

Die Historische Soziopragmatik berücksichtigt pragmatische, soziale und situative Kontexte bei der Untersuchung von Texten, die mit den sprachlichen Formen in ein enges Wechselverhältnis gebracht werden können. Einige Textproben aus drei Bautzener Gerichtsbüchern der frühneuhochdeutschen Sprachperiode zeigen, wie ertragreich diese Herangehensweise ist. Bei genauer Betrachtung dieser Textausschnitte wird deutlich, wie sehr der Kontext das Sprachverhalten der Interaktionsteilnehmer beeinflusst und die Auswahl bestimmter sprachlicher Formen bestimmt. So weisen zum Beispiel Auszüge aus Verhörprotokollen an signifikanten Stellen Merkmale der gesprochenen Sprache auf, während sich Schriftstücke, die Meldungen über ähnliche administrative und juristische Angelegenheiten enthalten, an formelhaften Satzstrukturen orientieren. Eine eingehende Untersuchung beider Textsorten trägt dazu bei, mittelalterliche Kommunikationsformen zu beleuchten, gesellschafts- und handlungstheoretische Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren und situative Kontexte aufzuzeigen, die einen Einblick in die mittelalterliche Lebenswirklichkeit ermöglichen.

Résumé:

La sociopragmatique historique prend en considération les contextes pragmatiques, sociaux et de situation dans la recherche de textes qui peuvent être étroitement rapportés aux formes verbales. Un échantillon de textes tiré de trois livres judiciaires de Bautzen, datant de l’époque durant laquelle le haut allemand moderne était parlé, montre comme cette approche est fructueuse. À partir d’une observation précise des extraits de textes, il apparaît clairement combien le contexte exerce une influence sur l’utilisation de la langue dans les interactions entre les participants, et comment il détermine le choix de certaines formes verbales. Par exemple, des extraits de procès-verbaux d’interrogatoires indiquent, à des endroits significatifs, des spécificités de la langue parlée, alors que des pièces écrites qui contiennent des informations semblables sur des affaires administratives et juridiques s’orientent vers des structures de phrases stéréotypées. Une analyse approfondie des deux sortes de textes contribue à éclairer certaines formes de communication médiévales, à soulever des questions théoriques concernant la société et les façons d'agir, à les discuter et à présenter des contextes de mises en situation qui permettent de pénétrer dans la réalité quotidienne de la vie au Moyen Âge.

Einführung

<1>

Der Forschungsstand zum Ostmitteldeutschen weist noch immer beträchtliche Lücken auf. So wurde die diachrone Entwicklung einiger Stadtsprachen, wie zum Beispiel der Bautzener, bisher vernachlässigt, obwohl solche Untersuchungen des Frühneuhochdeutschen einen wichtigen sprachhistorischen Beitrag zur Erforschung der überregionalen, überdachenden, modernen deutschen Schrift- und Standardsprache leisten. Die sprachgeschichtliche Untersuchung dreier spätmittelalterlicher Gerichtsbücher aus Bautzen aus den Jahren 1359 bis 1504 soll diesem Forschungsdesiderat jedoch entgegenwirken. Weil dabei eine genaue systemlinguistische Betrachtungsweise, die die Quellen im Hinblick auf Morphologie, Syntax, Textgrammatik etc. untersucht, im Wechselverhältnis mit der Historischen Soziopragmatik stehen soll, kommen die Untersuchungsergebnisse außerdem der Erforschung spätmittelalterlicher Kommunikationsformen zugute. Schließlich ist die investigative Auseinandersetzung mit sprachlichen Zeugnissen des späten Mittelalters per se von kommunikationshistorischem Interesse; außerdem werden in den Quellen, die der Arbeit zugrunde liegen, unterschiedliche Kommunikationsnormen, -ebenen und -praktiken sichtbar, die sich wiederum auf die konkreten Sprachformen und -strukturen ausgewirkt haben. Oder umgekehrt: Die Sprachformen und -strukturen gestatten Rückschlüsse auf relevante Kommunikationsfaktoren1.

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Die Historische Soziopragmatik erfasst pragmatische, situative und soziale Voraussetzungen der Kommunikation als bestimmende Faktoren sprachlicher Muster und bringt diese in ein möglichst eindeutiges Wechselverhältnis mit den sprachlichen Formen2. In einigen Untersuchungen der letzten Jahre wird Sprachgeschichte im Sinne einer Sprachverwendungsgeschichte bzw. Kommunikationsgeschichte gesehen, da auch historische Texte nur in der sozialen Interaktion vollständig verstanden werden können. Sprachgeschichtsschreibung ist spätestens seit der pragmatischen Wende, die eine gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaften verlangt, zunehmend pragmatisch orientiert und beschreibt Texte in ihrem jeweiligen Kontext. Eine in erster Linie sprachsystembezogene Analyse wird durch eine historisch ausgerichtete, pragmatische Vorgehensweise ersetzt, die Sprache als Form sozialen Handelns begreift und soziale und situative Kontexte sprachlicher Entwicklungen, das Wechselverhältnis von Sprache und Handlung, Sprachwandel als Folge sozialen Handelns sowie sozialsituative Bedingungen der Sprachteilnehmer berücksichtigt. Folglich wird in diesem Zusammenhang der Begriff der »Kommunikationspraxis« gewählt, womit eine bewusste Abgrenzung zum Begriff der »Sprachpraxis« geschaffen werden soll.

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Der Terminus »Historische Soziopragmatik« versteht Sprache als Objekt von Sprachgeschichtsschreibung im gesellschaftlichen Handeln; somit sind Varietäten einer Sprache nicht bloß bestimmten Gruppen zuzuordnen, sondern auch verschiedenen Handlungs- und Verhaltensweisen von Gruppen in Situationen3. Von soziologischen Studien wird auf die Bedeutung des kommunikativen Handelns für die Bildung und Organisation sozialer Gruppen und der Öffentlichkeit hingewiesen und so postuliert Habermas in seiner »Theorie des kommunikativen Handelns« das Ziel, über eine sprechaktorientierte Kommunikationstheorie zu grundlegenden gesellschaftstheoretischen Fragen zu gelangen4. Sprachgeschichte soll hier also nicht nur in Wechselwirkung zur Sozialgeschichte untersucht werden, sondern ist ebenso ein zentraler Bestandteil von Sozialgeschichte, der Sprache, Aufbau, Erhaltung und Veränderung von Gesellschaftsstrukturen und gesellschaftlichen Tätigkeiten maßgeblich mitbestimmt5.

Kommunikationspraxis in der spätmittelalterlichen Stadt

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Die Lebenswelt, in der die drei Gerichtsbücher entstanden, war das spätmittelalterliche Bautzen, eine für diese Zeit typische kleine, teilautonome Stadt, in der zahlreiche kommunikative Prozesse stattfanden. Über Jahrhunderte des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit bildete diese neben Görlitz das ökonomische wie politische Zentrum der Oberlausitz und regierte sich weitgehend selbst; als sozialer, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Mittelpunkt eines größeren Einzugsgebietes gewinnt die wachsende Stadt einen immer bedeutsameren Einfluss auf Sprache und Kommunikationsverhalten der sie umgebenden Region6. Der erweiterte öffentliche Schriftverkehr, Resultat des sich ausweitenden städtischen Verwaltungswesens, die wachsende schriftliche Fixierung in vielen Lebensbereichen, die auch die juristische Absicherung persönlicher Angelegenheiten einschloss, sowie die Zunahme der geschäftlichen Korrespondenz bewirkten eine deutliche Ausweitung und Differenzierung der Textsorten und somit neue kommunikative Anforderungen in der spätmittelalterlichen Stadt7. Bei der Untersuchung der Kommunikationspraxis einer solchen Stadt treten dem Sprachhistoriker jedoch weniger Stadtsprachen im Sinne verschiedener sozialer Varietäten entgegen, sondern in weit größerem Ausmaß kanzleisprachliche Äußerungen bzw. Kanzleisprachen. Die kommunikativen Funktionen der städtischen Ratskanzleien, in denen die wachsende Anzahl an Texten infolge zunehmender gesellschaftlicher Kommunikationsbedürfnisse entstand, waren äußerst vielseitig und die Einrichtungen werden von Meier und Ziegler folglich als das „Sprachrohr der Stadt“ bezeichnet. In den professionellen und institutionalisierten Textproduktionsstätten wurden privatrechtliche und öffentliche Gegenstände, administrative und juristische Angelegenheiten verhandelt, geregelt und schriftlich festgehalten.

Das Textkorpus unter soziopragmatischer Betrachtung: Die Verhörprotokolle

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Insbesondere das Bautzener Gerichtsbuch, das Eintragungen aus den Jahren 1430 bis 1479 enthält, ist für die Erforschung mittelalterlicher Kommunikation interessant. Weil es sich hierbei um protokollartige Geständnisse im Rahmen eines Verhörs handelt, weist es eine besondere Nähe zur Mündlichkeit auf, die in den meisten Schriftzeugnissen aus dieser Zeit weitgehend verborgen bleibt, dem Forscher aber einen direkteren Zugang zu mittelalterlichen Kommunikationsformen wie auch zu mittelalterlicher Lebenswirklichkeit ermöglicht. Deshalb werden Protokolle in der Forschungsliteratur der Historischen Sprachwissenschaft immer wieder aufgeführt, wenn es darum geht, sich der sprachlich-kommunikativen Wirklichkeit historischer Sprachstufen zu nähern8. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die gesprochene Sprache vergangener Sprachperioden nur anhand schriftlicher Quellen untersucht werden kann, die die mündlichen Aussagen in ein ganz anderes Medium übertragen. Diese Umsetzung von Mündlichkeit in Schriftlichkeit hat jedoch allein auf Grund des Medienwechsels Veränderungen zur Folge, die eine im strengen Sinne authentische Wiedergabe gesprochener Sprache in einem schriftlichen Text ausschließen. Jürgen Macha bemerkt, dass Zeugenaussagen oder auch die Aussagen von Angeklagten wohl kaum »streng am Wortlaut orientiert« wiedergegeben werden, sondern dass die Rede vor Gericht vielmehr auf unterschiedliche Weise schriftlich reproduziert wird, wobei sich der protokollierte Text einer inhaltlichen Zusammenfassung oder einer authentischen Dokumentation annähern kann9. Doch selbst wenn sich der Protokolltext um eine authentische Dokumentation der Aussagen bemüht, handelt es sich niemals um Transkriptionen des gesprochenen Wortes. Dennoch finden sich, so Macha, in Verhörprotokollen durchaus »Fenster zur Mündlichkeit« und es ergeben sich direkte Reflexe des Gesprochenen in unterschiedlichen Ausprägungen, auch wenn gesprochene Sprache in schriftlich überlieferten Texten nie selbst zugänglich ist, sondern immer nur als Repräsentation derselben10. Des Weiteren bleibt ungeklärt, wie ein Gerichtsschreiber das Protokoll eines Verhörs anfertigte, doch es ist davon auszugehen, dass die kommunikative Situation, die der Protokollschreiber zu bewältigen hatte, sehr komplex war: Immerhin musste er mündliche Wechselrede, die wohl in äußerst konfliktgeladener Atmosphäre stattfand, besonders wenn physische Gewalt gegen die Angeklagten angewandt wurde, in Form eines amtlichen Schriftstückes aufzeichnen11. Nolting bemerkt, dass dieses Verschriftlichungsverfahren in vielen Fällen in mindestens zwei Arbeitsschritten erfolgte: Zunächst wurden simultan zum Verhör Mitschriften als Gedächtnisstützen angefertigt, woraufhin in einem nächsten Schritt überarbeitete Reinschriften auf deren Grundlage entstanden12. Auch die erhaltenen Verhörprotokolle aus Bautzen bestehen wohl aus den redigierten Reinschriftfassungen, denn die Blätter sind durchgehend sehr sorgfältig geführt, ohne Streichungen, Verbesserungen, Einfügungen oder andere Hinweise auf eine flüchtige Schreibweise. Doch obwohl das mündliche Ausgangsmaterial schriftsprachlich überformt worden ist, zeigt es in einigen Passagen besondere Nähe zur gesprochenen Sprache.

<6>

Dass das mündliche Ausgangsmaterial der Bautzener Gerichtsprotokolle schriftsprachlich überformt worden ist, wird darin deutlich, dass Charakteristika der gesprochenen Sprache oft zugunsten einer logisch zusammenhängenden Schilderung beseitigt wurden. Dies ist bei den meisten Aussagen vor dem Bautzener Gericht der Fall, bei denen es sich um ähnliche Geständnisse der Angeklagten handelt, die all ihre bisher begangenen Verbrechen aufzählen, die zum größten Teil aus Diebstählen ähnlichen Gutes bestehen (Tiere, Geld, Nahrung, Kleider, Schmuck usw.) und welche die Schreiber mit den stets gleichen Formeln einleiten, um dann den Auflistungen der Angeklagten zu folgen und in einem knappen Resümee nur die Quintessenz des Gesprochenen zu dokumentieren. Als Beispiele seien hier die ersten Bekenntnisse des Donats von Gubbin aus dem Jahre 1472 genannt, der für seine zahlreichen Diebstähle schließlich gehängt wurde:

Item Eine badekappe hette er genomen zur Dome seinem bruder einem monche
Item zu breszlaw ein mantel einem thumbhern den hette er verkowfft vor ein schog groschen
Item cum Irremberg hette er mit Einem drabanten gnant Mathes genomen cwey pherde dy hettin sie zcum Luban verkowfft vor iii marg groschen.13

<7>

Eine umfassende und exakte Wiedergabe der geäußerten Stellungnahmen der Angeklagten ist hier vermutlich gar nicht beabsichtigt, und so beschränkt sich der Schreiber auf eine inhaltliche Zusammenfassung. Einige Passagen in den Bautzener Verhören nähern sich jedoch authentischeren Dokumentationen, weisen somit Merkmale gesprochener Sprache auf und können so in besonderer Weise Aufschluss über diese geben. Als Beispiel können hier Ausschnitte aus den Geständnissen des Peter Preischwitz aufgeführt werden, die sowohl sprachlich als auch inhaltlich aus den üblichen Aufzeichnungen herausfallen. Der Stadtschreiber Preischwitz gesteht in zwei kurz nacheinander stattfindenden Verhören seinen Verrat der Stadt Bautzen an die Hussiten. Dabei legten er und seine Mittäter Feuer und nässten die Schießpulvervorräte, um dann während des entstandenen Aufruhrs die Tore für die Feinde zu öffnen. Ein weiterer Verrat war nur geplant und wurde nicht ausgeführt: Noch einmal wollte Preischwitz die Stadt in Brand stecken und die eingenommenen Tore für die Hussiten öffnen, die nach einem Ablenkungsmanöver einen Überraschungsangriff ausführen sollten. Bei solch komplizierten Handlungsabläufen mussten sich die vielen beteiligten Verbündeten genau an die Absprachen halten. Das komplexe Geschehen sollte während des Verhörs möglichst wahrheitsgetreu dargestellt werden, wie folgende Passagen zeigen:

Czum drittin wo sy denne zcu gehin sulden/ habe ich en geraten In der halbingasse/ da ist der grabe am siechtin
Czum vierdin/ Ist her gefragit ab her icht mehir wuste von deme vorrettenisse/ doruff had her bekant/ Sy sullin einen Rit machin uff den Bischoff mit vierhundirt pherdin vnd sullin an deme gebirge her komen/ denne zo sulde man fewir in der kessilgassin an czween endin anlegin/ wenne Is denne brente/ zo bin ich der tor mechtig/ vnd wenne mann denne wassir in die stad furite/ zo wil ich dy wagen vnder den thoryn/ inander triben/ zo sullin sy in dy Stad Rynnen
Zum fumfften/ wenne sie denne hiryn komen was sollin sy denne thun/ Sie sullin tot slan/ vnd lute fahin/ zo sal ich denne sagen was yderman schatczunge had zcu gebin.14

Die komplizierten Vorgänge müssen der Wahrheitsfindung wegen genau rekonstruiert werden. Die Schreiber notieren hier die Fragen des Gerichts, das sonst in keinem anderen Verhör des Buches zu Wort kommt und folgen den Berichten des Angeklagten viel unmittelbarer, so dass die Passagen wie narrative Ausbrüche aus den gewöhnlichen Strukturierungsprinzipien wirken. Die Fragen und Aussagen werden teilweise in direkter Rede wiedergegeben, während für die übrigen Geständnisse die indirekte Rede üblich ist. Neben diesem Wechsel von direkter und indirekter Rede ist außerdem der Wechsel von Tempus und Modus bei den Verben auffällig und Geschehenes sowie Geplantes werden im Indikativ und Konjunktiv Präsens, Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt wiedergegeben, wobei besonders Präsensformen das Ereignis unmittelbar darstellen. Bei den normalisierten Bekenntnissen hingegen finden sich fast ausschließlich Indikativ Perfekt oder Konjunktiv Plusquamperfekt, um die verbrecherischen Handlungen festzuhalten. Die Bekenntnisse Preischwitz' weisen außerdem einige weitere Merkmale der gesprochenen Sprache auf15. Syntaktisch sind sie wenig komplex und die einzelnen Vergehen werden mit einem begrenzten Repertoire an Konjunktionen und Subjunktionen aneinander gereiht. Auch einige Substantive, Verben und Adjektive werden oft wiederholt, so dass sich an einigen Stellen eine gewisse lexikalische Begrenztheit beobachten lässt, während andere Stellen hingegen lexikalisch reicher sind, da für die komplexe Handlungswiedergabe ein größerer Wortschatz notwendig ist. Auffällig sind außerdem Nachträge, Einfügungen und Füllwörter.

<8>

Bei der Untersuchung von Hexenverhörprotokollen und dem in diesen zutage tretenden Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit hält Nolting eine Analyse der textuell-pragmatischen Zusammenhänge für Merkmale gesprochener Sprache für aufschlussreich16. Dabei fällt auf, dass diese Merkmale besonders dann auftreten, wenn Aussagen der Angeklagten unter Folter dokumentiert werden und in markanter Weise an das peinliche Verhör gebunden sind. Diese Passagen des Verhörs, in denen nach damaligem Verständnis die Wahrheitsfindung in eine entscheidende Phase tritt, sollten von den Schreibern nicht nur paraphrasierend, sondern möglichst genau protokolliert werden. Diese Beobachtungen können auch auf die Verhörsituationen und die Mitschriften in Bautzen übertragen werden, denn es ist davon auszugehen, dass die Angeklagten gefoltert und so zur Aussage gezwungen wurden. Schließlich ist ein Gericht auf deren Kommunikation angewiesen und kann ohne diese seine Funktion nicht erfüllen. Die Institution liefert somit ein Beispiel für eine ungleiche und hierarchisch strukturierte Kommunikationssituation und zeigt dabei, dass im Falle der Kommunikationsverweigerung ihr Daseinszweck entfällt.

Das Textkorpus unter soziopragmatischer Betrachtung: Aldt Dingbuch und Hypothekenbuch

<9>

Die beiden anderen Texte, das »Aldt Dingbuch« und das »Hypothekenbuch« mit Eintragungen aus den Jahren 1359 bis 1399 bzw. 1425 bis 1504, enthalten Meldungen über Beleihungen, Verkäufe und Vermächtnisse zwischen Bürgern der Stadt oder den Bewohnern umliegender Dörfer sowie Beurkundungen, Stiftungen, Eigentumsübertragungen usw. Die Satzstrukturen ähneln sich in ihrer Formelhaftigkeit, folgen also verbindlichen Kommunikationskonventionen und zeigen, dass administrative Abläufe bis ins Detail rechtlich normiert waren. Seit dem Spätmittelalter unterlagen Alltagsbereiche einer zunehmenden Verschriftlichung und Menschen aller Gesellschaftsschichten und auch Analphabeten konnten ihren Lebensalltag nur bestehen, wenn sie sich auf die Anforderungen einer schriftorientierten Verwaltung und Gerichtsbarkeit einließen und wenigstens den formalen Umgang mit dieser Art der Kommunikation erlernten. Bemerkenswert ist außerdem die sprachliche Konkurrenzsituation im ältesten Gerichtsbuch. Lateinische und volkssprachliche Eintragungen wechseln sich noch ab, bevor die Volkssprache dann, wie die beiden jüngeren Stadtbücher zeigen, das Lateinische vollständig ablöst. Hier wird deutlich, dass das Lateinische insbesondere den Teil des Kommunikationsraums dominierte, der im Medium der Schrift realisiert wurde, während in der mündlichen Kommunikation die jeweiligen Volkssprachen überwogen; diese Situation änderte sich jedoch, als sich die Volkssprachen immer mehr vom Lateinischen emanzipierten und schließlich die Rolle einer Schriftsprache einnehmen konnten17. Die Rechtsfähigkeit der deutschen Sprache setzte sich gegen die Dominanz des Lateinischen durch, denn immer komplexere und auch bisher unbekannte Kommunikationsabläufe, die nicht mehr ausschließlich mündlich bewältigt werden konnten, betrafen in größerem Maße auch des Lateinischen Unkundige; so verbreitete sich im Spätmittelalter das Deutsche als Geschäfts-, Verwaltungs- und Rechtssprache, womit eine Veränderung der Kommunikationskultur der Gesellschaft besonders im schriftsprachlichen Bereich einherging18. In diesem Zusammenhang sei auch Oberste erwähnt, der von »Herrschaftssicherung« mit Hilfe kommunikativer Techniken spricht, da von einem Prozess der zunehmenden Verschriftlichung des administrativen Handelns, von neuen Techniken der Buchführung, Archivierung und Vernetzung von Schriftgut auszugehen ist19.

Soziopragmatische Analyseparameter

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Meier und Ziegler verweisen auf die erhebliche Bedeutung des Geltungsbereiches eines Textes innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft, wobei die funktionalen Geltungsbereiche in Öffentlichkeit, Kommunikations-, Handlungs- und Funktionsbereiche eingeteilt und als soziopragmatische Analyseparameter zusammengefasst werden können, die die Gestaltung eines Textes erheblich beeinflussen; außerdem müssen die konkreten Textproduktions- und Textrezeptionsbedingungen sowie das für die Kommunikationspraxis entscheidende Textwissen berücksichtigt werden20.

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Dabei werden die Parameter Öffentlichkeit und Handlungsbereiche oft zusammengefasst. Weil Textproduzenten und -rezipienten und ihr Verhältnis zueinander die konkrete kommunikative Situation wesentlich mitbestimmen, erschließt sich der Handlungsbereich auf der Textebene somit über eine Einordnung der Absender und Adressaten in bestimmte gesellschaftliche Bereiche und die damit zusammenhängenden sprachlichen Muster. Das Verhältnis der beteiligten Personen für die textuelle und sprachliche Ausgestaltung der Texte ist also besonders wichtig. Dabei werden auch die sozialen Rollen und somit die Verhaltenserwartungen berücksichtigt, die für die an der Kommunikation beteiligten Personen relevant sind. Hier ergeben sich Überschneidungen mit den Textproduktions- und Textrezeptionsbedingungen sowie dem Textwissen. Im Falle der Bautzener Verhörprotokolle handelt es sich um die Mitschrift der mündlichen Eingabe eines Angeklagten, der seine Aussage unter Zwang in einer offiziellen und äußerst spannungsgeladenen Situation vor einem Gericht machen musste und dessen Ausführungen von einem Schreiber notiert und daraufhin noch einmal überarbeitet wurden. Die Verhaltenserwartungen in dieser hierarchisch strukturierten Kommunikationssituation waren klar vorgegeben und spiegeln sich deutlich in der Sprache der verschriftlichten Protokolle wider. Auch die beiden anderen Gerichtsbücher sind offizieller Natur und halten sich stark an vorgegebene sprachliche Muster, die sich ebenfalls aus dem Handlungsbereich ergeben, in dem sich die Textproduzenten bewegten: Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten traten vor ein Gericht, um ihre administrativen und juristischen Angelegenheiten offiziell schriftlich festzuhalten.

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Unter den Begriff Kommunikationsbereiche fällt zum einen der soziale Raum mit seinen typischen Rollenmustern, zum anderen aber auch der geographische Raum, so dass sich eine städtische Kommunikationspraxis in eine innerstädtische und eine außerstädtische Kommunikation aufteilen lässt. Für die Bautzener Texte muss berücksichtigt werden, dass die an der Kommunikationssituation beteiligten Personen auch aus den umliegenden Dörfern kamen. Folglich können nähere Erkenntnisse über den wirtschaftlichen Raum und über den kommunikativen, rechtlichen und kulturellen Einfluss der Stadt gewonnen werden21.

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Als primärer Funktionsbereich kann bei den Bautzener Gerichtsbüchern die Dokumentation genannt werden, denn die Inhalte der Texte sollten aufgrund ihres juristischen Charakters bewahrt werden. Dass im Rahmen dieser Dokumentation, besonders bei den Verhörmitschriften, die Aussagen der Kommunikationsteilnehmer schriftsprachlich überformt wurden, hat beträchtliche Auswirkungen auf den Text, die bei einer Analyse unbedingt berücksichtigt werden müssen. Für die Aufzeichnungen in den beiden anderen Gerichtsbüchern lassen sich außerdem Beweisfunktion und auch Sicherungsfunktion nennen: Das Bestellen von Hypotheken, das Belasten und Veräußern von Grundstücken usw. erfolgt per formalisiertem Schriftakt.

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Eine weitaus ausführlichere Anwendung dieser hier nur grob umrissenen Analyseparameter auf die konkreten spätmittelalterlichen Texte aus Bautzen kann die sprachlichen Muster und Formen, die in ihnen verwendet werden, also ebenfalls beleuchten und erklären.

Zusammenfassende Schlussbetrachtung

<15>

Die Untersuchungen der drei Gerichtsbücher aus Bautzen zeigen, dass die historische Linguistik pragmatische und soziale Kommunikationsbedingungen als bestimmende Faktoren sprachlicher Muster erfassen und diese in eine möglichst eindeutige Wechselbeziehung mit den sprachlichen Formen einordnen sollte. Eine Analyse sprachlicher Musterbildungen in Texten ist also nur vor dem Hintergrund einer zuvor durchgeführten Analyse der soziopragmatischen Zusammenhänge sinnvoll22. Doch erlauben die kommunikativen Akte in den Gerichtsbüchern auch Rückschlüsse auf mittelalterliche Kommunikationsformen sowie den situativen Kontext und damit auf die Lebenswelt der Interaktionsteilnehmer. Gesellschafts- und handlungstheoretische Fragen werden aufgeworfen und sogar beantwortet: Wie funktioniert mittelalterliche Gerichtsbarkeit? Was ist so wichtig, dass es schriftlich dokumentiert werden muss? Was tut man, um die vermeintliche Wahrheit zu erfahren und wie wird diese dann schriftlich dokumentiert? Hier wird deutlich, wie Sprachgeschichte als zentraler Bestandteil von Sozialgeschichte die Gesellschaft mitbestimmt.

Autorin:

Christina Waldvogel, M.A.
Universität Leipzig
Althochdeutsches Wörterbuch, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
waldvogel@saw-leipzig.de

1 Vgl. für die folgenden Untersuchungen auch meinen kürzlich erschienenen Aufsatz zu den sprachlichen Formen in den Bautzener Gerichtsbüchern, der den Schwerpunkt jedoch auf die Historische Textlinguistik legt: Christina Waldvogel, Sprache vor Gericht. Mündlichkeit und Schriftlichkeit in drei spätmittelalterlichen Gerichtsbüchern aus Bautzen, in: Axel Satzger, Lenka Vaňková, Norbert Richard Wolf, Fachkommunikation im Wandel, Ostrava 2015, S. 79-89.

2 Vgl. für die folgenden Ausführungen Jörg Meier, Arne Ziegler, Städtische Kommunikation aus Sicht der historischen Linguistik, in: Jörg Oberste (Hg.), Kommunikation in mittelalterlichen Städten, Regensburg 2007, S. 119132, hier S. 127f.; sowie Jörg Meier, Städtische Kommunikation in der Frühen Neuzeit. Historische Soziopragmatik und Historische Textlinguistik, Frankfurt a.M. 2004, S. 22f.; sowie Arne Ziegler, Städtische Kommunikationspraxis im Spätmittelalter. Historische Soziopragmatik und Historische Textlinguistik, Berlin 2003, S. 31, 113.

3 Vgl. Jörg Meier, Kanzleisprachenforschung im Kontext historischer Stadtsprachenforschung und historischer Soziopragmatik, in: Albrecht Greule, Jörg Meier, Arne Ziegler (Hg.), Kanzleisprachenforschung. Ein internationales Handbuch. New York, Berlin 2012, S. 29–41, hier S. 34.

4 Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1, Frankfurt a.M. 1988, S. 376f.; vgl. auch Jörg Oberste, Einführung: Verdichtete Kommunikation und städtische Kultur, in: ders. (Hg.), Kommunikation in mittelalterlichen Städten, Regensburg 2007, S. 7–10, hier S. 8.

5 Vgl. Meier, Kanzleisprachenforschung (wie Anm. 2), S. 34.

6 Eide, Statuten und Prozesse. Ein Quellen- und Lesebuch zur Stadtgeschichte von Bautzen (14.–19. Jahrhundert), hg. von Gerd Schwerhoff, Marion Völker und der Stadt Bautzen. Bautzen 2002, S. 7.

7 Vgl. für die folgenden Ausführungen Meier, Ziegler, Städtische Kommunikation (wie Anm. 1), S. 123–127.; sowie Meier, Städtische Kommunikation (wie Anm. 1), S. 58f.

8 Vgl. für die folgenden Ausführungen Uta Nolting, Jch habe nein toueren gelernet. – Mindener Hexenverhörprotokolle von 1614. Zum Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Verhörmitschriften, in: Niederdeutsches Wort. Beiträge zur niederdeutschen Philologie 42 (2002), S. 55–116, hier S. 80.

9 Vgl. Jürgen Macha, Regionalität und Syntax: Redewiedergabe in frühneuhochdeutschen Verhörprotokollen, in: Ralf Berthele, Helen Christen, Sibylle Germann, Ingrid Hove (Hg.), Die deutsche Schriftsprache und die Regionen. Entstehungsgeschichtliche Fragen in neuer Sicht, Berlin, New York 2003, S. 181–202, hier S. 182.

10 Ibid.

11 Vgl. Nolting, Jch habe nein nein toueren gelernet (wie Anm. 7), S. 81.

12 Vgl. ibid.

13 Staatsarchiv Bautzen, Gerichtsbuch 1430–1479, Blatt 41a.

14 Ibid., Blatt 1a–1b.

15 Vgl. Peter Koch, Wulf Oesterreicher, Sprache der Nähe – Sprache der Distanz. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte, in: Romanistisches Jahrbuch 36 (1985), Berlin, New York, S. 15-43.

16 Vgl. ibid., S. 65.

17 Vgl. Wolfgang Raible, Kulturelle Perspektiven auf Schrift und Schreibprozesse – eine Einführung, in: ders. (Hg.), Kulturelle Perspektiven auf Schrift und Schreibprozesse. Elf Aufsätze zum Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Tübingen 1995, S. vii–xxii, hier S. ix.

18 Vgl. Meier, Ziegler, Städtische Kommunikation (wie Anm. 1), S. 123.

19 Oberste, Einführung: Verdichtete Kommunikation (wie Anm. 3), S. 9.

20 Vgl., auch für die folgenden Ausführungen, Meier, Ziegler, Städtische Kommunikation (wie Anm. 1), S. 128–132.

21 Für Bautzen muss außerdem berücksichtigt werden, dass in der zweisprachigen Stadt deutsche und sorbische Bürger miteinander gelebt haben. Allerdings lässt sich aufgrund einer ungünstigen Überlieferungslage nicht ermitteln, wie mit der sorbischen Bevölkerung vor Gericht umgegangen wurde. Eine eigene Gerichtsbarkeit scheint unwahrscheinlich, denn in einem jüngeren Buch finden sich explizite Hinweise auf sorbische Bürger, die vor das Stadtgericht traten („Der Windischen Annen Orfride“); auch slavische Namen deuten eventuell darauf hin. Möglicherweise vermittelte, wie im Sachsenspiegel gefordert, ein Dolmetscher bei Verhandlungen, in denen Sorben anwesend waren, die kein deutsch sprachen.

22 Vgl. Meier, Ziegler, Städtische Kommunikation (wie Anm. 1), S. 128f.

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Christina Waldvogel
»Item So Bekennit her...«
Drei spätmittelalterliche Gerichtsbücher aus Bautzen unter soziopragmatischer Betrachtung
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Historische Soziopragmatik Bautzen Verhörprotokolle Ostmitteldeutsch sociopragmatique historique procès-verbal d’interrogatoire moyen haut allemand oriental
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C. Waldvogel: »Item So Bekennit her...«
In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/waldvogel_gerichtsbuecher
Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:42
Zugriff vom: 19.09.2017 15:20
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