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    K. Tugend: Die kommunikative Konstruktion von emotionaler Nähe und räumlicher Distanz

    discussions 11 (2015)

    Katharina Tugend

    Die kommunikative Konstruktion von emotionaler Nähe und räumlicher Distanz

    Die Briefe von Margherita und Francesco di Marco Datini (1384–1410)

    Abstract:

    »Ich bin fest entschlossen, nicht nur nach Pisa zu gehen, sondern bis an das Ende der Welt, wenn es euch gefällt«, schrieb Margherita Datini (1360–1423) am 27. Februar 1385 an ihren Ehemann Francesco di Marco Datini (ca. 1335–1410), den berühmten Prateser Kaufmann. Viele Jahre verbrachte das Ehepaar getrennt – obwohl sie nur 20 km voneinander entfernt lebten. Jedoch schaffte es weder Francesco noch Margherita, die konstruierte räumliche Distanz zu dieser Zeit zu überwinden. Dieser Umstand führte dazu, dass sich einige Kommunikationsthemen zu Diskursen ausbildeten und ihre Beziehung sich in bestimmten sprachlichen Codes manifestierte. Dies rekurriert bereits auf die Grundthese des Beitrags, dass sich auch mittelalterliche Ehepaare durch eine bestimmte Form der Kommunikation und bestimmte sprachliche Codes als Paar konstruierten. Diese These wird anhand des Nähe-Distanz-Diskurses im vorliegenden Beitrag exemplifiziert.

    Résumé:

    »Je suis bien décidée, à aller non seulement à Pise, mais aussi jusqu’au bout du monde, si cela vous plaît«, écrivit Margherita Datini (1360–1423), le 27 février 1385, à son époux Francesco di Marco Datini (vers 1335–1410), le célèbre commerçant de Prato. Le couple vécut séparé plusieurs années – bien qu’ils ne vécussent qu’à 20 kilomètres l’un de l’autre. Cependant, à cette époque-là, ni Francesco, ni Margherita n’arrivèrent à surmonter la distance spatiale construite. Ces circonstances conduisirent au fait que plusieurs thèmes de communication se formèrent et leur relation s’exprima par certains codes linguistiques. La thèse de cet essai veut montrer que des époux médiévaux se sont construits en tant que couple au moyen d’une forme de communication et d’un code linguistique précis. Dans le présent article, elle sera illustrée à partir du discours proximité/distance.

    Einleitung1

    <1>

    »Ich bin fest entschlossen, nicht nur nach Pisa zu gehen, sondern bis an das Ende der Welt, wenn es euch gefällt«2, schrieb Margherita Datini (1360–1423) am 27. Februar 1385 an ihren Ehemann Francesco di Marco Datini (ca. 1335–1410). Dieser Satz spiegelt eines der zentralen Kommunikationsthemen und die besondere Situation des getrennt lebenden Ehepaares aus der Frührenaissance wider. Viele Jahre verbrachte die junge Ehefrau im heimatlichen Prato, während ihr Ehemann im nur 20 km entfernten Florenz arbeitete. Dieses Zitat greift nicht nur die Tatsache auf, dass Nähe hergestellt werden musste, und zwar unabhängig von möglichen Hürden, sondern auch, dass die Ehefrau dem Mann folgen wollte3. Zu dieser Zeit schaffte es jedoch weder Francesco noch Margherita, die konstruierte räumliche Distanz zu überwinden. Dieser Umstand führte dazu, dass sich einige Kommunikationsthemen zu einem Diskurs ausbildeten und ihre Beziehung sich in bestimmten sprachlichen Codes manifestierte. Dies rekurriert bereits auf die Grundthese, dass sich auch in der Zeit des Mittelalters Ehepaare durch eine bestimmte Form der Kommunikation als Paar konstruierten. Hierbei ist es interessant zu fragen, welche sprachlichen Codes – wie sie in der Systemtheorie von Niklas Luhmann beschrieben werden4 – es bei den Datinis gab und wie diese dazu beitrugen, dass die getrennt lebenden Eheleute sich immer noch als Ehepaar verstanden, diese Beziehung sprachlich immer wieder bestätigten und so auch erhalten konnten. Dies soll im Folgenden an dem in den ersten Trennungsjahren von 1384 bis 1386 entstandenen Nähe-Distanz-Diskurs exemplifiziert werden. Hierdurch soll herausgearbeitet werden, dass das konjugale Band auf der zwischenmenschlich-kommunikativen Ebene und nicht auf der juristischen geknüpft wurde und auch sprachlich erhalten werden musste. Durch diesen Zugang zu den Quellen kann die Abkehr von der bisher sehr stark rechtshistorischen Forschung, wie sie 2009 von Bernhard Jussen für die Erforschung von Ehe, Familie und Verwandtschaft gefordert wurde5, vollzogen werden. Das zentrale Anliegen dieses Beitrags wird es sein, anhand der Quellenbeispiele aufzuzeigen, welche Sprachcodes sich zwischen dem Paar entwickelten, wie diese Codes die emotionale Nähe und die räumliche Distanz sprachlich konstruierten und inwiefern sie zur Paarkonstruktion der Datinis beitrugen.

    <2>

    Im Folgenden sollen zunächst Margherita und Francesco di Marco Datini sowie die besonderen Umstände, welche zu diesem Briefwechsel führten, dargestellt werden. Daran anschließend werden Forschungsstand und Quellenlage skizziert, um in einem weiteren Schritt den Nähe-Distanz-Diskurs zu untersuchen.

    Das Ehepaar Datini

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    Francesco di Marco Datini wurde vermutlich 1335 als Sohn eines Schankwirts in Prato geboren. Er verwaiste durch die Pest 1348 noch im Jugendalter, unterstand dann zusammen mit seinem jüngeren Bruder Stefano dem gemeinsamen Vormund Piero di Giunta del Rosso – einem späteren Geschäftspartner des Kaufmanns – und wurde von einer Pflegemutter aufgenommen. Schon im Mai 1349 ging er nach Florenz, um dort eine Ausbildung zu beginnen. Kurz darauf siedelte er mit etwa 14 Jahren nach Avignon über, wo er zunächst seine Ausbildung fortsetzte, um dann selbst zu einem erfolgreichen Geschäftsmann zu avancieren. Als Kaufmann ist er durch seine umfangreichen Überlieferungen schon ab 1372 fassbar. Bereits ein Jahr später leitete er als selbstständiger Kaufmann seine eigene Firma6. Detailgetreu lassen sich anhand verschiedener Korrespondenzen mit Freunden und Geschäftspartnern sowie durch Handels- und Notizbücher die ökonomischen Aktivitäten des Pratesers nachzeichnen.

    <4>

    Mit etwa 35 Jahren war Datini ein unabhängiger und erfolgreicher Kaufmann, der das Leben in Avignon genoss. Hiervon zeugen zahlreiche Briefe aus den verschiedenen Privatkorrespondenzen. Francesco war »ein Mann, der alle Freuden des Leibes genossen hat«, wie ihn sein engster Freund und Notar Ser Lapo Mazzei einmal beschrieb7.

    <5>

    Neben zahlreichen geschäftlichen Themen zeugen einige Briefe zwischen seiner Pflegemutter und engen Freunden davon, dass ihm mit etwa 40 Jahren oftmals geraten wurde endlich eine Ehefrau zu suchen und legitime Nachkommen zu zeugen. So begleitete schon den Junggesellen die Problematik des fehlenden legitimen Erben. Sein Freund Nicolozzo schrieb einen eindringlichen Appell an Francesco: »Ich bitte Dich, suche Dir recht bald eine Frau, denn es ist höchste Zeit dafür, damit etwas von Dir weiterlebt auf dieser Welt und damit Du die Früchte Deiner Arbeit an Deine leiblichen und legitimen Erben weitergeben kannst«8.

    <6>

    Erst 1376 wählte er eine Ehefrau. Hierfür kehrte er nicht in seine Heimat zurück, sondern nahm die 16-jährige Florentinerin Margherita di Domenico Bandini, die mit ihrer Familie in Avignon lebte, zur Frau9. Margherita wurde vermutlich im Februar 1360 als jüngstes von insgesamt sechs Kindern von Domenico Bandini und Monna Dianora Gherardini geboren10. Ihre Eltern stammten aus bedeutenden florentinischen Familien. Ihre Mutter war sogar adliger Herkunft, jedoch ist über ihre Jugend beinahe nichts bekannt11.

    <7>

    Erst mit der Eheschließung 1376 wird sie historisch fassbarer, wird aber die ersten sieben Ehejahre nur vereinzelt in Briefen erwähnt, die Francesco seiner Pflegemutter oder Freunden schrieb. Da sie keine Mitgift mitbrachte, standen bei dieser Eheverabredung keine ökonomischen Kriterien im Vordergrund. Francesco heiratete, um endlich einen legitimen Nachkommen zu zeugen, daher lassen sich das geringe Alter Margheritas, ihre Schönheit und damit verbunden auch ein gesundes Aussehen, ihre gute Erziehung und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie aus einer kinderreichen Familie stammte, als mögliche Gründe für diese Eheschließung ermitteln12. Eine der Hauptaufgaben Margheritas in dieser Ehe war es also, einen männlichen Nachkommen zu gebären. Jedoch sollte sie diese Erwartung nie erfüllen können. In den sieben Jahren, die das Ehepaar in Avignon zusammenlebte, empfing Margherita nie ein Kind.

    <8>

    Im Winter 1382 brach das Ehepaar auf, um in die Heimat zurückzukehren. Im Januar 1383 kamen sie in Prato an. Dort wurde zunächst ein gemeinsamer Haushalt aufgebaut, bevor Francesco immer häufiger im 20 km entfernten Florenz blieb, um dort zu arbeiten. Letztendlich wurden die Haushalte 1386 auf Anweisung von Francesco für mehrere Jahre getrennt. Die räumliche Trennung sollte, trotz kurzer Momente des Wiedersehens, viele Jahre bestehen. Dieser Umstand erforderte detaillierte schriftliche Absprachen über die Haushaltsorganisation, welche die mündliche Kommunikation ersetzten. Dies war auch erforderlich, da Francesco immer an den Haushalt in Prato angeschlossen blieb und von dort Lebensmittel, Kleidung etc. erhielt. Durch ihre Briefe an ihren Ehemann gewinnt Margherita erst ab 1384 in der historischen Forschung stärker an Profil und zeigt einen starken wie auch eigensinnigen Charakter, wenn Themen besprochen werden, die über die Arbeitsorganisation hinausgehen13. Hierdurch wird es erst möglich, etwas über die kommunikative Konstruktion eines Ehepaares und dessen Sprachcodes zu erfahren, da das Paar einen gemeinsamen Nenner haben muss, der zum Verstehen des anderen notwendig ist. Dies wird durch Konflikte, aber auch durch die Thematisierung von Eheidealen sowie der Abweichung von diesen erreicht. Eine Normabweichung ist beispielsweise die Kinderlosigkeit des Ehepaares14. Diese begleitete das Ehepaar noch lange Zeit. Margherita sollte nie schwanger werden, aber sie nahm als Pflegemutter zahlreiche Kinder von Verwandten und Freunden auf. In den 1390er Jahren wohnte sogar die uneheliche Tochter ihres Ehemannes, Ginevra, bei ihr15.

    <9>

    Erst 1400 gab es durch eine pestbedingte Flucht ein längeres Zusammenleben der Eheleute in Bologna. Danach kehrte das Paar gemeinsam nach Prato zurück und die Momente der Trennung wurden seltener16. Nachdem Francesco 1410 ohne legitimen Erben verstorben war, spendete er sein gesamtes Vermögen den Bedürftigen seiner Heimatstadt und konnte so auch ohne Erben der Nachwelt etwas hinterlassen. Margherita folgte ihm 142317.

    Forschungsstand und Quellen

    <10>

    Die umfangreiche Literatur über Francesco als Kaufmann soll hier ausgeklammert bleiben. Dem gegenüber steht eine geringe Zahl an Werken, die sich mit dem Ehepaar Datini beschäftigen. Hier ist Iris Origo mit ihrem Buch »Im Namen Gottes und des Geschäfts«18 von 1957 zu nennen. Diese populärwissenschaftliche Darstellung ist das bisher einzige Werk, das sich gleichermaßen mit Datini als Kaufmann und auch als Privatmensch beschäftigt. Im zweiten Teil widmet sich die Autorin den Eheleuten und zieht immer wieder die Korrespondenz des Paares heran, jedoch nur um Fragen nach Haushalt, Familie und Freunden oder Alltäglichem wie Essen, Trinken und Arzneien zu beantworten. Das Zwischenmenschliche, die Kommunikation oder welches Selbstverständnis das Paar von sich hat, beleuchtet Origo nicht. Über dieses Werk hinaus sind noch einige Aufsätze erschienen, in denen das Werk Origos stets kritisch bewertet wird. Sie beschäftigen sich, wie z.B. Joseph P. Byrne und Eleanor A. Congdon, mit der Pflegemutterschaft Margheritas19. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Aufsätze von Carolyn James, die sich mit den Briefen Margheritas beschäftigt und die Dimension der Geschlechterdifferenz eröffnet. Sie untersucht dabei die Briefe unter der Fragestellung der Bildung von Frauen im Spätmittelalter und erwähnt den Ehemann nur am Rande, um Margherita als Kaufmannsfrau zu charakterisieren. Zudem ist James Mitherausgeberin und Übersetzerin der 2012 erschienenen englischen Edition der Briefe Margheritas20. Trotz der guten Zugänglichkeit21 und der Editionen hat sich die Forschung bisher nur marginal mit dem Ehepaar oder seiner Privatkorrespondenz beschäftigt22.

    <11>

    Als anregend für die anfangs skizzierte Fragestellung erweist sich die Studie von André Burguière, der schon 1987 Paarformationen im Allgemeinen untersuchte und entgegen der bisherigen rechtshistorischen und ökonomischen Forschungen das Paar nicht mehr nur als eine »unit of reproduction« versteht, sondern den Fokus auf »affection and solidarity« der Ehepartner legt23. Auch bei der Untersuchung des datinischen Ehepaares rücken solche Kategorien in den Mittelpunkt, da das Paar Zuneigung, Solidarität und auch das Bedürfnis nach Nähe kommuniziert und damit in einem Diskurs aufzeigt, dass diese Elemente auch zu einer Partnerschaft im 14. Jahrhundert gehörten und ein Paar ausmachten bzw. konstruierten. Die Themen emotionale Nähe und räumliche Distanz in einer spätmittelalterlichen Paarbeziehung sind noch nicht untersucht worden und werden auch von Burguière nicht beleuchtet.

    <12>

    In der Forschungsliteratur sind die Themen Ehe, Ehealltag, Familie und Haushalt unter vorwiegend juristischen, sozialhistorischen und ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert worden. Gleiches gilt für die umfangreiche Literatur, die sich explizit auf den toskanischen Raum bezieht. Hier ist Christiane Klapisch-Zuber zusammen mit David Herlihy zu nennen, welche den toskanischen Haushaltsverband besonders unter sozialgeschichtlichen und vereinzelt auch ökonomischen Fragestellungen untersucht haben24. Dabei interessierte besonders, welche Personen zum Haushalt und zur Familie gehörten. Auch hier werden die Datinis mit ihren Pflegekindern, Mägden, Freunden und Verwandten als Beispiel einige Male angeführt. Jedoch erfolgt keine Fokussierung auf das Ehepaar oder das konjugale Band, das die Grundlage für jene primäre soziale Verbindung bildet, die überhaupt erst nach spätmittelalterlichen Vorstellungen eine Familie entstehen lässt. Durch den neuen Blickwinkel, der sich von der rechtshistorischen Perspektive abwendet, kann durch eine mikrohistorische Untersuchung des Sonderfalls der Datini dazu beigetragen werden, erst die Familie, in einem zweiten Schritt das Verwandtschaftssystem und zuletzt vielleicht auch in einigen Teilen die toskanische Gesamtgesellschaft des späten 14. Jahrhunderts zu verstehen. Es wird implizit nach der Konstruktion von Familie, Verwandtschaft und Gesellschaft gefragt, aber basierend auf zwischenmenschlicher Kommunikation und sprachlichen Codes, die diese Kommunikation strukturieren, und nicht auf juristischen Verträgen oder biologischen Kriterien25.

    <13>

    Diese Vorgehensweise wird erst durch den einmaligen Archivbestand ermöglicht, der durch die testamentarische Verfügung Francesco di Marco Datinis geschaffen wurde. Das Archiv im italienischen Prato bewahrt 11.000 Privatbriefe auf, die der Kaufmann geschrieben oder empfangen hat. Für die hier skizzierten Fragen kann auf 182 erhaltene Briefe, die Francesco seiner Ehefrau, und auf 251 Briefe, die Margherita ihrem Ehemann schrieb, zurückgegriffen werden. Die Korrespondenz erstreckt sich über 26 Jahre mit einigen Phasen, in denen sehr intensiv kommuniziert wurde. Dies bedeutet, dass unter Umständen mehrmals täglich Briefe ausgetauscht wurden und eine besondere Kommunikationsdichte entstand, die beinahe an ein Gespräch heranreichte26.

    <14>

    Die Briefe des Ehepaars Datini enthalten zwar private Themen, jedoch ist »Privatheit« unter Einbezug des gesamten Haushalts zu verstehen. Das ›Kommunikationssetting‹ des Paares schließt einen Schreiber oder Notar sowie einen Boten mit ein, deren Anwesenheit in den Briefen diskutiert und somit von den Kommunizierenden bei bestimmten Diskursen mitgedacht wird. Hinzu kommen Personen des Haushalts, deren Anwesenheit nicht dokumentiert aber möglich ist. Auch in Gegenwart dieser Akteursgruppen konstruieren sich die Datinis als Paar, wodurch die Anwesenden von außen Einfluss auf die Kommunikation des Paares nehmen. Erfasst werden kann diese Ebene anhand der Quellen aber nicht. Neben dieser Öffentlichkeit des privaten Raumes gibt es auch Akteure außerhalb des eigenen Hauses, die thematisiert werden. Margherita schreibt, dass die Bürger sich über das getrennt lebende Ehepaar »den Mund zerreißen«27. Diese Ebenen können zwar nicht erfasst werden, müssen aber bei der Analyse der Quellen mitgedacht werden, da dieses ›Kommunikationssetting‹ erheblichen Einfluss auf die sprachlichen Codes hat, über die sich das Paar konstruiert.

    <15>

    Der methodische Zugang zu den Quellen wird insbesondere durch eine historische Diskursanalyse geschaffen, wie sie von Achim Landwehr28 beschrieben wurde. Diese erfolgt unter Berücksichtigung systemtheoretischer Ansätze, welche einzelne Elemente der Kommunikation öffnet. Dabei können sich einzelne Diskurse, die auch von der zeitgenössischen Literatur eines Dante, Boccaccio oder Petrarca beeinflusst wurden, bis hin zur Toposbildung steigern und teilweise einzelne Literaturmotive widerspiegeln29. Die Beeinflussung der Kommunikation durch Literaturmotive wird in diesem Beitrag ausgeklammert. Die historische Diskursanalyse erfolgt unter dem Ansatz, dass Beziehungen stets aus Kommunikation bestehen bzw. nach Luhmann als Kommunikationssystem verstanden werden können. Luhmann definiert Liebe als Kommunikationsmedium und beschreibt die sprachlichen Strukturen zwischenmenschlicher Kommunikation30. Zu ergänzende Elemente, die sich in der Kommunikation finden und sich gegebenenfalls als stereotype Diskurse der Paarkonstruktion ermitteln lassen, sind zum Beispiel die Zuneigungsbekundungen oder auch Streitigkeiten des Alltags. Ein starker Diskurs findet aber durchweg zur Trennung der beiden und zu der Tatsache statt, dass Nähe ein zentrales Bedürfnis innerhalb einer Ehe darstellt und diese Nähe Teil eines Paars sein sollte.

    Der Nähe-Distanz-Diskurs

    <16>

    Dieser Nähe-Distanz-Diskurs dominiert – neben den zahlreichen Haushaltsanweisungen – in den ersten Jahren, als Margherita sich noch nicht mit der ehelichen Lebenssituation des Getrenntseins abgefunden hat, die Briefe des Paares. Dass die Datinis ihre besondere Situation der räumlichen Trennung reflektieren und in Frage stellen, steht der sprachlichen Konstruktion emotionaler Nähe mit Hilfe von sprachlichen Codes gegenüber, die sich in Phrasen und Topoi manifestieren. Jedoch sind diese beiden Aspekte der datinischen Beziehung miteinander verwoben und bilden einen Diskurs, der das Paar immer wieder als solches herausstellt31.

    <17>

    Die Konstruktion von Nähe und Distanz schlägt sich in den ersten Briefen – wegen der neuen Lebenssituation durch die räumliche Trennung und des Versuchs, diese zu strukturieren bzw. ihr entgegenzuwirken – besonders nieder, weshalb hier ein Untersuchungszeitraum von 1384 bis 1386 gewählt wurde. Margherita selbst thematisiert die räumliche Distanz und stellt die Entfernung sowie deren Unüberwindbarkeit in Frage. Meist befand sie sich in Prato und Francesco im nur 20 km entfernten Florenz – zu Fuß eine Strecke von etwa vier Stunden. Doch gibt es gerade in den 1380er Jahren nur vertröstende Worte des Kaufmanns, der seine Arbeit nicht unterbrechen kann, um die vermeintlich lange Reise anzutreten. Auch Margherita überwindet die Distanz nicht, obwohl – wie im hier einleitenden Zitat zu lesen ist – sie für ihn bis an das Ende der Welt gehen würde32. Hält man sich die Distanz vor Augen, so zeigt sich, dass deren Unüberwindbarkeit zunächst ein kommunikatives Konstrukt ist, bis hin zur Toposbildung. Von dem Paar wird die räumliche Distanz als Tatsache akzeptiert und zur Wahrheit innerhalb ihrer eigenen Wahrnehmung. Margherita selbst reflektiert den Umstand der vermeintlich unüberwindbaren Distanz zwischen Prato und Florenz beziehungsweise Pisa in ihrem ersten erhalten gebliebenen Brief vom 23. Januar 1384, wenn sie schreibt: »Ich wäre überrascht, wenn [Pisa] mehr als eine Tagesreise von hier entfernt ist«33.

    <18>

    Das Paar entwickelt innerhalb der Korrespondenz Strategien, um mit der besonderen Situation umzugehen, indem der Wunsch nach einem Zusammenleben, die Sorge um den anderen oder ähnliche Formulierungen, die zwischenmenschliche Nähe suggerieren, immer wieder aufgegriffen und wiederholt werden. So begreift sich das Paar in seiner Korrespondenz trotz der Fernbeziehung immer noch als miteinander verbundene Eheleute. Um auf diesem Wege das konjugale Band zu knüpfen und aufrechtzuerhalten, steht ihnen nur das Medium Brief und die darin enthaltenen sprachlichen Codes zur Verfügung. So schrieb Francesco am 23. Februar 1385 in seinem ersten erhalten gebliebenen Brief auf einer Geschäftsreise aus Florenz nach Prato: »Und alles in allem scheint es mir das Beste zu sein, wenn wir alle hier zusammen sind und nicht der eine hier und der andere dort: An beiden Orten zahlen wir, und mir würde es schlecht gehen und dir da drüben nicht besser«34.

    <19>

    Diese Textstelle zeigt, dass die Trennung vom Ehepartner als negativ angesehen wird. Jedoch scheint bei diesem ersten Beispiel noch der ökonomische Gedanke des Kaufmanns mit hineinzuspielen, da die aktuelle Situation doppelte Kosten verursacht. Dabei hat Francesco eine von der Sichtweise seiner Ehefrau klar zu differenzierende Perspektive, die wesentlich rationaler erscheint. Die Perspektive Margheritas zeichnet sich besonders in den ersten Jahren der Korrespondenz durch ihre Emotionalität aus. Dadurch rückt der Wunsch Francescos nach einem gemeinsamen Haushalt noch deutlich vor das Zusammensein mit Margherita. Zudem entstehen diese Zeilen zu einem Zeitpunkt, als noch nicht festgelegt war, dass die beiden dauerhaft getrennt leben würden. Da Francesco sich zudem auf »alle« bezieht, ist davon auszugehen, dass er seine gesamte Haushaltsfamilie meint. Der Kaufmann äußert folglich das Bedürfnis nach Nähe anders als seine Ehefrau. Er, der sonst den Genüssen des Lebens zugeneigt war, wählt jedoch andere Worte, die den Wunsch nach der Nähe Margheritas stärker hervorheben und eine persönlich Ebene enthalten: »Ich esse nicht, was mir schmeckt, nicht so, wie ich es mag, und die Schüsseln sind nicht schön. Wärst du doch bloß hier, so würde ich mich schon besser fühlen: Möge es bald sein, wenn Gott es gefällt«35.

    <20>

    Das »Leben an einem Ort« und das damit einhergehende »Wohlbefinden« werden zu Codes, die perpetuiert werden und die emotionale Nähe sprachlich konstruieren. Dabei rekurriert der Ehemann auf Topoi, die er und seine Frau bereits zuvor in die Korrespondenz hatten einfließen lassen. Die Appetitlosigkeit ist ein literarischer Topos, der stets in Zusammenhang mit einer unglücklichen Paarbeziehung steht, und stellt hier ebenfalls einen verwendeten Code dar36. Gewiss zeigt dieser Topos auch, dass die zwischenmenschliche Beziehung auch schon im Spätmittelalter eine hohe Bedeutung für das Wohlbefinden eines Paares hat, und zudem trägt Francesco damit zu der Konstruktion seiner Rolle als liebender Ehemann bei – insbesondere gegenüber seiner Adressatin. Was Francesco jedoch wirklich denkt und fühlt, bleibt verborgen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass über die Kommunikation auch Erwartungshaltungen artikuliert werden, die an das eigene und das Rollenbild, von dem man glaubt, dass es andere Familienmitglieder, Freunde oder die Gesellschaft von einem haben könnten, gerichtet sind. Hierzu werden literarisch bekannte Motive und Topoi, die bereits für die Erwartungshaltung vorkonnotiert bzw. vorcodiert und inhaltlich aufgeladen sind, aufgegriffen und reproduziert, wie etwa die Appetitlosigkeit. Ob Francesco wirklich darunter litt, ist jedoch unbekannt.

    Fazit

    <21>

    Ein Ehepaar, das sich nicht durch einen gemeinsamen Haushalt, ein geteiltes Bett oder das gemeinsame Auftreten vor anderen als Ehepaar konstruieren kann, muss neue Strategien entwickeln, um sich der Beziehung zu vergewissern oder die profanen Dinge des Alltags zu besprechen. Margherita und Francesco di Marco Datini führen ihre ehelichen Gespräche durch die besondere Situation einer mittelalterlichen Fernbeziehung auf dem Papier. Die Diskurse und sprachlichen Codes, die auch teilweise durch das Paar selbst geschaffen werden, wie an dem Beispiel der konstruierten räumlichen Distanz zu sehen ist, ermöglichen eine Verständigung trotz der besonderen Situation. Durch diese Codes wird auch eine Grenze gezogen, die markiert, welche Dinge sagbar sind und welche nicht. Dies wird beispielsweise deutlich, wenn Margherita eine solche Grenze überschreitet und ein Ehekonflikt folgt37.

    <22>

    Das Paar muss sich über die Briefkommunikation als Ehemann und Ehefrau inszenieren und konstruieren und die fehlende Nähe kommunizieren, die sich durch die Abwesenheit des Ehepartners ergibt. Zudem versichern sich beide gegenseitig, dass sie einander vermissen, um die Paarbindung so über ihre Kommunikation aufrechtzuerhalten. Solche Sätze scheinen nicht nur Phrasen zu sein, sondern sind Teil eines Diskurses, der thematisiert, dass man zu dem jeweils anderen gehört – ein Aspekt mittelalterlicher Paarbindung, der bisher durch die rechtshistorische Perspektive in der Forschung nicht erfasst werden konnte. Dabei gilt die Ausgangsthese, dass das konjugale Band, das zwischen den Brautleuten durch den rechtlichen Akt der Eheschließung geknüpft wird, ebenso durch einen sprachlichen Austausch zu Themen der Beziehung entsteht sowie durch die sprachlichen Codes gefestigt wird. Hierzu gehören Beziehungsprobleme wie die alltägliche Gestaltung des gemeinsamen Haushalts oder Zuneigungsbekundungen. Da es sich bei diesem kommunikativ geschlossenen Band um das ›eheimmanente‹, an Emotionen und Ehealltag gekoppelte Band handelt, ist es mindestens ebenso von Bedeutung, wenn nicht sogar bedeutender als die juristische Verbindung. Eine mikro- und sozialhistorische Untersuchung der Briefe kann signifikante Kommunikationsformen – also die sprachlichen Codes – des Paares sichtbar machen und dazu beitragen, dass das europäische, gattenzentrierte Familien- und Verwandtschaftssystem, wie es Mitterauer beschrieben hat, unter einem vollkommen anderen Blickwinkel und in Abgrenzung zu den bisherigen rechtshistorischen Fragestellungen betrachtet werden kann38.

    <23>

    Zudem muss die räumliche Distanz als unüberwindbar konstruiert werden, damit innerhalb der Partnerschaft begründet werden kann, weshalb kein Zusammenleben besteht. Ohne diese Konstruktion und die fortwährende Entschuldigung Francescos, dass er seine Arbeit nur in Florenz leisten könne39, käme die Frage auf, weshalb das Ehepaar diese Distanz nicht bewältigt. Dies könnte Zweifel an dem konjugalen Band und damit auch an der gesamten datinischen Familie aufkommen lassen. Dies galt es jedoch zu vermeiden und die Paarbindung kommunikativ aufrechtzuerhalten.

    Autorin:

    Katharina Tugend M.A.
    Historisches Institut Abteilung für Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit
    Universität Duisburg Essen
    katharina.tugend@uni-due.de

    1 Der Aufsatz basiert auf dem Dissertationsprojekt »Die kommunikative Konstruktion eines Ehepaares: Die Briefe von Margherita und Francesco di Marco Datini (13841410)«, welches zurzeit am Lehrstuhl von Benjamin Scheller an der Universität Duisburg-Essen entsteht.

    2 Valeria Rosati (Hg.), Le lettere di Margherita Datini a Francesco di Marco (13841410), Prato 1977, S. 15: »Io sono diliberata al tutto di veniere, nonché a Pisa, ma in chapo dello mondo quando voi vi chontentasse«.

    3 Ob diese Aussage dem Selbstverständnis Margheritas tatsächlich entsprach, ist unklar. Es finden sich ebenso Textstellen, in denen sie sich gegen ihren Mann stellt. Hierauf wird an späterer Stelle noch eingegangen.

    4 Niklas Luhmann, Liebe: Eine Übung. Frankfurt a.M. 2008.

    5 Bernhard Jussen, Perspektiven der Verwandtschaftsforschung fünfundzwanzig Jahre nach Jack Goodys »Entwicklung von Ehe und Familie in Europa«, in: Karl-Heinz Spieß (Hg.), Die Familie in der Gesellschaft des Mittelalters. Ostfildern 2009 (Vorträge und Forschungen, 71), S. 275–324.

    6 Bruno Dini, Datini, Francesco di Marco, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 3, Stuttgart 1999, Sp. 580582; Iris Origo, Im Namen Gottes und des Geschäfts. Lebensbild eines toskanischen Kaufmanns der Frührenaissance. Francesco di Marco Datini 13351410, München 1985, S. 710, 2027; Carolyn James, Antonio Pagliaro (Hg.), Margherita Datini, Letters to Francesco Datini, Toronto 2012, S. 4; Joseph P. Byrne, Francesco Datini, »father of many«: Piety, charity and patronage in early modern Tuscany, Diss. Univ. Ann Arbor (1989), S. 13.

    7 Origo, Im Namen Gottes (wie Anm. 6), S. 34f.

    8 Ibid., S. 35f.

    9 Ibid., S. 37f., 143.

    10 Diese Jahreszahl wird allein dadurch gestützt, dass Margheritas Vater 1360 hingerichtet wird und Francesco ihr in seinem Brief vom 23. Februar 1384 dazu gratuliert, dass sie nun eine Frau und kein Mädchen mehr sei, vgl. hierzu: Elena Cecchi, Franco Cardini (Hg.), Le lettere di Francesco Datini alla moglie Margherita (13851410), Prato 1990, S. 34: »[…] or fa d’essere donna e non pùe fanciulla, tosto entri in 25 anni!«

    11 James, Pagliaro, Margherita Datini (wie Anm. 6), S. 3f. 1360 gab es in Florenz politische Konflikte auf kommunaler Ebene. Domenico Bandini gehörte zusammen mit Verwandten seiner Frau zur Opposition, welche versuchte, das republikanische Regime zu stürzen. Bandini wurde vermutlich kurz nach der Geburt seiner jüngsten Tochter hingerichtet. Seine Frau und andere Anhänger der Opposition, die zu dieser Familie gehörten, wurden ins Exil geschickt. Wann sie mit ihrer Familie von Florenz nach Avignon ging, ist unklar; gesichert ist hingegen, dass es sich um eine Flucht aus politischen Gründen handelte.

    12 Origo, Im Namen Gottes (wie Anm. 6), S. 37f., 143.

    13 Ibid., S. 143.

    14 Ibid.,S. 144f. Diese Normabweichung lässt sich ebenso in der Korrespondenz mit Freunden und Verwandten ausmachen. Es gab Ratschläge, wie beispielsweise von der Pflegemutter Francescos, die ihren Zögling stets zur Rückkehr bewegen wollte und auch anführte, dass sich die gute Luft der Toskana positiv auf die Empfängnisbereitschaft Margheritas auswirken würde. Dies zeugt davon, welcher Stellenwert einer Empfängnis zugemessen wurde, da sich weitere Akteure an diesem Diskurs beteiligen und versuchten, auf das Ehepaar einzuwirken.

    15 Auf die Kinderlosigkeit wird immer wieder in der Forschungsliteratur verwiesen. Die Pflegemutterschaft wird jedoch nur einmal ausführlich behandelt bei: Joseph P. Byrne, Eleanor A. Congdon, Mothering in the Casa Datini, in: Journal of Medieval History 25 (1999), S. 35–56.

    16 Es scheint, wie Origo in ihrem romanhaften Werk spekuliert, als würde Margheritas Wunsch nach einem gemeinsamen Haushalt nun entsprochen werden. Dementsprechend gibt es aus dieser Zeit weniger Briefe. Diese zeugen aber von einer veränderten Beziehung zwischen dem Ehepaar. Die Sorge Margheritas um ihren hart arbeitenden Ehemann und seine Gesundheit ist ungebrochen, aber emotionale Ausbrüche und hitzige Diskussionen bleiben aus. Neben den Briefen vgl. auch Origo, Im Namen Gottes (wie Anm. 6), S. 299302.

    17 Ibid., S. 7f.; Byrne, Francesco Datini (wie Anm. 6), S. 13.

    18 Ibid.,S. 8f.

    19 Byrne, Congdon, Mothering (wie Anm. 15), S. 35–56; Byrne, Francesco Datini (wie Anm. 6), S. 1–3.

    20 Carolyn James, A Woman’s Work in a Man’s World. The Letters of Margherita Datini (1384–1410), in: Giampiero Nigro (Hg.), Francesco di Marco Datini. The Man, the Merchant, Firenze 2008 (Fondazione Istituto Internazionale di Storia Economica »F. Datini«, 9), S. 53–72. Dieser Aufsatz ist in unterschiedlichen Sammelwerken erschienen und auch ins Italienische übersetzt worden, vgl. Carolyn James, Antonio Pagliaro (Hg.), Margherita Datini, Letters to Francesco Datini, Toronto 2012.

    21 Das Archivio di Stato di Prato hat eine Internetpräsenz, welche ausschließlich Datini gewidmet ist und es ermöglicht, zumindest die Briefe des Paares auch online als Scan der Originaldokumente einzusehen: http://datini.archiviodistato.prato.it.

    22 Die verschiedenen Beiträge über das Ehepaar oder Margherita haben dieses Forschungsdesiderat deutlich gemacht. Die geplante Dissertation (s. Anm. 1) wird versuchen, einen Beitrag zu leisten.

    23 André Burguière, The Formation of the Couple, in: Journal of Family History 12 (1987), S. 3953.

    24 Eine Auswahl findet sich bei Christiane Klapisch-Zuber, Parenti, amici e vinci. Il territorio urbano d’una famiglia mercantile nel XV secolo, in: Quaderini Storici 11 (1976), S. 953–982; dies., Women and the Family, in: Medieval Callings 8 (1996), S. 285–311. Christiane Klapisch-Zuber, »Kin, Friends, and Neighbors«: The Urban Territory of a Merchant Family in 1400, in: Paula Findlen, Duane Jeffrey Osheim (Hg.), The Italian Renaissance. The essential readings. Madden (Mass.) 2002, S. 97–123; David Herlihy, Family, in: The American Historical Review 96 (1991), S. 1–16; ders., The Making of the Medieval Family: Symmetry, Structure, and Sentiment, in: Caril Leigh Neel (Hg.), Medieval Families. Perspectives on Marriage, Household, and Children, Toronto 2004, S. 192213.

    25 Jussen, Perspektiven (wie Anm. 5), S. 275–324.

    26 Cecchi, Cardini, Le lettere di Francesco (wie Anm. 10), S. 15–24. Hier ist eine tabellarische Aufzeichnung enthalten. Diese erklärt auch, weshalb in der italienischen Edition von Margheritas Briefen 242 Briefe enthalten sind, in der englischen Edition jedoch 251. Diese Briefe wurden bei einer Inventur Ende der 1980er Jahre gefunden und mit aufgenommen, vgl. auch Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2); James, Pagliaro, Margherita Datini (wie Anm. 6).

    27 Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2), S. 12: »Io sì sono piò motegata que se fose la dona novela e mi dicono chose que se fose una dona novela manchua alcuna chosa: se d’io sto trista, dichono qu’io fo per galosia; si d’io lieta, dichono que sono sanari di Frangesco Marcho; eli mi dichono tante frascue di qustàe que se voi fose uno fanquulo bastarebe; in questa chasa non si fama motegare di me e di voi«.

    28 Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt a.M. 2008.

    29 Dieser Aspekt der Diskursbildung muss zukünftig noch genauer untersucht werden, um einzelne sprachliche Elemente differenziert beurteilen zu können. Die wichtigsten Werke scheinen hierbei folgende zu sein: Dante Alighieri, La Divina Commedia, Mailand 2012, Band 1–4, mit Kommentar von Anna Maria Chiavacci Leonardi; Giovanni Boccaccio, Decamerone, Mailand 2013; Francesco Petrarca, Canzoniere, Mailand 2012.

    30 Luhmann, Liebe (wie Anm. 4), S. 12–22. Für das vorliegende Quellenbeispiel soll allerdings nicht der Begriff »Liebe« verwendet werden, da er im Kontext der Briefe missverständlich sein könnte. Es muss erst geklärt werden, inwieweit solche semantisch aufgeladenen Worte heute noch verwendet werden können, um eine Ehe des Spätmittelalters zu untersuchen und zu beschreiben. Ob in diesem Dissertationsprojekt letztendlich auch Fragen der historischen Semantik nachgegangen werden kann oder soll, ist noch nicht geklärt. Es lässt sich zumindest festhalten, dass es sich anbot, nicht von »Liebe«, sondern von »Zuneigung« zu sprechen, die zwischen Francesco und Margherita durchaus bestand und als solche auch kommuniziert wurde.

    31 Vgl. Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2), S. 15, 26; Cecchi, Cardini, Le lettere di Francesco (wie Anm. 10), S. 31, 33, 44. Dabei kann deutlich von dem Thema An- und Abwesenheit im Haushalt abgegrenzt werden, differenziert doch hier das Paar selbst ganz deutlich. Das Ehepaar benennt die Themen An- und Abwesenheit direkt. Es finden sich auf beiden Seiten Briefpassagen, in denen erwähnt wird, dass der eine abwesend ist bzw. seine Anwesenheit gewünscht wird, die sich dann wieder positiv auf den Einzelnen auswirken würde. Hier wird die nicht explizit genannte Ebene der emotionalen Nähe mittransportiert.

    32 Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2), S. 15: »Io sono diliberata al tutto di veniere, nonché a Pisa, ma in chapo dello mondo quando voi vi chontentasse«. Dieses starke Bild entstammte vermutlich auch der zeitgenössischen Literatur, dies gilt es jedoch noch genauer zu untersuchen.

    33 Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2), S. 12: »mi pare esere sì pocho chamino que mi direbe el cuore se sevi e un dì«. Oftmals wird diese Situation der Trennung ad absurdum geführt, wenn Boten mehrere Briefe an einem Tag zu dem jeweils anderen bringen. Dies schafft eine Kommunikationsintensität, die an die moderne E-Mail-Kommunikation heranreicht, aber noch nicht die Dichte eines persönlichen Gespräches aufweist, jedoch die vermeintliche Entfernung erneut relativiert.

    34 Übersetzung in Anlehnung an Origo, Im Namen Gottes (wie Anm. 6), S. 146; Cecchi, Cardini, Le lettere di Francesco (wie Anm. 10), S. 31: »E pertanto a me par eil meglo ch noi siamo qua tutti insieme che stare l’uno qua e l’altro chostà: in ongni luogho ispendiamo, e io istarei male qua e tue non bene chostà«.

    35 Cecchi, Cardini, Le lettere di Francesco (wie Anm. 10), S. 32: »Se voi non ci siete tosto, no mangio chosa che mi mi piace, e non sono le chose a mio modo e lle schodelle non belle. Se foste qua pure istarei tropo meglo: sarà tosto, se piace a Dio«.

    36 Der Ursprung dieses literarischen Motivs wird in der Antike verortet – genauer in der »Ilias« Homers, in welcher der unglücklich verliebte Achill darunter leidet, vgl. hierzu Herwig Görgemanns, Philologos Kosmos: Kleine Schriften zur antiken Literatur, Naturwissenschaft, Philosophie und Religion, Tübingen 2013, S. 112.

    37 So schrieb sie ihrem Ehemann am 23. Januar 1385, nachdem dieser sie in seinem vorherigen Brief gefragt hatte, ob sie ihr Schreiben selbst verfasst hätte: »Ihr müsst mich für noch geringer achten, als ich es geglaubt habe. […] Francesco, ich weiß, dass ich Euch offen geschrieben und mir Euch gegenüber zu viel herausgenommen habe, als ich euch die Wahrheit sagte. Wäre ich Euch zur Seite gewesen, hätte ich den Mund nicht so weit aufgemacht. […] Trotzdem bleibe ich dabei, Euch die Wahrheit zu sagen, soweit ich sie kenne «. Übersetzung in Anlehnung an Origo, Im Namen Gottes (wie Anm. 6), S. 147f.; Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2), S. 26: »[V]oi mi tenete un da pocho, ch’io non chredea [...]. Francescho, io chonoscho ch’io v’ò scritto troppo largho e ò mostrata troppa signoria in chontra voi di dirivi il vero; se vi fosse a lato are’ favelato cholla bocha più picholina. [...] Io sono pur senpre per dirvi il vero in quanto io chonoscerò «. Beinahe beiläufig lässt sie noch zum Schluss ihrer Rechtfertigung einfließen: »Ich habe doch ein wenig Blut der Gherardini, auch wenn ich mich dessen nur wenig rühme; aber ich weiß nicht, von was Euer Blut ist«. Übersetzung in Anlehnung an Origo, Im Namen Gottes (wie Anm. 6), S. 147f.; Rosati, Le lettere di Margherita (wie Anm. 2), S. 26: » [I]’ò pure un pocho del sanghue de’ Gherardini, che me ne pregio assai di meno; ma io non so chonoscere il sanghue vostro!«

    38 Michael Mitterauer, Andreas Gestrich Krause (Hg.), Geschichte der Familie, mit 17 Tabellen, Stuttgart 2003 (Europäische Kulturgeschichte, 1), S. 160–162; Jussen, Perspektiven (wie Anm. 5), S. 277–278.

    39 Cecchi, Cardini, Le lettere di Francesco (wie Anm. 10), S. 31: »Io non vegio modo a volere fare bene ch’a me non chonvengha istare que 3 mesi o pùe, e parmi sarà il meglo di tutti«.



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    PSJ Metadata
    Katharina Tugend
    Die kommunikative Konstruktion von emotionaler Nähe und räumlicher Distanz
    Die Briefe von Margherita und Francesco di Marco Datini (1384–1410)
    de
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Sprache, Sozial- und Kulturgeschichte
    14. Jh., 15. Jh.
    Datini Ehe Kommunikation Briefe Gender Datini mariage communication lettres genre
    1384-1410
    Bandini, Margherita (134247485), Datini, Francesco (118761145), Briefwechsel (300732465), Normativität (4790832-4)
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    K. Tugend: Die kommunikative Konstruktion von emotionaler Nähe und räumlicher Distanz
    In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/tugend_konstruktion
    Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:41
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:18
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