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    R. Lützelschwab: Formen mittelalterlicher Kommunikation

    discussions 11 (2015)

    Ralf Lützelschwab

    Formen mittelalterlicher Kommunikation

    Einführung

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    Eine verbindliche Definition dessen, was unter der Begrifflichkeit »Kommunikation im Mittelalter« zu verstehen ist, existiert nicht. Hinter dem schlicht anmutenden Oberbegriff »Kommunikation« verbirgt sich in Wahrheit eine Vielzahl unterschiedlicher Verständigungs- und Ausdrucksformen. Theorie und Praxis präsentieren sich ausgesprochen vielschichtig: Vereinfachungen verbieten sich deshalb von selbst. Die breitestmögliche Definition hebt auf das Moment der Verbindung von Menschen untereinander ab: dann wird aber jede menschliche Interaktion zur Kommunikation. Engere Definitionen beschränken sich auf Aspekte des Informationsaustauschs mittels Sprache – und hier ist es gleichgültig, ob sich Sprache in mündlicher oder schriftlicher Form präsentiert1.

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    Die mediävistische Kommunikationsforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl von Aspekten behandelt, die definitorische Annäherungen an den Problemkomplex erlauben. Auch wenn die Beschäftigung mit Kommunikation ein – wie es Marco Mostert in seiner neuen, nahezu 7.000 Titel umfassenden thematischen Bibliographie ausdrückt – »relatively late arrival in medieval studies«, also ein Spätzünder ist2, so hat sich dieser Spätzünder doch schnell zu ›everybody’s darling‹ innerhalb der Mediävistik entwickelt. Für Deutschland ist zu betonen, dass diese Verspätung durch massive institutionalisierte Forschung im Rahmen von Sonderforschungsbereichen wie denjenigen in Münster3 und Freiburg4 mehr als wettgemacht werden konnte. Man beschäftigte sich in Münster und Freiburg jedoch nicht allein mit dem unmittelbaren Kommunikationsakt: auch der spezifische Kommunikationskontext fand angemessene Berücksichtigung. Oliver Daldrup ist sicherlich zuzustimmen, wenn er schlussfolgert: »Um als Historiker sinnvoll über Kommunikation sprechen zu können, ist es unabdingbar, sich über die jeweiligen Bedingungen zu verständigen, unter denen sie zustande kommt. Denn Kommunikation selbst konkretisiert sich immer in der Praxis, was bedeutet, dass kommunikative Akte in hohem Maße situationsgebunden sind und überhaupt nur in den Handlungskontexten, in denen sie sich ereignen, verständlich werden«5. Kommunikation ist ohne Öffentlichkeit nicht denkbar – egal ob in einer lediglich aus zwei Beteiligten bestehenden Minimalform oder in größerem Rahmen6.

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    Kommunikation wirkt sinnstiftend und ordnend – egal, ob in mündlicher oder schriftlicher Form – und dient der Verständigung zwischen Gruppen und Personen. Kommunikation ist – so Niklas Luhmann – diejenige Operation, die soziale Systeme erzeugt und erhält7. Rund 50 unterschiedliche Arten der Kommunikationen zwischen Individuen sind bisher von den verschiedenen Disziplinen beschrieben worden. Dies zeigt, wie interdisziplinär Forschungen auf diesem Gebiet angelegt sein müssen8.

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    Es ist kein Geheimnis, dass die von Claude Shannon Ende der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelte Theorie, in der u.a. die Begrifflichkeiten von Sender, Informationskanal und Empfänger sich als außerordentlich fruchtbar für weitere theoretische Überlegungen in den Kulturwissenschaften erweisen sollten, eine gewichtige Fehlstelle aufwies: der Inhalt der zwischen Sender und Empfänger ausgetauschten Nachricht spielte in diesem Modell eine ganz und gar untergeordnete Rolle9.

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    Mit dieser Fehlstelle – dem Inhalt – beschäftigte man sich freilich nicht erst nach 1948. Was immer wieder gerne vergessen wird, ist die Tatsache, dass es die oftmals belächelten Hilfswissenschaften waren, die sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit Dingen beschäftigten, die damals zwar nicht mit Begriffen wie »pragmatischer Schriftlichkeit« und Ähnlichem belegt wurden, jedoch in vielem dem ähnlich waren, was später in vielen Forschungsanträgen methodisch und terminologisch in Stromlinienform gebracht wurde und das Nonplusultra mediävistischer Forschung darstellen sollte. Die Analyse diskursiver Strategien und all dessen, was Armand Jamme mit Blick auf den Ausbruch des Großen Abendländischen Schismas so treffend als »storytelling« bezeichnete10, spielte nicht nur im Umfeld historischer Seminare eine wichtige Rolle. Der flächendeckende Verlust von Lehrstühlen für mittellateinische Philologie und historische Hilfswissenschaften in der Bundesrepublik – in Frankreich präsentiert sich die Situation auf diesem Gebiet noch sehr viel bedrückender – ist in seinen Auswirkungen auch für die Kommunikationsforschung nicht laut genug zu beklagen, waren es doch beispielsweise die Seminare für Mittellatein, in denen neue Standards in der nicht ganz irrelevanten Erforschung von Weitergabe und Vermittlung schriftlicher Texte gesetzt wurden.

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    Womit beschäftigt sich die mediävistisch geprägte Kommunikationsforschung vor allem?Von allen Arten mittelalterlicher Kommunikation wurde bisher wohl das geschriebene Wort am intensivsten behandelt. Zunehmend sind in den letzten Jahren aber auch Aspekte von Verschriftlichungsprozessen selbst in den Fokus gerückt. Es hat etwas länger gedauert, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass auch Bilder Botschaften vermitteln und mit einem visuellen Vokabular, einer Grammatik und Semantik operieren, die ähnlich schwierig zu entschlüsseln sind wie mündlich übermittelte Botschaften. Die visuelle Vermittlung von Inhalten, die Organisation von Texten in Abschnitten und Paragraphen, die Divisionsstrukturen und damit letztlich Fragen des Layout sind in diesem Zusammenhang immer wieder mit behandelt worden. Überhaupt die problematische Mündlichkeit: was genau sich hinter dem in den Quellen unangenehm häufig auftauchenden Begriff »viva voce« verbirgt, wird innerhalb der Forschung nach wie vor kontrovers diskutiert. Hier ist es der in Frankreich florierenden, in Deutschland eher belächelten Predigtforschung der vergangenen Jahrzehnte gelungen, Mündlichkeit und Schriftlichkeit enger aneinanderzubinden und Transformationsprozesse überzeugend abzubilden.

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    Als für die Mediävistik ausgesprochen anregend hat sich der Blick auf Aspekte symbolischer Kommunikation erwiesen. Sie sind für das Verständnis mittelalterlicher Lebenswirklichkeit von zentraler, weil ordnungsstiftender und ordnungsstabilisierender Bedeutung11. Die Decodierung der dabei verwendeten ›Symbolsprache‹ war das große Verdienst des Münsteraner Sonderforschungsbereichs. Besonders sinnfällig tritt diese Symbolsprache bei derjenigen Handlung vor Augen, die im Mittellateinischen vor allem als »communicare« bezeichnet wird: dem Empfang der konsekrierten Hostie. Erfreulich ist die in den vergangenen Jahren zu verfolgende Hinwendung zu einer Symbolsprache ganz eigener Prägung: der Heraldik, in der sich verbale und piktorale Elemente zu einem komplexen symbolischen Kommunikationssystem verdichten.

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    Kommunikation als Form sozialer Interaktion präsentiert sich nicht nur konsensorientiert, sondern nutzt das ihr immanente Konfliktpotential. Reibungspunkte ergeben sich dabei nicht nur aus dem Spannungsverhältnis zwischen den Bereichen des Sprachlichen und Nichtsprachlichen, sondern auch aus der Konkurrenzsituation von Latein und Volkssprache(n) oder von Volkssprachen untereinander. Insbesondere die moderne Konfliktforschung hat von den Erkenntnissen der Kommunikationsforschung profitiert, beschäftigt sich Letztere doch schon lange mit Fragen der Art, was geschieht, wenn die normative Geltung konsensorientierter Verständigungsformen in Zweifel gezogen oder gar in Abrede gestellt wird und wie in diesen Fällen das Moment der Kommunikationsverweigerung zu bewerten und zu bewältigen ist.

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    Ihre Anschlussfähigkeit an die stets wechselnden ›goldenen Kälber‹ innerhalb der Kulturwissenschaften, die sogenannten »turns«, ist erstaunlich – auch erstaunlich produktiv. Wohl noch niemals zuvor ist derart intensiv über den »Kommunikationsraum Kirche« oder den »Kommunikationsraum Kloster« nachgedacht worden wie nach dem Siegeszug des »spatial turn«12. Auch die derzeit wieder verstärkt betriebene Institutionengeschichte greift auf diese Ergebnisse zurück: königliche und bischöfliche Kanzleien sind ebenso wie die päpstliche Kurie oder die Universität nur dann überlebensfähig, wenn Kommunikation nicht nur stattfindet, sondern wenn sie in geordnete, normierte Bahnen überführt und archiviert wird13. Jüngst wurde mit Blick auf die monastische Welt des späten Mittelalters untersucht, wie Ordnungsvorstellungen kommuniziert wurden, in welchen Bahnen dieser Austausch verlief und was das europaweite Netzwerk der religiösen Orden und Klosterverbände kommunikationstechnisch letztendlich zusammenhielt14.

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    Unterschiedlichste Themenbereiche und die Bandbreite der zur Verfügung stehenden Quellen und Methoden wurden während einer Sommeruniversität diskutiert, die am Deutschen Historischen Institut Paris vom 7.–10. Juli 2013 mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken stattfinden konnte15. 19 Nachwuchswissenschaftler, vornehmlich Doktoranden und Postdocs aus Frankreich und Deutschland, gaben Einblick in ihre laufenden Forschungsvorhaben. Kommentiert wurden die jeweiligen Präsentationen von zehn ausgewiesenen Kommunikationsforschern aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland16. Die Bandbreite der vorgestellten Arbeiten war dabei nicht nur thematisch sehr groß: Werkstattberichte über eben begonnene Dissertationsvorhaben fanden sich dabei ebenso wie der Einblick in das komplexe Material bereits fertig gestellter Dissertationen oder noch in Arbeit befindlicher Habilitationen. Diese Vorträge finden sich nun in der Folge in überarbeiteter Form dokumentiert17.

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    Der Blick in dem aus vier Beiträgen bestehenden ersten Abschnitt richtet sich auf den »Anderen« (L’»autre«). Katharina Tugend (Duisburg-Essen) behandelt dabei in ihrem Aufsatz den Briefwechsel zwischen Francesco di Marco Datini, einem wohlhabenden Kaufmann aus Prato, und seiner Ehefrau Margherita (1384–1410). Die Autorin beschreibt, wie sich in dieser Korrespondenz inhaltliche Schwerpunkte und sprachliche Codes ausbilden konnten, die ihrerseits kommunikativ dazu beitrugen, beide Personen als Paar in Erscheinung treten zu lassen. Das erhaltene Briefkorpus mit 434 Briefen legt Fragen nach der konkreten Ausgestaltung einer ›Fernbeziehung‹ nahe. Auf der Grundlage einer historischen Diskursanalyse unter Berücksichtigung systemtheoretischer Ansätze werden nicht nur die verschiedenen Kommunikationsthemen erläutert, sondern auch die Frage diskutiert, ob es einen Kommunikationscode »Liebe« gibt, der dazu in der Lage ist, eine briefliche Kommunikation zu strukturieren. Stephanie Casparis (Bochum) Beitrag über merowingische Königstöchter, deren Lebenswelten und Handlungsspielräume im frühmittelalterlichen Europa gibt unter Einbeziehung neuer, von der Forschung kontrovers diskutierter Elitenkonzepte Einblick in die Analyse der schriftlichen Zeugnisse zu Königstöchtern als Formen sozialer Kommunikation, während Vasilina Sidorova (Moskau) sich ausgehend von französischen Quellen mit dem Komplex der interkulturellen Kommunikation im 11. Jahrhundert beschäftigt und dabei die Problematik regionenübergreifender Kommunikation durch Reisende, Pilger, Diplomaten oder auch Soldaten diskutiert. Wie wird das, was fremd erscheint – z.B. die Bretonen oder die Bewohner Aquitaniens mit ihren mitunter seltsam anmutenden Bräuchen und Gewohnheiten – im Medium der Sprache bewältigt? Besonders herausgehobene Repräsentanten päpstlicher Diplomatie sind Gegenstand der Ausführungen von Andreas Kistner (Düsseldorf). Im Mittelpunkt seines Beitrags stehen die Kardinallegaten des in Avignon residierenden Papstes Innocenz VI. (1352–1362), die – ähnlich wie bei den Vorgängerpäpsten Johannes XXII. und Clemens VI. der Fall – als Hauptprotagonisten päpstlicher Diplomatie anzusehen sind, deren Anzahl aufgrund der schlecht erschlossenen Quellen jedoch derzeit noch schwer abzuschätzen ist. Beleuchtet werden Fragen nach den von diesen Spitzendiplomaten vornehmlich verwandten Kommunikationsmitteln und -wegen, wobei der komplexen Problematik des in den Quellen häufiger mit »viva voce« umschriebenen mündlichen Austauschs besondere Beachtung geschenkt wird.

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    Die theologischen Dimensionen von Kommunikation stehen im Mittelpunkt des zweiten, drei Beiträge umfassenden Abschnitts, den Hugo Perina (Dijon) mit einem Blick auf das kommunikative Potential von Orgeln der italienischen Renaissance eröffnet. Behandelt werden dabei sowohl das sonore als auch das handwerklich-künstlerische Erscheinungsbild der italienischen Renaissanceorgel, das sich deutlich von dem unterschied, was nördlich der Alpen auf diesem Gebiet anzutreffen war. Irina Redkova (Moskau) richtet den Blick auf Kommunikationsformen in der monastischen Tradition des 12. Jahrhunderts zwischen Norm und Realität und berücksichtigt vor allem die konkreten Auswirkungen des Schweigegebots auf die innermonastische Kommunikation. Der kommunikativen Praxis von sozial marginalisierten Gruppen – einem seit langem konstatierten Forschungsdesiderat – geht Michael Gordian (London) nach und liefert damit eine innovative Ergänzung zum Komplex der symbolischen Kommunikation. Die Frage nach dem »Theater der kleinen Leute« verweist auf Handlungen und Rituale, die sich zwar im Kleinen entfalten, deshalb jedoch nicht zwangsläufig des symbolischen Kapitals entbehren müssen, das sich an der Spitze der Gesellschaft entfaltet.

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    Die vier Beiträge des dritten Abschnitts widmen sich Aspekten von Kunst und materieller Kultur. Während Emilie Maraszak (Dijon) eindrücklich die politische Aussagekraft von Miniaturen unter Beweis stellt, die sich in einer heute in Dijon aufbewahrten, aus Akkon stammenden Handschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts finden, verweist Brigitte Hotz (Aachen) auf das kommunikative Potenzial von Grabmalarchitektur bzw. -skulptur während des Großen Schismas. In den Blick gerät Sepulkralarchitektur, die als steingewordener Ausdruck päpstlicher Legitimität post mortem zu begreifen ist, als letzte Äußerung in einem Konkurrenzkampf, in dem sich Päpste und Gegenpäpste gegenüberstanden. Medien der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Swanetien stehen im Mittelpunkt der Ausführungen von Marina Kevkhisvili (Berlin, Florenz), die Einblick in reiche, bisher nur ansatzweise erschlossene hagiographische Quellen in Georgien gibt – Artefakte, die häufig aus Byzanz stammen und vor Jahrhunderten an einzelne Familien dieser abgelegenen Region Georgiens zur sicheren Verwahrung übergeben worden sind. Deren Nachfahren behüten sie noch heute und stehen dem Verlangen der Forscher nach Katalogisierung und Beschreibung reserviert gegenüber. Ursula Gießmann (Köln) richtet den Blick auf die Stofflichkeit Kölns im Spätmittelalter und stellt dabei ein umfangreiches Quellenkorpus vor, das den spätmittelalterlichen städtischen Raum auf ganz eigene Art und Weise prägte. Ausgeführt wird, wie beredt insbesondere die in der Liturgie verwendeten Textilien sein konnten.

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    Der vierte Abschnitt beleuchtet das Verhältnis von Kommunikation und Historiographie.

    Während Anastasia Brakhman (Bochum) Formen literarischer Kommunikation am ottonischen Herrscherhof vornehmlich am Beispiel Liudprands von Cremona behandelt, richtet Giuseppe Cusa (Frankfurt a.M.) den Blick auf kommunikative Aspekte in der Chronik des Paduaners Rolandinus und akzentuiert dabei vier Beschreibungsebenen: inhaltlich, stilistisch-konzeptuell, didaktisch-pädagogisch und rezeptiv. Beide Aufsätze nehmen mithin das Verhältnis zwischen Verfasser der Chronik und potentiellem Leser in den Blick. Mit welchen Mitteln konnten bestimmte Rezipientenkreise angesprochen und beeinflusst werden?

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    Aspekte von Kommunikation und Konfliktlösung werden im fünften Abschnitt behandelt. Im Zentrum der Ausführungen von Jean-Dominique Delle Luche (Paris) stehen die Schützenfeste im spätmittelalterlichen Reich und der daraus resultierende umfangreiche Briefverkehr zwischen den einzelnen Teilnehmerstädten mit reichen Informationen zu Terminfindung, Organisation, auftretenden Konflikten und deren Beilegung. Florian Dirks (Erfurt) greift ähnliche Fragen auf und analysiert die Mechanismen der Konfliktbeilegung auf spätmittelalterlichen Tagfahrten zwischen Weser und Elbe, während es im Beitrag von Armando Torres Favaz (Dijon) die »enquêtes judiciaires« im Burgund des 12. und 13. Jahrhunderts mit ihren spezifischen Mechanismen der Informationsbeschaffung und -übermittlung sind, die in den Blick geraten. Wahrheitsfindung erscheint hier als kommunikativer Akt: In den untersuchten »enquêtes judiciaires« werden mehrere Informations- und Kommunikationstechniken mit der Absicht in Gang setzt, die Zirkulation symbolischen und sozialen Kapitals zu regulieren. Dadurch soll der Autorität derjenigen zum Durchbruch verholfen werden, die Träger der Jurisdiktion sind. Christina Waldvogel (Leipzig) bereichert die Diskussion um einen Beitrag aus dem Bereich der historischen Sprachwissenschaft: untersucht wird nicht nur die sprachliche Gestalt dreier spätmittelalterlicher Gerichtsbücher aus Bautzen, sondern auch die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Kommunikation zwischen Anklägern und Angeklagten im spezifischen historischen Kontext der Lausitz.

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    Päpste und Kardinäle bilden schließlich den Mittelpunkt des sechsten und letzten Abschnitts, in dem Sebastian Zanke (Speyer) den Blick abermals auf das avignonesische Papsttum und den diplomatisch hocheffizienten Einsatz von Legaten lenkt. Victoria Trenkle (Erlangen) behandelt schließlich das Phänomen des frühen Kardinalats, dessen Vertreter sich – zumindest bis ins späte 11. Jahrhundert – zumeist nur recht schemenhaft fassen lassen. Hier soll prosopografische Grundlagenarbeit bald Abhilfe schaffen. Beide Aufsätze verdeutlichen, dass die blühende Kardinalatsforschung der vergangenen Jahre erfreulicherweise noch nicht zu ihrem Abschluss gekommen ist.

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    Die hier versammelten Beiträge belegen einmal mehr die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit des Konzepts »Kommunikation im Mittelalter«. »Symbolische Kommunikation«, »Schriftlichkeit und Mündlichkeit« spielen dabei zwar nach wie vor eine zentrale Rolle, doch werden die Lieblingskinder kommunikationsgeschichtlicher Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte, die nach wie vor mit einer Fülle ›hermeneutischer Fallgruben‹ aufwarten18, inzwischen fruchtbringend durch Erkenntnisse weiterer historischer Disziplinen wie der Realienkunde oder der Sprachwissenschaft ergänzt.

    Autor:

    Dr. Ralf Lützelschwab
    Freie Universität Berlin
    Friedrich-Meinecke-Institut
    luetzel@zedat.fu-berlin.de

    1 Albrecht Classen, Communication in the Middle Ages, in: ders. (Hg.), Handbook of Medieval Studies. Terms – Methods – Trends, Bd. 1, Berlin 2010, S. 330343, hier S. 330.

    2 Marko Mostert, A Bibliography of Works on Medieval Communication, Turnhout 2013 (Utrecht Studies in Medieval Literacy, 2), S. 2.

    3 Der Münsteraner Sonderforschungsbereich 231 »Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter« darf wohl mit Fug und Recht als einer der erfolgreichsten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche der letzten Jahrzehnte gelten, vgl. zu Konzept, Projekten und Ergebnissen die zwischen 1990 und 1998 jährlich erschienenen Arbeitsberichte in: Frühmittelalterliche Studien 24 (1990)–32 (1998).

    4 Der Freiburger Sonderforschungsbereich 321 »Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit« hatte ebenfalls enormen Einfluss auf die mediävistische Forschungslandschaft, vgl. zum Konzept Wolfgang Raible, Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Forschungsprogramm des Sonderforschungsbereichs 321 an der Universität Freiburg, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 33 (1986), S. 1423.

    5 Oliver Daldrup, Zwischen König und Reich. Träger, Formen und Funktionen von Gesandtschaften zur Zeit Sigmunds von Luxemburg (14101437), Münster 2010 (Wissenschaftliche Schriften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Reihe X, 4), S. 21

    6 Vgl. hierzu Carl A. Hoffmann, Öffentlichkeit und Kommunikation in den Forschungen zur Vormoderne. Eine Skizze, in: Carl A. Hoffmann, Rolf Kießling (Hg.), Kommunikation und Region, Konstanz 2001 (Forum Suevicum, 4), S. 69–110.

    7 Dirk Baecker (Hg.), Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg 2002, S. 78; vgl. auch Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi, Elena Esposito, GLU: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt a.M. 1997, S. 123–125, 142f., 176f.

    8 Mostert, A Bibliography (wie Anm. 2), S. 4.

    9 Claude Shannon, The mathematical theory of communication, in: ders., Warren Weaver (Hg.), The Mathematical Theory of Communication, Urbana 1949, S. 29–115.

    10 Armand Jamme, Réseaux, stratégies de communication et storytelling au début du Grand Schisme d’Occident, in: Harald Müller, Brigitte Hotz (Hg.), Gegenpäpste. Ein unerwünschtes mittelalterliches Phänomen, Wien, Köln, Weimar 2012 (Papsttum im mittelalterlichen Europa, 1), S. 261–284.

    11 Barbara Stollberg-Rilinger, Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Begriffe – Thesen – Forschungsperspektiven, in: Zeitschrift für historische Forschung 31 (2004), S. 489–527; Gerd Althoff, Rituale – symbolische Kommunikation. Zu einem neuen Feld der historischen Mittelalterforschung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 140–154; Franz-Josef Arlinghaus, Rituale in der historischen Forschung der Vormoderne, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 31 (2009), S. 274–291.

    12 Gabriela Signori, Sakral oder profan? Der Kommunikationsraum Kirche, in: Paul Trio, Marjan de Smet (Hg.), The Use and Abuse of Sacred Places in Late Medieval Towns, Leuven 2006, S. 117–134.

    13 Sébastien Barret, L’administration de la communication des ordres religieux autour des XIIe–XIIIe siècles. Rapides considérations sur les archives et l’écrit administratif, in: Cristina Andenna, Klaus Herbers, Gert Melville (Hg.), Die Ordnung der Kommunikation und die Kommunikation der Ordnungen, Bd. 1: Netzwerke: Klöster und Orden im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts, Stuttgart 2012 (Aurora, 1.1), S. 119–134.

    14 Cristina Andenna, Klaus Herbers, Gert Melville (Hg.), Die Ordnung der Kommunikation und die Kommunikation der Ordnungen, Bd. 1: Netzwerke: Klöster und Orden im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts, Stuttgart 2012 (Aurora, 1.1).

    15 Als Organisatoren der Sommeruniversität fungierten Martine Clouzot (Dijon), Julian Führer (Paris, Zürich), Rolf Große (Paris) und Ralf Lützelschwab (Berlin).

    16 Diese Kommentare werden nicht veröffentlicht.

    17 Martine Clouzot sei für die französische Übersetzung der deutschen Zusammenfassungen an dieser Stelle herzlich gedankt.

    18 Barbara Stollberg-Rilinger, Die Welt als Symboluniversum. Überlegungen zur symbolischen Kommunikation in Vormoderne und Moderne, in: Giancarlo Andenna (Hg.), Religiosità e civiltà. Le comunicazioni simboliche (secoli IX-XIII), Milano 2009, S. 23–46.

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    PSJ Metadata
    Ralf Lützelschwab
    Formen mittelalterlicher Kommunikation
    Einführung
    de
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Geschichte allgemein, Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften, Kommunikation und Medien, Historische Hilfswissenschaften, Sozial- und Kulturgeschichte
    Mittelalter
    500-1500
    Kommunikation (4031883-7), Mittelalter (4129108-6), Kommunikationsforschung (4114259-7)
    PDF document luetzelschwab_einfuehrung.doc.pdf — PDF document, 249 KB
    R. Lützelschwab: Formen mittelalterlicher Kommunikation
    In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/luetzelschwab_einfuehrung
    Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:41
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:19