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    M. Kevkhishvili: Medien der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Swanetien

    discussions 11 (2015)

    Marina Kevkhishvili

    Medien der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Swanetien

    Das Bild-Text-Ritual

    Abstract:

    Swanetien, oder »das letzte Mittelalter Europas«, wie das Gebiet ebenso genannt werden kann, befindet sich im Großen Kaukasus, an der Grenze von Orient und Okzident. Das kaukasische Gebirge bot der Region jahrhundertelang natürlichen Schutz gegenüber Eindringlingen und war Garant für die Existenz der einzigartigen swanetischen Kultur. Das kulturelle, religiöse und soziale Leben von Swanetien ist ebenso von vorchristlichen Ritualen wie von mittelalterlichen christlichen Gewohnheiten geprägt. Die Innenräume der Kirchen sind überwiegend vollständig mit Fresken ausgestattet und befinden sich teilweise in gutem Erhaltungszustand. Die Fresken aus der Zeit vom 11.–13. Jahrhundert werden von einer Vielzahl von Inschriften begleitet und in diesen ausführlich beschrieben. Dabei werden für diese Epoche ungewöhnlich detaillierte Informationen gegeben, beispielsweise Namen der Auftraggeber und der Künstler sowie die genauen Entstehungsdaten der Fresken. Die Auswahl der dargestellten Szenen liefert wichtige Hinweise auf die politisch-religiöse Einstellung des gesamten Landes. Ein besonderes Augenmerk gilt im vorliegenden Beitrag dem Verhältnis von Bild und Schrift sowie der Einbindung der sakralen Räume in das soziale Leben der Region. Anhand von Beispielen wird gezeigt, dass dem Bild bzw. der Bildsprache große Bedeutung zugesprochen wurde. Die Bildsprache, das wichtigste Kommunikationsmittel des Mittelalters, spielt eine entscheidende Rolle im religiösen und politischen Leben in Swanetien und hat sowohl das kulturelle als auch das soziale Leben der Region entscheidend geprägt.

    Résumé:

    La Svanétie ou »la dernière Europe médiévale«, telle qu’a été nommée la région, se trouve dans le grand Caucase, à la frontière entre l’Orient et l’Occident. Durant des siècles, les montagnes du Caucase ont offert à la région une protection naturelle contre les envahisseurs et ont permis le maintien de la culture svanétienne unique. La vie culturelle, religieuse et sociale en Svanétie est très marquée par le rituel pré-chrétien et également par les habitudes chrétiennes médiévales. Les églises, en leur intérieur, sont principalement ornées de fresques et sont en partie en bon état. Les fresques de la période des XIe–XIIIe siècles sont accompagnées d’une diversité d’inscriptions faites de façon minutieuse. Pour cette époque, beaucoup d’informations détaillées et inhabituelles sont connues, telles que le nom du commanditaire et de l’artiste ou la date de réalisation des fresques. Le choix des scènes représentées fournit des renseignements importants sur la situation politique et religieuse de tout le pays. Dans cet article, il s’agira de porter une attention particulière aux rapports entre l’image et l’écrit, ainsi qu’à l'intégration des édifices sacrés dans la vie sociale de la région. À partir d’exemples, une grande signification pourra être accordée aux images, ou plutôt au langage des images. Le langage des images, le plus important moyen de communication du Moyen Âge, a joué un rôle décisif dans la vie sociale et religieuse de la Svanétie, et a fortement marqué la vie culturelle de la région.

    Einführung

    <1>

    Unweit des Schwarzen Meers, im Hochgebirge des Großen Kaukasus, befindet sich das georgische Grenzgebiet Swanetien. Von der Außenwelt beinahe abgegrenzt, gilt es als der höchste noch dauerhaft besiedelte Punkt Europas.

    Die abgelegene geographische Lage der Region hat dazu geführt, dass das soziale und kulturelle Leben Swanetiens im Unterschied zu anderen georgischen Gebieten einen Sonderweg genommen hat. Ähnliches gilt für die Verbreitung der christlichen Religion und Kunst, die sowohl in formaler als auch in ikonographischer Hinsicht eine Ausnahme bildet. Dem georgischen Chronisten des 11. Jahrhunderts Leonti Mroveli zufolge wurde im zentralen Teil des heutigen Georgien im Jahre 337 das Christentum zur Staatsreligion erklärt1. Demnach zählt Georgien zu den ältesten christlichen Ländern der Welt. Jedoch zog sich die Christianisierung aller georgischen Gebiete über mehrere Jahrhunderte hin. Besonders ablehnend gegenüber der neuen Religion waren die Bewohner der Randgebiete des georgischen Königreichs, weshalb Swanetien erst im 7. Jahrhundert christianisiert wurde. Vermutlich erreichte das Christentum die Gegend über die benachbarten Regionen wie Ratscha oder Abchasien, welche ihrerseits in das Interessenfeld des Byzantinischen Reichs rückten. Vor diesem Hintergrund erhält die Christianisierung dieser kaukasischen Gebiete nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Dimension2.

    Das religiöse und soziale Leben in Swanetien ist von vorchristlichen Ritualen und Gewohnheiten stark geprägt. Die Swanen haben ihre heidnische Vorstellungswelt in das Christentum integriert. Die christlichen Heiligen wurden den paganen Gottheiten angepasst und mit deren Eigenschaften ausgestattet. Vorchristliche religiöse Traditionen und Rituale, wie etwa die Opfergabe (Tieropfer)3, wurden zu einem wichtigen Bestandteil der neuen Religion und werden bis heute praktiziert.

    Vorstellung der Forschungsarbeit

    <2>

    In meinem Dissertationsprojekt »Medien der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Swanetien, Bild – Text – Ritual« untersuche ich anhand ausgesuchter Beispiele den Kult der für die Region spezifischen Heiligen und seine Medien vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Die Medien wie Bild, Schrift oder Ritual stellen zweifelsfrei wichtige Formen der Kommunikation im Mittelalter dar. Dabei wird dem sakralen Raum – der Kirche als dem Ort, an dem sich Bilder und Inschriften, Legenden und bewegliche Objekte im Ritual performativ verbinden – eine entscheidende Rolle zuteil4. Die Wandmalereien sowie die liturgischen Objekte wie Ikonen oder Prozessionskreuze wurden zum Kommunikationsmittel für die Bekanntgabe von politisch-religiösen Einstellungen des Zeitalters.

    Anhand der Bildmotive und ihrer ideologischen Aufladung möchte ich die Rolle der Bilder und ihre Interaktion mit Texten – Inschriften und Legenden – sowie mit den performativen Formen der Heiligenverehrung untersuchen. Dabei soll die etablierte Verbindung religiöser und politischer Botschaften herausgearbeitet werden. Im Mittelalter, als politische sowie religiöse Konflikte zum Alltag gehörten, wurde der symbolischen Form der Kommunikation, wie zum Beispiel dem Bild, große Bedeutung zugebilligt. Die Bildsprache wurde zum essentiellen Element für die Verbreitung sowohl der religiösen als auch der politischen Einstellungen. Es stellt sich die Frage, wie weit die politischen und die religiösen Ideologien des gleichen Zeitalters auseinanderliegen können und wann und inwiefern eine für die Unterstützung der anderen eingesetzt werden kann. In dieser Hinsicht ist zu analysieren, aus welchem Grund eine religiöse Praxis wie die Heiligenverehrung zum verdeckten Instrument für die politische Orientierung des gesamten Landes werden konnte.

    <3>

    Im 11. Jahrhundert lag der Bilderstreit, der nicht nur die byzantinische Kirchengeschichte im 8. und 9. Jahrhundert maßgeblich geprägt hatte, noch nicht sehr weit zurück. Die Bildverteidiger hatten damals ihren endgültigen Sieg gefeiert und Bilder somit einen festen Platz in den Kirchenräumen eingenommen. Während die Schrift von einer geheimnisvollen Aura umgeben war, da sie nur eine kleine Elite, einen kleinen Teil der Bevölkerung erreichen konnte, gewann die Bildsprache immer mehr an Bedeutung in der meist illiteraten mittelalterlichen Gesellschaft. Die Bilder, oder die ›stumme Schrift‹, schmückten das Kircheninnere, in einigen Fällen auch die Außenfassaden der Kirchen – und damit die Hauptversammlungsorte der Bevölkerung in Swanetien.

    Die christliche Kunst in Swanetien

    <4>

    Die kleinen Saalkirchen von Swanetien sind vollständig freskiert und tragen teilweise Spuren von Malereien an den Außenfassaden. Aufgrund der bescheidenen architektonischen Dimensionen der sakralen Architektur dieser Gegend war für ihre ausführliche künstlerische Gestaltung wenig Platz verfügbar. Umso wichtiger war die effiziente Einteilung des vorhandenen Kirchenraumes. Die vorhandenen Fresken aus der Zeit vom 11. bis zum 13. Jahrhundert liefern wesentliche Informationen zu den politisch-religiösen Einstellungen des Landes. Sie dienen auch dazu, die vielschichtigen Funktionen, die den Räumen trotz ihrer geringen Größe zukamen, anschaulich zu machen. Die Kirche, ebenso die weltlichen Machthaber, hatte die Macht der Bilder bzw. der Bildsprache schnell erkannt und damit begonnen, sie für die Festigung ihrer Macht einzusetzen. Die Fresken sind oft mit Inschriften versehen, die ausführliche Informationen zum Auftraggeber, zum ausführenden Künstler sowie zu Entstehungsdatum und Inhalt der dargestellten Szenen liefern. Die detaillierte Angabe solcher Informationen ist ebenso ungewöhnlich für die Epoche wie die emotionale und gefühlsbetonte Beschreibung des dargestellten Geschehens.

    Der Konflikt zwischen monophysitischen und diophysitischen Gruppierungen

    <5>

    Das ikonographische Programm der swanetischen Kirchen beschränkt sich, neben den einzelnen Heiligendarstellungen, auf wenige christliche Szenen. Dies sind vor allem: Geburt und Taufe, Höllenfahrt und Himmelfahrt Christi. Dadurch wird sowohl die menschliche als auch die göttliche Natur Christi unterstrichen – ein Faktum, das für die diophysitische georgische Kirche von entscheidender Bedeutung war.

    Während der Bilderstreit der vorausgegangenen Jahrhunderte in Georgien keine Spuren hinterlassen hatte, gewann der Meinungsunterschied zwischen der georgischen und armenischen orthodoxen Kirche immer mehr an Bedeutung. Der theologische Diskurs über die Rechtmäßigkeit der diophysitischen oder monophysitischen Natur Christi nahm in Georgien seinen Ursprung in frühchristlicher Zeit und erreichte seinen Höhepunkt erst im 11. und 12. Jahrhundert. Daher ist es kein Zufall, dass die symbolbeladenen Bilder oder Motive in den Kircheninnenräumen eine entscheidende Rolle für die Durchsetzung der nach außen vertretenen Meinung dem Volk gegenüber spielen mussten. In diesem Zeitraum übernahm die Bildsprache ohne Zweifel eine tragende Rolle in der Kommunikationsvermittlung zwischen der georgischen orthodoxen Kirche und der Bevölkerung. Die Gemeinde, die diese bildhaften Beweise während der Liturgie vor Augen geführt bekam, sollte sich qua Bild keine theologischen Fragen mehr stellen und den von der Kirche eingeschlagenen ideologischen Kurs ohne Widerspruch annehmen. Die religiöse Angelegenheit wurde zum politischen Ereignis5. Der Königshof schaltete sich mehrmals aktiv in die Diskussion ein. Der georgische König Bagrat IV. (1027–1072) sowie sein Enkel David IV. (1089–1125) beriefen Versammlungen ein (1046 bzw. 1103), auf denen die Vertreter beider Glaubensrichtungen dem König ihre Argumente vorlegten. Die Versammlung von 1103 im Ruisi-Kloster besiegelte die von der georgisch-orthodoxen Kirche eingeschlagene Richtung endgültig und trug zur Spaltung zwischen der georgischen und armenischen Kirche bei. Die georgischen und armenischen Glaubensvertreter stellten ihre Argumente König David IV. vor. Die georgische Kirche konnte die Anwesenden von ihrer Meinung überzeugen. Im wichtigsten religiösen und geistlichen Zentrum Georgiens im 12. Jahrhundert, der Marienkirche des Gelathi-Klosters6, findet sich die Darstellung des Chalcedon-Konzils7 (451 n. Chr.) gleich doppelt8.

    Der König war Stifter und Förderer des Gelathi-Klosters und der dazugehörenden Akademie. Durch den georgischen Königshof gefördert und unterstützt, wurde das Kloster zum Bezugspunkt und Begegnungsort der georgischen und ausländischen, vor allem byzantinischen, Geistlichen und Gelehrten. Die Darstellung des obengenannten Motivs in der Hauptkirche des Gelathi-Klosters ist ein Hinweis darauf, dass dieses Ereignis einen großen Stellenwert sowohl für die religiösen, als auch für die politischen Kreise des Landes hatte. Die diophysitische Natur Christi zu betonen bedeutete für Georgier, noch einmal die Autokephalie der georgisch-orthodoxen Kirche und ihre Unabhängigkeit zu unterstreichen.

    Der Kult des heiligen Georg in Georgien/Swanetien

    <6>

    Der heilige Georg stellt ein weiteres Bildmotiv, das neben seinem religiösen Stellenwert eine starke Politisierung erfuhr und zum symbolischen Ausdruck der nationalen Identität Gesamtgeorgiens wurde, dar. Der Kult des heiligen Georg, des wohl bekanntesten Heiligen in der christlichen sowie islamischen Kultur, nahm im frühmittelalterlichen Georgien seinen Ausgang und ist bis heute ungebrochen9.
    Dem kriegerischen Bergstamm der Swanen waren offenbar die Ritterheiligen Georg und Theodor besonders nah. Insbesondere der heilige Georg ist omnipräsent in der christlichen Kunst der Region, ebenso in Gesamtgeorgien, und genießt noch heute immense Beliebtheit. In jedem swanetischen Dorf gibt es mindestens eine dem heiligen Georg geweihte Kirche10. In seiner Person haben die Swanen vermutlich ihre paganen Gottheiten11 – Wetter-, Mond- und Jagdgott – vereinigt12. Infolgedessen galt der heilige Georg als Beschützer der Krieger und Jäger, zwei Bereiche, die in der Bevölkerung Swanetiens wegen der historischen und geographischen Gegebenheiten große Bedeutung hatten13. Dementsprechend gibt es eine große Anzahl von überlieferten Darstellungen des heiligen Ritters. Gemeint sind hier Wandmalereien und liturgische Objekte wie Ikonen oder Prozessionskreuze. Hinweise auf den Ursprung des Ritterheiligen als vorchristlicher Mondgott liefern die Rituale, die zu Ehren des Heiligen noch heute praktiziert werden – eine wesentliche Form der Kommunikation im Mittelalter, die hier jedoch nicht weiter verfolgt werden soll. Das weitreichende Thema wird im geplanten Forschungsprojekt jedoch einen wichtigen Platz einnehmen.

    <7>

    Abgesehen von Lebens- und Martyriumsszenen des heiligen Georg fand die paarweise Darstellung der Soldatenheiligen Georg und Theodor große Verbreitung in der swanetischen mittelalterlichen Kunst.
    Die heiligen Ritter, bewaffnet auf einem weißen bzw. auf einem braunen Pferd sitzend, durchbohren jeweils mit einem Speer ihre Gegner: der heilige Theodor den Drachen, der heilige Georg dagegen den auf der Erde liegenden Imperator Diokletian. Die klassische Ikonographie des heiligen Georg, die den Heiligen bewaffnet als römischen Soldaten auf einem weißen Pferd sitzend zeigt, ist bekannt und weit verbreitet. Ebenso häufig ist die Darstellung des Heiligen, die ihn beim Töten eines Drachen oder eines Menschen zeigt. Das Bild eines über den besiegten Gegner triumphierenden Herrschers ist ebenso in der sassanidischen Kunst ein beliebtes Motiv und allegorisch als Sieg des Guten über das Böse zu verstehen. In Georgien wurde das Motiv ab dem 11. Jahrhundert personifiziert und der besiegte Gegner des heiligen Georg als der römische Kaiser Diokletian vorgestellt. Die Ikonographie, bei der der heilige Georg anstelle eines Drachen Kaiser Diokletian besiegt, ist sowohl in der Wandmalerei als auch auf zahlreichen Ikonen und Prozessionskreuzen in Swanetien anzutreffen und kommt jenseits der Grenzen Georgiens nicht vor.

    <8>

    Ungeachtet dessen, dass die Existenz des heiligen Georg über historische Quellen nicht nachweisbar ist, soll er der Legende nach im 4. Jahrhundert nach Christus gelebt haben14. Dies fällt zeitlich mit der letzten großen Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian zusammen15. So wird Letzterer in der georgischen Vorstellung zum Gegenbild des heiligen Georg und zum Verantwortlichen für dessen Tod. Das Motiv bekam in der georgischen Kunst des Mittelalters neben seiner religiösen auch eine politische Dimension. Die historischen Ereignisse der Landesgeschichte liefern die Erklärung für diese Interpretation16. Ab dem 11. Jahrhundert spielte das georgische Königreich eine zunehmend wichtige politische Rolle. Dies führte zu Spannungen mit seinem übermächtigen Nachbarn, dem Byzantinischen Reich17. Nach dem strategischen Schritt Davids III. (979–1001), den Herrscher des Königreichs Tao-Klarjeti18, den Prinzen von Kartlien Bagrat zu adoptieren und somit den Grundstein zu einer Vereinigung Georgiens zu legen, änderte sich die politische Lage in Georgien äußerst vorteilhaft. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden alle georgischen Fürstentümer unter einem Thron vereinigt. Dies bescherte dem Land wenige Jahrzehnte der politischen Stabilität, die für den Aufbau Georgiens lebensnotwendig waren. Mit Blick auf die Außenpolitik folgten jedoch bald wieder unruhige Jahre. Der Krieg mit dem Byzantinischen Reich 1021–1023 brachte das Land wieder in den Einflussbereich des mächtigen Nachbarn. Die Rebellion und Abneigung gegen die Byzantiner während der Herrschaft Georgs I. (1014–1027) wurde durch die zunehmend diplomatische Politik seines Nachfolgers Bagrat IV. (1027–1072) ersetzt. Sein diplomatisches Geschick bescherte dem Königreich weitere ruhige Jahrzehnte. Der Frieden hielt sich jedoch nicht lange. Der Einfall der Seldschuken in den Jahren zwischen 1065 und 1068 und der große Feldzug der Türken im Jahre 1080 versetzten das Land in einen katastrophalen Zustand. Als der sechzehnjährige David IV. im Jahre 1089 den Thron bestieg, übernahm er ein ausgebeutetes Land, verursacht teils durch die türkischen Eroberer, teils durch die Unfähigkeit seines Vaters Georg II. (1072–1089), der zugunsten seines Sohnes zur Abdankung gezwungen worden war.

    <9>

    Die ersten Schritte des jungen Königs dienten der Stabilisierung der Außenpolitik und dem Wiederaufbau des verlorenen politischen Ansehens. Gleichzeitig war er bemüht, das Vertrauen der lokalen Fürsten zu gewinnen und die Zusammenarbeit mit der georgisch- orthodoxen Kirche zu intensivieren. Die politischen sowie kulturellen Beziehungen zwischen Georgien und dem Byzantinischen Reich waren nie vollständig abgebrochen, allerdings verschlechterte sich das Verhältnis im Laufe des 11. Jahrhunderts deutlich. Dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt der Kult des heiligen Georg einen politischen Charakter annahm, ist kein Zufall19. Der bewaffnete Konflikt des kleinen Georgien gegen mächtige Gegner wie etwa das Byzantinische Reich oder die Seldschuken fand seinen symbolischen Ausdruck im Sieg des einfachen Ritters Georg über Kaiser Diokletian. Die Szene des den Kaiser bezwingenden Georg wurde zum Symbol und Sinnbild der nationalen georgischen Identität und fand große Verbreitung in der georgischen bildenden Kunst.

    Bild und/oder Schrift

    <10>

    Interessanterweise erhielt das oben genannte Motiv seine politisch motivierte Bedeutung erst, als das zweite Medium, die Schrift, ins Spiel kam. Dadurch bekam der zu Boden geschlagene Mensch, der bis zu diesem Zeitpunkt als Symbol des Bösen bzw. des Heidentums galt, ein politisches Gesicht. Er wurde zum byzantinischen Kaiser Diokletian. Es stellt sich freilich die Frage, ob in diesem Fall das Medium Bild eine eher untergeordnete Rolle im Vergleich zur Schrift spielte. Wie bereits erwähnt, war die Schrift nur für einen beschränkten Kreis der Bevölkerung zu verstehen. Allerdings dürfte es neben der Schrift auch gesprochene Texte (oder Paratexte) gegeben haben – Liturgie und insbesondere Predigten, vielleicht auch politische Veranstaltungen –, die im Kontext von Gottesdiensten oder Kirchenversammlungen stattfanden und so als Hintergrund für die Identifizierung gedient haben könnten. Um die Botschaft für ein breites illiterates Publikum ebenso verständlich zu machen, wurde das klassische Bildmotiv durch zusätzliche Attribute verstärkt. Die abgebildete Person trug nun das Gewand eines byzantinischen Adligen und eine Herrscherkrone. Gewiss war es für die Betrachter, in diesem Fall für die Georgier, nicht schwierig, in dem besiegten, nach dem byzantinischen Brauch gekleideten Herrscher den unbeliebten Nachbarn, das Byzantinische Reich, zu identifizieren. Dem Wunsch der Georgier, sich dem Einfluss des mächtigen Nachbarreiches zu entziehen, wurde durch diese Darstellungsweise ein bildhaftes Gesicht verliehen.

    <11>

    Der Dialog der kombinierten Medien – Bild und Schrift – ergibt eine Kommunikationsform, die sowohl auf der visuellen als auch auf der inhaltlichen Ebene zum perfekten Vermittler zwischen Auftraggeber und Publikum wird20. Für die illiterate Bevölkerung blieb der Inhalt der meist affektbetonten21 Inschriften unerreichbar. Dadurch gewann die Expressivität des Bildes umso mehr an Bedeutung. Das Bild sollte der Gemeinde den Inhalt der Inschriften sichtbar machen, erzeugt wurde so eine Art von Lesbarkeit der Bilder. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Darstellung des Schmerzes einer um ihren Sohn trauernden Mutter, wie er in den versteinerten Gesichtszügen der heiligen Julitta vermittelt wird, die ihren Sohn verloren hat.
    Der Künstler verleiht dem Fresko eine für die Epoche ungewöhnliche Menschlichkeit, die sowohl durch die Körperhaltung als auch durch die Gestik und die Mimik der Figuren zum Ausdruck gelangt. Die Wortwahl des Künstlers in der Martyriums-Szene der heiligen Julitta und ihres Sohnes deutet auf seine Verehrung für das Märtyrerpaar und weckt die Anteilnahme des Betrachters. Während er sich respektvoll über die Heiligen äußert, distanziert er sich von dem ›Bösen‹, in diesem Fall dem Kaiser, der stets mit einem negativen Begleitwort wie »gottlos« oder »wütend wie ein Tier« versehen wird. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Ikone des triumphierenden heiligen Georg. Neben einer langen Stifter- und Künstlerinschrift22 ist die niedergeschlagene Figur als »Diokletian, der gottlose König«identifiziert.

    <12>

    Die Gemeinde wurde zusätzlich durch die Komposition und Stellung der Bilder beeinflusst. Die überlebensgroße Darstellung des heiligen Ritters erzeugt beim Betrachter das Gefühl von Allmacht und Überlegenheit. Im Vergleich dazu erscheint der niedergeschlagene Kaiser Diokletian bedeutungslos und fast Mitleid erregend. Der übermäßige Größenunterschied zwischen den dargestellten Figuren ermöglicht es dem visuellen Medium Bild, das Urteilsvermögen des Betrachters maßgeblich zu beeinflussen. Das Bildmotiv zeigt die Gegner – den Heiligen und den Kaiser – stets am Schluss des Kampfgeschehens. Festgehalten wird also der Augenblick des Sieges eines triumphierenden Heiligen. Der einfache Soldat, oder allegorisch das kleine Georgien, feiert seinen Sieg gegen den mächtigen Kaiser, alias das Byzantinische Reich. Die Kunst wird für die Unterstützung und Verbreitung eines politischen Grundgedankens eingesetzt. Die Relation eines religiösen Bildmotivs – dem triumphierenden heiligen Georg – und einer politischen Idee führte zum gewünschten Ergebnis. Die Bevölkerung übernahm das Bild als Ausdruck ihrer Wünsche nach Freiheit und Unabhängigkeit und verinnerlichte den von ihrem König eingeschlagenen politischen Kurs. Gleichzeitig diente das Motiv zur Festigung der Religiosität und des Vertrauens der Gemeinde. Der Kult des heiligen Georg erreichte eine bisher unvorstellbare Dimension und wurde zum wichtigsten Bestandteil des religiösen und sozialen Lebens der Georgier. Somit hatte die gegenseitige Unterstützung positive Folgen sowohl für die politischen als auch für die religiösen Machthaber. Das Bild bzw. das Bildmotiv erfüllte erfolgreich seine ihm zugewiesene Aufgabe und vereinte das gesamte Land hinter einer politischen Idee. Nach dem Fall von Konstantinopel verlor die Darstellungsweise an Bedeutung. An die Stelle des Kaisers trat wieder ein Drache. Die Symbolik des Bildes als Sinnbild für den Konflikt zwischen Georgien und dem Byzantinischen Reich kam abhanden. Das Bildmotiv jedoch blieb und zierte zahlreiche Kunstwerke aus den darauf folgenden Jahrhunderten.

    Autorin:

    Marina Kevkhishvili, M.A.(Kunstgeschichte)
    Humboldt Universität zu Berlin
    Kunsthistorisches Institut in Florenz
    mkevkhishvili@yahoo.de

    1 Leonti Mroveli, Die Christianisierung König Mirians und des Königreichs Kartli durch die Heilige Nino, in: Kartlis Tskhovreba (Hg.), History of Georgia, Tbilisi 2008, S. 85–150.

    2 Korneli Kekelidse, Die Bekehrung Georgiens zum Christentum, in: Morgenland. Darstellungen aus Geschichte und Kultur des Ostens 18 (1928), S. 5–51; Lomouri Nodar, The History of Georgian-Byzantine Relations, in: Olenka Z. Pevny (Hg.), Perception of Byzantium and its Neighbours (843–1261), New York 2000, S. 182–187.

    3 Gemeint ist die Opfergabe von Tieren, vor allem von Stieren, die dafür ausgesucht und großgezogen werden.

    4 Mehr dazu in: Barbara Schellewald, Und es ward Bild … zum Verhältnis von Bild und Text in byzantinischen Sakralräumen, in: Susanne Ehrich, Julia Ricker (Hg.), Mittelalterliche Weltdeutung in Text und Bild, Weimar 2008, S. 47–76.

    5 Vgl. Ivane Javakhishvili, Die Geschichte der altgeorgischen Geschichtsschreibung (georgisch), Tbilisi 1945, S. 82f.

    6 Im 12. Jahrhundert übernahm das Kloster von Gelathi zusammen mit dem Kloster von Ikalto (Ostgeorgien) die führende Rolle in religiöser und wissenschaftlicher Hinsicht in Georgien.

    7 Eines der wichtigsten Konzile der frühchristlichen Zeit, das sich für die doppelte Natur Christi ausgesprochen hat.

    8 Ekaterine Gedevanishvili, The Depiction of the Ecumenical Councils at Gelati Monastery. Interrelationship between Image and Text, in: Karin Krause, Barbara Schellewald (Hg.), Bild und Text im Mittelalter, Köln 2011, S. 313–328.

    9 Vgl. Antony Eastmond, Cults and Saints in Georgia, in: Ori Z. Soltes (Hg.), National Treasures of Georgia, Triest 1999, S. 108–111.

    10 Im Dorf Adishi gibt es sogar zwei Kirchen, die dem heiligen Georg gewidmet sind.

    11 Die ausführliche Erläuterung über den Ursprung des heiligen Georg in Swanetien würde den Rahmen dieser Studie sprengen. Im geplanten Dissertationsprojekt wird das Thema gründlich untersucht.

    12 Ein klares Beispiel für die Koexistenz der christlichen und paganen Glaubensvorstellungen der Swanen ist, dass der heidnische Wettergott Elija in Swanetien nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Es gibt immer noch ihm geweihte Kultstätten in den Wäldern, wo weder gejagt noch Holz gefällt wird.

    13 Ivane Javakhishvili, Gesammelte Werke in zwölf Bänden (georgisch), Bd. 1, Tbilisi 1979, S. 92–102.

    14 Fernando Lanzi, Gioia Lanzi, Come riconoscere i Santi e i Patroni nell’Arte e nelle Immagini popolari, Mailand 2003, S. 86.

    15 Alexander Demandt, Geschichte der Spätantike. Das Römische Reich von Diocletian bis Justinian 284–565 n. Chr., 2. erw. Auflage, München 2008, S. 30f.

    16 Vgl. Stephen H. Rapp, Medieval Christian Georgia (c. 330–c. 1450), in: Soltes, National Treasures (wie Anm. 9), S. 84–92.

    17 Giorgi Tcheishvili, Georgian Perceptions of Byzantium in the Eleventh and Twelfth Centuries, in: Antony Eastmond (Hg.), Eastern Approaches to Byzantium, Aldershot 2001, S. 199209.

    18 Tao-Klarjeti ist ein georgisches Gebiet, das sich seit dem 18. Jahrhundert unter türkischer Herrschaft befindet.

    19 Georgien war nicht das einzige Land, in dem der Kult des heiligen Georg einen politischen Charakter angenommen hat, vgl. Jonathan Good, The Cult of Saint George in Medieval England, Woodbrige 2009.

    20 Vgl. dazu Krause, Bild und Text (wie Anm. 8).

    21 Die erklärenden Inschriften der swanetischen mittelalterlichen Fresken sowie der Ikonen zeichnen sich durch eine für die Epoche ungewöhnliche menschliche und einfühlsame Ausdrucksweise aus.

    22 »Diese Ikone des heiligen Georg wurde von Marush gestiftet, zu beten und zur Erlösung seiner Seele am Tag des Jüngsten Gerichts. […] Geschaffen wurde sie von Meister Asan«.

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    Marina Kevkhishvil
    Medien der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Swanetien
    Das Bild-Text-Ritual
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    CC-BY-NC-ND 3.0
    Georgien Swanetien Mittelalterliche christliche Kunst heiliger Georg Bild Schrift Géorgie Svanétie art chrétien médiéval saint Georges image écrit
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    M. Kevkhishvili: Medien der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Swanetien
    In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/kevkhishvil_heiligenverehrung
    Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:41
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:22
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