Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

M. Gordian: Das Theater der kleinen Leute

discussions 11 (2015)

Michael Gordian

Das Theater der kleinen Leute

Nonverbale Kommunikationspraktiken von marginalisierten Randgruppen im Spätmittelalter

Abstract:

In der vorliegenden Arbeitsskizze sollen nonverbale Kommunikationsformen von marginalisierten Sozialgruppen im Spätmittelalter untersucht werden. Die These lautet, dass sich nicht nur in den höheren Schichten, sondern auch am Rand der spätmittelalterlichen Gesellschaft, vor allem im Bettlermilieu, ein komplexes System symbolischer Kommunikationsformen entfaltete. Um sich auf dem Markt individueller Almosen gegen Mitstreiter durchzusetzen, war es für Bettler von zentraler Bedeutung, die eigene Bedürftigkeit vor Almosenspendern schnell und effizient visuell zu inszenieren. Hierzu stand ihnen ein differenziertes System von Symbolen der Armut und Marginalität zur Verfügung. In der Analyse dieser nonverbalen Kommunikationspraktiken soll vor allem der Begriff Performanz als eine zentrale heuristische Kategorie im Vordergrund stehen. Hiermit sollen neue Impulse und Anregungen für die Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher symbolischer Kommunikationsformen gegeben werden.

Résumé:

Dans le présent essai, les formes de communication non verbales des groupes sociaux marginaux à la fin du Moyen Âge vont être étudiées. La thèse consiste à montrer que les gens qui appartenaient aux catégories les plus élevés n’étaient pas les seuls à développer un système complexe de formes de communication symboliques, mais que ceux qui se trouvaient aux marges de la société du XVe siècle, en particulier les mendiants, s’y employaient aussi. Pour s’imposer sur le marché des aumônes individuelles face à ceux qui se le disputaient, il importait aux mendiants, de façon centrale et signifiante, de mettre en scène rapidement et efficacement leur indigence vis-à-vis des donateurs. À cet égard, un système nuancé des symboles de la pauvreté et de la marginalité était à leur disposition. Dans l’analyse de ces pratiques de communication non verbale, le concept de performance devait surtout se trouver au premier plan, comme catégorie heuristique centrale. Avec cela, des impulsions et des idées nouvelles devaient être apportées à la recherche sur les formes de communication symboliques du Moyen Âge et du début des Temps modernes.

Einleitung

<1>

Das Mittelalter ist bereits wiederholt als ein Zeitalter der Zeichen bezeichnet worden. Entsprechend hat die Mediävistik das Thema der symbolischen Kommunikation in den letzten Jahren für sich formuliert und umfassend erschlossen1, auch wenn es sich hierbei, wohlgemerkt, im Hinblick auf die kulturhistorischen Werke von Burckhardt, Huizinga, Kantorowicz oder Le Goff, um kein gänzlich neues Thema handelt. In meiner Auseinandersetzung mit der einschlägigen, vor allem der deutschsprachigen Forschungsliteratur wurde deutlich, dass dabei bislang zwar eine Vielzahl von unterschiedlichen symbolischen Praktiken, Handlungen und Ritualen untersucht worden ist, doch fast ausschließlich bei mittelalterlichen Oberschichten2. Althoff persönlich bemerkte in seiner Münsteraner Antrittsrede explizit, dass er ausschließlich die symbolische Kommunikation innerhalb der mittelalterlichen Führungsschichten behandle3. Die Forschung der darauf folgenden Jahre ist dieser Richtung weitestgehend gefolgt. Hierbei handelt es sich um eine auffällige lacuna4. Im Rahmen der folgenden kurzen Ausführung können die möglichen Ursachen für diese Entwicklung, die sicherlich zum Teil auch außerhalb der engeren Forschung zur symbolischen Kommunikation liegen, nicht eruiert werden. Diese Forschungslücke lässt sich jedoch kaum aus der Tatsache erklären, dass soziale Randgruppen im Spätmittelalter nicht über Formen symbolischer Kommunikation verfügten, da fast jede menschliche Handlung bzw. jeder zweckorientierte Akt symbolisch aufgeladen sein kann und es sich hierbei entsprechend um ein epochenübergreifendes Phänomen, wenn nicht sogar um eine anthropologische Konstante handelt.

<2>

Meine Arbeitsthese lautet, dass sich nicht nur in den oberen Gefilden, sondern auch am Rand der spätmittelalterlichen Gesellschaft ein komplexes Netz nonverbaler bzw. symbolischer Kommunikationsformen entfaltete. Wenn, wie Althoff betonte, die Menschen des Mittelalters durchaus im Weberschen Sinne zweckrational handelten und in einem differenzierten System symbolischer Praktiken und kommunikativer Handlungen interagierten, dann gilt dies sicherlich auch für die marginalisierten –marginalisiert wohlgemerkt auch in der Tradition einer, um mit Nietzsche zu sprechen, monumentalen Geschichtsschreibung – und heute weitestgehend stimmlosen Figuren wie Bettler und Vaganten5.

<3>

Im Folgenden soll es nicht um gewichtige politische Akte, höfische Inszenierungen oder semantisch aufgeladene liturgische Rituale gehen, sondern um das »Theater«6 der kleinen Leute, welches sich in alltäglicher Interaktion an den Rändern der Gesellschaft, jenseits des Prestiges, der Herrschaft und der Repräsentation, immer wieder neu abspielte. Es geht um symbolische Kodierungen von Armut, Schwäche und Marginalität. Diese kommunikativen Handlungen spielten sich zwar ausschließlich in den spätmittelalterlichen Unterschichtenmilieus, mithinim Kleinen ab; deswegen müssen sie jedoch nicht zwangsläufig weniger symbolisch aufgeladen gewesen sein als bestimmte öffentliche Akte und Rituale, die einen Teil der kommunikativen Praktiken oberer Gesellschaftsschichten konstituierten.

Ziele der Untersuchung und Quellenlage

<4>

Verbale und symbolische Kommunikationsformen sozial marginalisierter Randgruppen im Mittelalter stellen zweifellos ein komplexes und vielschichtiges Thema dar, welches an dieser Stelle lediglich in einigen Punkten angeschnitten werden kann. Das Ziel des vorliegenden Beitrages ist es, die Aufmerksamkeit auf einen in der bisherigen Forschung wenig beachteten Untersuchungsgegenstand zu lenken. Unter Berücksichtigung ausgewählter moderner theoretischer Ansätze sollen einige Formen symbolischer Kommunikation von Bettlern und Vaganten beim Almosenbitten im spätmittelalterlichen urbanen Raum beleuchtet werden, wobei der Begriff der Performanz im Vordergrund dieser kurzen Skizze stehen soll7.

<5>

An dieser Stelle sei jedoch noch eine kurze Anmerkung zur Quellenlage angefügt, welche es bekanntermaßen schwierig macht, eine umfassende »Archäologie der Zeichensysteme«8 und der Praktiken und Kommunikationsformen marginalisierter Randgruppen im Spätmittelalter durchzuführen. Die vorhandenen Quellen sind fast ausschließlich aus obrigkeitlicher Perspektive bzw. aus einer Außensicht geschrieben und müssen gegen den Strich gelesen werden, wobei heuristische Vorbehalte nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Die Figur des Bettlers und Vaganten begegnet uns in bestimmten Grundmustern und leicht abgewandelten Formen in einer Vielzahl von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten. Eine umfassende Bibliographie von Primärquellen wäre ein unentbehrliches Instrument zum Studium der symbolischen Kommunikation von marginalisierten Randgruppen und, weiter gefasst ihrer Lebenswelt9. Eine solche Bibliographie liegt jedoch, soweit ich sehe, noch nicht vor10. Ich beschränke mich in meinen Ausführungen hauptsächlich auf das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Genre der Bettlerliteratur, jedoch ohne eine detaillierte Analyse dieses Textkorpus anschließen zu können, welche es in einer weiterführenden interdisziplinären Untersuchung zu erbringen gilt11.

<6>

Bei diesem Genre handelt es sich um Taxonomien von vermeintlichen, betrügerischen Bettlern, welche Elend, Krankheiten oder Gebrechen vortäuschen, um die restliche Bevölkerung zu düpieren und Almosen zu erhaschen. Diese Texte geben uns einen, wenn auch durch den moralisierend-satirischen Grundton verzerrten, Einblick in die äußere Erscheinung von – ob genuin armen oder nur Armut simulierenden – Bettlern und Vaganten im Spätmittelalter. Die wichtigsten Beispiele dieses Genres sind die »Basler Betrügnisse der Giler«, welche Anfang des 15. Jahrhunderts zusammengestellt wurden, aber auf einem heute weitestgehend unbekannten Vorläufer aus Straßburg aus dem späten 14. Jahrhundert basieren, sowie das »Speculum cerretanorum« von Teseo Pini aus Urbino (ca. 1480–1485)12 und der berühmte, anonym verfasste »Liber vagatorum«,13 der zum ersten Mal 1510 im Druck erschien und 1527 von Martin Luther mit einem neuen Vorwort versehen erneut herausgegeben wurde. Das Genre erfreute sich vor allem im 16. Jahrhundert im gesamten westeuropäischen Raum großer Beliebtheit und trieb immer neue Blüten14.

Die Sprache der Armut

<7>

Das Almosensammeln stellte für marginalisierte und nichtsesshafte Bevölkerungsschichten eine essentielle Form der Unterhaltsbeschaffung- und Sicherung dar15. Die kirchlich gesteuerte Armenunterstützung – jene große Tradition und »Institution« des europäischen Mittelalters – war zum Beginn der Frühen Neuzeit nicht mehr in der Lage, das kontinuierlich anschwellende Armenheer aufzufangen und zu versorgen. Vor allem zum Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Bettler- und Vagantenproblem in Westeuropa virulent und nahm erschreckende Ausmaße an, wohlgemerkt nicht nur in ländlichen und strukturschwachen Regionen, sondern auch in spätmittelalterlichen Städten, wie es uns zahlreiche zeitgenössische Beschreibungen und Darstellungen überliefern. Elend und Armut wurden zu einem ubiquitären, ständig sichtbaren Phänomen. Die Konkurrenz um die begrenzte Ressource der Almosen in den Unterschichtenmilieus war groß. Entsprechend bedeutete das Betteln eine existenzielle Herausforderung im täglichen Überlebenskampf. In der Ökonomie des Almosensammelns wurde es entscheidend, sich auf dem Markt individueller Almosen in einer offenen und variierenden Konkurrenzsituation gegen andere Bettler durchzusetzen. Dies war in erster Linie durch die unmittelbare visuelle Kommunikation sowie effiziente und wirkungsvolle Inszenierung der eigenen Bedürftigkeit vor potentiellen Almosenspendern möglich.

<8>

Bedürftigkeit oder Armut allein konnten unter Umständen jedoch nicht ausreichend sein, um sich von anderen Bettlern abzusetzen. Elend und ostentatives Zur-Schau-Stellen von Misere waren unter Umständen wirkungsvoller und resonanzsteigernder. Der Erfolg des Almosensammelns unterlag damit zumindest bis zu einem gewissen Grad der performativen Leistung des marginalisierten Individuums. Im vormodernen Europa war Performanz in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten, so vor allem in der höfischen Sphäre, von zentraler Bedeutung. Sie war einem klar eingeteilten und komplexen Regelwerk unterstellt, welches die kollektiven Kommunikations- und Rezeptionsprozesse von performativen und symbolisch aufgeladenen Handlungen steuerte. Performanz spielte vor allem im Zusammenhang mit der höfischen Selbstinszenierung oder – mit den Worten von Stephen Greenblatt – den Versuchen des »self-fashioning« eine zentrale Rolle16. Die Rationalität der Selbstdarstellung bei Bettlern und Vaganten war jedoch der Rationalität höfischer Verhaltenslehren diametral entgegengesetzt: Während in den höheren Ebenen der Gesellschaft Strategien der Selbstvergrößerung ausschlaggebend waren, galt es im Unterschichtenmilieu einen möglichst miserablen und Mitleid erregenden Eindruck seiner eigenen persona zu vermitteln. Zudem war es von entscheidender Bedeutung, nicht unter den Generalverdacht der Lasterhaftigkeit und des Betrugs zu fallen, welcher in zunehmendem Maße die kollektive Wahrnehmung von sozialen Randgruppen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit prägte. Es ging darum, als echter, also als tugendhafter und damit als unterstützungswürdiger Armer, und nicht als falscher und lasterhafter Bettler und Simulant kategorisiert zu werden. Die christliche Grundierung der symbolischen Handlungen des Bettlers war von zentraler Bedeutung für seine Erfolgschancen.

Neuralgische Konstellationen

<9>

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die Kommunikationssituation, die sich zwischen dem Bettler und dem Almosengeber konstituierte: Es handelte sich um eine alltägliche Begegnung und zugleich um einen spannungsgeladenen Bereich der sozialen Interaktion. Die Kommunikationssituation und ihr Ausgang waren vor allem für das marginalisierte Individuum unklar und unvorhersehbar. Die Bandbreite von möglichen Szenarien für den Bettler reichte von einer großzügigen Spende über völlige Ignoranz bis hin zur Auslieferung an die Obrigkeit sowie den möglicherweise daraus entstehenden Konsequenzen, wie etwa dem Stadtverweis. Doch auch für den potentiellen Almosengeber war die Begegnung mit dem marginalisierten Individuum ein durchaus neuralgischer Moment. Die Wahrnehmung von Bettlern innerhalb höherer Gesellschaftsschichten war traditionell von einer zwischen Idealisierung und Misstrauen oder sogar Furcht oszillierenden Dichotomie geprägt17. Die Figur des Bettlers, das apostolische Armutsideal verkörpernd, war ein integraler Bestandteil der christlichen Glaubensgemeinschaft, stellte aber zugleich die Kontrastfolie des Fremden, Unbekannten und damit gewissermaßen »das Andere« dar. Diese innere Ambivalenz in der kollektiven Außenwahrnehmung konditionierte den Interaktionsmoment zwischen Almosengeber und dem marginalisierten Individuum.

<10>

Im Hinblick auf die Kommunikationssituation zwischen Bettler und Almosengeber ist auch der Raum – hier sind sowohl materielle als auch soziale Räume gemeint – eine wichtige heuristische Kategorie, auf welche an dieser Stelle jedoch nur kurz eingegangen werden kann18. Die Praxis des Bettelns war in eine spezifische soziale Logik des Raumes eingebettet und fand in spezifischen räumlichen Strukturen und Kontexten statt, so vor allem an stark frequentierten öffentlichen Orten wie Marktplätzen sowie in Schwellenräumen wie Haustüren und Gebäudeeingängen, Brücken oder Stadttoren19. Hier waren der visuelle Kontakt und die räumliche Nähe zum potentiellen Almosengeber in hohem Maße gesteigert, was die Erfolgschancen des Bettlers erhöhte20. Der beliebteste und am häufigsten aufgesuchte Schwellenraum der spätmittelalterlichen Stadt war das Kirchenportal, was im Hinblick auf die tiefe Gläubigkeit und die ausgeprägte Frömmigkeitskultur der Zeit nicht weiter verwunderlich ist21. In keinem anderen Zusammenhang wurde die christliche Gemeinde deutlicher an ihre Karitaspflicht erinnert als in diesem semantisch hochgradig aufgeladenen Kontext des räumlichen Übergangs aus der weltlichen in die göttliche Sphäre.

<11>

Auch die äußerst kurze Dauer dieses spezifischen Kommunikations- und Interaktionsmoments sollte berücksichtigt werden. Hierin liegt ein zentraler Unterschied zu den in der bisherigen Forschung untersuchten symbolischen Handlungen und Akten, welche oft in langatmige und vielteilige Rituale eingebunden waren. Bevor es zu einem kurzen verbalen, meist unilateralen Austausch von Seiten des Bettlers kam, musste dieser seine spezifische ›Message‹, auf die es im Folgenden noch näher einzugehen gilt, dem Almosengeber schnell und unmittelbar übermitteln. Das erfolgte auf nonverbaler Ebene, anders formuliert, durch bestimmte (kontext- und kulturspezifische) Zeichen und Symbole, die vom Rezipienten schnell dekodiert werden sollten. Aus diesem funktionalen Zusammenhang resultiert auch die zentrale Bedeutung der symbolischen Kommunikation von Seiten des Bettlers.

Die Performanz der Armut

<12>

Mit welchen Mitteln und in welchen Formen konnte Armut – in Verbindung mit Tugendhaftigkeit – schnell und zugleich wirkungsvoll kommuniziert werden? Dies erfolgte primär durch die visuelle Erscheinung des Bettlers, dessen Körper zum Zeichenträger und semantischen Komplex wurde. Als vielleicht sichtbarster materieller Ausdruck der Bedürftigkeit avancierte Kleidung zu einem integralen Bestandteil der symbolischen »Sprache der Armut« und der damit zusammenhängenden performativen Handlungen des Bettlers. Zerschlissene Kleidung, Lumpen oder Stofffetzen, die den Körper nur mit Mühe bedeckten, informierten den potentiellen Almosenspender über den möglichen Grad der Verarmung des marginalisierten Individuums. Notdürftige Bekleidung oder Nacktheit evozierten darüber hinaus eine Reihe von Assoziationen und Ideen, die weit über den rein ökonomischen Status des Bettlers hinausreichten. Sie stellten eine unmissverständliche visuelle Ausdrucksform des apostolischen Armutsideals dar und symbolisierten die imitatio Christi. Neben der Kleidung waren Abzeichen von zentraler Bedeutung. Das vielleicht bekannteste signum eines tugendhaften christlichen Lebens im spätmittelalterlichen Europa war die Jakobsmuschel der Pilger, welche unter Bettlern und Vaganten aufgrund ihrer immensen Symbolwirkung als ›Requisit‹ der Performanz überaus beliebt war.

<13>

Die kommunikativen Handlungen setzen sich des Weiteren aus symbolisch aufgeladenen Demutsbekundungen und anderen Gesten zusammen. Der Bettler befand sich oft in einer demütigen Körperhaltung (auf den Knien) oder lag auf dem Boden. In dieser Position wurde nicht zuletzt die soziale Hierarchie zwischen Bettler und Almosengeber bestätigt und in der räumlichen Leitdifferenz unten-oben symbolisiert. Das Betteln war eine spezifische Form des öffentlichen Bittens und ein öffentlicher Unterwerfungsakt und stellte als solcher ein komplexes System demonstrativer Verhaltensmuster und symbolischer Akte dar. Es handelte sich um eine demutsbekundende Unterwerfungsgeste (deditio) eines Bittstellers vor einem Ranghöheren, die bestimmten Mustern und Strukturen folgte. Es wäre reizvoll, die Praxis des Almosenbittens komparatistisch mit den obrigkeitlichen Unterwerfungs- und Bittgesten zu vergleichen22 – man nehme als Beispiel das religiöse und politische Ritual der Barfüßigkeit23 als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit und religiöser Gesinnung oder sogar Zeichen der Heiligkeit (signaculum sanctitatis). Zwei weitere Punkte sollten an dieser Stelle zumindest angeschnitten werden: Als Demutsbekundung und Bittgeste war das Betteln in hohem Grade ordnungsstiftend, wobei dieser Akt nicht nur eine Festigung der bestehenden sozialen und gesellschaftlichen Ordnung, sondern letztlich auch eine Stabilisierung der bestehenden göttlichen Ordnung darstellte. Verkürzt gesagt: Bettler und Arme waren Teil des ordo mundi und erinnerten die Mitmenschen an das Gebot der Karitas und das christliche Armutsideal. Im Zusammenhang mit den performativen Handlungen von sozial marginalisierten Individuen sollte neben der Gestik auch die Mimik berücksichtigt werden. Während der Bettler durch den Augenkontakt einen direkten kommunikativen Bezug zu dem Betrachter herzustellen versuchte, wurde der Gesichtsausdruck (gemäß der Unterscheidung im Lateinischen ist hier vultus, nicht facies gemeint) zu einem kommunikativen Bedeutungsträger und einem integralen Teil der nonverbalen Kommunikation.

Schlussbetrachtung

<14>

Die ganze äußere Erscheinung des marginalisierten Individuums konstituierte einen semiotischen Komplex und ein Medium performativer Akte, aber nicht in einer passiven Funktion, als ein Kanal bestimmter diskursiver Inhalte, sondern als Mittel, mit dem eine Bedeutung überhaupt erst hergestellt werden konnte. Der Körper des Bettlers war ein sinngenerierendes Medium, mit dem nicht nur Armut und Bedürftigkeit, sondern auch abstrakte Wertvorstellungen wie christliche Demut, moralische Integrität und Tugendhaftigkeit oder das Gebot der Karitas symbolisch und performativ zum Ausdruck gebracht werden konnten. Bettlern stand also ein differenziertes Kommunikationssystem von Zeichen, Symbolen und Handlungsmustern zur Verfügung, um vor allem auch nonverbal eine Reihe von Nachrichten zu kommunizieren. Diese kommunikativen Handlungen und Performanzen konnten wiederum von den Betrachtern und potentiellen Almosenspendern schnell und unmissverständlich dekodiert werden.

<15>

Mir ist bewusst, mit diesem Beitrag möglicherweise mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert zu haben. Die meisten Fragen verdienen eine detaillierte, auf einem umfassenden Primärquellenstudium basierende Analyse. Das Almosenbitten sowie die andere Seite dieser kommunikativen Praktik, das Almosengeben, welches hier nicht untersucht werden konnte, stellen einen wichtigen Teil der Geschichte der mittelalterlichen öffentlichen Kommunikation dar, welchem in der bisherigen Forschung nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Das Mittelalter war eine »Kultur der Inszenierung, der ›Performance‹«, wie Althoff betonte24, und die performativen Akte und symbolischen Handlungen der sozialen Unterschichten waren ein integraler Bestandteil dieser Kultur. Es wäre reizvoll, die Performanz von Bettlern und Vaganten in den Kontext der Rituale, Handlungen, Akte und symbolischen Systeme der oberen Gesellschaftsschichten zu stellen und auf Parallelen, Verbindungen, aber auch Abweichungen und Unterschiede hin zu untersuchen. Es erscheint zudem lohnenswert, die Dynamik der Kommunikation, Appropriation und Umformung von Zeichen in unterschiedlichen Kontexten und in ihrem semantischen Wandel zu untersuchen. Bestimmte performative Muster und symbolische Ausdrucksformen des Bettelns stellten ein epochen- und kulturübergreifendes Phänomen, anders formuliert: eine anthropologische Konstante dar, und in der Tat weisen die mittelalterlichen und modernen Ausdrucksformen des Almosenbittens in vielerlei Hinsicht einen ähnlichen Sinngehalt auf.

<16>

Zugleich war das Betteln jedoch einem historischen Wandel unterworfen. Kommunikative Praktiken und ihre Performanz mussten sich ändern, wenn die Wertvorstellungen sich wandelten. »Insofern hängt die Geschichte symbolischer Handlungen», so folgert Althoff, »eng mit den Veränderungen der Werte zusammen«25. Es ist bekannt, dass sich an der Schwelle zur Frühen Neuzeit ein epochaler Umbruch in der kollektiven Wahrnehmung von sozialen Randgruppen wie Bettlern, Vagierenden, »Zigeunern« oder Prostituierten vollzog26. Welche Zusammenhänge es zwischen diesem Umbruch und den spezifischen Kommunikationspraktiken marginalisierter Gesellschaftsschichten gab und welche Wandlungsprozesse hierdurch in Gang gesetzt wurden, bleibt ebenfalls noch in der zukünftigen Forschung zu untersuchen.

Autor:

Dr. Michael Gordian (Kulturgeschichte)
Warburg Institute (School of Advanced Studies, Uol)
michael.gordian@postgrad.sas.ac.uk

1 An dieser Stelle seien etwa die langjährigen Forschungsaktivitäten des Münsteraner Sonderforschungsbereiches »Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution« genannt.

2 An dieser Stelle sei zugleich betont, dass ichkeinen allumfassenden Überblick über die Flut der in den letzten Jahren erschienenen Publikationen zu diesem Thema habe.

3 Gerd Althoff, Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters, in: Frühmittelalterliche Studien 31 (1997), S. 370389, hier S. 388.

4 In den von mir konsultierten Forschungsbänden, beispielsweise des Münsteraner Sonderforschungsbereiches, konnte ich keinen einzigen Beitrag zur symbolischen und performativen Kommunikation von marginalisierten Randgruppen finden.

5 Althoff, Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation (wie Anm. 3), S. 371. Zu Webers Theorie des sinnhaft orientierten und zweckrationalen Handelns siehe: Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Studienausgabe, Tübingen 1985. Zum Konzept der monumentalen Geschichtsschreibung siehe Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, in: Ders., Werke in drei Bänden, Bd. 1, S. 209285, hier S. 219225.

6 Der Theaterbegriff ist hier als ein wichtiges heuristisches Mittel zu verstehen. Zur Theatermetaphorik und ihrer Anwendung in der Mediävistik siehe: Christel Meier, Heinz Meyer, Claudia Spanily (Hg.), Das Theater des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als Ort und Medium sozialer und symbolischer Kommunikation, Münster 2004 (Schriftenreihe des Sonderforschungsbereiches, 496).

7 Zum Performanzbegriff siehe Herbert Willems, Martin Jurga (Hg.), Inszenierungsgesellschaft. Ein einführendes Handbuch, Opladen 1998; Erika Fischer-Lichte, From Text to Performance: The Rise of Theatre Studies as an Academic Discipline in Germany, in: Theatre Research International 24 (1999), S. 168178; Dies., Theatralität als Modell in den Kulturwissenschaften, 6 Bde., Tübingen, Basel 2004.

8 Althoff, Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation (wie Anm. 3), S. 374.

9 Hier ist die gesellschaftlich konstituierte, kulturell geformte und symbolisch gedeutete Lebenswelt im Sinne von Rudolf Vierhaus gemeint. Zur Einführung in die Thematik siehe Rudolf Vierhaus, Die Rekonstruktion historischer Lebenswelten. Probleme moderner Kulturgeschichtsschreibung, in: Hartmut Lehmann (Hg.), Wege zu einer neuen Kulturgeschichte. Mit Beiträgen von Rudolf Vierhaus und Roger Chartier, Göttingen 1995, S. 7–28.

10 Für sehr gute Übersichtsstudien zum Thema Armut im Mittelalter siehe vor allem: Michel Mollat, Die Armen im Mittelalter, München 1984 (der Originaltitel: Les pauvres au Moyen Âge. Étude sociale, Paris 1978); Bernd-Ulrich Hergemöller (Hg.), Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Ein Hand- und Studienbuch, Warendorf 1990.

11 Die Darstellung von Armut in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kunst ist ein weiteres reichhaltiges Untersuchungsfeld in diesem Zusammenhang, vgl. Tom Nichols, The Image of Poverty, Manchester 2007.

12 Für das »Speculum« und eine Reihe früherer mittelalterlicher Quellen zu Bettlern und Vaganten im italienischen Raum, siehe: Piero Camporesi, Il libro dei vagabondi. Lo ›Speculum cerretanorum‹ di Teseo Pini, ›Il Vagabondo‹ di Rafaele Frianoro e altri testi di ›furfanteria, Turin 1973.

13 Eine ausgezeichnete Studie ist: Robert Jütte, Abbild und Wirklichkeit des Bettler- und Gaunertums zu Beginn der Neuzeit: sozial-, mentalitäts- und sprachgeschichtliche Studien zum Liber Vagatorum (1510), Köln 1988; Franz Irsigler, Arnold Lassotta, Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt, München 1989; Wolfgang von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, 34), München 1995.

14 So etwa im englischen Genre der rogue-pamphlets, welche sich im 16. Jahrhundert in England großer Beliebtheit erfreuten und der kontinentaleuropäischen Bettler- und Gaunerliteratur sehr nahe standen. Einen sehr guten Überblick bietet Craig Dionne, Steve Mentz (Hg.), Rogues and Early Modern Culture, Ann Arbor 2004. Ein weiteres Subgenre, das in diesem Zusammenhang genannt werden muss, ist der europäische Schelmenroman, vgl. hierzu: Ann J. Cruz, Discourses of Poverty: Social Reform and the Picaresque Novel in Early Modern Spain, Toronto 1999.

15 Otto Gerhard Oexle (Hg.), Armut im Mittelalter, Ostfildern 2004; für den deutschen Raum siehe: Christoph Sachße, Florian Tennstedt (Hg.), Bettler, Gauner und Proleten. Armut und Armenfürsorge in der deutschen Geschichte, Frankfurt a.M. 2004.

16 Stephen Greenblatt, Renaissance Self-Fashioning: From More to Shakespeare, Chicago 1980.

17 František Graus, Randgruppen der städtischen Gesellschaft im Spätmittelalter, in: Zeitschrift für historische Forschung 4 (1981), S. 385–437.

18 Zum sozialwissenschaftlichen Diskurs über Raumvgl. Martina Löw, Raumsoziologie, Frankfurt a.M. 2001.

19 Diese gehäufte Präsenz in urbanen Schwellen- und Grenzräumen korrespondiert mit der marginalisierten Existenz von Bettlern, welche in einer überaus ambivalenten Rolle zugleich Teil der Gesellschaft als auch sozial isoliert und ausgestoßen waren.

20 Zugleich stellten diese Räume aber auch die semantische Grenze zwischen Innen und Außen dar und spiegeln somit die marginalisierte Existenz sowie das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Exklusion und Akzeptanz wider.

21 Eine überaus realistische Darstellung von Bettlern und Kranken vor einem Kirchenportal findet sich in den Holzschnittillustrationen des sogenannten Petrarcameisters für »Von der Artzney bayder Glück« (1532), einer deutschen Übersetzung von Petrarcas »De remediis utriusque fortunae«, vgl. auch: Juan Luis Vivès, De subventione pauperum, Leiden 2002, S. 90: »Quale est enim ut in unoquoque templo, cum festum est sollemne ac celebrum, tum morborum, vomicarum, ulcerum et ceterarum rerum vel dictu obscenarum, haec una sit pueris, puellis, senibus, graevidis via?«

22 Zur Bitte als Herrschaftspraxis im Mittelalter, so in etwa zur Semantik und Symbolik des büßenden und bittenden Königs vgl. Claudia Garnier, Die Kultur der Bitte. Herrschaft und Kommunikation in der Vormoderne, Darmstadt 2008.

23 Zur Barfüßigkeit als religiösem und politischem Ritual und symbolischer Praktik im Mittelalter vgl. Klaus Schreiner, Rituale, Zeichen, Bilder. Formen und Funktionen symbolischer Kommunikation im Mittelalter,Köln 2011, S. 125–205 und ders., Nudis pedis, in: Gerd Althoff (Hg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter, Stuttgart 2001, S. 53–124.

24 Althoff, Formen und Funktionen (wie in Anm. 23), S. 7.

25 Gerd Althoff (Hg.), Zeichen – Rituale – Werte: Internationales Kolloquium des Sonderforschungsbereiches 496 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Münster 2004, S. 10.

26 Robert Jütte, Poverty and Deviance in Early Modern Europe, Cambridge 1994, S. 158–177.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Michael Gordian
Das Theater der kleinen Leute
Nonverbale Kommunikationspraktiken von marginalisierten Randgruppen im Spätmittelalter
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Non verbale Kommunikation Spätmittelalter Frühe Neuzeit marginalisierte Randgruppen Performanz communication non verbale Moyen Âge tardif début de l’époque moderne marginaux performance
PDF document gordian_theater.doc.pdf — PDF document, 348 KB
M. Gordian: Das Theater der kleinen Leute
In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/gordian_theater
Veröffentlicht am: 31.08.2015 14:43
Zugriff vom: 19.09.2017 15:18
abgelegt unter: