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    F. Dirks: Sühnen, tagen, Frieden schließen

    discussion 11 (2015)

    Florian Dirks

    Sühnen, tagen, Frieden schließen

    Die Beilegung von Konflikten zwischen Weser und Elbe auf Tagfahrten 1380–14801

    Abstract:

    Der Beitrag befasst sich mit dem Stellenwert außergerichtlicher Treffen zur Konfliktregulierung in Fehden der Städte Bremen, Lüneburg und Hildesheim. Am Fallbeispiel der Fehden der Stadt Bremen mit den Grafen von Hoya 1350–1353 und 1400–1402 und auf Grundlage der überlieferten Schiedsprotokolle wird der Einsatz von Tagfahrten zur versuchten Beilegung der Fehde sowie das Nebeneinander von Gewaltausübung, Gerichtsprozess und außergerichtlicher Rechtssuche gezeigt. Darüber hinaus betrachtet der Beitrag die Kommunikation zwischen Stadt und Umland in Konflikten durch Urfehdeschwüre sowie die Einbindung kleinerer Adelsfamilien in die Praxis der Tagfahrt durch Solddienste. Hauptakteurs- und Trägergruppe für ad-hoc-situative Treffen zum Konfliktmanagement waren die als Ratssendeboten tätigen Ratsherren der untersuchten Städte. Zusätzlich flossen die außergerichtlichen Treffen auch in die Gerichtspraxis ein; sie wurden erst sehr spät in der Frühen Neuzeit zugunsten der Gerichtsprozesse verboten.

    Résumé:

    Cette contribution traite de la signification des rencontres extra-judiciaires dans le cas du règlement des conflits dans les guerres privées des villes de Brême, Lünebourg et Hildesheim. En prenant comme point de départ les guerres privées entre la ville de Brême et les comtes de Hoya (1350–1353 et 1400–1402) et le protocole traditionnel de dissolution, le recours aux diètes en vue du règlement de la guerre privée, ainsi que la coexistence de l’exercice de la violence, le procès judiciaire et la recherche du droit extraordinaire seront montrés. La contribution analysera également la communication entre la ville et ses environs dans les conflits attisant les guerres privées, tout comme l’intégration par le service militaire des petites familles nobles à la diète. Les acteurs principaux et les groupes de soutien de ces diètes tenues ad hoc en vue d’un règlement des conflits se comptaient parmi les envoyés des villes agissant en tant que représentants des conseillers municipaux des villes étudiées. De plus, les rencontres juridiques extraordinaires exercèrent une certaine influence sur la pratique des tribunaux; elles n’ont été interdites que plus tard en faveur des procès juridiques de l’époque moderne.

    Einleitende Bemerkungen

    <1>

    Die Austragung von Konflikten und die dabei erfolgte oder versuchte Findung und Setzung von Recht stehen seit einiger Zeit auf der Agenda der Mittelalterforschung. Besonders an der Beilegung von Streitigkeiten hat die Ritualforschung Münsteraner Prägung ein Instrumentarium verschiedener »Spielregeln« aufgezeigt2. Neben der sogenannten symbolischen Kommunikation thematisiert die Forschung in jüngerer Zeit auch die politische Kommunikation3. Diese manifestiert sich besonders im mit Gabriele Annas sogenannten »politische[n] Tagungswesen« des 14. und 15. Jahrhunderts4. In diesem Beitrag soll zunächst anhand zweier kurzer Beispiele in die Thematik eingeführt werden. Danach erfolgt ein Blick auf die bisherige Forschungslage und meine Fragestellung. Anschließend zeigt der Beitrag anhand eines Fallbeispiels, das nicht Teil der Dissertation ist, wie die Zeitgenossen gerichtliche und außergerichtliche Konfliktbeilegungsmechanismen zwischen Weser und Elbe in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts parallel verwendeten.

    Einführung

    <2>

    Zu Beginn des Jahres 1405 lagen die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg im Streit mit mehreren Städten ihres Herzogtums, insbesondere mit Lüneburg, Hannover und Uelzen. Um ihren Streit beilegen zu können, vereinbarten die Herzöge mit den Ratssendeboten der genannten Städte eine Versammlung in Lüneburg für den 9. Juni des Jahres. Dieses Verhandlungstreffen sollte zunächst bis zum 21. Juni andauern und die anwesenden Verhandlungsteilnehmer konnten sich nur schwer auf einen konsensfähigen Vertragstext einigen. Zudem kamen die Ratsherren aus Uelzen zu spät, so dass mit der Arbeit erst später als gedacht begonnen werden konnte. Von diesen Verhandlungen sind zwei Vertragsversionen überliefert. Aus ihnen gehen diese Informationen hervor. Zudem kann man erkennen, dass die weiteren Verhandlungen auf August 1405 verschoben werden sollten5.

    Bereits 25 Jahre zuvor, und damit komme ich zum zweiten Einführungsbeispiel, stritten die Knappen Dietrich, Heineke und Statius von Mandelsloh mit dem Bremer Erzbischof um die Rückzahlung einer nicht geringen Pfandsumme für die Burg Langwedel und andere Besitzungen und Rechte im Erzstift Bremen. Aus erhaltenen Rechnungen der herzoglichen Vogtei Celle wissen wir, dass der askanische Herzog Albrecht I., zeitweilig selbst Partei in diesem Konflikt, sich mit dem Bremer Erzbischof zu Gesprächen die Mandelsloh-Brüder betreffend traf6.

    <3>

    In beiden Beispielen sprechen die mittelniederdeutschen Quellen von Tagfahrten – dage, daghen, tagfarten und so weiter. Es handelt sich dabei augenscheinlich um eine Praktik, die genutzt wurde, um Konflikte möglichst gütlich außergerichtlich zu beenden. Doch über diese Tagfahrten als ad-hoc-situative Zusammenkünfte zur Konfliktbeilegung zwischen den Fehdegegnern ist in der Forschung bislang sehr wenig bekannt7.

    Forschungsstand und Fragestellung

    <4>

    Seit den 1970er Jahren haben sich drei Historiker/innen mit der Verhandlungsführung innerhalb von Fehden befasst. Sie kamen dabei zu nahezu gleichen Ergebnissen. Diese Ergebnisse wurden allerdings anhand von Quellen aus Reichsstädten und auf Reichsebene gewonnen. Elsbet Orth untersuchte Frankfurt am Main8, Thomas Vogel Nürnberg9 und Hermann Kamp den Hochadel10. Es lagen bisher kaum Ergebnisse zum Einsatz gütlicher Tage in Fehden norddeutscher Städte vor, die rechtlich als Landstädte gelten können. Auch bei Untersuchungen zu Konflikten zwischen Adel und Stadt dominierte bislang der süddeutsche Bereich. Dies rechtfertigt also eine Studie zu den Möglichkeiten der Konfliktbeilegung gerade in den norddeutschen Gebieten zwischen Weser und Elbe. Der Zeitraum der Studie, die Zeit zwischen 1380 und 1480, ist dem Umstand geschuldet, dass sich die Art der Konfliktführung in dieser Zeit kaum änderte. Zuvor, bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, nutzten die Zeitgenossen weniger Schriftlichkeit, so dass sich die Konflikte oft nicht bis ins Detail nachzeichnen lassen. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts änderte sich vor allem die Art der militärischen Aktionen mit dem Fortschritt im Einsatz von Feuerwaffen und mit der Tendenz zu immer größeren Söldnerkontingenten. Zusätzlich sollte seit 1495 die Fehde normativ verboten werden, auch wenn sich dieses Verbot bis weit in das 16. Jahrhundert hinein nicht durchsetzen ließ.

    <5>

    Daneben hat sich die jüngere Mittelalterforschung intensiv mit verschiedenen Formen politischer Zusammenkünfte befasst. Hier wurden vor allem Reichstage, Hansetage und die Tagsatzungen der Eidgenossen kritisch hinterfragt11. Doch nach den anhand der Eingangsbeispiele aufgezeigten Möglichkeiten zum Einsatz politischer Treffen zur Verhandlungsführung und möglichst gütlichen Beilegung von Konflikten in der Region hat die Forschung bislang kaum gefragt.

    <6>

    Daher untersucht meine Dissertation hauptsächlich die Anwendungsmöglichkeiten der Tagfahrt als Strategie des Konfliktmanagements und als Forum direkter Kommunikation zwischen den Streitgegnern im – bezogen auf die Konfliktführung langen – 15. Jahrhundert12. Daneben beschäftigt mich die These Hermann Kamps zum Schiedsgericht im Spätmittelalter: In seiner Studie zu Vermittlern im Mittelalter stellt Kamp die These auf, eine Überlieferung von Ausgleichsverhandlungen, die einer Schlichtung eines Konfliktes vorangegangen waren, sei nur in seltenen Fällen fassbar. Sie sei überwiegend dort festzustellen, wo Streitigkeiten auf höchster Ebene stattfanden. Kamp hebt zwar schon hervor, die Schiedsgerichtsbarkeit habe »nicht allenthalben die Vermittlung in ihren Schatten« gestellt13. Er macht dies allerdings an nur einem Beispiel fest. Diese These sollte durch eine Ausweitung der zu untersuchenden Beispiele überprüft werden. Es ist somit auch nach dem Stellenwert des Schiedsgerichts im Untersuchungsgebiet zu fragen.

    <7>

    Die Untersuchungsgrundlage bilden sechs Fallbeispiele für Fehden unter Beteiligung der Städte Bremen, Lüneburg und Hildesheim. Diese Konflikte wurden zunächst als Einzelfall untersucht und in einem weiteren Schritt miteinander verglichen. Dies ermöglicht eine Zusammenstellung von Ergebnissen zur Anwendung von Tagfahrten in Fehden. Die Ergebnisse wurden nach folgenden Kriterien zusammengestellt: Zeit, Ort, Teilnehmerkreis, Verfahren vor Ort, Sanktionierungsmöglichkeiten für Abwesende, dem Stellenwert des Schiedsgerichts, Landfrieden und der Wahrnehmung der herangezogenen Konflikte in den historiographischen Quellen.

    Fallbeispiele

    <8>

    Detaillierter kann die Thematik an folgendem Fallbeispiel gezeigt werden: Das 14. Jahrhundert wurde von der Mittelalterforschung vielfach als Krisenzeit etikettiert. Ist diese Sichtweise für weite Bereiche zu Recht kritisiert worden, so haben wir es um die Mitte dieses Jahrhunderts im Gebiet von Stadt und Erzstift Bremen aber tatsächlich mit zugleich mehrfachen Krisen zu tun. Eine missglückte Bischofswahl und daraus resultierender Streit um den erzbischöflichen Stuhl14, der Einzug der Pest und der vermehrte Zuzug bäuerlicher Bevölkerungsteile vom Land in die Stadt sind nur einige Stichworte, diese bremische Krisenzeit grob zu umreißen15.

    <9>

    Aus dem Zuzug nicht geringer Zahlen von Bauern in die Freiheit verheißende Stadt entwickelte sich eine zusätzlich mit dem Streit um die Neubesetzung des Erzbischofsstuhles verbundene Fehde zwischen dem Rat der Stadt Bremen und dem die Eigenleute zurückfordernden Grafen Gerhard III. von Hoya. Nach verschiedenen militärisch geprägten Aktionen und einem Rittergefecht südlich von Bremen kam es zunächst zu einer vorläufigen Sühne. Ihr folgte ungefähr vier Jahre nach den Fehdeaktivitäten ein Schiedsprozess vor dem erzbischöflichen Gericht Alberts II., für das beide Parteien Klageschriften eingereicht hatten.

    <10>

    Im Jahr 1363 fällte Erzbischof Albert II. von Bremen an seiner Hauptresidenz, dem heutigen Bremervörde, in seiner Funktion als Landrichter einen Schiedsspruch, der in Zusammenhang mit der sogenannten Hoyaer Fehde von 1351–135916 steht. Zuvor hatte man die Sache, wie in einem früheren Landfrieden vorgesehen, vor das erzbischöfliche Gericht gebracht17. In den Aufzeichnungen zu diesem Schiedsspruch wird eine Vielzahl von Details aus diesem Konflikt deutlich. Darunter auch mehrere Punkte, die das Prozedere bei einer Verhandlungsführung in direkter Kommunikation der sich streitenden Parteien zum Thema haben. Zunächst war es geplant, so heißt es dort, dass der Bremer Rat und Graf Gerhard III. jeweils zwei Vertreter benannten, die sich dann zu einer Verhandlung in Weyhe treffen sollten, einem Ort südöstlich von Bremen gelegen18. Für den Fall, dass sich die Streitparteien nicht einigen könnten, war eine Art vermittelnder Obmann vorgesehen. Diese Position sollte in diesem Fall der Graf Heinrich von Bruchhausen übernehmen19.

    <11>

    Beschlossen wurde der Gang vor das erzbischöfliche Schiedsgericht durch jeweils zwei Unterhändler. Auf der Seite der Bremer waren dies Jan Klencke und Heinrich Gröning. Die Namen der gräflichen Unterhändler werden an dieser Stelle nicht genannt20. Sie hatten sich in Weyhe getroffen.

    <12>

    Der Schiedsspruch Alberts II. ist gegliedert in zunächst sechs Artikel, in denen der Bremer Rat seine Sicht der Dinge darstellt und sich danach die Verteidigungsaussagen der gräflich hoyaischen Seite anschließen. Diesen folgen acht Artikel der gräflichen Darstellung, jeweils mit Verteidigungsaussagen der Bremer und dem entscheidenden Spruch des Schiedsrichters Albert II. Im Detail wird hier also der Ablauf der Hoyaer Fehde rekonstruiert und wir können daraus erfahren, dass man seitens des Bremer Rates zunächst versucht hatte, die Sache schriftlich aus dem Weg zu räumen. Man habe den Grafen von Hoya mit diesen Briefen zu überzeugen gesucht, die in seiner Gefangenschaft befindlichen Bremer Bürger freizubekommen. Dies habe nichts gebracht und der Graf habe sogar vorsätzlich weiter in bremischem Gebiet Raub verübt21. Der Graf hingegen bezeichnete das betreffende, hier aber nicht genannte Gebiet als Teil des väterlichen Erbes. Man hat es hier also zusätzlich mit einem Streit um Ländereien zu tun, die sich der Rat der Stadt Bremen eventuell widerrechtlich angeeignet hatte, um seinen Einflussbereich weiter nach Süden ausweiten zu können. Der Rat der Stadt Bremen hatte dem Grafen Gerhard III. von Hoya zahlreiche Gefangene auf einer Tagfahrt im Ort Weyhe, südlich der Stadt, übergeben wollen. Der Rat habe diese Verabredung aber nicht eingehalten22. Abgeschlossen wird dieser Schiedsspruch mit Ausgleichsregelungen, die hier nicht mehr von Belang sind und an anderer Stelle ausgeführt werden können.

    <13>

    Ein zweites Beispiel ähnlicher Art stellt die Fehde Bremens mit Hoya in den Jahren 1400 bis 1402 dar. Auch hier ging es um den Zustrom von Hoyaer Eigenleuten in das Gebiet der Stadt Bremen. Und auch hier verfuhr man ähnlich wie schon zuvor. Um die Streitigkeiten beizulegen, so erfahren wir in einem überlieferten Schriftstück von 140223, hatten die Fehdegegner bereits verschiedene Tagfahrten durchgeführt, unter anderem im erzbischöflichen Gutsbereich von Brinkum. Eine weitere Tagfahrt sollte dann »up de lantwere to der Sture«, also in oder bei dem heutigen Ort Stuhr durchgeführt werden, der damals wohl dem Einflussbereich des Bremer Rates zuzuordnen war.

    <14>

    In diesem Schriftstück haben wir es allerdings mit einer leicht abgewandelten Begrifflichkeit zu tun. Hatten die Bremer Aussteller des Schiedsspruches von 1363 noch ausdrücklich und ausschließlich das Wort »dach« benutzt, so kommt es im Text von 1402 zwar auch vor, wir haben es hier aber in der Beschreibung der ersten Beilegungsversuche zunächst mit einer abgewandelten Form zu tun: »ghedegedingheden« nutzt der Schreiber und »schedinghe«. Erst dann weiter unten »dach« und schließlich greift er zu einer umständlichen Erklärung für das, was »up de lantwere to der Sture« geschehen sollte24.

    <15>

    Man sieht also, dass hier etwas stattfindet, was man mit Kieserling »Kommunikation unter Anwesenden« nennen kann25. Durch die Herrschaftsträger bestimmte Personen mit gewisser Amtsgewalt (Ratsmitglieder bzw. gräfliche »Berater«) gehen an einen vorher ausgehandelten Ort, um sich dort mit der Gegenseite eines Konflikts zu treffen und zu beraten beziehungsweise zu verhandeln. Gegenstand der Verhandlungen ist dabei zumeist eine möglichst gütliche Beilegung der Streitigkeiten.

    <16>

    Dass es sich dabei außerdem zusätzlich um »politische Kommunikation unter Anwesenden« handelt, bedingt vor allem eine Regelung, die es erlaubt, diejenigen zu verfolgen, die nicht bei solchen verabredeten Tagfahrten auftauchten. Es ist ein Aufruf mehrerer Dienstleute des Herzogs Albrecht von Braunschweig-Lüneburg erhalten, wahrscheinlich aus dem Jahr 138426, in welchem sie sich über die drei Brüder von Mandelsloh beklagen, die zu verschiedenen verabredeten Tagfahrten nicht erschienen seien. Infolgedessen könne jeder dem Herzog untergebene Adlige oder Bürger diese Abwesenden verfolgen, gerade so als seien sie »friedlos«. Es konnte also durchaus tiefgreifende Sanktionen nach sich ziehen, wenn man sich selbst außerhalb des Kreises stellte, der die Tagfahrt verabredet hatte.

    <17>

    Auf einer anderen Ebene der Kommunikation, der zwischen Stadt und Umland, lassen sich zu dieser Thematik ebenfalls Aussagen treffen. Auf der Suche nach Verbündeten in ihrer Fehde gegen die Brüder von Mandelsloh ließ der Rat der Stadt Bremen durch mehrere Adlige um 1380 Urfehdeerklärungen abgeben. In einer dieser Erklärungen, die der Knappen Hugo von Schagen und Borchert von Bremen27, ist ein Detail überliefert, das andernorts nur sehr schwer nachzuweisen ist: In diesem Schreiben wird dem Rat der Stadt Bremen indirekt die Kompetenz zugesprochen, zunächst selbst Tagfahrten einberufen zu dürfen, um den Frieden wiederherzustellen. Direkt wird in diesem Urfehdebrief gesagt, die beiden genannten Knappen sollten mit anderen hier nicht genannten Rittern und Knappen Frieden schließen, Tagfahrten abhalten und sich aussöhnen bzw. eine Sühne abschließen dürfen. Sie sollten dies aber nur tun dürfen, wenn sie vom Rat der Stadt Bremen den Auftrag dazu erhielten28.

    Konsequenzen

    <18>

    Wie lassen sich die obigen Beispiele der Anwendung von Tagfahrten und Schiedsverhandlungen zur möglichst gütlichen Beilegung von Fehden nun deuten? Es ist hier eine Tendenz der Akteure zu erkennen, sich um die anderen Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe innerhalb der Gesellschaft des Reichs im 14. und 15. Jahrhundert zu bemühen, sich nicht ausschließlich auf militärische Eskalationsschritte zu verlassen, sondern möglichst einen gütlichen Ausgleich zu finden. Um die Problematik ordentlicher Gerichte, die der Einseitigkeit, langen Prozessdauer und hohen Kosten, umgehen zu können, wurden von den Akteuren verschiedentlich Tagfahrten eingesetzt. Diese dienten zudem oft dazu, Schiedsverhandlungen vorzubereiten. Dabei maßen die Handelnden, sowohl Herrschaftsträger als auch deren weltliche Verbündete, der Kommunikation im Konflikt ein hohes Maß an Bedeutung zu. Den Fluss der Kommunikation abzubrechen, bedeutete gleichzeitig die Gefahr, den Konflikt weiterführen zu müssen, womit zusätzliche wirtschaftliche und soziale Einbußen verbunden gewesen wären.

    <19>

    Dabei zeichnet sich ab, dass innerhalb von Konflikten, die als Fehde geführt wurden, die Schlagworte Fehde und Tagfahrt in gewisser Weise ein zusammengehöriges Phänomen bilden. In Bezug auf die Anwendung von Tagfahrten tritt im Lauf des 14. Jahrhunderts neben dem Erzbischof als formalem Landesherrn der Stadt Bremen, der sich in den von mir angeführten Beispielen als oberster Landrichter zeigte, der Rat der Stadt zunehmend als landesherrliche Instanz auf. Durch die ihm selbst zugeschriebene Kompetenz, Tagfahrten sowohl selbst einberufen als auch abhalten zu können, tritt in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts das von landsässigen Rittern und Knappen anerkannte Herrschaftsrecht, diesen Weisungen zur Abhaltung von Tagfahrten und Sühneverhandlungen geben zu können. Diese landesherrlichen Weisungen unterlagen dabei gewissen Spielregeln, was man aus der Tatsache ersehen kann, dass bei Nichteinhaltung dieser Weisungen Sanktionen bis hin zur Todesstrafe drohen konnten.

    Zusammenfassung

    <20>

    Eine solche Anwendung von Tagfahrten als Mittel politischer Kommunikation, zumal unter Anwesenden, beschränkte sich im 14. und 15. Jahrhundert nicht nur auf das oben herangezogene Gebiet von Stadt und Erzstift Bremen, also das Gebiet zwischen Weser und Elbe. Auch die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und verschiedene Landesherren in Gebieten an der südlichen Ostsee bedienten sich einer solchen Verfahrensweise zum Management ihrer Fehden und deren Beilegung.

    <21>

    Bei der Tagfahrt könnte es sich um eine adlige Ausweichstrategie handeln, um den immensen Kosten und dem doch sehr hohen Zeitaufwand für ein Gerichtsverfahren vor nicht unbedingt zuverlässigen Landesherren entgehen zu können. Mit der Zeit könnte es auch in die Gerichtspraxis mit eingeflossen sein29. Hierzu wären allerdings umfassendere Studien, die das nördliche mit dem südlichen Reichsgebiet vergleichen sollten, notwendig. Mit ihnen könnte man letztlich auch dem Weg zu einem von Thomas Winkelbauer nachgewiesenen Verbot außergerichtlicher Absprachen in den habsburgischen Kernlanden des 17. Jahrhunderts nachspüren30.

    Autor

    Florian Dirks, M.A.
    Lehrbeauftragter an der Professur für Mittelalterliche Geschichte, Universität Erfurt
    fdirks@uni-bremen.de

    1 Die Grundlage dieses Beitrags bildet mein Dissertationsprojekt, das zwischen 2010 und 2013 unter dem Arbeitstitel »Konfliktaustragung im norddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Fehdewesen und Tagfahrt« an der Universität Erfurt entstand.

    2 Dazu insbesondere Gerd Althoff, Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Friede und Fehde, Darmstadt 1997; ders., Die Macht der Rituale, 2Darmstadt 2012. Für das Spätmittelalter wurden diese Thesen bislang kaum überprüft.

    3 Dazu z.B. Luise Schorn-Schütte, Politische Kommunikation als Forschungsfeld. Einleitende Bemerkungen, in: Angela de Benedictis (Hg.), Die Sprache des Politischen in actu. Zum Verhältnis von politischem Handeln und politischer Sprache von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, Göttingen 2009 (Schriften zur politischen Kommunikation, 1), S. 7–18.

    4 Gabriele Annas, Hoftag – Gemeiner Tag – Reichstag. Studien zur strukturellen Entwicklung deutscher Reichsversammlungen des späten Mittelalters (1349–1471), 2 Bde., Köln 2004 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 68), hier Bd. 1, S. 111.

    5 Hans Sudendorf (Hg.), Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, 11 Bde., Hannover 1859–1883, hier Bd. 10, Nr. 38.

    6 Florian Dirks, Die »Mandelslohsche Fehde« von 1380/81. Untersuchungen zum Fehdewesen im Bremischen des ausgehenden 14. Jahrhunderts, in: Stader Jahrbuch 99 (2009), S. 45–59; Sudendorf (Hg.), Urkundenbuch (wie Anm. 5) Bd. 5, Nr. 193.

    7 Umfassender hat die Forschung sich der Verhandlungsführung in Konflikten des Hochmittelalters zugewandt. Dazu z.B.: Jenny Benham, Peacemaking in the Middle Ages. Principle and Practice, Manchester 2011; Stephen D. White, Feuding and Peace-Making in the Touraine around the Year 1000, in: Traditio 42 (1986), S. 195264.

    8 Elsbet Orth, Die Fehden der Reichsstadt Frankfurt am Main im Spätmittelalter. Fehderecht und Fehdepraxis im 14. und 15. Jahrhundert, Wiesbaden 1973 (Frankfurter historische Abhandlungen, 6).

    9 Thomas Vogel, Fehderecht und Fehdepraxis im Spätmittelalter am Beispiel der Reichsstadt Nürnberg (1404–1438), Frankfurt a.M.1998 (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte, 11).

    10 Hermann Kamp, Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter, Darmstadt 2001.

    11 Vergleichend dazu: Joachim Deeters, Reichs- und Hansetage – eine vergleichende Betrachtung, in: Hansische Geschichtsblätter 129 (2011), S. 137–152.

    12 Florian Dirks, Konfliktaustragung im norddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Fehdewesen und Tagfahrt, Diss. phil., Universität Erfurt (2013).

    13 Kamp, Friedensstifter (wie Anm. 10), S. 252.

    14 Dazu Herbert Schwarzwälder, »Bannerlauf« und »Verrat« in Bremen 1365–1366, in: Bremisches Jahrbuch 53 (1975), S. 43–90.

    15 Ders., Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, 5 Bde., Bremen 1995, hier Bd. 1, Von den Anfängen bis zur Franzosenzeit (1810), S. 83f.

    16 Zu dieser Fehde auch ders., Geschichte, Bd. 1 (wie Anm. 15); vgl. Wilhelm von Bippen, Einleitung, in: Dietrich Rudolf Ehmck et al. (Hg.), Bremisches Urkundenbuch, bislang 7 Bde., Bremen 1873–1993, hier Bd. 3, Bremen 1880, S. V.

    17 Ibid., Nr. 199, S. 161–174; siehe dazu kurz: Hiram Kümper, »als dat utwiset unser lantrecht«. Ein bremisch-hoyaischer Rechtsstreit, ein welfischer Erzbischof und neue Fragen an die Bilderhandschriften des Sachsenspiegels, in: Hiram Kümper, Michaela Pastors (Hg.), Florilegium. Bochumer Arbeiten zur Mittelalterlichen und Frühneuzeitlichen Geschichte, Nordhausen 2007, S. 166–186, hier S. 178f.

    18 Ehmck et al. (Hg.), Bremisches Urkundenbuch (wie Anm. 16) Bd. 3, Nr. 199, hier S. 161.

    19 Ibid.; zu den Grafen von Bruchhausen siehe Heinrich Bomhoff, Die Grafen von Bruchhausen, in: Marco Adameck, Joachim Lück, Eilert Ommen (Hg.), Die Grafschaften Bruchhausen, Diepholz, Hoya und Wölpe. Ein Streifzug durch die Geschichte, Nienburg 2000 (Schriften des Museums Nienburg, 18), S. 91–94.

    20 Ehmck et al. (Hg.), Bremisches Urkundenbuch (wie Anm. 16) Bd. 3, Nr. 199, hier S. 161.

    21 Ibid., S. 161.

    22 Ibid., S. 172.

    23 Ibid., Bd. 4, Nr. 295; vgl. Manfred Wilmanns, Die Landgebietspolitik der Stadt Bremen um 1400 unter besonderer Berücksichtigung der Burgenpolitik des Rates im Erzstift und in Friesland, Hildesheim 1973 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung Göttingen, 6), S. 106 mit Anm. 20.

    24 Ehmck et al. (Hg.), Bremisches Urkundenbuch (wie Anm. 16) Bd. 4, Nr. 295.

    25 André Kieserling, Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme, Frankfurt a.M. 1999.

    26 Sudendorf (Hg.), Urkundenbuch (wie Anm. 5) Bd. 6, Nr. 98, Regest: »Allen Fürsten, Herren, Freien, Rittern, Knappen, Städten und allen guten Leuten klagen Lippold von der Helle, Johann von Otterstede und der Vogt Lippold, dass Heinrich und Statuis von Mandelsloh ihnen treulos und meineidig geworden sind, ihnen Recht und Tagefahrten verweigern, und Johann Clüver der ältere klagt, dass Diedrich von Mandelsloh ihm die versprochene Tagefahrt nicht hält, auf welcher derjenige von ihnen beiden, dem eine Untat nachgewiesen würde, gehängt werden sollte. Er bittet alle Herren und guten Leute, dass sie den Diedrich von Mandelsloh und dessen Gesellen, wo sie dieselben treffen, hängen«. Dieses Schreiben ist leider ohne Ort und Datum in die Edition aufgenommen worden.

    27 Ehmck et al. (Hg.), Bremisches Urkundenbuch (wie Anm. 16) Bd. 3, Nr. 570. Die Familie von Schagen war südwestlich von Bremen unter anderem nahe Vechta ansässig und stammte aus der Nähe Osnabrücks, wo sie zunächst der Ministerialität der Osnabrücker Bischöfe angehörte, siehe: Hans Georg Trüper, Ritter und Knappen zwischen Weser und Elbe. Die Ministerialität des Erzstifts Bremen, Stade 2000 (Schriftenreihe des Landschaftsverbands der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden, 12), S. 959; vgl. Wolfgang Schlüter, Wittekindsburg zu Schagen, in: Wolfgang Schlüter (Hg.), Burgen und Befestigungen, Bramsche 2000 (Kulturregion Osnabrück, 15; Schriften zur Archäologie Osnabrücker Land 2), S. 255–258. Die Verbindung zu Bremen entstand über die Pfandschaft Wildeshausens an die von Schagen; sie waren außerdem eine der Burgmannsfamilien Vechtas, siehe Ernst Heinrich Kneschke (Hg.), Neues allgemeines deutsches Adels-Lexicon, Band 8, Saackhen, Wailckhl v. Saackhen – Steinhauer zu Bulgarn, Leipzig 1868, S. 86. Die hier betroffenen Personen, Hugo von Schagen und Borchert von Bremen waren höchstwahrscheinlich Burgmannen in Wildeshausen.

    28 Ehmck et al. (Hg.), Bremisches Urkundenbuch (wie Anm. 16) Bd. 3, Nr. 570: »unde scholet vreden [,] daghen unde zonen, wanner uns de raet det het«.

    29 Hans-Heinrich Jarck (Hg.), Urkundenbuch des Klosters Osterholz (Bremer Urkundenbuch, 8. Abteilung), Hildesheim 1982 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 37, 5), Nr. 465, S. 419–424, Regest: »1620 Mai 8 Bremervörde: Erzbischof Johann Friedrich von Bremen gibt eine Entscheidung des Bremer Hofgerichts bekannt, in dem die Streitigkeiten zwischen dem Kloster Osterholz und Mitgliedern der Familie von der Hude über Fischereirechte auf der Hamme geschlichtet werden«; besonders S.  423, Art. 20: »Item wahr, ob auch woll clägere die beclagten von solchem ihrem ungeburlichem vornehmen einen abstant zuthunde freundtlich und fleißich vermanen und uff gehaltenen tagfarten dahin in gute berichten laßen, das doch solches zumahl bei ihnen nicht vorfangen, noch statt gewinnen mugen«.

    30 Thomas Winkelbauer, »Und sollen sich die Parteien gütlich miteinander vertragen«. Zur Behandlung von Streitigkeiten und von »Injurien« vor den Patrimonialgerichten in Ober- und Niederösterreich in der frühen Neuzeit, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung 109 (1992), S. 129–158.

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    F. Dirks: Sühnen, tagen, Frieden schließen
    In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/dirks_suehnen
    Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:42
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:19
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