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    S. Caspari: »Dominę clementissimae in Christo filiae, Hlodusindę reginę, Nicetius peccator«

    discussions 11 (2015)

    Stephanie Caspari

    »Dominę clementissimae in Christo filiae, Hlodusindę reginę, Nicetius peccator«1

    Der Brief als Ausdruck sozialer Kommunikation im Frühmittelalter: ein Appell zur Bekehrung

    Abstract:

    In diesem Beitrag wird der Brief des Bischofs Nicetius von Trier an die merowingische Königstochter Chlodosinde aus der Mitte des 6. Jahrhunderts als Form sozialer Kommunikation untersucht. Im Brief fordert Nicetius die Prinzessin auf, ihren langobardischen Ehemann und damit auch sein Volk zum katholischen Glauben zu bekehren. Es wird der Frage nachgegangen, ob und wie Nicetius mit Hilfe der Königstochter die eigene Vorstellung von Identität und Solidarität gegen konkurrierende Modelle durchzusetzen versucht. Zusätzlich wird analysiert, inwieweit sich Chlodosinde durch die Sichtweise des Bischofs Handlungsspielräume zuordnen lassen, die der frühmittelalterlichen Elite zugesprochen werden. Es erfolgt eine Einordnung des Briefes in Gattungszusammenhänge unter Beachtung der Inszenierung des Absenders und der Empfängerin durch den Briefschreiber. Auch die Schreib-, Transport- und Lesesituation sowie der Entstehungshintergrund werden kontextualisiert.

    Résumé:

    Dans cette contribution, la lettre de l’évêque Nizier de Trêves à Chlodosinde, fille d’un roi mérovingien au milieu du VIe siècle, est étudiée comme forme de communication sociale. Dans la lettre, Nizier exhorte la princesse à convertir son mari lombard pour qu’il convertisse lui aussi son peuple à la foi catholique. La question qui se pose est de savoir si et comment Nizier, avec l’aide de la fille du roi, essaya de diffuser ses propres idées sur l’identité et la solidarité contre des modèles concurrents. De plus, il sera analysé jusqu’à quel point Chlodosinde par les positions de l’évêque, s’est laissé attribuer des marges de manoeuvres, que l’on reconnaissait chez l’élite mérovingienne. Il s’en suit le classement de la lettre en vue du genre littéraire, fait en tenant compte de la mise en scène de l’expéditeur et de la réceptrice opérée à travers le scribe. La situation de l’écrit, celles du transport et de la lecture, tout comme celle de l’arrière-plan d’origine, seront contextualisées.

    Fragestellungen und Zielsetzungen

    <1>

    »Et tu, domna Hlodosuinda, cum verbum facis, solacium tribue, ut omnes de tale stella, de tale gemma sic gaudeamus, qualiter deo placere possimus. [...] Vigila, vigila, quia Deum propitium habes: rogo, ut sic agas, ut gentem Langobardorum fortem super inimicos facias et nos de salute tua vel viri tui gaudere concedas«2.

    <2>

    Mit diesen Worten ruft Nicetius, Bischof von Trier, die merowingische Prinzessin Chlodosinde in der Mitte des 6. Jahrhunderts dazu auf, ihren Ehemann zum römisch-katholischen Glauben zu bekehren. Sie verdeutlichen, welchen Handlungsspielraum der Bischof der Königstochter am Hofe ihres Mannes einräumte. Im Gegensatz dazu wird den merowingischen Königstöchtern trotz ihrer Zugehörigkeit zur Königsfamilie in der mediävistischen Forschung häufig kaum Einfluss auf die Gesellschaft ihrer Zeit zugesprochen. Im Folgenden wird untersucht, ob die in der Epistel angesprochene merowingische Königstochter Chlodosinde in den Augen ihrer Zeitgenossen die der Elite zugesprochenen Handlungsspielräume ausfüllte.

    <3>

    Die Elite3 wird für das frühe Mittelalter als Gruppe definiert, die sich in hoher sozialer Stellung durch ihr Vermögen, durch ihre Macht oder durch ihr Wissen von anderen abhob und von diesen entsprechend anerkannt wurde4. Diese Elite partizipierte an den Organisationsformen und besetzte die Institutionen, die für die damalige Gesellschaft fundamental5 und herrschaftstragend waren. Folgende wesentliche Kennzeichen zeichnen die Elite der Zeit aus: Geburt (oder Stand), Amt (oder Funktion), standesgemäßes Verhalten, Herrschaft und Königsnähe6. Einige dieser Kriterien treffen offenbar nicht auf die merowingischen Prinzessinnen zu: So hatten sie keine Funktion im Militärapparat, die meisten von ihnen gehörten nicht zur religiösen Elite und sie besaßen als Königstöchter am heimatlichen Hof kein offizielles Amt. Wenn die Prinzessinnen als Ehefrauen an der Seite ihrer Männer das Amt einer Königin innehatten, war die damit verbundene königliche Machtausübung unmissverständlich geringer und vermindert in ihrer weiblichen Form7.

    <4>

    Im frühmittelalterlichen System der kognatischen Verwandtschaft waren es die Frauen, die die Bande der Freundschaft durch Heirat kreierten. In dieser Gesellschaft lag die jurisdiktionelle und kriegerische Macht in den Händen der Männer und das Modell der Herrschaftsausübung war ein familiales Modell. Gerade in der Familie war die Frau Vermittlerin vor den männlichen Amtsträgern der Herrschaft und Fürsprecherin für den Frieden8. Der Aktionsradius der Frauen bestand also in der Sphäre der Kommunikation. Diese Funktion der Frau wird anhand der merowingischen Tochter Chlodosinde untersucht, die an den Langobardenherrscher Alboin verheiratet wurde. Es wird überprüft, ob sich der Prinzessin Chlodosinde aufgrund der Sichtweise des Zeitgenossen Nicetius auch diese der weiblichen Elite zugesprochenen Handlungsspielräume zuordnen lassen.

    <5>

    Nach Volker Depkat versteht sich Kommunikation als Basiskategorie von Gesellschaft. Depkat setzt die Überlegung an den Anfang, dass sich Gesellschaft aus der Summe der Kommunikation ihrer Teilnehmer zusammensetzt. Soziale Kommunikation manifestiert sich als konkrete macht- und hierarchiegefügte Praxis. Diese führt zu historisch spezifischen Formen, die identifiziert, beschreibend rekonstruiert und als Bestandteil vergangener Zeiten verstanden werden können9. Mit dieser Grundüberlegung wird das schriftliche Zeugnis an die Königstochter Chlodosinde als Form sozialer Kommunikation analysiert.

    Zur Gattung des Briefs in Spätantike und Frühmittelalter

    <6>

    Im 5. Jahrhundert galt der rhetorisch ausgefeilte, die Freundschaft fördernde Brief als Inbegriff des auf viele Bereiche ausgeweiteten genus epistulare. So war die wichtigste Aufgabe des Briefes der Freundschaftsbeweis als Ersatz für ein persönliches Gespräch. Daneben wurde der Brief als ein Mittel betrachtet, rhetorische Bildung zu zeigen10. Hierin liegt auch die Beweglichkeit dieser Form von Kommunikation begründet: was im Brief als persönliches Gespräch beginnt, kann sich beim Schreiben in eine gelehrte Abhandlung zu theologischen und politischen Fragen der Zeit verkehren11. Es ist aus heutiger Sicht nicht mehr festzustellen, ob ein Brief ausschließlich für den darin genannten Empfänger bestimmt war oder für eine größere Öffentlichkeit12 wie beispielsweise die der Hofgesellschaft13. Schrieb nun Nicetius von Trier zur Erhaltung oder zum Aufbau einer Freundschaft an die Merowingertochter? Oder war die Tochter nur die offensichtliche Empfängerin, und der Brief richtete sich eigentlich an ihren noch nicht zum katholischen Christentum bekehrten Ehemann und die sie umgebende Hofgesellschaft?

    <7>

    Inhaltlich und sprachlich stereotypisierte Bestandteile von Briefen werden wie ein durch Performanz wirksames Repertoire an Gesten analysiert. Somit wird formalisierte Brieftopik, insbesondere solche, die mit Problematiken von Rangordnung und Nähe zusammenhängt, als sinntragendes Zeichensystem einer mindestens in Ansätzen ritualisierten Kommunikationspraxis – eben als »geschriebene Gestik« verstanden14. In welche Beziehung stellte sich der Briefschreiber zu der merowingischen Prinzessin? Welche Nähe baute er zu ihr auf? In der weiteren Untersuchung wird der Brief als Medium politischer Kommunikation folgendermaßen analysiert: Die Inszenierung des Absenders und der Empfängerin durch den Briefschreiber wird beachtet. Dabei wird die Schreib-, Transport- und Lesesituation einkalkuliert und es erfolgt eine Einordnung in einen ermittelbaren Kommunikationskreis15.

    Zur Einordnung der Epistel in die Gattungszusammenhänge

    <8>

    Das Schriftstück kann in die Gattung der Gebrauchstexte16 bzw. der christlichen Privatbriefe, zu unterteilen in Lehr,- Mahn- und Trostbriefe, eingeordnet werden. Ihre Charakteristika sind nicht Befehl und Vorschrift, sondern Argumentation und Überzeugung17. Das Thema der Epistel ist die Bekehrung des Ehemannes der Merowingerin. Nicetius, Bischof von Trier, fordert Chlodosinde in seinem Schreiben auf, ihren arianischen Ehemann zum katholischen Glauben zu bekehren18. Anhand des Briefes wird analysiert, welche Position die Prinzessin am Hof ihres Mannes oder auch in den Augen der Zeitgenossen aus ihrem Herkunftsland einnahm. Die Prinzessin traf als Fremde am Hof ihres Mannes auf ein bestehendes soziales Bezugssystem19. Schaffte sie es, sich in dieses zu integrieren und zusätzlich dazu Einfluss und politische Macht auszuüben?

    <9>

    Ein kurzer Blick in das Briefwesen und in den Kontext stellt die Bedeutung heraus, die die Königstochter in den Augen ihrer Zeitgenossen als Empfängerin des Briefes spielte: Der Brief war Mitte des 6. Jahrhunderts vom Trierer Bischof an eine Adressatin in einem anderen politischen Herrschaftssystem als dem Seinigen gerichtet. Dadurch ist das Schriftstück Teil der Manifestation von Außenbeziehungen zwischen zwei gentes, womit es zur Diplomatiegeschichte des Frühmittelalters gehört20. Diplomatische Bemühungen dieser Zeit wurzelten letztlich in den strukturellen Erfordernissen der zeitgenössischen Kommunikation, nämlich in der Tatsache, dass diese, schriftlich wie mündlich, an die Präsenz, an einen Körper, und damit in der Praxis an Boten und Vermittler gebunden waren21.

    <10>

    In dieser Zeit transformierte sich das Beziehungsgeflecht des römischen Reiches: Diplomatische Allianzen waren getrennt von militärischen Unternehmungen, Beziehungen zwischen den Herrschern der gentes waren personalisiert. Trotzdem waren Freundschaftsbünde der Monarchen neben der persönlichen Bindung auch immer Beziehungen der ihnen unterstehenden gentes zueinander. Vor diesem Hintergrund waren Heiraten ein essentielles Instrument der diplomatischen Beziehungen22. Die Heirat der Chlodosinde mit Alboin setzte das Schließen von Bündnissen zwischen Merowingern und Langobarden aufgrund von Ehen fort23. Im Falle der Ehe Chlodosindes mit Alboin verringerte das Bündnis für die Langobarden die Gefahr einer Bedrohung durch die Römer, die nach ihrem Sieg über die Goten Italien beherrschten und zu denen sich seit 552 das Verhältnis abgekühlt hatte24.

    Die Schreib-, Transport- und Lesesituation des Briefes sowie sein Entstehungskontext

    <11>

    Das austrasische Dossier zeigt, dass ein Hauptschreiben oft von einer Gruppe von Briefen begleitet wurde, die an verschiedene Mitglieder des fremden Hofes gerichtet waren25. Die Persönlichkeit, die dabei besonders häufig adressiert wurde, war die Ehefrau des Herrschers. Manchmal verlangte der Verhandlungspartner von der Frau, ihrem Ehemann den Inhalt des Briefes im Privaten mitzuteilen und ihren Einfluss dazu zu nutzen, den Gatten vom Standpunkt des Erstellers zu überzeugen26. Dies ist auch insbesondere im Brief des Nicetius27 an Chlodosinde der Fall.

    <12>

    Zum Kommunikationskreis: Nicetius tritt insgesamt zweimal als Verfasser in den »Epistulae Austrasiacae« auf, neben Chlodosinde als Empfängerin verfasst er ein Schreiben an den Kaiser Justinian28. Fünf Episteln von Bischöfen und einem Mönch sind an ihn gerichtet29. Somit war sich Nicetius der diplomatischen Wege bewusst, er nutzte sie und war eventuell sogar selbst in diplomatischen Missionen unterwegs30. Der Brief an Chlodosinde ist ein Einzelstück, er ist der umfangreichste, den Nicetius schrieb. Weitere Schriftstücke zur Begleitung sind nicht bekannt. Der Brief muss im Jahr 567 verfasst worden sein zwischen dem Tod Chlothars I. im Jahr 561 und der Invasion Italiens durch die Langobarden im Jahr 568. Weil Nicetius über alle Maßen den Sieg Alboins über seine Feinde lobt, ist eine Abfassung in dem Moment wahrscheinlich, in dem Franken und Langobarden gegen die Byzantiner und die Gepiden verbündet waren, d. h. im Jahr 56731. Kurz nach Abfassung des Schreibens, wahrscheinlich im Jahr 568, starben beide Personen, Nicetius und Chlodosinde, sodass sich weder die Bekehrung noch weiterer Briefkontakt realisieren ließen32.

    Zum Inhalt und zur Auswertung des Briefes an Chlodosinde

    <13>

    Nicetius begrüßt Chlodosinde als gütigste Herrin, als Tochter Christi, als Königin und redet sie namentlich an. Sich selbst bezeichnet er als Sünder33. Der Bischof stellt in der Begrüßung eine geistlich-christliche Verwandtschaftsbeziehung zwischen sich und der Königstochter her34. Er berichtet, dass langobardische Gesandte von den Königen der Franken, den Brüdern Chlodosindes, empfangen worden seien. Der Vater wird an dieser Stelle nicht mehr genannt. Über den Transport des Briefes gibt Nicetius keine direkte Auskunft, es könnte möglich sein, dass die Epistel diesen Gesandten mitgegeben wurde. Nach der knappen Erwähnung der Gesandten zählt der Bischof von Trier die Lobpreisungen auf, die er über die Königin gehört habe. So sei sie edel, sehr menschenfreundlich und großzügig, nehme sich der Armenfürsorge an, sei an der Ausübung der Regierung oder der Religion beteiligt und würde in den Augen der Zeitgenossen als brillant erscheinen. Er nennt in diesem Zuge die Qualitäten des Geistes – Weisheit und Intelligenz –, die sie durch die Gnade Gottes erhalten habe35.

    <14>

    Nicetius zeigt sich erfreut, bemerkt jedoch erstaunt, dass Chlodosindes Ehemann Alboin nicht daran arbeite, etwas für sein Seelenheil zu tun. Der Trierer Bischof beschwört die Königin, angesichts des Tages des Jüngsten Gerichtes seinen Brief gut zu lesen und den Inhalt ihrem Ehemann gut und häufig wiederkehrend nahezubringen. Es folgen diverse Passagen aus den Evangelien, der Apostelgeschichte und den Psalmen, die die Dreieinigkeit Gottes belegen sollen. Dadurch liefert er Chlodosinde Argumente gegen den arianischen (Irr-)Glauben36. In diesen Belehrungen spricht er Chlodosinde wiederholt namentlich an oder appelliert an sie mit der Anrede in der zweiten Person Singular, so dass tatsächlich ein persönliches Gespräch suggeriert wird.

    <15>

    Der Trierer Bischof schlägt vor, Alboin und seine Gefolgsleute zum Grab des heiligen Martin zu schicken, damit sie dort durch die Wunder des Heiligen wie Chlodwig zum katholischen Glauben bekehrt werden können. Des Weiteren weist er die Merowingerin darauf hin, dass sie selbst die heiligen Bischöfe Remigius und Medardus erlebt habe, deren beispielhafte Religiosität sie ihrem Ehemann vor Augen führen könne. Danach vergisst er nicht zu erwähnen, dass die Bekehrung Chlodwigs durch die Hilfe ihrer Großmutter Chlothilde ihm Siege gegen die häretischen Könige Gundobad und Alarich verschafft habe37.

    <16>

    Am Ende der Epistel fordert Nicetius Chlodosinde auf, durch das immer wiederkehrende Reden über den Glauben mit ihrem Ehemann Gott zu gefallen. Der Kleriker appelliert an die Merowingerin, sofort mit der Bekehrung zu beginnen und diese unermüdlich voranzutreiben, damit sie dadurch dem Volk der Langobarden Stärke verleihe und das Seelenheil für ihren Mann und sich erlange38.

    Fazit

    <17>

    Die Merowingerin war eindeutig die Empfängerin des Briefes, was durch die mehrfache Nennung ihres Namens und die Benutzung der zweiten Person Singular zum Ausdruck kommt. Chlodosinde sollte die Inhalte an ihren Ehemann so weitergeben, dass er sie nachvollziehen und bestenfalls befolgen konnte, um damit seine Bekehrung zu erreichen. Chlodosinde war somit in die diplomatischen Beziehungen ihrer Zeit eingebunden und konnte in den Augen ihres Zeitgenossen, des Bischofs Nicetius von Trier, Einfluss auf die Entscheidungen ihres Mannes nehmen.

    <18>

    Nicetius rühmt zwar Chlodosindes Weisheit und Intelligenz, es wird jedoch besonders durch die Länge des Briefes und die theologischen Argumentationen deutlich, dass es sich bei Chlodosinde um eine Person gehandelt haben muss, die diese Diskurse auch verstehen und in den richtigen Kontext einordnen konnte39. So führt Nicetius nicht das häufig genannte klassische Beispiel der Bekehrung eines Herrschers durch eine Frau auf, nämlich die Bekehrung Konstantins durch seine Mutter Helena40. Stattdessen rekurriert er auf die Familiengeschichte der Merowinger, nämlich auf die Bekehrung Chlodwigs I. mit Hilfe der Chrodechilde. Diese Bekehrungsgeschichte ihres Großvaters durch ihre Großmutter dürfte Chlodosinde bestens bekannt und präsent gewesen sein. Nicetius stellt weitere Bezüge zu ihren fränkischen Wurzeln und ihrer Erziehung mittels der Erinnerung an ihre eigene Begegnung mit den Bischöfen Remigius41 und Medardus42 her. Hier führt er keine Beispiele zur Heiligkeit der beiden Bischöfe an, sondern setzt Chlodosindes Kenntnis über diese voraus. Augenscheinlich geht er davon aus, dass Chlodosinde in der Lage ist, Exempel von deren Heiligkeit zu veranschaulichen.

    <19>

    Die Merowingerin war in die politischen Geschehnisse ihrer Zeit insofern involviert, als sie einen Einfluss eben nicht nur auf ihren Gatten, sondern auch durch ihn auf das Volk der Langobarden ausüben konnte. Die langobardische gens hätte wahrscheinlich eine Entscheidung ihres Herrschers zur Bekehrung zum katholischen Glauben mittragen und dementsprechend dieser Glaubensentscheidung folgen müssen. Der Brief des Bischofs an Chlodosinde kann in die Kategorie des Lehrschreibens eingeordnet werden, das für den privaten, aber auch für den öffentlichen Raum geeignet war. Nicetius fordert Chlodosinde zur Bekehrung Alboins auf, um darüber hinaus die Bekehrung aller Langobarden zu erreichen. Das unterstreicht, dass der Brief dazu dienen sollte, zumindest in Teilen auch im öffentlichen Raum des Hofes gelesen zu werden, was den vielen theologischen Exempeln noch mehr Sinn gibt.

    <20>

    Die Anerkennung der Prinzessin als einer Person mit politischem Einfluss durch ihren Ehemann wird überdies durch die Pflege von diplomatischen Beziehungen zwischen Alboin und ihren Brüdern ausgedrückt. Dieser hätte den Kontakt nicht gepflegt, wenn er das durch die Ehe geknüpfte Freundschaftsband nicht respektiert hätte. So war Chlodosinde ein Mitglied der Elite des 6. Jahrhunderts mit den dazu gehörenden Handlungsspielräumen, einerseits in den Augen der Zeitgenossen aus ihrem Herkunftsland, andererseits ebenso in der Hofstruktur ihres langobardischen Mannes. Der Aktionsradius der Merowingerin war einem Mitglied der Elite angemessen, denn sie übte durch ihre Heirat das Amt der Königin aus, wodurch sie in unmittelbarer Königsnähe lebte und wahrscheinlich an der Herrschaft beteiligt war. Sie partizipierte also direkt an den Organisationsformen der frühmittelalterlichen Gesellschaft und besetzte eine Institution, die für die damalige Gesellschaft fundamental und herrschaftstragend war. Darüber hinaus erwartete Nicetius ein standesgemäßes Verhalten gerade in Hinblick auf ihre Rolle als Frau: Sie sollte als Fürsprecherin und Vermittlerin vor den männlichen Amtsträgern der Herrschaft agieren. Man kann das Schreiben des Trierer Bischofs an Chlodosinde nach Volker Depkat in die Art von Schreiben einordnen, die zur Stabilisierung und Konstituierung von Gruppen und Identitäten dienen. Es ist deutlich ersichtlich, dass der Brief des Nicetius ein Versuch ist, durch soziale Kommunikation mit Hilfe der Königstochter die eigene Vorstellung von Identität und Solidarität gegen konkurrierende Modelle durchzusetzen43.

    Autorin:

    Stephanie Caspari, M.A.
    Ruhr-Universität Bochum
    stephanie.b.bcaspari@rub.de

    1 Ep. 8, in: Wilhelm Gundlach (Hg.), Epistolae Austrasiacae, Berlin 1892 (MGH, Epistulae, 3), S. 119–122, hier S. 119.

    2 Ibid., S. 122.

    3 François Bougard, Hans-Werner Goetz, Régine Le Jan (Hg.), Théorie et pratiques des élites au Haut Moyen Âge. Conception, perception et réalisation sociale, Turnhout 2011 (Collection Haut Moyen Age, 13).

    4 Hans-Werner Goetz, Eliten in der Forschung und im zeitgenössischen (Selbst-)Verständnis des frühen Mittelalters, in: Bougard, Goetz, Le Jan (Hg.), Théorie et pratiques des élites (wie Anm. 3), S. 101125, hier S. 103f.

    5 Steffen Patzold, »Adel« oder »Eliten«? Zu den Chancen und Problemen des Elitenbegriffs für eine Typologie frühmittelalterlicher Führungsgruppen, in: Bougard, Goetz, Le Jan (Hg.), Théorie et pratiques des élites (wie Anm. 3), S. 127146, hier S. 145.

    6 Goetz, Eliten in der Forschung (wie Anm. 4), S. 111f.

    7 Régine Le Jan, Les élites au Haut Moyen Âge. Approche sociologique et anthropologique, in: Bougard, Goetz, Le Jan (Hg.), Théorie et pratiques des élites (wie Anm. 3), S. 6999, hier S. 89.

    8 Ibid., S. 97.

    9 Volker Depkat, Kommunikationsgeschichte zwischen Mediengeschichte und der Geschichte sozialer Kommunikation. Versuch einer konzeptionellen Klärung, in: Karl-Heinz Spieß (Hg.), Medien der Kommunikation im Mittelalter, Stuttgart 2003 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, 15), S. 948, hier S. 10.

    10 Michaela Zelzer, Der Brief in der Spätantike. Überlegungen zu einem literarischen Genus am Beispiel der Briefsammlung des Sidonius Apollinaris, in: Wiener Studien 108 (1994/95), S. 541551, hier S. 544.

    11 Gabriela Signori, »Geschenke erhalten die Freundschaft«. Freundschaftsideal und Freundschaftspraxis in der mittelalterlichen Briefliteratur, in: Michael Grünbart (Hg.), Geschenke erhalten die Freundschaft. Gabentausch und Netzwerkpflege im europäischen Mittelalter, Akten des Internationalen Kolloquiums Münster, 19.20. November 2009, Münster 2011 (Byzantinistische Studien und Texte, 1), S. 187208, hier S. 192.

    12 Giles Constable, Letters and Letter-collections, Turnhout 1976 (Typologie des sources du Moyen Âge occidental), S. 11.

    13 Josiane Barbier, Un rituel politique à la cour mérovingienne. L'audience royale, in: Jean-Pierre Caillet, Michel Sot (Hg.), L'audience. Rituels et cadres spatiaux dans l'Antiquité et le haut Moyen Âge, Paris 2007 (Textes, images et monuments de l'Antiquité au Moyen Âge. Université de Paris 10-Nanterre, 6), S. 241263, hier S. 246f. Jüngst wird auf die Unterscheidung zwischen »privaten« und » öffentlichen« Briefen ganz verzichtet, da sich eine eindeutige Grenze zwischen beiden nicht ziehen lässt. Vgl. Bianca-Jeanette Schröder, Bildung und Briefe im 6. Jahrhundert. Studien zum Mailänder Diakon Magnus Felix Ennodius, Berlin 2007, S. 148.

    14 Sita Steckel, Kulturen des Lehrens im Früh- und Hochmittelalter. Autorität, Wissenskonzepte und Netzwerke von Gelehrten, Köln, Weimar, Wien 2011 (Norm und Struktur, 39), S. 284f.

    15 Christina Antenhofer, Mario Müller, Briefe in politischer Kommunikation. Einführung, in: Christina Antenhofer, Mario Müller (Hg.), Briefe in politischer Kommunikation vom Alten Orient bis ins 20. Jahrhundert, Göttingen 2008 (Schriften zur politischen Kommunikation, 3), S. 930, hier S. 22.

    16 Achim Thomas Hack, Codex Carolinus. Päpstliche Epistolographie im 8. Jahrhundert, Bd. 1, Stuttgart 2006 (Päpste und Papsttum, 35), S. 20.

    17 Ibid., S. 30.

    18 Matthias Becher, Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt, München 2011, S. 187f.

    19 Einige der von Karl-Heinz Spieß vorgelegten Untersuchungskriterien lassen sich für die Merowingerzeit nachweisen, vgl. Karl-Heinz Spieß, Fremdheit und Integration der ausländischen Ehefrau und ihres Gefolges bei internationalen Fürstenheiraten, in: Thomas Zotz (Hg.), Fürstenhöfe und ihre Außenwelt. Aspekte gesellschaftlicher und kultureller Identität im deutschen Spätmittelalter, Josef Fleckenstein zum 85. Geburtstag, Würzburg 2004 (Identitäten und Alteritäten, 16), S. 267290, hier S. 268.

    20 Régine Le Jan, Les relations diplomatiques pendant le premier Moyen Âge (VIeXIe siècle), in: Les relations diplomatiques au Moyen Âge. Formes et enjeux, hg. v. der Société des historiens médivistes de l’enseignements spérieur public, Paris 2011 (Histoire ancienne et médiévale, 108), S. 1330, hier S. 15.

    21 Volker Scior, Bemerkungen zum frühmittelalterlichen Boten- und Gesandtschaftswesen, in: Walter Pohl (Hg.), Der frühmittelalterliche Staat – europäische Perspektiven, Wien 2009 (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters, 16, Denkschriften. Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse, 386), S. 315330, hier S. 318.

    22 Le Jan, Les relations diplomatiques (wie Anm. 20), S. 19.

    23 Martina Hartmann, Die Königin im frühen Mittelalter, Stuttgart 2009, S. 66.

    24 Frank Ausbüttel, Die Germanen, Darmstadt 2010, S. 115.

    25 Bruno Dumézil, Thomas Lienhard, Les »Lettres austrasiennes«. Dire, cacher, transmettre les informations diplomatiques au haut Moyen Age, in: Les relations diplomatiques au Moyen Âge (wie Anm. 20), S. 6980, hier S. 69.

    26 Dumézil; Lienhard, Les »Lettres austrasiennes« (wie Anm. 25), S. 71. Dasselbe Verhalten gegenüber den Herrscherfrauen lässt sich in den Briefen Gregors des Großen feststellen, vgl. Eckhard Ruppenthal, Beobachtungen zur Rolle von Herrscherinnen in den Briefen Papst Gregors des Großen, in: Peter Thorau, Sabine Penth, Rüdiger Fuchs (Hg.), Regionen Europas – Europa der Regionen. Festschrift für Kurt Jäschke zum 65. Geburtstag, Köln, Weimar, Wien 2003, S. 3343, hier S. 35.

    27 An dieser Stelle möchte ich herzlich Bruno Dumézil danken, der mir Teile seiner noch unveröffentlichten Edition und Übersetzungen der »Epistulae Austrasiacae« zur Verfügung gestellt hat.

    28 Ep. 7, in: Gundlach (Hg.), Epistolae Austrasiacae (wie Anm. 1), S. 118f.

    29 Ep. 5, 6, in: ibid., S. 116118; Ep. 11, in: ibid.,, S. 126f.; Ep. 21, in: ibid.,, S. 133f.; Ep. 24, in: ibid., S. 137f.

    30 Im Gesandtschaftswesen des 6. Jahrhunderts gehörte es zur großen Tradition der Spätantike, auch Bischöfe Teil der Delegationen werden zu lassen, vgl. Bruno Dumézil, Les ambassadeurs occidentaux au VIe siècle. Recrutement, usages et modes de distinction d'une élite de représentation à l'étranger, in: Bougard, Goetz, Le Jan (Hg.), Théorie et pratiques des élites (wie Anm. 3), S. 243260, hier S. 245.

    31 Bruno Dumézil, Unveröffentlichtes Kopfregest zu Ep. 8; vgl. Ausbüttel, Die Germanen (wie Anm. 24), S. 115.

    32 Ulrich Nonn, Nicetius. Bischof von Trier, in: LexMA 6, München, Zürich 1993, Sp. 1127f.

    33 Ep. 8 (wie Anm. 1), S. 119.

    34 Auch Päpste benutzten in den Titulaturen ihrer Briefe an Frauen Formen geistlicher Verwandtschaft als Schreibstrategie, vgl. Gerhard Lubich, Frauen in Briefen der frühen Päpste. Bild und Funktion der Frau nach der päpstlichen Epistolographie zwischen Gregor I. und Gregor VII., in: Stefan Weinfurter (Hg.), Päpstliche Herrschaft im Mittelalter – Strategien – Darstellungsformen, Ostfildern 2012 (Mittelalter-Forschungen, 38), S. 129152, hier S. 139.

    35 Ep. 8, (wie Anm. 1), S. 120.

    36 Ibid., S. 120f.

    37 Ibid., S. 121f.

    38 Ibid., S. 122.

    39 Zur Bildung Chlodosindes gibt es keine Belege. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass ihr Vater Chlothar sie als Prinzessin genauso erziehen ließ wie seine zukünftige Ehefrau, die Thüringerin Radegunde: »Quae veniens in sortem praecelsi regis Chlotharii […] in villa regia nuriendi causa custodibus est deputata. Quae puella inter alia opera quae sexui eius congruebant litteris est erudita «, in: Bruno Kusch (Hg.), Venanti Fortunati, Vita sanctae Radegundis 2, Berlin 1885 (ND 1995) (MGH, Auctores antiquissimi, 4,2), S. 3849, hier S. 38.

    40 Ruppenthal, Beobachtungen (wie Anm. 26), S. 39.

    41 Remigius von Reims war der Bischof, der Chlodwig im katholischen Glauben unterwies und der ihn schließlich taufte, vgl. Becher, Chlodwig I. (wie Anm. 18), S. 181186.

    42 Gerade der Kult des heiligen Medardus wurde von Chlothar I., Chlodosindes Vater, stark forciert, indem er ihm in Soissons eine Grablege baute und dort eine Abtei gründete, vgl. Ivan Gobry, Clotaire Ier. 558–561, fils de Clovis, Paris 2011 (Histoire des rois de France), S. 184, S. 233. Chlothar I. wurde ebenfalls in dieser Abtei begraben. Chlodosindes Bruder Sigibert setzte die Unterstützung des Kultes fort, beschenkte die Abtei und ließ sich ebenfalls dort zur Ruhe betten, vgl. Josiane Barbier, Les actes royaux mérovingiens pour Saint-Médard de Soisson. Une révision, in: Denis Defente (Hg.), Saint-Médard. Trésors d'une abbaye royale, Paris 1997, S. 180241, hier S. 216f. Chlodosinde wird sich dieser engen Beziehung ihrer Familie zu Medardus bewusst gewesen sein.

    43 Depkat, Kommunikationsgeschichte (wie Anm. 9), S. 27.

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    S. Caspari: »Dominę clementissimae in Christo filiae, Hlodusindę reginę, Nicetius peccator«
    In: Formen mittelalterlicher Kommunikation. Sommeruniversität des DHIP, 7.–10. Juli 2013/Formes de la communication au Moyen Âge. Université d’été de l’IHA, 7–10 juillet 2013, hg. von/dir. par Ralf Lützelschwab (discussions 11).
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/discussions/11-2015/caspari_brief
    Veröffentlicht am: 05.10.2015 11:41
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:21
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