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    Die Onlineedition der Conférences de l’Académie royale de peinture et de sculpture

    Als der Premierminister Ludwigs XIII., der Kardinal Richelieu, 1635 die Académie Française  gründete, gab er ihr zwei Aufgaben: die Erstellung eines Dictionnaire der französischen Sprache und die Entwicklung einer Poetik, also einer Literaturtheorie, wie sie in Italien bereits existierte. Sein Ziel war es sicherlich, die französischen Literaten zu unterstützen und ihnen ein Forum zu geben, seine Gründung war indes nicht völlig frei von politischen Erwägungen. Richelieu bezog in seine Überlegungen auch die Kunst ein, selbst wenn er vermutlich noch nicht an die Gründung einer Kunstakademie dachte. 1627 berief er Simon Vouet aus Rom nach Paris zurück, damit er eine eigenständige französische Kunst entwickele, die weitgehend unabhängig von italienischen und flämischen Einflüssen ist. Ein moderner Territorialstaat definierte sich nach seiner Einschätzung auch über die Sprache und über Kunst und Literatur. Als Richelieus Nachfolger, der Kardinal Mazarin, 1648 die Académie Royale de Peinture et de Sculpture mitten in den Wirren der Fronde einrichtete, waren die Aufgaben der neuen Einrichtung zwar etwas komplexer, sollte sie doch nicht nur die Nobilitierung der Künste verfolgen, sondern sich auch um eine akademischen Ansprüchen genügende Ausbildung des Nachwuchses kümmern; der Grundgedanke dürfte indes ein ähnlicher gewesen zu sein.

    Zu den Aufgaben der Kunstakademie zählte von Anfang an auch die Diskussion über die Kunst und die Erstellung von Regeln, die für die künstlerische Produktion und für die Ausbildung des Nachwuchses verbindlich sind. Die ersten Versuche scheinen nicht sonderlich erfolgreich gewesen zu sein. Und so drängte der neue Surintendant des Bâtiments Jean-Baptiste Colbert die Akademiker, aktiv zu werden. Damit setzte im Jahre 1667 eine Serie von Vorträgen ein, in der die Künstler bis zur Auflösung der Einrichtung im Jahre 1793 mit wechselnder Intensität künstlerische und kunsttheoretische Fragen behandelten. Colbert fand in Charles Le Brun einen Künstler, der die Aufgabe mit Nachdruck verfolgte. Dem Premier Peintre du Roi war nach allgemeiner Einschätzung mit den Königinnen Persiens zu Füßen Alexanders (1660/61) bereits das Programmbild einer eigenständigen neuen Malerei gelungen, die die italienische Malerei in ihrer Vorherrschaft ablöste. Ein vergleichbares Ziel sollte nun auch für die Kunsttheorie erreicht werden.

    Die Akademiker hatten bei ihren Bemühungen sicherlich auch das schmerzliche Beispiel ihrer prominenten Schwesterakademie, der Académie Française, vor Augen, der es nicht gelingen wollte, eine Poetik zu erstellen und die bald den Prestigeverlust erfahren musste, dass eine Einzelperson, ein Nichtmitglied zudem, diese Aufgabe erfüllte: Nicolas Boileau, der erst lange nach dem Erscheinen seiner Poetik im Jahre 1684 einen Sitz unter den Unsterblichen erhielt. Und Antoine Furetière veröffentlichte 1684 seine Essais d’un dictionnaire universel, lange vor dem Erscheinen des Dictionnaire der Académie Française, woraufhin er von den Akademikern ausgeschlossen wurde. Für die Académie Royale de Peinture et de Sculpture zeichnete sich ein ähnliches Problem ab, als Roger de Piles 1668 das zwischen 1635 und 1656 entstandene Lehrgedicht De arte graphica von Charles-Alphonse Du Fresnoy veröffentlichte, einem Gegner der Pariser Kunstakademie und dessen Leiter Charles Le Brun.

    Das große Interesse der königlichen Kulturverwaltung an einer französischen Kunsttheorie manifestierte sich auch darin, dass sie ihren Historiographen André Félibien damit betraute, die Conférences zu veröffentlichen (und nicht den Historiographen der Kunstakademie Henry Testelin). Indes sollte es nur zur Publikation der Vorträge des Jahres 1667 kommen. Die Vorträge der folgenden 125 Jahre sollten mit nur wenigen Ausnahmen unveröffentlicht bleiben. Als die französischen Geisteswissenschaften im letzten Drittel des 19. und im frühen 20. Jahrhundert ihre großen Quelleneditionen vorlegten, blieb erstaunlicherweise dieses ungeheuer reiche Konvolut weitgehend unbearbeitet. Zwei von Henry Jouin und André Fontaine 1883 und 1903 herausgegebene Editionen (wie auch eine 1996 herausgegebene Studienausgabe von Alain Merot) umfassten lediglich einen Bruchteil der Vorträge. Ein Grund für die Zurückhaltung mag in der Skepsis gegenüber einer akademischen Doktrin gelegen haben, die im späten 19. Jahrhundert auf das heftigste bekämpft wurde und deren Entstehen man in den Anfängen der Akademie vermutete. Die Überzeugung, in den Vorträgen eine dogmatische Festschreibung der Kunst zu finden, gegen die sich die Maler von Barbizon und die Impressionisten auflehnten, musste eine komplette Edition der Conférences überflüssig erscheinen lassen.

    Das Bild der Akademie als Hort einer wenig flexiblen, zudem von politischer Einflussnahme geprägten Doktrin geht auf das 17. Jahrhundert selbst zurück, auf André Félibiens Band mit den Vorträgen des Jahres 1667, in dessen Einleitung der Herausgeber die berühmt gewordene und von der Moderne vehement bekämpfte Hierarchie der künstlerischen Gattungen vom Stillleben bis zur allegorisch überhöhten Historienmalerei einfügte, und auf Henry Testelins Band von 1680, in dem die Ergebnisse der Conférences zu tables de préceptes, wie es im Untertitel der Publikation heißt, zusammengefasst sind. Dass diese Einschätzung indes einer grundsätzlichen Korrektur bedarf, belegt die am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris erarbeitete komplette kritische Edition der Conférences, die mit der elektronischen Verfügbarmachung ihren Abschluss findet. Sie zeigt die Akademie als ein äußerst lebendiges Diskussionsforum, das die Entwicklung einer akademischen Kunst als einen Prozess und nicht als ein festes Ergebnis verstand. Eine in sich schlüssige Kunsttheorie entstand auf diesem Wege vielleicht nicht, eher der auf die Künstlerausbildung ausgerichtete pragmatische Versuch einer Kunstlehre, die von den nach Pariser Vorbild in ganz Europa gegründeten Kunstakademien begierig übernommen wurde.

    Die nun online verfügbare und durchsuchbare Edition ist nicht nur eine gewaltige archivalische Leistung, sondern sie beinhaltet auch zahllose neue Erkenntnisse, die die Forschung in einem hohen Maße befruchten werden. Die allen philologischen Anforderungen genügende Edition zeichnet ein detailliertes Bild der an der Akademie verfolgten Diskussionen, das immer wieder neue Perspektiven eröffnet und eine Epoche erhellt, die trotz intensiver Forschung immer noch über Teile weitgehend unbekannt ist. Sie korrigiert unser Bild der Epoche, das nicht selten noch zu sehr von der Vorstellung eines alles dirigierenden absolutistischen Staates geprägt ist, und erlaubt es, eine unvermutet lebhafte Diskussionskultur nachzuvollziehen und die alltägliche Arbeit der Akademie zu erschließen.

    Die Edition der Conférences ist eines der bisher größten Projekte des Deutschen Forums für Kunstgeschichte Paris. Geleitet von Jacqueline Lichtenstein und Christian Michel steht sie exemplarisch für eine intellektuelle Zusammenarbeit, bei der nicht nur französische und deutsche Forscher, sondern auch Institutionen und Förderer beider Länder zusammenarbeiteten. Eine solche Kooperation entspricht durchaus den Conférences. Diese sind zwar zentraler Bestandteil des nationalen französischen Kulturerbes, prägten aber auch nachhaltig die kunsttheoretischen Diskussionen im übrigen Europa, insbesondere auch in Deutschland, so wie sie selbst nicht denkbar sind ohne ihrer italienischen Vorläufer. Um dieser internationalen Bedeutung der Edition gerecht zu werden und den reichen Schatz der Conférences einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen, veröffentlicht das Deutschen Forums für Kunstgeschichte  Paris nach Abschluss der zwölfbändigen Printedition in Zusammenarbeit mit der Publikationsplattform der Max Weber Stiftung perspectivia.net eine Online-Ausgabe der Texte mit der kritischen Annotierung.

    Der Dank gilt den beiden Herausgebern, deren Initiative das Projekt zu verdanken ist und die das Unternehmen über Jahre mit großem Engagement verfolgt haben, ebenso wie ihren Mitarbeitern. Gedankt sei auch der Gerda Henkel Stiftung und der Académie des Beaux-Arts für die Förderung des Projektes und der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Paris für die verlegerische Betreuung der Printedition.

    Thomas Kirchner