D. Sdvižkov: Intelligenz als soziale Gruppe aus gesamteuropäischer Perspektive
Sehr geehrte Kollegen, zunächst erlauben Sie mir, dass ich uns allen nochmals zum Erscheinen der dreibändigen "Geschichte der polnischen Intelligenz bis zum Jahr 1918" gratuliere. Neben allem anderen bin ich von der Kompromisslosigkeit ihrer Autoren tief beeindruckt. In unserer Zeit des Relativismus, aller möglichen "Grundrisse" und "Versuche" klingt der Titel geradezu mutig. Und dieser an sich selbst gestellten Herausforderung werden die Autoren auch völlig gerecht. Nochmals – Chapeau!
Was unser heutiges Gesprächsthema anbetrifft, habe ich mit regem Interesse seine abwechselnden Formulierungen verfolgt. Wenn man zwischen der deutschen und der polnischen Version der Homepage unseres Gastgebers hin und her klickt, merkt man gleich, was für ein schwieriges historisches Terrain wir betreten. Geht es um die "Polnische Intelligentzija" oder allgemein um "Inteligencja jako grupa społeczna" [Intelligenz als gesellschaftliche Gruppe]? Um ein regionales Phänomen oder ein Spezifikum "krajów peryferyjnych" [peripherer Länder] – in der ersten Variante gar zacofanych [rückständiger]? Je nach Auslegung fällt die Antwort unterschiedlich aus. Ohne größere Bedenken kann man die polnische Inteligencja als Besonderheit einstufen. In anderer Fassung würde ich die Frage jedoch bejahen – ja, die Intelligenz als gesellschaftliche Gruppe ist oder war ein gesamteuropäisches Phänomen, hier allerdings unter Vorbehalt.
Denn der Universalismus der Intelligenz ist begrenzt. Es kommt nicht (nur) auf das Wissen als solches und die Strukturen an, die im Rahmen dieser neuen Wissenskultur entstehen, sondern die Intelligenz muss sich erst als Konstrukt, als Gedankenfigur erfinden. Wie viele andere ist diese erfundene Gemeinschaft abstrakt, im Unterschied zu anderen versteht sie sich als Repräsentantin einer größeren Gemeinschaft, eines neuen Zeitgeistes. Dieses Selbstverständnis kommt vor allem in Worten zum Ausdruck. Um diese Worte oder Gedankenfiguren geht es mir hier in erster Linie. Ich möchte kurz den Zusammenhang zwischen zwei Phänomenen zurückverfolgen – der Rückständigkeit/Peripherie und der Intelligenz. Wie wird dieser Zusammenhang konstruiert und im gesamteuropäischen Kontext verortet? "Peripherie" als räumliches, sowie "Rückständigkeit" als zeitliches Charakteristikum beziehen sich beide auf eine Norm, ein Zentrum. Normativ sollten sich die Gebildeten in unserem Fall nicht als Sonderschicht verstehen und entsprechend agieren. Auf der Suche nach einem solchen Zentrum müssten wir uns allerdings weit westwärts, nicht nur hinter die Oder, sondern auch hinter den Rhein, wenn nicht hinter den Ärmelkanal zurückziehen.
Denn Paris hat sich selbst zwar immer wieder als ein solches Zentrum begriffen – aber nicht wegen der fehlenden, sondern wegen der vorhandenen selbstbewussten gebildeten Elite. Der Begriff civilisation als Fortschritt des menschlichen Geistes wird zum Kernstück der Identität der Pariser philosophes. Mit ihm bekommt die ehemalige res publica doctorum imperiale Züge. Als Sinnbild dieses intellectual mastery (Larry Wolff)1 entsteht bekanntlich erst der Begriff "Osteuropa", gleichgesetzt mit "Peripherie". Die barbarie der Aufklärung ist aber noch nicht das absolute Übel, sondern ein entschuldbares Defizit einer jungen Nation, unter Umständen sogar ihr "Privileg" (Manfred Hildermeier).2 Im folgenden Jahrhundert löst die romantische Intelligenz/intelligence die aufklärerische Philosophie ab. Anstelle der einzelnen historischen Welten, wo die jüngeren und die alten Nationen zusammenlebten, versteht man nun die Geschichte als einen einzigen Zeitstrom – wer nicht mitschwimmt, geht unter. Eine solche Geschichte stellt einheitliche Noten aus – fortschrittlich oder rückständig.
Die Vorstellung von der elitären intelligence humaine universelle als Phänomen der gesamteuropäischen Kultur wird weiterhin von den konservativen Aristokraten wie ebenfalls von den demokratischen Intellektuellen mit ihren Universalwerten vertreten.3 Zum Leitwort der Epoche wird aber die "Intelligenz" als Bestandteil des liberalen Programms, und zwar als immanentes Merkmal einer Nation. Sobald "wir" nicht mehr großgeschrieben und auf die Person des Monarchen bezogen wird, wird die Behauptung, "wir haben auch die Intelligenz" mit "wir gehören zur europäischen Geschichte" gleichgesetzt. Es ist die soziale Auslegung des cogito ergo sum – die Nation ist nur als "intelligente" Nation möglich. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts herrscht in ganz Europa die neue Vorstellung von der sozialen Gemeinschaft als Hauptakteurin der Geschichte. Und dieser selbstbewusste Organismus brauche sein social sensorium (Herbert Spencer). An eine solche Vorstellung passen sich übrigens nicht nur die Nation oder die NationEN – wie etwa "Slawentum" oder "germanische Völker" – sondern auch die Staaten (Preußen als "Staat der Intelligenz" bei Hegel) und sogar die Imperien an. Für die Geheimpolizei in Russland unter Nikolaj I. gilt ausgerechnet die gebildete classe moyenne als "Seele (hier kann man wohl auch sagen, 'die Intelligenz' – D.S.) des Reiches".4 "Die Intelligenz ist… ein wesentliches Kennzeichen der zur Entwicklung bestimmten Völker…, die bewegende Seite in der gesellschaftlichen Arbeit", summiert Lorenz von Stein 1856.5 Der Zusammenhang "Nation/Volk" – "Intelligenz" – "Fortschritt" in diesem allgemeinen Sinne, als immanente Entwicklung, verbindet auch in Polen und Russland postęp, progress fest mit der Inte(l)igenc(i)ja.6
Wann und warum wird aus "wir haben auch die Intelligenz" die Behauptung "nur wir haben die Intelligenz"? Ganz klar ist es für mich nicht, aber ausschlaggebend müsste die Krise des Liberalismus und die "Nationalisierung" der Nation sein. Tatsache ist jedenfalls, dass das polnische und das russische Konzept der "Intel(l)igenc(i)ja" nach der langen Übergangsphase7 sich definitiv etwa in den 1870er Jahren etablieren, gleichzeitig mit der Krise dieses Konzeptes im westlichen Teil des Kontinents. Mit der Niederlage der Visionäre von 1848, mit dem Zweiten Imperium und der Katastrophe Frankreichs von 1871, mit der Realpolitik Bismarcks wird der Begriff Intelligenz/intelligence marginalisiert, wenn auch nicht komplett eliminiert. In Deutschland bleibt sie im Schatten der Bildung und der Gebildeten vor allem im sozialdemokratischen Lager weiterhin vertreten, in Frankreich wird sie am Ende des Jahrhunderts in den intellectuels revitalisiert. Jedoch erreicht der Begriff "Intelligenz/intelligence" nie mehr den vorherigen Rang und findet folglich keinen Einzug in die Fundamentallexika wie die "Geschichtlichen Grundbegriffe".
Mit der Etablierung der Nationalstaaten in Deutschland und Italien wird ein vormals europäisches Projekt der "intelligenten" Nation peripher. Aber diese Peripherie bezieht sich auch auf die sogenannten kleineren Nationen des sogenannten Westens – ich vermute etwa in Irland etwas Ähnliches wie Intelligenz zu finden, und weiß es genau von Schottland oder von Norwegen.8 Gerade durch den langersehnten Aufbruch der "osteuropäischen" Kultur, durch den Leseerfolg des roman russe, wie auch durch den Einfluss der wielka emigracja und die Welle des Mitgefühls für Polen bekommt der Begriff der Intelligenz aber einen "östlichen" Beigeschmack. Der Gegensatz von westlicher intelligence und slawischem Geist, Duch, thematisiert von Mickiewicz in seinen Pariser Vorlesungen,9 wird hier paradoxal umgedeutet. Fixiert wird diese Situation mit dem Terminus intelligentsia betont slawischer Prägung und betont angelsächsischen Ursprungs – das sind generell "die da, auf dem Kontinent", gelegentlich auch Deutsche,10 aber vor allem Polen und Russen.
Analog zum Konzept des rückständigen Osteuropas findet diese Einengung letztlich Einzug in die Gedankenfiguren der "Einheimischen" selbst. "Intelligenz" wird in Russland und Polen zum festen Bestandteil der nationalen Identität – anstelle der in beiden Kulturen wichtigen Figur des sakralen Märtyrers treten die Märtyrer für "Wahrheit und Volk" in Russland bzw. für die Nation in Polen. Diese "Phänomenologisierung", die Nationalisierung der Intelligenz führt logischerweise zur letzten Etappe in der Geschichte unseres Begriffspaares – wenn die Intelligenz vom Symbol des Fortschritts und des nationalen Stolzes zum Objekt der öffentlichen Geißelung und zum Indikator der Rückständigkeit degradiert.
Vor allem geht es eben um die Revision der nationalen Identität, die keinen Platz mehr für die Intelligenz bietet: in Russland rückwärtsgewandt, als Teil der Suche nach der neuen nationalen Identität auf die Geschichte bezogen, in Polen wohl eher auf die Gegenwart und Zukunft orientiert. Aber auch diese "osteuropäischen" Diskussionen lassen sich im gesamteuropäischen Kontext verorten. In Frankreich und Deutschland waren hier die Jahre nach 1968 ausschlaggebend. Die französischen Intellektuellen gerieten – besonders nach der Veröffentlichung von "Archipel GULAG" von Solzhenicyn 1974 – wegen ihres archaischen Elitismus ständig in das Kreuzfeuer der Kritik.11 In Deutschland bezogen sich die Debatten vor allem auf den Zusammenhang zwischen "Bildungsbürgertum" und "Sonderweg", mit dem Ergebnis, dass das "Bildungsbürgertum", früher auch als nationales Phänomen (Mandarine) eingestuft, zum universellen Modell (vielleicht wiederum zu modellhaft) der tüchtigen loyalen Professionals avancierte, wie wir in den ersten zwei Bänden der "Dzieje inteligencji" sehen können.
Mein Fazit: Rückständigkeit: Für die Geschichte der Intelligenz spielt die zeitliche Dimension eine eigentümliche Rolle, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen lässt sich aus der fehlenden Synchronität der gesamteuropäischen Entwicklung keinesfalls auf fehlende Universalität schließen. Die Geschichte der Intelligenz als die einer selbstbewussten sozialen Schicht ist kein Kontinuum, sondern durch konkrete Milieus geprägt, was oft Brüche, "rises and falls" voraussetzt – wie etwa im Fall Frankreichs im 19. Jahrhundert, oder auch Russlands im 20. Jahrhundert, sowie in zahlreichen anderen Fällen.12 Zum anderen – Die Intelligenz zeichnet sich als Avantgarde gegenüber allen anderen historischen Akteuren aus (Norbert Elias). Von den Massen ganz zu schweigen, wird die Rückständigkeit oft – nicht immer – mit dem Staat assoziiert, ob mit dem fremden oder dem eigenen, oder öfter noch mit Spießertum, Krämern, Manchestertum, – kurzum mit dem personifizierten Übel des Kapitalismus. Bildung und Besitz wollen nie so wirklich friedlich zusammenleben, auch nicht im idyllischen mittelständischen Deutschland oder – erst recht nicht – in Frankreich.13
Was ist hier dann "Peripherie"? Scheint nicht eher die angelsächsische Geschichte ihren ohnehin territorial peripheren Status zu bestätigen? Der Vergleich mit anderen historiographischen Debatten – über Industrialisierung, Modernisierung und Zivilgesellschaft – verstärkt den Eindruck. Bei normativen Modellen kämen wir bald zur Situation eines russischen Sprichwortes: Die ganze Kompanie marschiert nicht im Gleichschritt, nur der Fähnrich Ivanov marschiert im Gleichschritt. Die asynchrone Entwicklung der Strukturen – des Buchmarkts, des Bildungssystems, der Staatsbürokratie – ist evident, auch anhand von Auflagen, der Zahl der Lesegesellschaften usw. fass- und messbar. Aber die eindeutige Korrelation zwischen dieser Asynchronität und dem autonomen Selbstverständnis der "Leute des Wissens" fehlt. Umgekehrt findet sich oft eine Inkongruenz zwischen Strukturen und Diskursen: etwa beim Thema der "Überproduktion der Intelligenz", das allerorten von Paris bis Petersburg vertreten ist, oder beim Hass auf den Bourgeois, selbst bevor es einen vor Ort gibt. Vor unseren Augen bleiben die Begriffe der "Intelligenz(ija)" und der "Rückständigkeit" in der Geschichte ihres Zeitalters zurück, wie etwa vorher die Begriffe des Bildungsbürgertums und des Sonderwegs. Dort, in der Geschichte, sollen wir sie auch lieber lassen.
Autor:
Dr. Denis Sdvižkov
Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas
sdvizkov@hotmail.com
1 Larry Wolff: Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994, 15.
2 Manfred Hildermeier: Das Privileg der Rückständigkeit. Anmerkungen zum Wandel einer Interpretationsfigur der neueren russischen Geschichte, in: HZ 244 (1987), H. 3, 557-603.
3 Der Schöpfer der berühmten Triade des russischen offiziösen Nationalismus Graf Uvarov ("la religion nationale – l 'autocratie – la nationalité" – denn gerade so, auf Französisch, wird sie von ihm formuliert) begrüßt im selben Jahr (1829) Alexander von Humboldt in der Petersburger Akademie der Wissenschaften mit den Worten: "les dieux de l 'intelligence sont partout, les sciences sont essentiellement cosmopolites". Vgl. Séance extraordinaire <…> du 16 novembre 1829, St.-Petersburg 1829, 7. Nationalismus erfindet Uvarov als Ideologie für die Massen, Weltbürgertum gilt ihm dagegen als modus vivendi der Eliten.
4 [M. Ja. von Fock, 1827 und 1828]: Rossija pod nadzorom. Otčёty III Otdelenija 1827-1869, Moskau 2006, 20, 41.
5 Lorenz von Stein: Die Gesellschaftslehre, Erste Abteilung: Der Begriff der Gesellschaft und die Lehre von den Gesellschaftsklassen, Stuttgart 1856, 242-243.
6 So meint etwa Maurycy Mochnacki 1834 unter postęp czasu nichts anderes als rewolucja społeczna powszechna [1834]. Vgl. ders.: Maurycego Mochnackiego pisma rozmaite. Oddział porewolucyjny. Paris 1836, 464.
7 Die Ersterwähnung der "Intelligenzija" im sozialen Kontext wurde im Russischen jetzt auf 1836 verlegt. Vgl. V.A. Žukovskij: Polnoe sobranie sočinenij i pisem, T.14 (Dnevniki 1834-1847), Moskau 2004, 40 [Tagebuchnotiz vom 02.02.1836]. Hier, wie auch bei Mickiewicz 1842, greifen die beiden Sprachen eher auf Französisch "intelligence", als auf Deutsch "Intelligenz" zurück: "Tout ce qu 'il y avait d 'hommes intelligents dans le pays cherchait à conserver la vieille Pologne. On pourrait dire que l 'intelligence polonaise était restée dans le pays, représentée par des hommes éminents comme Oginski, Czartoryski, Czacki... Mais <…> l 'âme de la Pologne dès ce moment se trouve dans les pays étrangers". Vgl. ders.: Les Slaves. Cours professé au Collège de France par Adam Mickiewicz, T.3, 1842: La Pologne et le messianisme. Histoire, littérature et philosophie, Paris 1849, 183.
8 Zu Schottland vgl. Alasdair MacIntyre: Varia; zu Norwegen vgl. den aufschlussreichen Aufsatz von Erik Egeberg in: B. A. Uspenskij (Hg.): Russkaja intelligencija i zapadnyj intellektualizm, Moskau / Venezia 1999, 104-109.
9 "Chez les Slaves l 'instinct divin, le génie, le Duch est développé à un degré peut-être plus haut que chez aucun autre peuple… Les Slaves ont beaucoup d 'imagination mais ils sont sous le rapport de l 'intelligence infiniment inférieurs aux peuples germaniques et celtiques". Vgl. Mickiewicz: Les Slaves (wie Anm. 7), 109.
10 Mit "intelligentsia" wurde ursprünglich in der anglo-amerikanischen Presse zum Beispiel auch Intelligenz im sozial-demokratischen Sprachgebrauch im Deutschen Reichstag übersetzt. Auf eigentümliche Weise trägt gerade dieser marxistische – universalistische – Gebrauch des Begriffs "Intelligenz" später aber auch dazu bei, dass die "Intelligenz" endgültig im "marxistischen" Osten verortet wird.
11 Vgl. Tony Judt: Past Imperfect. French Intellectuals, 1944-1956, Berkeley 1992.
12 Neben meinem eigenen Buch (Denis Sdvižkov: Das Zeitalter der Intelligenz. Zur vergleichenden Geschichte der Gebildeten in Europa bis zum Ersten Weltkrieg, Göttingen 2006) vgl. dazu die Debatten über die Kontinuität der Eliten vor und nach 1917 in Russland, sowie die Recherchen zu Schottland und Norwegen bei MacIntyre und Egeberg (siehe Anm. 8).
13 Nehmen wir nur Gustavus Flaubertus Bourgeoisophobus mit seinem der "Anfang aller Tugenden ist der Hass auf den Bourgeois" (An G. Sand, 1867). Eine kompetente Analyse liefert César Graña: Social Optimism and Literary Depression, in: ders.: Fact and Symbol. Essays in the sociology of art and literature, New York 1971, 4-64.
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