Benutzerspezifische Werkzeuge
Navigation
 

J. Jedlicki: Die Intelligenz als soziale Gruppe

— abgelegt unter:
Die Intelligenz als soziale Gruppe:

Lelewel-Gespräche 1/2010

Jerzy Jedlicki

Die Intelligenz als soziale Gruppe:

Eine Besonderheit peripherer Länder oder ein gesamteuropäisches Phänomen?



<1>

Stellt die Intelligenz eine geographische Besonderheit dar, eine Besonderheit der peripheren Länder, vielleicht eine charakteristisch russische, polnische oder überhaupt osteuropäische Klasse? Oder tritt sie – unter diesem oder jenem Namen – in allen Ländern Europas in Erscheinung? Wenn die Frage so gestellt wird, wonach fragen wir dann eigentlich? Doch wohl nicht danach, ob auch woanders Beamte ihres Amtes walteten, Ärzte Kranke heilten, Architekten Gebäude errichteten und Schriftsteller Bücher verfassten. Und wir fragen auch nicht danach, ob sie alle ihre Berufsvereinigungen, Korporationen oder Klubs gegründet haben; solche sind überall entstanden, wo immer man sie gründen durfte. Wir fragen auch nicht, ob zur Ausübung dieser Berufe der Besitz eines Universitätsdiploms verlangt wurde, denn im 19. Jahrhundert war der Zugang zu diesen Berufen (mit Ausnahme der künstlerischen) ja schon fast überall in Europa gesetzlich geschützt.

<2>

Also fragen wir wohl eher danach, ob die Beamten, Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, Journalisten und Lehrer irgendwelche engeren Beziehungen untereinander pflegten, das heißt ob sie der Meinung waren, sie alle würde etwas miteinander verbinden und sie hätten irgendwelche gemeinsamen Interessen oder Aufgaben. Somit fragen wir danach, wo und wann gebildete und hochqualifizierte Menschen sich selbst als eine sich von den anderen unterscheidende, intelligente Klasse zu verstehen begannen, als eine soziale Formation mit besonderen Eigenschaften. Denn wenn es keine Spur eines solchen Gefühls der Zusammengehörigkeit, einer solchen kollektiven, überberuflichen Subjektivität gegeben haben sollte, dann hat es auch nicht viel Sinn, von ihrer gemeinsamen Geschichte zu erzählen und zu schreiben. In technischer Hinsicht ist dies zwar möglich, weil der Historiker immer Herr der Situation ist: Er kann soziale Gruppen und Kategorien schaffen und definieren, wie er will, ihre zahlenmäßige Stärke zusammenrechnen und ihre Merkmale untersuchen, aber wenn eine so unterschiedene Gruppe kein eigenes Gefühl ihrer Existenz besessen hat, das heißt kein Selbstbewusstsein, dann können auch wir ihr kein Leben einhauchen.

<3>

Eine Geschichte der Intelligenz hat also nur insofern Sinn, als die "Intelligenz" sich selbst als einen besonderen Teil der Gesellschaft erdacht hat, einen Teil, welcher sich keineswegs durch gemeinsame Überzeugungen auszeichnen musste, sondern eher gemeinsame Probleme hatte. Er musste nicht einmal einen gemeinsamen Namen besitzen, Hauptsache, er verfügte über ein Gefühl kollektiver Identität und einen ihn von anderen Gruppen unterscheidenden Lebensstil. Diese Bedingungen waren in Polen – in allen drei Teilungsgebieten – seit der Zeit des Völkerfrühlings ausdrücklich erfüllt, und ihren Keimformen konnte man schon viel früher begegnen, schon in der Zeit der Aufklärung. Deshalb kann man eine möglichst kohärente Geschichte der polnischen Intelligenz schreiben, aber man kann keine ernsthafte Geschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert schreiben ohne Berücksichtigung der Bedeutung und Rolle der Intelligenz.

<4>

Aber wenn wir nun versuchen sollen, die Frage zu beantworten, welche Formen dies westlich, östlich, nördlich und südlich von uns annahm, dann stoßen wir sofort auf eine Schwierigkeit, mit der jede vergleichende Sozialgeschichte zu kämpfen hat: nämlich auf die Unverhältnismäßigkeit der sozialen Kategorien in den verschiedenen Ländern. So stellten zum Beispiel in England die "professionals" und die Akademiker immer getrennte Welten dar. Als "Intellektuelle" (manchmal als "public moralists") wurde hier – manchmal spöttisch – eine zahlenmäßig kleine Gruppe von Menschen bezeichnet, die versuchte, mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort auf die Denkweise ihrer gebildeten Mitbürger und auf den Lauf der öffentlichen Dinge einzuwirken, während sie sich selbst von der aktiven Politik zurückhielt. Deshalb wäre es schwer, im Gewirr der britischen Sozialgeschichte eine Struktur zu finden, welche ein Äquivalent unserer Intelligenz darstellen könnte.

<5>

Im Falle Frankreichs mag dies ähnlich aussehen, denn auch dort haben wir es schließlich mit einer Unterscheidung zwischen "les professions" und "les intellectuels" zu tun. Allerdings bildeten die Intellektuellen, die erst am Ende des 19. Jahrhunderts mit diesem Namen bedacht wurden, schon früher – in der Zeit der Revolution und während des Ersten Kaiserreiches – eine Formation von enormer Bedeutung, nicht nur in der Geschichte des französischen Denkens, sondern auch der französischen Politik. Geradezu imponierend schwungvoll sind die Arbeiten französischer Historiker, die die Geschichte dieser Formation untersuchten und schilderten, und daneben auch immer die Geschichte der einzelnen Schulen und die Geschichte der jeweiligen "Professionen" berücksichtigten, wobei man auf der Suche nach den Quellen immer weiter zurückgreift – bis sich am Ende die Motive miteinander verflechten und sogar der Terminus "l 'intelligentsia" nützlich zu sein beginnt. Die stürmische Entwicklung des modernen Frankreich, das von immer neuen Revolutionen und inneren Kämpfen erschüttert wurde, führte naturgemäß zu einem Wechsel der politischen Eliten und eröffnete den entsprechend ausgebildeten und charismatischen Persönlichkeiten dann auch einen breiten öffentlichen Handlungsspielraum.

<6>

In Anwesenheit von Professor Jürgen Kocka wage ich es nicht, mich zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den deutschen und den osteuropäischen Modellen von "Intelligenz" und "Bildungsbürgertum" zu äußern. Aber ich möchte an den Gedanken von Maciej Janowski anknüpfen, der seinen vor neun Jahren veröffentlichten Artikel über die deutsche Diskussion zum Thema "Bildungsbürgertum" mit folgenden Worten beschloss: "Es wäre verlockend, ein solches Schema der Sozialstrukturen Ostmitteleuropas zu konstruieren, in dem das deutsche Bürgertum, welches alle gebildeten Schichten inklusive der besitzenden Klassen umfasst, den einen Pol bilden würde, den anderen dagegen die von der Bourgeoisie und eigentlich von der gesamten Gesellschaft isolierte russische Intelligenzija. Dazwischen würden sich mittlere Fälle platzieren: die Inteligencja des Königreiches Polen (das heißt des sogenannten Kongresspolen), der russischen verhältnismäßig nahe, dann die eher dem deutschen Modell ähnelnden tschechischen gebildeten Schichten oder die Eliten Wiens, die dem "klassischen" deutschen Modell noch näherstanden, jedoch [...] den unabhängigen Intellektuellen eine größere Rolle zuerkannten. In welchem Grade eine solche Verallgemeinerung berechtigt wäre, könnten erst genauere vergleichende Untersuchungen zeigen."1

<7>

An diesem Ansatz ist vor allem die Ablehnung der Alternative "entweder – oder" bemerkenswert. Wir wollen versuchen, so zu denken, wie Janowski vorschlägt: Es gab überall eine Schicht gebildeter und in ihrem Beruf aktiver Menschen, aber deren charakteristische Merkmale erzeugen eine Vielzahl von Varianten. Ob sich diese Varianten entlang einer Achse anordnen lassen, daran wage ich allerdings zu zweifeln, weil die Zahl der sie unterscheidenden Merkmale und deren Kombinationen dafür viel zu groß ist. Das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung bildet die erste Dimension, die wir in Betracht ziehen müssen. Wenn wir uns von den europäischen Zentren weg in Richtung der östlichen und südlichen Randgebiete bewegen, dann bemerken wir, dass eine immer geringer werdende Zahl von Hochschulabsolventen in der Industrie, im Bankwesen, in Versicherungsgesellschaften und im Bauwesen Arbeit finden kann. Diese Bereiche der Volkswirtschaft sind nur schwach entwickelt, und im Übrigen holt man sich dort seine Fachkräfte, zu denen man Vertrauen hat, von woanders, so dass nicht viele ortsansässige Spezialisten gebraucht werden.

<8>

Die freien Berufe sind selbstverständlich von ihren Kunden abhängig: davon, in welchem Maße die Zahl der Patienten, Rechtsanwaltsklienten, Zeitungsleser usw. zunimmt, das heißt sie sind abhängig von den wachsenden Bedürfnissen und Einkünften der Bevölkerung. Und in solchen Randstaaten wie dem Königreich Polen ist es die Regel, dass die beruflich aktive Intelligenz mit Hochschuldiplom schneller wächst als der Bedarf nach ihren Dienstleistungen, was eine relative Pauperisierung der gebildeten Klasse bewirkt und manchmal – paradoxerweise – auch zur Emigration eines Teils von ihr in weiter entwickelte Länder. Eine solche Emigration von Talenten und Qualifikationen dauert nota bene bis auf den heutigen Tag an.

<9>

Wenn man noch dazu berücksichtigt, dass das Bürgertum in den ostmitteleuropäischen Ländern entweder ethnisch und konfessionell fremdstämmig ist (Deutsche, Juden, Armenier), oder, wenn es einheimisch ist, dann eher traditionell orientiert und wenig unternehmungsfreudig, dann wird verständlich, dass die Intelligenz nicht viel mit ihm gemeinsam hat und sich sowohl durch ihren Lebensstil als auch durch ihre kulturellen Aspirationen vom Bürgertum unterscheidet. In Polen und in Ungarn – und wohl auch in Russland – besitzt sie stärkere familiäre, gesellige und kulturelle Verbindungen mit dem Adel, besonders mit dem verarmten Adel, obwohl sie sich gewöhnlich auch von diesem durch ihr Wertesystem unterscheidet, in dem nicht die vererbte Position und Abstammung, sondern die persönlichen Verdienste über den Prestigewert eines Menschen entscheiden. Somit ist in den Randstaaten, zumindest im 19. Jahrhundert, die ökonomische Position der beruflich gebildeten Klasse schwächer als im Westen, aber ihre soziale Unterscheidung und Bedeutung ist eindeutig stärker.

<10>

Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal ist die Abhängigkeit der Geistesarbeiter vom Staat. Im Russischen Reich und weitgehend auch in Österreich war der Staat mit seinen Ämtern, Gerichten, Schulen, Postämtern, epidemiologischen Einrichtungen, dem Bau von Regierungsgebäuden und Denkmälern, periodisch auch von Bergbaubetrieben usw. der größte Arbeitgeber und die vorrangige Einkommensquelle für die Intelligenz. In Kongresspolen und in Galizien bemühte sich der polnische Universitätsabsolvent vor allem um eine Anstellung im Staatsdienst, die nach der Referendarzeit dann ein nicht besonders anstrengendes Leben und ein bis hin zur Rente sicheres Auskommen garantierte. Gleichzeitig wurde der Staat von der Intelligenz als eine die Menschen national oder sozial unterdrückende Institution angesehen, welche die bürgerlichen Freiheiten einschränkte und den Fortschritt hemmte. Das ist der Grund für die chronisch gespaltene Loyalität eines nicht geringen Teils der im Staatsdienst stehenden Intelligenz, die zwar für die Regierung arbeitete, sich nach der Arbeit aber gegen sie verschwor.

<11>

In Russland verhielt sich dies insofern anders, als diese Aktivisten überhaupt nicht zur Intelligenz gezählt wurden, die schließlich von Natur aus als Element ideologischer Opposition galt, wenn nicht gar der Revolution. In Polen bildeten die Beamten im zivilen, gerichtlichen, fiskalischen, im Ingenieurs- oder im medizinischen Dienst selbstverständlich die Intelligenz und gleichzeitig in gremio das ideologische Hinterland des Kampfes für nationale Autonomie und sozialen Fortschritt. Es gab keine scharfe Trennung zwischen ihnen und den Dichtern, Historikern, Ethnographen, Philologen, Komponisten und Künstlern, die eine überaus reichhaltige nationale Symbolik schufen – klassisch, romantisch oder modernistisch in ihrer Aussage – und ihre Nationen mit einer märchenhaften antiken Geschichte ausstatteten, Volkslieder und Sagen sammelten, über die nationalen Unterschiede wachten und ihre feierlichen oder geheimen Feste begingen sowie die Literatursprache gestalteten. Die Rolle und Bedeutung solcher "Konstrukteure" und Inspiratoren ist ein wichtiger Bestandteil der Geschichte aller Nationen, die ihre Unabhängigkeit vom russischen, österreich-ungarischen oder ottomanischen Imperium erkämpfen mussten.

<12>

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die Intelligenz in den landwirtschaftlich geprägten, schwächer entwickelten Ländern Ostmittel-, Südost- und wohl auch Südeuropas im Vergleich mit dem hochqualifizierten Bürgertum in Westeuropa und in Deutschland eine zwar deutlich schlechter ausgebildete, weniger zahlreiche und prosperierende Klasse darstellte, aber dennoch eine viel selbständigere historische Rolle spielte. Hinzu kommt noch, dass sie sich in der Regel in die verschiedenen Orientierungen der Traditionalisten und der Modernisierer spaltete, in Slawophile und Okzidentalisten, in Romantiker, Positivisten und Sozialisten, in Katholiken, Orthodoxe und Freidenker, in Russophile und Germanophile – immer gespalten, immer zerstritten und eben deshalb eine Formation, die diesen Teil der Welt in geistiger, künstlerischer, politischer und sozialer Hinsicht in Bewegung versetzte. Und nach Maßgabe ihrer Kräfte und Mittel hat sie auch die institutionellen Grundlagen dieser Bewegung geschaffen: nationale Schulen, Bibliotheken, Theater, Museen, Verlage, literarische Zeitschriften, Stipendienkassen – auf eigene Initiative und auf ehrenamtlicher Basis, manchmal mit Beteiligung des Staates und oft auch gegen ihn.

<13>

Dieser Gedanke, dass die peripheren und oft schlecht ausgebildeten intellektuellen und beruflichen Eliten, die in fremden, autoritären und bürokratisierten imperialistischen Staaten tätig waren, es allein durch Willenskraft und Hingabe zustandebrachten, nicht nur den des Schreibens unkundigen Massen ein Nationalbewusstsein und den Willen zur Unabhängigkeit beizubringen, sondern ihr Land auch noch auf den Weg eines modernen weltlichen Fortschritts zu bringen, wobei der Widerstand konservativer und loyalistischer Kreise sowie der Kirche gebrochen werden musste, dieser Gedanke besaß offensichtlich die Merkmale einer mythischen Idealisierung, aber gerade als Mythos erwies er eine ungeheure Lebenskraft.

Autor:

Prof. Dr. Jerzy Jedlicki
Institut für Geschichte "Tadeusz Manteuffel" der Polnischen Akademie der Wissenschaften
ihpan@ihpan.edu.pl

Aus dem Polnischen übersetzt von Herbert Ulrich

1 Maciej Janowski: Historycy europejscy o inteligencji i intelektualistach, in: Kultura i Społeczeństwo 44 (2000), 2, 82.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Artikelaktionen
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
J. Jedlicki: Die Intelligenz als soziale Gruppe
In: Joachim-Lelewel-Gespräche des DHI Warschau, Lelewel-Gespräche 1/2010 - Die Intelligenz als soziale Gruppe
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/lelewel-gespraeche/1-2010/jedlicki_intelligenz
Dokument zuletzt verändert am: 10.06.2010 16:13
Zugriff vom: 25.05.2012