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K. Kohl: Die Berliner Akademie

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Die Berliner Akademie als Medium des Kulturtransfers im Kontext der europäischen Aufklärung

Friedrich300 - Politik und Kulturtransfer im europäischen Kontext

Die Berliner Akademie als Medium des Kulturtransfers im Kontext der europäischen Aufklärung

Katrin Kohl



Abstract

Der Beitrag untersucht die Bedeutung der Berliner Akademie im Kontext der europäischen Aufklärung sowie als kulturpolitisches Instrument Friedrichs II. Näher beleuchtet werden die Prozesse der kommunikativen Verflechtung und des diskursiven Wettstreits zwischen der deutschsprachigen und der französischen Kultur, die Auswirkungen der Berufung französischer Wissenschaftler durch Friedrich, die wechselseitige Bedeutung des Standorts Berlin für die Akademie und umgekehrt der Akademie für den Wissenschaftsstandort Berlin, die Implikationen von Friedrichs Bevorzugung französischer Kultur für die Entfaltung der deutschsprachigen Kultur sowie die Ausprägung der Herrschaftsstrukturen in der akademischen 'Gelehrtenrepublik '. Ziel des Beitrags ist zudem die Erörterung der Frage, wie die Motivation hinter Friedrichs Engagement für die Akademie zu bewerten ist und welche Folgen sein Eingreifen in ihre Tagesgeschäfte zeitigte.

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Für die Frage, welche Bedeutung Friedrich dem Großen für den Kulturtransfer im europäischen Kontext zukommt, spielt die Berliner Akademie eine zentrale Rolle. Die Tatsache, dass Friedrich sich sogleich nach seiner Thronbesteigung mit den Angelegenheiten der Akademie befasste und in den folgenden Jahren aktiv in ihre Struktur eingriff sowie selber an den Veranstaltungen und Aktivitäten der Akademie teilnahm, legt nahe, dass er in ihr ein bedeutendes kulturpolitisches Instrument sah, dessen intendierte internationale Ausrichtung er sogleich durch die Berufung eines Franzosen als künftigem Präsidenten signalisierte. In der Folgezeit manifestierten sich in dieser Institution auf spannungsvolle Weise Theorie und Praxis friderizianischer Kulturpolitik und deren Wirkung im öffentlichen Kontext, sowie darüber hinaus die komplexe Identität der Kulturträger im friderizianischen Staatsgefüge – eine Spannung und Komplexität, die in je unterschiedlichen Konstellationen auch für die gesamte spätere Geschichte der Berliner Akademie prägend blieb.1

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Schon allein die wechselnden Namen der Akademie deuten auf eine instabile Identität hin, die von den jeweiligen politischen Gegebenheiten abhängig war. Gegründet wurde die Akademie im Jahre 1700 als "Brandenburgische Societät der Wissenschaften" durch Kurfürst Friedrich III. unter maßgeblicher Beteiligung seiner wissenschaftlich interessierten und gebildeten Gemahlin Sophie Charlotte; nach seiner 1701 erfolgten Krönung veranlasste der nun zum König in Preußen avancierte Friedrich I. die Umbenennung zur "Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften". Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis die Institution verwirklicht werden konnte, und sie erhielt erst 1710 eine Satzung. Angesichts mangelnder finanzieller Absicherung und der Vernachlässigung unter Friedrich Wilhelm I. konnte sie jedoch nicht das erfüllen, was man sich bei der Gründung erhofft hatte; auch späterhin erhielt sie keine staatlichen Zuschüsse, sondern musste ihren Etat aus dem ihr zuerkannten Monopol über bestimmte Veröffentlichungen bestreiten – insbesondere Kalender und ab 1748 auch Landkarten und Edikte. Zum Zeitpunkt der Thronbesteigung Friedrichs II. war sie sowohl finanziell als auch hinsichtlich ihres Ansehens so geschwächt, dass sein Eingreifen in ihre Geschicke als Erneuerung wahrgenommen wurde2 und reichlich Spielraum für die Verwirklichung seiner eigenen Vorstellungen bot. So erfolgte 1746 – nach der Vereinigung mit der kurz zuvor als konkurrierende Institution ins Leben gerufenen "Nouvelle Société Littéraire" und einer vorübergehenden neuen Satzung – eine neuerliche Umbenennung in die "Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres". Nach Friedrichs Tod erfolgte eine graduelle Umwandlung in die ab 1812 wiederum als deutsche Institution kenntliche "Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften", die nun mit der neugegründeten Universität verschwistert wurde. Weitere Umbenennungen erfolgten im Laufe des 20. Jahrhunderts, insbesondere nach der Auflösung im Jahre 1945 sowie in der DDR-Zeit, 1992 erhielt sie dann unter dem Namen "Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften" ihre heutige Form. Die zahlreichen Umbenennungen zeugen von der Abhängigkeit vom jeweiligen staatlichen System, das in Anlehnung an die Vorbilder in Paris und London für den Status und – direkt oder indirekt – die Finanzierung der Akademie maßgeblich war, doch brachte dies zwangsläufig eine spannungsvolle Beziehung zwischen Geist und Macht hervor. Diese Beziehung zeitigte in jeder Epoche je eigene Auswirkungen auf die Konstitution, Arbeit und Wirkung der Berliner Akademie, wenn sich auch mit der politischen Situation die Konstellation änderte.

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Einer kontinuierlichen geistigen Identitätsstiftung der Akademie über die mehrfachen Neukonstituierungen hinweg diente – und dient noch immer – ihr geistiger Gründer Gottfried Wilhelm Leibniz, den Kurfürst Friedrich III. zu ihrem ersten Präsidenten machte.3 Die von Friedrich II. ererbte Akademie ging auf den groß angelegten Entwurf von Leibniz zurück, auch wenn die Realisierung weit hinter dessen Plänen zurückgeblieben war. Sein kosmopolitischer Intellekt erstrebte einen regen und fruchtbaren Austausch mit den Gelehrten anderer europäischer Akademien; zugleich befürwortete er die Förderung einer (deutschsprachigen) Nationalkultur, wie sie auch für die anderen europäischen Akademien charakteristisch war. Während durchaus beide Aspekte – die kosmopolitische sowie die nationalkulturelle Ausrichtung – in der humanistischen Tradition verankert sind, war hier eine Spannung angelegt, die besonders in der Zeit Friedrichs zum Tragen kam. Als Spannungsmoment erwies sich um 1750 zudem der wissenschaftliche Status der leibnizschen Theorien, die in den Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der Akademie sowie außenstehenden Gelehrten zu einem brisanten Politikum wurden.

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Es soll in diesem Beitrag nicht darum gehen, einen umfassenden Überblick über die Struktur und Bedeutung der Berliner Akademie zu liefern oder deren Rezeption im Ausland darzulegen. Ziel ist vielmehr, ausgehend vom Konzept des Kulturtransfers die verschiedenen Prozesse ins Visier zu nehmen, welche die Akademie mit dem europäischen Ausland verbanden. Mit dem Begriff Kulturtransfer tritt ein Prozess des Austauschs, der Interaktion und der kommunikativen Durchdringung ins Blickfeld, der über eine einseitige Einflussnahme oder Rezeption hinausreicht und eine dynamische Entfaltung der beteiligten Kulturen im Fortgang der Vermittlung vorsieht, wobei die Begriffe des 'Eigenen ' und des 'Fremden ' zu relativen statt absoluten Begriffen werden.4 Dabei sind einzelne Persönlichkeiten durchaus als Faktoren zu sehen, die einen Transferprozess fördern, steuern oder auch unterbinden können.5 Während der Begriff des Kulturtransfers vornehmlich aus bilateral angelegten Forschungsprojekten zur Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland hervorgegangen ist und insbesondere in Unterscheidung von komparatistischen Ansätzen entwickelt wurde, wird er gegenwärtig zunehmend Teil der Begrifflichkeit, die sich allgemeiner mit Globalisierungsprozessen befasst. Wenn einerseits in solchen Diskussionen vornehmlich auf die Kulturen des 21. Jahrhunderts Bezug genommen wird, so werden doch andererseits gerade durch die Notwendigkeit der abstrahierenden Übertragung bei der Beschäftigung mit einem vergangenen Kontext Strukturmerkmale deutlich, die auf allgemeinere Charakteristika der Interaktion zwischen Kulturen hindeuten. So identifiziert der Ethnologe Andreas Ackermann unter dem Titel "Das Eigene und das Fremde: Hybridität, Vielfalt und Kulturtransfers" die folgenden "mehrdimensionalen Prozesse", die das Globalisierungsphänomen ausmachen, wobei diese hier verkürzt und abstrahiert dargestellt sind: a) zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung, hervorgerufen unter anderem durch verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten; b) Formen internationaler Migration; c) die Herausbildung von sogenannten "Global Cities"; d) die Schöpfung kosmopolitischer und lokaler Kulturen, die Globalisierung entweder befördern oder konterkarieren wollen; e) die "Enträumlichung" sozialer Identität zugunsten sich überlappender, durchdringender und multipler Formen der Identifizierung.6

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Betrachtet man die Rolle der Berliner Akademie im Zeitalter Friedrichs, so lassen sich hier ähnliche Tendenzen ausmachen. Diese sind zum Teil auf Friedrichs Kulturpolitik zurückzuführen, zum Teil aber auch auf die spannungsvolle Interaktion zwischen der vom König vorgegebenen Orientierung hin nach Frankreich und dem in den deutschsprachigen Territorien zunehmend sich regenden Bedürfnis nach einer eigenständigen kulturellen Identität. Wenn bezüglich der Berliner Akademie ein Transfer zwischen deutscher und französischer Kultur im Vordergrund steht, so ist im Kontext des 18. Jahrhunderts davon auszugehen, dass ein 'horizontaler ' Transfer sich tendenziell als Import französischer Kultur darstellen wird und darüber hinausgehende Prozesse nicht zwangsläufig als Übertragung einer konzeptuell verdinglichten Kultur oder als Vermittlung zwischen zwei eindeutig unterschiedenen Kulturen fassbar sind. Es bietet sich daher an, im Umfeld des als maßgeblich gesetzten Begriffs 'Kulturtransfer ' eine maximal flexible Metaphorik bereitzuhalten, welche die Prozesse je nach Konstellation der beteiligten Faktoren beispielsweise als 'Austausch ', 'Befruchtung ' oder 'Verschmelzung ' vorstellbar zu machen vermag. Zudem ist davon auszugehen, dass im Kulturgefüge um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine Orientierung hin nach Frankreich und eine Annäherung an das Französische tendenziell eine über die bilaterale Beziehung hinausgehende 'vertikale ' Tendenz zur Globalisierung aufweist. Hier handelt es sich dann potenziell um Prozesse der 'Entlokalisierung ', 'Universalisierung ' oder auch 'Standardisierung '. Einzubeziehen sind nicht zuletzt die agonalen Prozesse, die im Zeitalter der Aufklärung als Fortführung der im Humanismus angelegten – äußerst produktiven – Rivalitäten für die Interaktion zwischen den europäischen Kulturen prägend sind. Zusätzlich zu den erwähnten Metaphern ist somit auch eine Topik des Wettstreits zu berücksichtigen, die eine sehr viel komplexere Dynamik voraussetzt als die Metaphorik der Übertragung.7

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Ausgehend von den Prozessen, die Ackermann identifiziert, soll im Folgenden der von der Berliner Akademie geförderte Kulturtransfer unter fünf Aspekten betrachtet werden:
- Die von der Akademie geförderte Verflechtung der deutschen mit der europäischen Kultur und die Bedeutung der verwendeten Kommunikationsmittel;
- Die Gewichtigkeit der Berufung auswärtiger Wissenschaftler für die internationale Wirkung der Akademie;
- Der Stellenwert des Standorts Berlin für den Status und die Wirkung der Akademie;
- Die Beziehung zwischen kosmopolitischen und lokalen Impulsen in der Arbeit der Akademie;
- Die Bedeutung der Vorstellung von einer Gelehrtenrepublik für die Frage nach der Identität der Akademiemitglieder und ihrem Verhältnis zur Öffentlichkeit.
Es soll dabei vornehmlich darum gehen, stichpunktartig jene Faktoren zu beleuchten, die für einen Kulturtransfer mit dem europäischen Ausland maßgeblich waren.

Die kommunikative Verflechtung der Kulturen

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Friedrich interessierte sich kaum für das an den preußischen Universitäten in Frankfurt an der Oder, Königsberg und Halle gepflegte Gelehrtentum, das besonders in der Theologie und der Rechtswissenschaft seinen Schwerpunkt hatte, sich traditionell an der lateinischen Sprache orientierte (wenn auch mittlerweile das Deutsche als Kommunikationsmittel Bedeutung erlangt hatte) und kaum Kontakt mit der im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend bedeutsameren Öffentlichkeit suchte. Schon vor seiner Thronbesteigung wandte sich Friedrich der Berliner Akademie zu, deren Bedeutung ihm im Zuge des Austauschs mit Voltaire bewusst geworden sein mochte: So berichtete ihm Voltaire im April 1740 von einem Traum, in dem ihm eine von Friedrich gegründete "Akademie nach der Art der Académie des Sciences und der Royal Society in London" vorschwebte.8 Bereits am 6. Juni 1740, kaum eine Woche nach der Thronbesteigung, verlangte Friedrich einen detaillierten Bericht zur Einrichtung und zum Zustand der von seinem Großvater gegründeten Akademie, und am 11. Juni nahm er bereits Stellung zu diesem Bericht, um der Institution seine materielle Unterstützung zu sichern und ihren Status zu verbessern – letzteres beförderte er in bezeichnender Weise durch die sofortige Lösung der Akademie aus der Verantwortung für die "Königlichen Narren", mit der sie Friedrich Wilhelm I. zuvor betraut hatte.9 Wenn er am 27. Juni 1740 gegenüber Voltaire erklärt, er habe "unsere neue Akademie" etabliert,10 so ist dies tendenziell eine Übertreibung der eigenen inaugurierenden Leistung, denn es handelte sich weder um eine wirklich neue Institution, noch um einen völligen Bruch mit deren etablierten Praktiken. Die emphatische Deklarierung eines Neuanfangs zeigt jedoch die Signalwirkung, die er diesem Bekenntnis zur Förderung der Wissenschaft am Anfang seiner Regentschaft abgewinnen wollte.

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Während er somit die vormalige Anbindung der Akademie an das höfische Leben praktisch abbrach, schuf er sich andererseits in den folgenden Jahren eine Institution, die mit den von ihm besonders in Sanssouci gepflegten Strukturen des geistigen Umgangs in lockerem wie fruchtbarem Austausch stehen konnte. Maupertuis war bei seinen Tischgesellschaften ein gern gesehener Gast, und auch andere in- und ausländische Mitglieder der Akademie wurden je nach dem persönlichen Gutdünken des Königs eingeladen. Während Friedrich selber nicht an den Sitzungen der Akademie teilnahm, so dürfte ihm doch der informelle mündliche Diskurs einen kontinuierlichen Einblick in die Geschäfte der Akademie ermöglicht haben, und auch auf schriftlichem Wege nahm er Teil am geistigen Leben der Akademie, indem er nicht nur Publikationen rezipierte, sondern auch Beiträge zu den Sitzungen und Veröffentlichungen lieferte.

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Die kommunikativen Prozesse der Akademie waren durch die Statuten grundsätzlich geregelt, wobei Friedrich die alten Praktiken nicht abschaffte, sondern darauf aufbaute. Sie schrieben die Häufigkeit der anlässlich der Sitzungen gehaltenen Vorträge vor, zu denen die Mitglieder verpflichtet waren, und regelten das Auswahlverfahren für publizierte Sammlungen von Beiträgen;11 zusätzlich suchte der Präsident die aktive wissenschaftliche Betätigung der Mitglieder zu steigern. Die Akademie pflegte durch vielerlei Arten der Publikation die schriftliche Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer illustren Mitglieder und versah sie mit ihrem Qualitätssiegel: Sofern das Werk von der Akademie genehmigt war, durfte das Mitglied sich auf dem Titelblatt als solches ausweisen. Entsprechend wichtig nahm insbesondere der Präsident Maupertuis unter Bezug auf die Gepflogenheiten der Pariser Académie des Sciences die fehlerfreie und ästhetisch angemessene Drucklegung der Publikationen; weit mehr Gewicht als seine Vorgänger gab er dem Prozess des Korrekturlesens, und selbst Friedrich prüfte die ordnungsgemäße Drucklegung seiner eigenen Beiträge.12 Durch die regelmäßigen Veröffentlichungen war sichergestellt, dass die Berliner Akademie innerhalb der europäischen Gelehrtengemeinschaft weithin sichtbar war und zum kommunikativen Netzwerk beitrug. Anders als die Akademien in Paris und London, die der Berliner Akademie sonst als Modell dienten, umfasste diese seit ihrer ursprünglichen Gründung in vier Klassen die Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften,13 wodurch sich ein fruchtbarer interdisziplinärer Spielraum ergab, der Grenzziehungen in den Hintergrund rücken ließ und für die internen und externen kommunikativen Prozesse förderlich war.

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Besonders öffentlichkeitswirksam war das in den Statuten vorgesehene, alljährlich veranstaltete Stellen von Preisaufgaben zu einem öffentlich bekanntgegebenen Thema.14 Diese Wettbewerbe – bei denen auch deutschsprachige Abhandlungen erlaubt waren – erwiesen sich als außerordentlich erfolgreiches Mittel zur Förderung des wissenschaftlichen Diskurses jenseits der Akademie, wobei Berlin in religiös brisanten Fragen im Vergleich zu Paris als besonders offener Kulturraum galt.15 Die seit 1744 fast jährlich gestellten Themen waren geeignet, eine breite Resonanz zu erzeugen, so die Aufgabe von 1747, in der es darum ging, eine Verteidigung oder Widerlegung der Theorie von den Monaden zu liefern. Die Frage führte ins Zentrum der philosophischen Auseinandersetzungen der Zeit; als Sieger ging ein gegen die leibnizsche Lehre gerichteter Beitrag hervor. Nicht zuletzt die Formulierung der Fragen beflügelte Diskussionen über nationale Grenzen hinweg, so im Austausch zwischen Friedrich und dem Enzyklopädisten d 'Alembert, der im Jahre 1746 den Sieg davongetragen hatte. Als anregend erwies sich insbesondere die gemeinsam von d 'Alembert und Friedrich in brieflicher Auseinandersetzung entwickelte (außerordentliche) Preisfrage von 1780, "Ist es nützlich für das Volk, betrogen zu werden, sei es, daß man es neuen Irrthümern aussetzt oder daß man es bei denen beläßt, in denen es sich befindet?".16 Friedrich nutzte diese Form der Meinungsbildung zudem für die Erörterung einer Frage, die sowohl für den Hof als auch für die Gelehrten reichhaltigen wie kontroversen Diskussionsstoff lieferte: "Welchen Einfluss hat die Regierung auf die Wissenschaften ausgeübt bei den Völkern, wo diese blühten? Und welchen Einfluss haben die Wissenschaften auf die Regierung ausgeübt?".17 Wenn aus dieser Frage einerseits eine direkte Einflussnahme des Königs auf die wissenschaftlichen Aktivitäten der Akademie hervorgeht, so zeigt andererseits gerade die preisgekrönte Abhandlung von Herder, welch bedeutender Impuls vom weithin bekannten direkten Engagement des Königs bei den Ausschreibungen ausging. Herder wollte seine Schrift durchaus nicht nur als theoretische Schrift verstanden wissen, sondern als praktisch umzusetzendes Reformprogramm: Er bemühte sich nicht nur um die Verbreitung im deutschsprachigen Gebiet, sondern suchte auch Joseph II. in Wien und Katharina die Große in Petersburg dafür zu gewinnen.18

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Herders wiederholte Beteiligung an den Wettbewerben verdeutlicht auch die produktive agonale Dynamik, die ganz im Zeichen des Humanismus europaweit durch die Arbeit der Akademien erzeugt wurde: An Hamann berichtet Herder, er sei "lüstern" gewesen, mit dieser Schrift erneut den "Kranz" zu gewinnen;19 und in der Abhandlung selber bemerkt er zur Wirkung der von Ludwig XIV. inaugurierten Welle von Akademie-Gründungen: "Alle große[n] Akademien laufen jetzt offenbar in Einer Rennbahn".20 Europaübergreifend verstand man die Beziehung zwischen den Akademien und insbesondere die Preisaufgaben, mit denen sie sich in der Öffentlichkeit über nationale Grenzen hinweg profilierten, als bedeutendes Instrument des im Wettstreit sich vollziehenden, gemeinsamen wissenschaftlichen Fortschritts.

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Insgesamt trug die Akademie in der Regierungszeit Friedrichs entscheidend dazu bei, in den deutschsprachigen Territorien ein kulturelles Zentrum zu schaffen, das einen unmittelbaren Diskurs jener Fragen ermöglichte, welche die Geister der Zeit bewegten. In viel größerem Maße als zuvor wurde die außeruniversitäre Öffentlichkeit an diesem Dialog beteiligt – in einer Zeit, in der sich die Zahl der Leser rasant erweiterte, das Bürgertum an naturwissenschaftlichen Fragen Interesse entfaltete und eine Vielzahl von Autoren und Verlegern von Zeitungen und Zeitschriften es sich zur Aufgabe machte, ihre Leser zu bilden.21

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Für den Kontakt zu anderen europäischen Ländern war es besonders förderlich, dass sich mit der Entwicklung der Berliner Akademie eine mehrsprachige Wissenschaftskultur herausbildete. Während an den Universitäten noch immer das Lateinische als traditionelle universale Wissenschaftssprache einen hohen Status genoss, entwickelte sich mittels der Akademie ein besonders zwischen dem Französischen und dem Deutschen vermittelnder Diskurs. Wie schon die unter Friedrich vollzogene Umbenennung der Akademie verdeutlichte, war deren Amtssprache unter seiner Regentschaft Französisch – so wie auch am Hof Französisch das noch unter Friedrich Wilhelm I. maßgebliche Deutsche verdrängt hatte. Allerdings war trotz des "Imports" von illustren Franzosen ein Großteil der Akademiemitglieder deutsch- oder – im Falle der Hugenotten und der Schweizer – zweisprachig,22 und die maßgeblichen Schriften in den bedeutenden Debatten wurden sogleich in die jeweils andere Sprache übersetzt. Zu den Übersetzern gehörten beispielsweise Luise Adelgunde Gottsched oder Lessing; deutlich spricht hieraus die überaus enge Verflechtung der deutschsprachigen Kultur der Zeit mit der französischen. Es manifestierten sich in diesem Wechsel- und Zusammenspiel der Sprachen verschiedenste Spannungen, da das Deutsche auf europäischer Ebene und auch – insbesondere aus der Perspektive des Adels – im preußischen Kontext als die sozial minderwertigere Sprache galt, weit mehr als das Französische und Englische auch in gebildeten Kreisen von dialektaler Vielfalt geprägt war und aufgrund der territorialen Zersplitterung des damaligen deutschsprachigen Raums eine weit weniger homogenisierende Kultivierung erfahren hatte; selbst unter deutschen Schriftstellern kursierte noch gegen Ende des Jahrhunderts der Topos vom Deutschen als einer im europäischen Vergleich 'barbarischen ' Sprache.23 Vor diesem Hintergrund ist die Akademie als Institution zu sehen, die einen bedeutenden Beitrag dazu leistete, im deutschsprachigen Raum eine zukunftsfähige deutsche Wissenschaftskultur zu schaffen, indem sie einerseits deutschen Wissenschaftlern und der wissenschaftlich interessierten deutschen Öffentlichkeit die Teilnahme am europäischen Diskurs ermöglichte und andererseits die deutsche Sprache zu einem wissenschaftlichen Medium mit heranbildete.

Wissenschaftler als Medium des Kulturtransfers

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Friedrich suchte die mit der Neubelebung der Akademie verfolgten Ziele insbesondere durch die Berufung der angesehensten Gelehrten seiner Zeit zu erreichen, wobei allerdings eine Aufnahme von ausländischen Wissenschaftlern schon unter Kurfürst Friedrich III. gegeben und für die Zeit vor den neuen Statuten prägend war.24 In den von Friedrich II. eingeführten Statuten von 1746 sind drei Arten von Mitgliedern vorgesehen: Ehrenmitglieder, ordentliche Mitglieder und auswärtige Mitglieder; letztere "können aus allen Nationen ohne Unterschied kommen, vorausgesetzt, sie haben ein anerkanntes Verdienst".25 Friedrich widmete sich von Anfang an persönlich der Frage, welche Wissenschaftler dazu dienen konnten, den Ruf der Akademie – und auf diesem Wege den Ruf seines Staates und nicht zuletzt seinen eigenen Ruf – zu erhöhen. Dabei konzentrierte er sich keineswegs nur auf jene Bereiche, die seinen eigenen geisteswissenschaftlichen Interessen am nächsten standen, sondern suchte so beispielsweise auch die bedeutendsten Mathematiker und empirischen Forscher nach Berlin zu holen.

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Die zwei Gelehrten, die Friedrich zunächst als Präsidenten ins Auge fasste, waren beide bereits auswärtige Mitglieder der Sozietät sowie anderen europäischen Akademien angehörig:26 Christian Wolff und Pierre-Louis Moreau de Maupertuis. Die Einladungen erfolgten schon am 6. Juni 1740. Aus der Tatsache, dass Friedrich offenbar beide als Präsidenten nach Berlin holen wollte,27 geht hervor, dass es ihm um die Gewinnung der größten Köpfe seiner Zeit ging und nicht um eine Besetzung der Posten speziell durch Franzosen. Der schon lange verehrte Wolff stand tendenziell auf seiner Wunschliste an erster Stelle. Auch hinsichtlich der disziplinären Qualifikation und philosophischen Ausrichtung wird deutlich, dass er nicht mit rigiden Vorgaben operierte und eine beachtliche Meinungsvielfalt gelten ließ, einerseits die von Wolff propagierte leibnizsche Philosophie, andererseits die von Maupertuis vertretene Lehre Newtons; Maupertuis hatte durch seine Reise nach Lappland und den Beweis der Abplattung des Erdballs europaweiten Ruhm erlangt.

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Wolff stand jedoch dem Projekt der Akademie misstrauisch gegenüber und lehnte eine Involvierung nicht zuletzt deshalb ab, weil er sich als Universitätsprofessor verstand und weil sein Medium das Lateinische und Deutsche war und nicht das Französische, das er nur passiv beherrschte.28 Er bewog Friedrich, ihn nicht an die Akademie, sondern an die Universität Halle zu berufen, die er 1723 anlässlich seiner Landesverweisung hatte verlassen müssen. Hier wird somit eine Unterscheidung zwischen dem traditionellen Gelehrtentum an den Universitäten und der neueren Wissenschaft an den Akademien greifbar – eine Ausweitung der wissenschaftlichen Horizonte, die dann Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Verschwisterung der Akademie mit der neugegründeten Berliner Universität in eine neue Phase trat. Die Ablehnung Wolffs hatte zur Folge, dass Maupertuis als alleiniger Präsident eingesetzt wurde. Hiermit war der künftige Weg der Akademie während Friedrichs Regierungszeit vorgezeichnet, denn es verstärkte sich auf diese Weise die Bedeutung der französischen Wissenschaftskultur und die auf ein einziges Oberhaupt ausgerichtete Führungsstruktur. Allerdings wirkten auch andere bedeutende Gelehrte in der Führung der Akademie mit, so der Schweizer Philosoph Jean Bernard Merian und vor allem sein aus Petersburg nach Berlin berufener Landsmann Leonhard Euler – als größter Mathematiker seiner Zeit anerkannt – der über viele Jahre hinweg mit großer wissenschaftlicher Energie und praktischer Schaffenskraft erheblich zum Ruhm der Akademie beitrug. Nach dem Fortgang von Maupertuis führte er die Geschäfte, so dass er de facto in der Folgezeit im praktischen Tagesgeschehen die Funktion des Präsidenten erfüllte, ohne jedoch offiziell diese Ehre übertragen zu bekommen, da Friedrich vergeblich suchte, den als Mitbegründer und Mitherausgeber der Encyclopédie verehrten d 'Alembert für die Präsidentschaft zu gewinnen.29

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Als bedeutender Faktor für die internationale Sichtbarkeit der Akademie erwies sich Voltaire, der 1746 zum auswärtigen Mitglied ernannt wurde. Mit seinem herausragenden Ruf als philosophe, der unübertroffenen literarischen Qualität seiner in viele geisteswissenschaftliche Disziplinen hineinreichenden Schriften und seinem kompromisslos satirischen Esprit reichte seine Wirkung weit über den Kreis der Gelehrten hinaus und machte ihn zu einem enorm wichtigen Multiplikator. Er war als möglicher Präsident aufgrund seiner persönlichen Bindung an Paris ausgeschieden, wogegen es Friedrich bei Maupertuis gelungen war, zur Sicherstellung einer anhaltenden Präsenz in Berlin die Heirat mit einer preußischen Adelstochter zu vermitteln.30 Voltaires aufgrund der seinem Landsmann erwiesenen Ehre unvermeidliche Rivalitätsgefühle trugen zum Bruch zwischen ihm und Friedrich bei, als eine Kontroverse den wissenschaftlichen Rang jener Entdeckung von Maupertuis in Frage stellte, auf die sich dessen Ruhm gründete – es ging um die Entdeckung des allgemeinen Prinzips der kleinsten Aktion.31 Das auswärtige Mitglied Samuel König – ein in den Niederlanden weilender Schweizer Mathematiker – hatte mithilfe eines angeblich von Leibniz geschriebenen Briefs den Erweis zu führen gesucht, dass Leibniz und nicht Maupertuis als Entdecker zu gelten hätte. Als sich die führenden Mitglieder der Akademie – insbesondere Euler – geschlossen hinter ihren Präsidenten stellten und die Akademie 1752 in einem Urteil den Brief als Fälschung deklarierte, weitete sich die Debatte zu einer in der Öffentlichkeit über Jahre sowohl mündlich als auch in verschiedensten Publikationsformen fortgeführten Grundsatzdiskussion aus, in der es nicht zuletzt um akademische Freiheit und die Autorität der Akademie ging. Maßgeblichen Anteil an dieser Ausweitung hatte Voltaire, der sich auf die Seite Samuel Königs schlug und mit satirischen Schriften – insbesondere dem Diatribe du docteur Akakia – jene wirksamen Instrumente publizistischer Kommunikation aktivierte, die ihm als zentraler Figur des europäischen Geisteslebens zur Verfügung standen.

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Die Berufung einer heterogenen Gruppe von Gelehrten nach Berlin, die mit den gebildeten Köpfen Europas, aber auch mit weiteren Kreisen in Verbindung standen und die häufig zugleich Mitglieder anderer maßgeblicher Akademien waren, bewirkte, dass die Berliner Akademie in einen weit über Preußen und die anderen deutschsprachigen Territorien hinausreichenden Diskurs eingebunden war. Dabei spielten auch die spezifischen Persönlichkeiten mit ihrem je eigenen Ruf und ihre Beziehungen untereinander sowie zu bedeutenden Multiplikatoren im Ausland eine bedeutende Rolle. Von kaum zu überschätzender Bedeutung war in diesem Gefüge die aktive Teilnahme des Königs an den Aktivitäten der Akademie. Denn als Monarch und erfolgreicher Feldherr, der sich zudem mittels seiner Schriften als philosophe profiliert hatte, verkörperte er auf einzigartige Weise einen produktiven Transfer zwischen preußischer Macht und europäischem Geist.

Berlin als Standort der Wissenschaft

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Die Bedeutung der Berliner Akademie für die Entfaltung des Wissenschaftsstandorts Berlin wird man kaum zu hoch veranschlagen können, denn besonders ab 1752 bot sie in Form eines mit einer Bibliothek versehenen Gebäudes "Unter den Linden" sowie weiteren Forschungseinrichtungen ein bedeutendes Zentrum des wissenschaftlichen Austauschs.32 Im Herzen der mittlerweile führenden Macht im norddeutschen Raum bildete die Akademie in ihrer physischen Ausgestaltung eine geistige Entsprechung zu den Zeichen höfischer und militärischer Macht, die mit Friedrichs Regierungszeit ebenfalls an Bedeutung gewannen.33 Mit dem Kreis von Gleichgesinnten in Rheinsberg und mit der Tafelgesellschaft in Sanssouci hatte Friedrich kommunikative Foren geschaffen, die an die Tradition der platonischen Akademie erinnerten und eine Kultur geistiger Geselligkeit in französischem Stil pflegten. Mit seiner Hinwendung zu der bereits als Institution mit einzelnen Forschungseinrichtungen etablierten Akademie in Berlin nahmen seine kulturellen Bestrebungen eine ambitioniertere Wendung, denn mit dieser von Leibniz nach dem Modell der Pariser und Londoner Akademien konzipierten Institution konnte Friedrich mit den maßgeblichen Kulturnationen einen Wettstreit auf Augenhöhe anstreben.

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Den Mangel an einer Hauptstadt, in der sich wie in Paris oder London das kulturelle Leben im Zentrum der politischen Macht und der maßgeblichen gesellschaftlichen Kreise konzentrierte, empfanden deutschsprachige Gelehrte als erhebliche Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. So beklagt sich 1740 der Schweizer Gelehrte Johann Jacob Bodmer, es fehle ein Ort für den unmittelbaren kommunikativen Austausch:

"Das Mittel ein Werk durch den Druck bekannt zu machen, ist etwas langsam, insonderheit in Deutschland, wo wir keine Hauptstadt haben, in welcher der Ausbund der Nation bey einander versammelt wäre, und in ihren Gedancken die Gedancken der ganzen Nation ausdrükete."34

Bodmer äußert sich hier nicht primär als Schweizer, sondern als deutschsprachiger Gelehrter, dem an der Entfaltung einer gemeinsamen, alle deutschsprachigen Territorien übergreifenden kulturellen Infrastruktur gelegen ist. Wenn er das Fehlen einer "Hauptstadt" beklagt, so geht es um die Notwendigkeit eines physischen Versammlungsorts, an dem die maßgeblichen Geister der Kulturnation sich treffen können und in dem das Schrifttum mit dem mündlichen Diskurs produktiv zusammenwirkt.

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Wenn auch Berlin erst sehr viel später den offiziellen und unangefochtenen Status einer solchen Hauptstadt erlangte, so verbanden sich doch mehrere Faktoren, die es während der Regierungszeit Friedrichs zu einem herausragenden Zentrum des geistigen Lebens machten.35 Getragen wurde diese Entwicklung durch ein starkes Wachstum der erst 1709 offiziell gegründeten Stadt.36 Die Bevölkerung wuchs von etwa 90.000 auf annähernd 150.000 Menschen, und an Größe wurde Berlin schon um die Mitte des Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum nur noch von Wien übertroffen. Der Status der Stadt avancierte mit jedem Feldzug Friedrichs, und auch seine Wirtschaftspolitik brachte neue Impulse.37 Kulturell setzte der Bau des neuen Opernhauses auf europäischer Ebene ein Zeichen. In diesem Kontext der Expansion und Erneuerung verstärkte sich die Signalwirkung, die von Friedrichs Engagement für die Akademie ausging, zumal er bereits europaweit als geistig ungewöhnlich aktiver Herrscher wahrgenommen wurde.

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Von Anfang an unterschied sich die Akademie durch ihren festen Standort von der bereits 1652 gegründeten Leopoldina, die ihren Sitz mit dem Wohnsitz des jeweils amtierenden Präsidenten wechselte.38 Die Berliner Akademie war zwar seit ihrer Gründung als Ort des lebendigen geistigen Austauschs konzipiert, aber unter Friedrich Wilhelm I. hatte sie diese Funktion bereits zunehmend verloren. Dies änderte sich mit der von Friedrich II. ausgehenden Neubelebung der Mitgliedschaft, und die Akademie wurde nun zum Kristallisationspunkt eines gelehrten Diskurses, der auch in andere Kreise hineingetragen wurde. So engagierte sich beispielsweise Maupertuis stark in der Akademie und war als Gast bei Friedrichs Tafelrunden präsent, andererseits verkehrte er infolge seiner von Friedrich vermittelten Aufnahme in preußische Adelskreise aktiv auch mit anderen Vertretern des Berliner Gesellschaftslebens.39 Die Salonkultur steckte um die Mitte des 18. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen und gelangte erst in den folgenden Jahrzehnten zur Blüte, Berlin war jedoch bezüglich des Meinungsaustauschs – außer in politischen Fragen – weniger Beschränkungen unterworfen als beispielsweise das im Pressewesen hochentwickelte Leipzig, was die Entfaltungsmöglichkeiten der dortigen Publizistik förderte.40 Die Verbindung von religiöser Meinungsfreiheit, fortschrittlichem Interesse an den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Philosophie und Wissenschaft sowie einem französischen Stil im Gesellschafts- und Geistesleben machte die Stadt für französische Intellektuelle zu einem attraktiven Aufenthaltsort, was wiederum auf geistigem Gebiet ein weit kosmopolitischeres Flair erzeugte, als es zu jener Zeit für andere Städte im deutschsprachigen Kulturraum typisch war.

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Die Akademie war für den Standort Berlin nicht zuletzt deshalb so bedeutsam, weil hiermit ein physisches Pendant zu den Akademien anderer Länder gegeben war, die zugleich die Messlatte vorgaben. Die Berliner Akademie verfügte über Einrichtungen, die der empirischen Forschung dienten und wichtige praktische Aufgaben erfüllten:41 Seit 1709 hatte sie ein Observatorium, das mittels des Kalenderprivilegs die Voraussetzungen für die Finanzierung der Akademie schuf; seit 1718 verfügte sie zudem über ein Theatrum Anatomicum, aus dem die erste medizinische Fachschule Deutschlands – die Charité – hervorging, wobei diese Einrichtung auch dazu diente, Chirurgen für die Armee auszubilden; 1718 wurde ihr der botanische Garten angegliedert; ein chemisches Laboratorium kam 1753 hinzu und wurde dann 1764/65 erweitert.

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Vor allem aber erwies sich ihr Standort am Regierungssitz des illustren Regenten Friedrich als förderlich, denn hier hatte die Akademie nach Friedrichs Thronbesteigung ein weithin sichtbares Profil, das sie zu den Akademien in Paris und London in Bezug setzte. In Wien waren Pläne für eine vergleichbare Institution wiederholt gescheitert; noch 1774 erwog Maria Theresia die Gründung einer Akademie, aber der Plan scheiterte an mangelnder Unterstützung von Seiten des Hofes sowie mangelnden finanziellen Mitteln.42 Dresden glänzte zwar mit einem prächtigen Hof und der Pflege der schönen Künste, aber weniger als Ort der Philosophie und Wissenschaft. Genauso wenig konnte es jene Verquickung von militärischer Macht und aufklärerischem Glanz aufweisen, der vor allem nach dem Siebenjährigen Krieg von Berlin ausging. Berlin als Zentrum einer aufstrebenden Staatsmacht und die Akademie als deren bis zur Gründung der Universität maßgebliche akademische Institution konnten auf diese Weise gegenseitig voneinander profitieren und zugleich am politischen und geistigen Leben der europäischen Elite teilhaben.

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Die enge Verbindung zum Hof wurde allerdings von den Zeitgenossen durchaus kritisch gesehen, zumal sich die deutschen Gelehrten ständig der vom Hof durchgesetzten Vorrangstellung des Französischen ausgesetzt sahen. So ist es bedeutsam, dass Herder ein Jahr nach Friedrichs Tod auf Aufforderung des Markgrafen Karl Friedrich von Baden hin einen Plan für eine "Teutsche Akademie" entwirft, die als gemeinschaftliche Institution der deutschen Fürstentümer konzipiert ist und einen festen Standort haben soll, der sich jedoch durch Unabhängigkeit von den Höfen der beteiligten Regenten auszeichnet: "Der Versammlungsort der Akademie wird mitten in Deutschland sein [...]. Es wird ein Ort dazu erwählt werden, der nebst den Bequemlichkeiten des Aufenthalts auch den Vorteil habe, daß er unter den Einflüssen keines Hofes stehe."43 Es dürfte kein Zufall sein, dass der Plan – den Herder auch an den im Fürstenbund mit als treibende Kraft wirkenden Karl August sandte – über den Entwurf nicht hinauskam. Denn wenn auch der Akademiegedanke unter Gelehrten besonders in Form einer politisch völlig unabhängigen Institution am attraktivsten war, so blieb die interessegeleitete Förderung durch den Hof doch weiterhin für den Erfolg maßgeblich.

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Für das internationale Profil der Berliner Akademie jedenfalls war die Assoziation mit Friedrichs nach Europa ausstrahlender politisch-militärischer und geistiger Bedeutung zweifelsohne von Vorteil, und der internationale Status der mit der Berliner Akademie assoziierten Gelehrten verlieh den von dort ausgehenden Debatten eine besondere Brisanz und Resonanz. Auch wenn Berlin in vielerlei Hinsicht eine Provinzstadt war, die sich keineswegs mit London oder Paris messen konnte, so erfuhr es doch nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung der Akademie einen erheblichen geistigen Schub, der der preußischen Hauptstadt auf der Bühne der europäischen Aufklärung eine tragende Rolle zuwies.

Das Eigene und das Fremde: ein Kulturtransfer mit Spannungen

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Die Akademie war vorrangig von Bestrebungen geprägt, die weit über den lokalen Kontext hinausreichten und eine auf Europa ausstrahlende Wirkung bezweckten. Es stellt sich damit jedoch die Frage, was für Beziehungen sich zwischen der lokalen und der kosmopolitischen Kultur entwickelten und inwieweit angesichts der Orientierung auf das Fremde hin die Entfaltung des Eigenen behindert wurde und somit weniger ein Kulturtransfer vorlag als ein Aufgeben oder zumindest Ausblenden der lokalen Kultur.

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Eine komplexe Konstellation war schon durch Friedrichs facettenreiche kulturelle Identität gegeben. Denn besonders nach der Thronbesteigung betrachtete er einerseits – vor allem im politischen und militärischen Bereich – seine dynastisch vorgegebene preußische Identität als maßgeblich und pflegte andererseits weiterhin besonders im kulturellen Bereich jene Werte und Umgangsformen, die mit der französischen Geisteskultur assoziiert waren und von denen er sich als Kronprinz besonders angezogen fühlte. Bezüglich der Akademie mussten seine geistigen Interessen die Pflege des Deutschen nicht grundsätzlich ausschließen, denn es war ihm offenbar noch bis in die Spätzeit daran gelegen, Preußen auch mittels einer umfassend entwickelten deutschen Kultur zu Ansehen zu verhelfen. Dies geht zumindest aus der kontroversen Schrift De la littérature allemande von 1780 hervor, in der er – auf Französisch – die zeitgenössische deutsche Sprache und Literatur als "halb-barbarisch" aburteilt, um mit praktischen Ratschlägen den Weg in ein goldenes Zeitalter ruhmbringender deutscher Schriftkultur zu weisen.44 Wenn zwar in den Vorträgen der Akademie das Deutsche geduldet wurde, aber Französisch die Amtssprache war und somit auch die allein gültige Sprache für die Publikationen, so ist dies damit begründbar, dass das Französische sich als Weltsprache weit besser zur Verbreitung von Erkenntnissen und zu einem möglichst weitreichenden Austausch eignete als das Deutsche – ähnlich dem Englischen im heutigen Wissenschaftsdiskurs.

<29>

Eine über pragmatische Erwägungen hinausgehende Ausgrenzung des Deutschen lässt sich allerdings in den späteren Jahren von Friedrichs Amtszeit konstatieren, als deutsche Wissenschaftler kaum mehr Aufnahme fanden – wiewohl ohnehin in dieser Zeit relativ wenige neue Mitglieder hinzu gewählt wurden. Von besonderer Brisanz war zudem die Beziehung zwischen der lokalen Sprachkultur und den durch das Medium des Französischen verfolgten kosmopolitischen Bestrebungen in Bezug auf die deutschen Dichter, wobei die Dichtkunst als solche im Rahmen der von der Akademie gepflegten Disziplinen ohnehin keinen Platz hatte. Ein insgesamt dezidiert negatives Urteil über die Wirkung Friedrichs fällte Friedrich Schlegel noch 1812, als er eine unter Friedrich dem Großen vertane Gelegenheit beklagte:

"wie viel hätte ein König vermocht für deutsche Sprache und Geistesbildung zu tun, zu dessen Zeit Klopstock, Winckelmann, Kant, Lessing, und neben diesen Geistern von erster Größe, so manche andere verdienstvolle Männer […] der Wissenschaft und der Kunst lebten!"45

Schlegel geht von der Erwartung aus, ein Herrscher solle das Kulturleben fördern – eine Erwartungshaltung, die einerseits von älteren höfischen Mustern geprägt sein mag, andererseits jedoch genau jene Unterstützung auch für die deutsche Sprachkultur geltend machte, die Friedrich der französischen Kultur durch die Förderung vor allem Voltaires angedeihen ließ. Eine alternative Sicht auf dasselbe Phänomen bietet Friedrich Schiller in seiner 1800/1801 entstandenen Ode "Die deutsche Muse", in der er es – ganz aus dem Geiste Weimars heraus – als Vorteil wertet, dass der deutschen Dichtkunst "Kein Augustisch Alter blühte" und "Keines Medizäers Güte" zuteil wurde und sie sich von Friedrich "schutzlos, ungeehrt" aus "eig 'ner Fülle" entfalten musste.46 Beide Meinungen sowie viele Spielarten dazwischen lassen sich in den Diskussionen der Zeit ausmachen – wobei die Debatte um die Frage nach den Vor- und Nachteilen einer staatlichen Förderung von Kunst und Wissenschaft nicht auf das 18. Jahrhundert beschränkt blieb.

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Grundsätzlich stellte sich in diesem Kontext zudem die Frage, ob ein interkultureller Wettstreit förderlich oder hinderlich sei. Während Friedrich II. wie auch andere zu humanistischen Denkmustern neigende Mitglieder der Gelehrtenrepublik wie Klopstock oder Lessing dazu neigten, den Wettstreit als grundlegend für den geistigen Fortschritt zu verstehen, entwickelte Goethe eine eher an romantische Denkmuster anklingende Haltung, die den Fortschritt aus dem angeborenen Talent hervorgehen sieht, so wenn er 1829 in Wilhelm Meisters Wanderjahre das Ideal einer von innen heraus sich entwickelnden deutschen Kultur entwirft:

"Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter sich aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum größten Vorteil gereichte, daß die Außenwelt von ihr so spät Notiz nahm."47

Es geben sich hier Unterschiede in der Auffassung von Kultur zu erkennen, die sich zwar in eine zeitliche Reihenfolge bringen lassen, aber auch als wiederkehrende Tendenzen in der Diskussion um nationale Identität und interkulturelle Beziehungen zu sehen sind.

<31>

Aus der rückblickenden Perspektive dieser Dichter ergibt sich somit ein ganzes Spektrum an Perspektiven auf die Entwicklung der deutschsprachigen Kultur im Laufe des 18. Jahrhunderts, wodurch Friedrichs Beitrag einen jeweils anderen Stellenwert erhält. Dabei sind die Spannungen als Motor für die öffentliche Diskussion und Meinungsbildung zu sehen. Zweifelsohne stimulierte gerade Friedrichs provokante Förderung einer fremden Kultur im eigenen Lande einen anhaltenden Diskurs um kulturelle Identität sowie um Modelle des Kulturtransfers. Damit erhielten die unterschiedlichen Positionen eine schärfere Kontur und eine unter dem Begriff der aemulatio seit der Antike als förderlich verstandene Wettstreit-Dynamik, die für die Herausbildung einer deutschsprachigen Nationalkultur in dieser Zeit von enormer Bedeutung gewesen sein dürfte.48

Geist und Macht: Kulturtransfer in der Gelehrtenrepublik

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Mit der physischen Realisierung des aus der Antike stammenden Akademiegedankens im modernen Berlin schuf Friedrich zugleich einen symbolischen Ort, der im Zusammenspiel mit den anderen maßgeblichen Akademien als Versammlungsort für die "Bürger" einer imaginären, nationalkulturelle Grenzen überschreitenden République des lettres dienen sollte.49 Dabei wurde die Frage, inwieweit die Wissenschaft geographisch und politisch spezifische Standorte benötige, in jener Zeit weitläufig debattiert, wie aus einer Episode in Lessings Der junge Gelehrte hervorgeht: Antwortend auf den Plan seines Bedienten Anton, die von ihm, seinem Herrn, erwähnte "Republik" aufzusuchen, um sich den Wissenschaften zu widmen, antwortet Damis auf die auch in politischer Hinsicht verfehlte, aber von Damis nicht beachtete Assoziation zwischen "Republik" und "Sachsen zum Exempel":

"Damis: Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten. Was geht uns Gelehrten, Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein Gelehrter wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Cosmopolit; er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß – –
Anton: Überall? Und also ist sie mit der Republik der Narren an einem Orte. Die, hat man mir gesagt, ist auch überall. "50

Satirisiert wird hier ein Gelehrter, dem es an jeglichem Realismus fehlt; bei allem Idealismus der Gelehrten in dieser Zeit gilt doch die Utopie auch als Gefahr für die Verwirklichung wissenschaftlicher Ziele.

<33>

Dass die Akademie sich als konkreter Versammlungsort innerhalb der Gelehrtenrepublik verstand, verdeutlicht die Anrede von Maupertuis an die Mitglieder der Akademie in einem Vortrag zu den Aufgaben des Akademiemitglieds vom 18. Juni 1750: Er appelliert an die "Bürger der Gelehrtenrepublik" – "citoyens de la république des Lettres".51 Diese Vorstellung barg ein spannungsvolles Potenzial, denn einerseits handelte es sich bei der Vorstellung von einer Republik um eine Herrschaftsform, die der des Ancien Régime diametral entgegengesetzt war. Andererseits gestaltete Friedrich die Struktur nach dem Bilde seines monarchischen Staates, denn er beanspruchte sowohl die Wahl des Präsidenten auf Lebenszeit als auch – zunehmend direkt – die Billigung der Wahl neuer Mitglieder. Während Friedrich Maupertuis in einem Brief mittels einer religiösen Analogie als "Papst" der Akademie bezeichnet,52 unterstreicht er in den Statuten in einer als Zusatz gekennzeichneten Bemerkung die Parallele zur militärischen Hierarchie:

"Dazu bemerkt der König: 'Er [Der Präsident] übt das Präsidentenamt, unabhängig von den Rangstufen, über alle Ehren- und eigentliche Mitglieder der Akademie aus, und alles geschieht durch ihn, so wie ein Adliger als General Herzöge und Prinzen befiehlt, ohne daß jemand Anstoß daran nähme. '"53

Die Analogie verdeutlicht die von ihm vorgesehene Praxis der Führungsstrukturen und die Einbindung der Akademie in das preußische Machtgefüge.

<34>

Die enorme Machtfülle, die damit Maupertuis gegeben war, wirkte sich zunächst positiv aus, weil sein international anerkannter Status und seine Verbindung zum König einerseits und zu den ausländischen Akademien andererseits der Berliner Akademie zu internationalem Ansehen verhalfen. Auch das direkte Eingreifen des Königs in die Geschäfte der Akademie war von Vorteil, da er im Ausland als aufgeklärter, den neuen Geistesströmungen zugewandter Herrscher gefeiert wurde. Andererseits jedoch war die Führungsstruktur der Akademie so gravierend von den politischen Strukturen des Ancien Régime geprägt, dass sie in ihrer inneren Erneuerungskraft erheblich eingeschränkt war. Als Friedrich nach dem Fortgang von Maupertuis keinen neuen Präsidenten mehr ernannte, rückte er de facto selbst in diese Position und übernahm allein die Entscheidungen mithilfe seines Beraters d 'Alembert, was die Funktionsfähigkeit der Akademie in den Jahren nach dem Siebenjährigen Krieg erheblich reduzierte.54 Zeitgenössische Gelehrte empfanden die Entwicklung als Stagnation – insbesondere dann, wenn sie sich selbst aufgrund dessen, dass sie deutschsprachig waren, zurückgesetzt fühlten. So äußert 1763 Johann Peter Süßmilch, der nach über zwanzig Jahren langer Tätigkeit als ordentliches Mitglied noch immer keine Pension erhielt, in einem Begleitbrief zu einem neuen Werk seine Frustration angesichts der ungleichen Behandlung:

"Ich bin muthlos und zweifle an einem erwünschten Erfolg, theils weil mein Buch deutsch geschrieben, theils weil die Akademie der neuen Schöpfung des d 'Alembert soll unterworfen werden, woraus doch nichts als Tort für die Deutschen zu erwarten. Der Untergang der Akademie erfolgt alsdann gewiss, weil die wenigen Franzosen es nicht ausmachen werden, unter denen ohnedem kein einziger wahrer Gelehrter zu finden."55

Die unter Eulers Leitung erfolgte Wahl Lessings zum auswärtigen Mitglied wurde von ihm vermutlich nicht gutgeheißen, und die vorgeschlagene Wahl Gellerts lehnte er ab.56 Fortan handhabte er die Wahl neuer Mitglieder wie die Berufung seiner Minister.

<35>

Im Hinblick auf die Beziehung zur breiteren Öffentlichkeit ergaben sich aus der autokratischen Führungsstruktur vor allem in den frühen fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit der Kontroverse zwischen Samuel König und Maupertuis weithin beachtete Spannungen. Insbesondere wurde – in einer Anspielung auf den Gedanken von der Gelehrtenrepublik – das 'Triumvirat ' bestehend aus Maupertuis, Euler und Merian angegriffen, da es sich zum Ziel gesetzt habe, die Gelehrtenrepublik zu stürzen. Als die Debatte mit Voltaires Beteiligung an Brisanz gewann und Friedrich selbst mit den ihm gegebenen Machtmitteln einzugreifen suchte, um Voltaire zum Schweigen zu bringen und die Debatte mit einer weithin beachteten Beschlagnahmung und Verbrennung von Voltaires satirischem Kommentar zu unterbinden, wurde die Affäre geradezu zu einer wissenschaftlichen Seifenoper, zumal es dem König so wenig wie der Akademie gelang, der Diskussion ein Ende zu setzen. Es zeigte sich, dass die Grenzen zwischen der Gelehrtenrepublik und der Öffentlichkeit durchlässig geworden waren und dass die auf die Akademie übertragenen Machtstrukturen des Ancien Régime keine absolute Kontrolle über die kommunikativen Wege in einem zunehmend kommunikationsfreudigen Europa ausüben konnten. Die Autorität der Akademie und letztlich auch die Autorität des Königs unterlagen der von der Akademie angeregten und geförderten öffentlichen Meinungsäußerung.

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Deutlich wird an dieser Kontroverse die diskursfördernde Wirkung der Berliner Akademie im geistigen Leben der europäischen Aufklärung. Die Akademie ermöglichte einen komplexen Kulturtransfer, der im deutschsprachigen Raum alle gebildeten Schichten erreichte und auch Kreise einbezog, die sich zuvor kaum an wissenschaftlichen Debatten beteiligt hatten, so insbesondere Frauen, die aufgrund ihrer zumeist mangelnden klassischen Bildung bis dahin vom Diskurs der Gelehrten weitgehend ausgeschlossen waren, aber durchaus an einem auf Französisch geführten Dialog teilnehmen konnten. Die deutschen Territorien verfügten nun über ein die Öffentlichkeit mit einbeziehendes Zentrum der Natur- und Geisteswissenschaften, in dem schriftliche und mündliche Kommunikation fruchtbar miteinander interagierten und damit über ein Pendant zu den entsprechenden Institutionen anderer europäischer Hauptstädte. Vor allem aber erfüllte die Berliner Akademie im Verbund mit den anderen europäischen Akademien und mittels einer Vielfalt von Publikationsmedien und persönlichen Verbindungen eine Vermittlerrolle, die das Bild von der europäischen Aufklärung entscheidend prägte – als kulturpolitisches Instrument Friedrichs des Großen, das seiner Kontrolle unterlag, zugleich jedoch das Potenzial barg, aus dieser hinauszuwachsen.

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Die Berliner Akademie verkörperte somit in der Zeit Friedrichs II. einen spannungsvollen wie fruchtbaren Kulturtransfer zwischen Geist und Macht. Seiner Vision von Preußens Teilnahme am europäischen Wissenschaftsdiskurs, seiner herausragenden Stellung als König von Preußen und seinem schon in frühen Jahren etablierten Ruf als aufgeklärter, den Wissenschaften wohlgesonnener Herrscher war es zu verdanken, dass die Berliner Akademie nach seiner Thronbesteigung so rapide hohes internationales Prestige erlangen und mit europaweit bekannten Gelehrten vom Range eines Euler oder eines Maupertuis glänzen konnte sowie mittels ihrer Preisfragen zur grenzüberschreitenden Diskussion um die zentralen wissenschaftlichen Fragen der Zeit beitrug.

<38>

Friedrich war selbst kein Naturwissenschaftler, sondern betätigte sich auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.57 Dennoch dürften seine Bemühungen um die Strahlkraft der Akademie in einem umfassenden Interesse an den Wissenschaften gründen. Dies geht nicht nur aus seiner Korrespondenz mit führenden Gelehrten der Zeit hervor, sondern auch aus einer Ode auf die Akademie, die er anlässlich der Sitzung vom 25. Januar 1748 von seinem Vorleser und Sekretär Claude-Etienne Darget vortragen ließ. Unter dem Titel "Le Rétablissement de l 'Académie" wird das ganze Spektrum der von der Akademie betriebenen Wissenschaft vor Augen geführt und Begeisterung vor allem auch für die Errungenschaften der modernen empirischen Wissenschaften vermittelt:

"L 'un par un prisme adroit et d 'une main savante
Détache cet azur, cet or et ces rubis,
Qu
 'assemble des raions la gerbe étincelante
Dont Phœbus de son trône éclaire le pourpris;
L
 'autre du corps humain que son art examine
Décompose avec soin la fragile machine,
Et les ressorts cachés à l
 'œil d 'un ignorant;
Et tel d
 'un bras magique
Vous touche et communiqué
L
 'électrique torrent."58

[Mit kund 'ger Hand im Prisma zerteilen sie das Licht,
Das sich in Himmelsbläue, in Gold und Purpur bricht,
Das sonst in Strahlengarben Phöbus zusammenhält
Und von dem Himmelsthrone herabschickt auf die Welt.
Der Anatom durchstöbert im zarten Menschenleibe
Die Nerven und die Adern, forscht, was das Uhrwerk treibe,
Entdeckt verborgne Federn, dem Laienblick verwehrt.
Elektrische Magie
Berührt uns und durchfährt
Den Leib mit wilder Energie.59]

Es wäre jedoch müßig, zwischen genuiner Begeisterung für die Sache und narzisstischen Tendenzen, Begeisterung für den wissenschaftlichen Fortschritt und utilitaristischer Ausnutzung wirtschaftlich ertragreicher Erfindungen, intellektuell motivierter Förderung der Wissenschaften und dynastisch motiviertem Streben nach preußischem Ruhm unterscheiden zu wollen. Denn ihre fruchtbarsten Wirkungen ergaben sich tendenziell aus dem dynamischen Zusammenspiel dieser Bestrebungen.

<39>

Für die Wissenschaftsgeschichte der Aufklärung ist der von Friedrichs 'Erneuerung ' der Berliner Akademie ausgehende Impuls von erheblicher Bedeutung, nicht zuletzt aufgrund des Konflikts zwischen der in dieser Zeit (und insbesondere im Nachhinein) von deutschsprachigen Kulturträgern wahrgenommenen Notwendigkeit einer Förderung der lokalen deutschen Kultur und den globalisierenden Tendenzen der frankophilen Kulturpolitik Friedrichs. Der Wettstreit der Kulturen in Friedrichs Preußen entfaltete sich durchaus als produktive Symbiose zwischen dem Eigenen und dem Fremden, ganz im Geiste des Humanismus, und ganz im Geiste der Aufklärung. Dies würdigte nach Friedrichs Tod Johann Gottfried Herder unter dem Eindruck von Friedrichs Schriften und Briefen:

"Wir sind darüber einig, daß wenn Ein großer Name auf Europa mächtig gewirkt hat, es Friedrich gewesen. [...] Unter Waffen und im höchsten Alter hielt er die Wissenschaften nicht nur für sein schönstes Vergnügen, sondern auch dem Staat und der menschlichen Gesellschaft unentbehrlich; ohne sie, meinte er, würden und blieben Fürsten, Stände und Völker Barbaren; Wissenschaften allein haben die Welt erleuchtet, und einige auserwählte Seelen des Menschengeschlechts veredelt."60

Herder spricht hier als deutscher Zeitgenosse, der Friedrichs Taten und Leistungen als entschiedener Kritiker des Ancien Régime und passionierter Verfechter der Förderung deutschsprachiger Kultur verfolgt hat und im Laufe der Jahre durchaus wechselnden Einschätzungen Ausdruck gibt. Beim Lesen der Schriften entdeckt er ein "Bekenntnis" zu den Wissenschaften, dem Friedrich zeit seines Lebens treu blieb, und er fühlt sich besonders von dem Briefwechsel mit Voltaire angesprochen, in dem Friedrich eine differenzierte Unterscheidungskraft zeigt und dem großen Franzosen "über dessen Werke offen seine Meinung sagte".61 Herder vertraut hier auf einen Konsens zwischen den Zeitgenossen, dass Friedrich als herausragende Persönlichkeit zu gelten hat, als Mann, der sich zugleich tatenhungrig am politischen Geschehen auf der europäischen Bühne beteiligte und sich meinungsstark in die Belange der europäischen Gelehrtenrepublik einbrachte. Gewürdigt wird damit ein durchaus einzigartiger Beitrag zum vielstimmigen Diskurs der Aufklärung. Dieser fand nicht zuletzt darin seinen Ausdruck, dass Friedrich dem Diskurs mit den Mitteln seiner dynastischen, politischen und wirtschaftlichen Macht in Preußen eine institutionelle Basis schuf – die Berliner Akademie.

<40>

Friedrichs Interesse an der Akademie ist insgesamt weder hinsichtlich seiner Motivation noch ihrer Wirkung auf einen einfachen Nenner zu bringen. Sein ständiges Eingreifen in ihre Geschäfte war Ausdruck seines intensiven und für ihren Erfolg ausschlaggebenden Engagements und zugleich eine höchst problematische, von monarchischen Herrschaftsvorstellungen geprägte Einflussnahme auf ihre Forschungstätigkeit. Die Akademie stand Pate für seine Ruhmsucht und formte einen Teil seiner produktiven Kulturpolitik, sie war Instrument seiner Selbstinszenierung als roi philosophe und zugleich praktisch umgesetzte Passion einer ungemein vielseitigen Begabung. Die von Friedrich autokratisch genutzten Herrschaftsstrukturen wurden einer fruchtbaren Entwicklung der Akademie zunehmend hinderlich, was nach seinem Tod eine neuerliche grundlegende Reform notwendig machte. Nichtsdestotrotz entfaltete die Akademie im Zeitalter der Aufklärung eine enorme diskursfördernde Kraft und beflügelte einen intensiven wie produktiven Austausch zwischen dem Geistesleben der deutschsprachigen Territorien und jenem des übrigen Europas.

Autorin:

Prof. Dr. Katrin Kohl
Modern Languages
Jesus College (University of Oxford)
GB-Oxford OX1 3DW
katrin.kohl@jesus.ox.ac.u

1 Vgl. die noch immer maßgebliche Studie von Adolf Harnack: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 3 Bde., Berlin 1900, Nachdruck Hildesheim / New York 1970; Siehe auch Conrad Grau: Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Eine deutsche Gelehrtengesellschaft in drei Jahrhunderten, Heidelberg / Berlin / Oxford 1993. Harnack, Bd. II, bietet eine umfassende Dokumentensammlung einschließlich der verschiedenen Statuten. Vgl. auch die bis in die Gegenwart fortgeführte Dokumentensammlung von Werner Hartkopf / Gert Wangermann (Hg.): Dokumente zur Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1700 bis 1990, Heidelberg / Berlin / New York 1991; hier werden die französischen Dokumente in deutscher Übersetzung wiedergegeben.

2 Vgl. beispielsweise den Hinweis des Protagonisten auf die kurz zuvor erfolgte "Erneurung" der "Berlinischen Akademie" in Lessings Lustspiel "Der junge Gelehrte" (2. Akt, 14. Auftritt; in: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe in zwölf Bänden, hg. von Wilfried Barner, Frankfurt a. M. 1985-2003, Bd. 1, 196. Der satirisierte Leipziger Protagonist Damis wartet drei Akte lang auf einen Brief von der preußischen Akademie, um dann herauszufinden, dass seine Abhandlung zur Preisfrage um die Monaden von 1747 nicht an die Preisrichter weitergeleitet worden war. Das Stück wurde im Januar 1748 erfolgreich von Caroline Neuber in Leipzig uraufgeführt und lässt darauf schließen, dass dem Publikum die erneuerte Akademie mit ihren Preisfragen präsent war. Noch in den Akademie-Statuten von 1812 wird Friedrich als "Erneuerer" bezeichnet (vgl. unten, Anm. 3).

3 Das komplexe Zusammenspiel von Geist und Macht in der Fundierung der Akademie geht aus den in den Statuten von 1812 eingeführten Versammlungsterminen hervor: Die drei Sitzungen erfolgen jeweils am Geburtstag von Leibniz, dem "ersten Präsidenten der ersten größentheils nach seinem Plan eingerichteten hiesigen Societät der Wissenschaften", am Geburtstag Friedrichs II., "des Erneuerers der Akademie" sowie am Geburtstag "des regierenden Königs Majestät". Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. II, 369.

4 Vgl. besonders die folgenden Beiträge in maßgeblichen Sammelbänden: Michel Espagne / Michael Werner: Deutsch-französischer Kulturtransfer als Forschungsgegenstand. Eine Problemskizze, in: dies. (Hg.): Transferts. Les relations interculturelles dans l 'espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siècle), Paris 1988, 11-34; Etienne François: Les échanges culturels entre la France et les pays germaniques au XVIIIe siècle, in: Espagne / Werner: Transferts (wie Anm. 4), 35-47; Michel Espagne / Werner Greiling: Einleitung, in: dies. (Hg.): Frankreichfreunde. Mittler des französisch-deutschen Kulturtransfers (1750-1850), Leipzig 1996, 7-22. Während Espagne / Werner "Kulturtransfer" als "Forschungsgegenstand" begreifen, bezeichnet der Begriff Jörn Steigerwald zufolge eine von Espagne und Werner in Gegensatz zur Komparatistik entwickelte "Methode, die [...] neben der Vermittlung von Lit. auch die von Gebrauchsgütern untersucht". Jörn Steigerwald: Kulturtransfer, in: Ansgar Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 3. erw. Aufl., Stuttgart / Weimar 2004, 367f., wiederabgedruckt in Ansgar Nünning: Grundbegriff der Kulturtheorie und Kulturwissenschaften (= Sammlung Metzler 351), Stuttgart / Weimar 2005, 124f.. Steigerwalds Übertragung des Begriffs ist verwirrend und angesichts der maßgeblichen Literatur wenig überzeugend.

5 Zum Stellenwert von einzelnen Vermittlern und individuellen Leistungen in Transferprozessen vgl. die knappen Ausführungen in Espagne / Greiling: Einleitung (wie Anm. 4), 18; der entsprechende Sammelband Espagne / Greiling: Frankreichfreunde (wie Anm. 4) bietet eine Fülle von Fallstudien zu solchen Prozessen.

6 Andreas Ackermann: Das Eigene und das Fremde: Hybridität, Vielfalt und Kulturtransfers, in: Friedrich Jaeger / Jörn Rüsen (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, 3 Bde., Stuttgart / Weimar 2004, Bd. 3, 138-154, hier: 138.

7 Vgl. zur Bedeutung von Metaphern in diskursiven Prozessen mit spezifischem Bezug auf die deutsche Poetik Katrin Kohl: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur, Berlin / New York 2007; zur Wettstreit-Metaphorik besonders 348-354 und 499-501. Zum "agonalen [...] Charakter der Diskurse der Aufklärung" vgl. das groß angelegte Projekt von Ursula Goldenbaum: Appell an das Publikum. Die öffentliche Debatte in der deutschen Aufklärung 1687-1796, 2 Bde., Berlin 2004, Bd. 1, VII.

8 Voltaire – Friedrich der Große: Briefwechsel, hg. und übersetzt von Hans Pleschinski, revidierte Neuausgabe, München 2004, 171. Vgl. die Originalfassung: "C 'était une académie dans le goût de celle des Sciences et de la Société de Londres". Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Voltaire, hg. von Reinhold Koser und Hans Droysen, 3 Bde (= Publikationen aus dem K. Preußischen Staatsarchiv, Bd. 81, 82, 86), Leipzig 1908-1911, Bd. 1, 4 und 7, hier: Bd. 1, 344). Schon für die ursprüngliche Gründung der Akademie waren die im 17. Jahrhundert entstandenen maßgeblichen europäischen Akademien in Paris und London bestimmend gewesen (Académie Française 1635; Académie des Sciences 1666; Royal Society 1660). Zur Geschichte der europäischen Akademien vgl. Conrad Grau: Akademie, in: Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, 4 Bde., Hamburg 1990, 74-77.

9 Vgl. die ausführliche Darstellung der Geschichte der Akademie unter Friedrich II. in Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 245-394. Dass Friedrich sich schon vor der Thronbesteigung mit Plänen für die Akademie befasste, geht aus seinem Briefwechsel mit Voltaire insbesondere im vorhergehenden Monat hervor. Vgl. dazu Harnack, Geschichte (wie Anm. 1), 247-249. Zitat vgl. die Weisung an Minister von Viereck vom 11. Juni 1740, in: ebd., Bd. II, 247.

10 Voltaire – Friedrich der Große: Briefwechsel (wie Anm. 8), 184; "J 'ai posé [les fondements de] notre nouvelle Académie". [Friedrich der Große]: Briefwechsel (wie Anm. 8), Bd. 2, 9.

11 Vgl. die Satzung von 1746, in Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 299-302; dt.: Hartkopf / Wangermann: Dokumente (wie Anm. 1), 90-93.

12 Vgl. Mary Terrall: The Man who Flattened the Earth. Maupertuis and the Sciences in the Enlightenment, Chicago / London 2002, 247f.

13 Die Bestimmung der Klassen in den Statuten von 1746 lautet wie folgt: "1. La classe de philosophie expérimentale comprendra la chimie, l 'anatomie, la botanique, et toutes les sciences qui sont fondées sur l 'expérience. 2. La classe de mathématiques comprendra la géométrie, l 'algèbre, la méchanique, l 'astronomie, et toutes les sciences qui ont pour objet l 'étendue abstraite, ou les nombres. 3. La classe de philosophie spéculative s 'appliquera à la logique, à la métaphysique et à la morale. 4. La classe de belles-lettres comprendra les antiquités, l 'histoire et les langues." Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 300.

14 Vgl. zu den Themen Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. II, 305-309; siehe auch Bd. I/1, 396-422; Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 103-105.

15 Vgl. Terrall: The Man who Flattened the Earth (wie Anm. 12), 268f.

16 "Est-il utile au Peuple d 'être trompé, soit qu 'on l 'induise dans de nouvelles erreurs, ou qu 'on l 'entretienne dans celles où il est?" Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. II, 308.

17 "Quelle a été l 'influence du Gouvernement sur les Lettres chez les nations où elles ont fleuri? Et quelle a été l 'influence des Lettres sur le Gouvernement?" Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. II, 308.

18 Johann Gottfried Herder: Vom Einfluß der Regierung auf die Wissenschaften, und der Wissenschaften auf die Regierung. Idee zum ersten patriotischen Institut für den Allgemeingeist Deutschlands, in: ders.: Werke in zehn Bänden, hg. von Günter Arnold, Martin Bollacher u.a., Frankfurt a. M. 1985-2000, Bd. 9/2, 294-391. Vgl. auch die Anmerkung des Heraugebers, 1140-1190, besonders 1142f. Eine Würdigung von Friedrichs Schriften und seiner Bedeutung lieferte Herder in den 1793-1797 erschienenen "Briefen zu Beförderung der Humanität". Erste Sammlung, Briefe 7-10, in: Herder, Vom Einfluß der Regierung (wie Anm. 18), Bd. 7, 35-70.

19 Herder an Johann Georg Hamann, nach dem 5.6.1780, in: Johann Gottfried Herder: Briefe. Gesamtausgabe, hg. von Wilhelm Dobbeck u.a., Weimar 1977ff., Bd. 4, 121.

20 Herder: Vom Einfluß der Regierung (vgl. Anm. 18), 335.

21 Vgl. zu diesem Komplex Helmuth Kiesel / Paul Münch: Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert. Voraussetzungen und Entstehung des literarischen Markts in Deutschland, München 1977.

22 Um 1720 betrug der Anteil von Hugenotten an der Bevölkerung rund neun Prozent. Vgl. Theodor Schieder: Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt a. M. u.a. 1983, 13.

23 Vgl. zum Beispiel Lessing 1767 in der "Hamburgischen Dramaturgie", in: Lessing: Werke und Briefe (wie Anm. 2), Bd. 6, 272; und Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein, 26.1.1786. Ders.: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, hg. von Friedmar Apel / Hendrik Birus u.a., 40 Bde., Frankfurt a. M. 1985ff., Bd. 29, 624.

24 Vgl. Werner Hartkopf: Die Berliner Akademie der Wissenschaften. Ihre Mitglieder und Preisträger 1700-1990, Berlin 1992, IX.

25 Hartkopf / Wangermann: Dokumente (wie Anm. 1), 91.

26 Vgl. Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 254. Vgl. zur Mitgliedschaft an der Akademie Hartkopf: Die Berliner Akademie (wie Anm. 24). Maupertuis war 1735 zum abwesenden Mitglied ernannt worden, Wolff bereits 1711.

27 Vgl. Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 255.

28 Vgl. Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 256, und Bd. II, 248-254, besonders 249.

29 D 'Alembert erhielt von Friedrich jährlich eine Rente von 300 Thalern und war als Berater einflussreich. Vgl. Hartkopf: Die Berliner Akademie (wie Anm. 24), 5, und Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 101f.

30 Vgl. Terrall: The Man who Flattened the Earth (wie Anm. 12), 231f.

31 Vgl. zu dieser Kontroverse Terrall: The Man who Flattened the Earth (wie Anm. 12), 293-309, mit weiterführenden bibliographischen Verweisen; Ursula Goldenbaum: Das Publikum als Garant der Freiheit der Gelehrtenrepublik. Die öffentliche Debatte über den Jugement de L 'Académie Royale des Sciences et Belles Lettres sur une Lettre prétendue de M. de Leibnitz 1752-1753, in: Goldenbaum: Appell an das Publikum (wie Anm. 7), Bd. 2, 509-652; siehe auch dies.: Das Publikum als Garant der Freiheit der Gelehrtenrepublik gegen Maupertuis und Friedrich II. im Jahre 1752, in: Ulrich J. Schneider (Hg.): Kultur der Kommunikation. Die europäische Gelehrtenrepublik im Zeitalter von Leibniz und Lessing, Wiesbaden 2005, 215-228.

32 Die Räume der Akademie waren 1742 durch einen Brand zerstört worden; während der Bauarbeiten für das neue Gebäude fanden die Sitzungen im Schloss statt.

33 Zu den Anfängen des "Wissenschaftsstandorts Berlin" vgl. Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 27-51.

34 Johann Jacob Bodmer: Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie, Zürich 1740, Nachdruck mit Nachwort von Wolfgang Bender, Stuttgart 1966, 2f.; siehe auch Hans Jürgen Haferkorn: Der freie Schriftsteller. Eine literatur-soziologische Studie über seine Entstehung und Lage in Deutschland zwischen 1750 und 1800, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe 19 (1963), 125-219, hier: 184.

35 Vgl. Klaus Hermsdorf: Literarisches Leben in Berlin. Aufklärer und Romantiker, Berlin (Ost) 1987.

36 Vgl. Wolfgang Ribbe (Hg.): Geschichte Berlins, 2. Aufl., 2 Bde, München 1988, Bd. 1, besonders 382; siehe auch Schieder: Friedrich der Große (wie Anm. 22), 12-14.

37 Schon seit der Gründung war auch die Akademie in die wirtschaftlichen Entwicklungen eingebunden und auf diese Weise mit dem Standort Berlin verknüpft, so zum Beispiel mit dem Seidenbau – den Leibniz über ein Seidenprivileg für die Finanzierung der Akademie nutzbar zu machen suchte – und der Kommerzialisierung chemischer Erfindungen. Vgl. Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 81.

38 Der für die Verbreitung des Akademiegedankens im deutschsprachigen Gebiet zentrale Leibniz schenkte der Leopoldina kaum Beachtung. Vgl. dazu Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 26.

39 Vgl. Terrall: The Man who Flattened the Earth (wie Anm. 12), 231-234.

40 Dies war beispielsweise für Lessing attraktiv. Vgl. Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie, übersetzt von Karl S. Guthke, München 2008, 115f. und öfter. Zur Entwicklung der Öffentlichkeit in der europäischen Aufklärung vgl. Timothy W. Blanning: Das alte Europa 1660-1789. Kultur der Macht und Macht der Kultur, Darmstadt 2006.

41 Vgl. Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 73-76.

42 Deutsche Schriftsteller erhofften sich nach der Kaiserwahl von Joseph II. im Jahre 1765 jene Unterstützung, die Friedrich, der stattdessen französische Dichter und Gelehrte förderte, ihnen so dezidiert versagt hatte. So wandte sich Klopstock 1768 mit ambitionierten Plänen zu einer "deutschen Gelehrtenrepublik" an den Wiener Hof; sein auch von Lessing und anderen Schriftstellern unterstützter "Wiener Plan" fand jedoch keinerlei Resonanz und wurde schließlich nur in virtueller Form verwirklicht – in dem Werk "Die deutsche Gelehrtenrepublik". Friedrich Gottlieb Klopstock: Die deutsche Gelehrtenrepublik, in: ders.: Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, hg. von Horst Gronemeyer u.a., Berlin / New York 1974ff., Abt. Werke, Bd. VII/1-2, besonders Bd. VII/1, 219-226. Vgl. dazu Katrin Kohl: Friedrich Gottlieb Klopstock, Stuttgart / Weimar 2000, 42-44. Die Meinung eines Wiener Bekannten von Klopstock lässt darauf schließen, dass man in der Residenzstadt der Habsburger kaum Hoffnungen auf eine Unterstützung der Künste und Wissenschaften hegte: Angesichts umfassender Sparmaßnahmen sei der Plan zum Scheitern verurteilt, "da man sich überhaupt nicht darauf versteht, viele andere Beschäftigungen auf dem Halse hat und schließlich die schönen Künste als Sache des Luxus und des Überflusses ansieht". Klopstock: Werke und Briefe, Abt. Briefe, Bd. V, 720; siehe auch Bd. VI, 11).

43 Herder: Idee zum ersten patriotischen Institut für den Allgemeingeist Deutschlands, in: ders.: Werke (wie Anm. 18), Bd. 9/2, 565-580, hier: 577; siehe auch die Anmerkung des Herausgebers, 1283-1290.

44 Friedrich II.: Über die deutsche Literatur. Die Mängel, die man ihr vorwerfen kann, ihre Ursachen und die Mittel zu ihrer Verbesserung (1780), in: Horst Steinmetz (Hg.): Friedrich II., König von Preußen, und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Texte und Dokumente, Stuttgart 1985, 60-99 und 292-301 (Anm.), hier: 62. Die Schrift ist auch enthalten in: Die Werke Friedrichs des Großen, hg. von Gustav Berthold Volz, übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski u.a., 10 Bde., Berlin 1912-1914, Bd. 8, 74-99. Christian W. von Dohms offizielle Übersetzung der Schrift wurde wie die französische Originalfassung 1780 veröffentlicht. Vgl. die Originalfassung: Œuvres de Frédéric le Grand, 31 Bde., Berlin 1846-1857, Bd. 7, 103-140.

45 Friedrich Schlegel: Geschichte der alten und neuen Literatur, hg. von Hans Eichner (= Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hg. von Ernst Behler, Bd. VI), München u.a. 1961, 368f.

46 Friedrich Schiller: Werke und Briefe in zwölf Bänden, hg. von Otto Dann u.a., Frankfurt a. M. 1988-2004, Bd. 1, 201. Allerdings beklagt Schiller andernorts mit einiger Bitterkeit die Problematik einer mangelnden materiellen Basis für deutsche Schriftsteller: "Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu befriedigen und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die notwendige Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen literarischen Welt unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt, beides zu vereinigen, aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete mir meine Gesundheit". Schiller an J. I. Baggesen, 16.12.1791, ebd., Bd. 11, 588. Vgl. auch seine Reflexionen zum Status der Deutschen und der deutschen Sprache in den Fragmenten "Darf der Deutsche", ebd., Bd. 1, 735-740.

47 Goethe: Sämtliche Werke (wie Anm. 23), Bd. 10, 769f. Wilhelm Meisters Wanderjahre, 3. Buch, Aus Makariens Archiv, Nr. 148.

48 Vgl. Nisbets Fazit in Bezug auf Lessing: "So sehr deutsche Intellektuelle, nicht zuletzt Lessing, auch über die bevorzugte Behandlung der Franzosen schimpften, muß doch die interkulturelle Rivalität, die die Berliner Gesellschaft belebte, für sie höchst anregend gewesen sein". Nisbet: Lessing (wie Anm. 40), 116.

49 Die Bedeutung dieser Vorstellung lässt sich bis in die Zeit der Weimarer Klassik verfolgen. Vgl. die folgenden Sammelbände: Marianne Lion-Violet (Hg.): Les premiers siècles de la république européenne des lettres, Paris 2005; Schneider: Kultur der Kommunikation (wie Anm. 31); Michael Knoche / Lea Ritter-Santini (Hg.): Die europäische République des lettres in der Zeit der Weimarer Klassik, Göttingen 2007. Siehe auch zur Laufbahn Lessings unter dem Aspekt der Spannung zwischen diesem universalisierenden Topos und nationalkulturellen Tendenzen Wilfried Barner: Res publica litteraria und das Nationale. Zu Lessings europäischer Orientierung, in: Nation und Gelehrtenrepublik. Lessing im europäischen Zusammenhang, hg. von W. Barner und Albert M. Reh (= Sonderband zum Lessing Yearbook), München 1984, 69-90.

50 Lessing: Der junge Gelehrte (wie Anm. 2), Bd. 1, 178 (2. Akt, 4. Auftritt).

51 Pierre Louis Moreau de Maupertuis: Des devoirs de l 'académicien. Discours, in: ders.: Œuvres, neue Ausgabe, 4 Bde, Lyon 1768, Bd. 3, 283-302, hier: 284.

52 Friedrich II. an Maupertuis, 4.2.1747: "Vous êtes le pape de notre Académie, c 'est à vous de faire des prosélytes et d 'augmenter votre diocèse autant que vous le pourrez", in: Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Grumbkow und Maupertuis (1731-1759), hg. von Reinhold Koser, Berlin 1898, Neudruck: Osnabrück 1966 (= Publicationen aus den K. Preußischen Staatsarchiven 72), 216.

53 Hartkopf / Wangermann: Dokumente (wie Anm. 1), 92. Vgl. die Originalfassung in Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 301.

54 Vgl. Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 101f.

55 Brief vom 5. Mai 1763, zitiert nach Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. I/1, 357.

56 Vgl. Grau: Die Preußische Akademie (wie Anm. 1), 101.

57 Zu Friedrichs mangelndem Verständnis in naturwissenschaftlichen Fragen vgl. Michael Eckert: "Der König und die Naturwissenschaft" (http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-bestandsaufnahme/eckert_naturwissenschaft) <16.08.2011>.

58 Harnack: Geschichte (wie Anm. 1), Bd. II, 18.

59 [Friedrich der Große]: Die Werke (wie Anm. 44), Bd. 9, 19.

60 Vgl. Herder: Werke (wie Anm. 18), Bd. 7, 37.

61 Vgl. Herder: Werke (wie Anm. 18), Bd. 7, 37.

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Zitation
 
: Die Berliner Akademie als Medium des Kulturtransfers im Kontext der europäischen Aufklärung .
In: Friedrich der Große: Politik und Kulturtransfer im europäischen Kontext. Beiträge des vierten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 24./25. September 2010, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 4)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-kulturtransfer/kohl_akademie
Veröffentlicht am: Sep 21, 2011
Zugriff vom: Sep 16, 2014
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