Eckard Michels (Paris), 'Sklaven der Marianne' - Die Fremdenlegion in den deutsch-französischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg
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Autor / Rezensent Michels, Eckard
Titel Untertitel Institut BSB digitale Bibliothek http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016422,00013.html Seiten 1-22 BSB Band-ID bsb00016422 BSB Seiten Anfang 00013 BSB Seiten Ende 00034 Lizenz DDC-BSB Geo-SW DDC-BSB Sach-SW DDC-BSB Zeit-SW Zeit-SW Geo-SW (GKD) Sachschlagwort (SWD) Personenschlagwort (PND) Fachgebiet OCR-Text Eckard Michels »SKLAVEN DER MARIANNE« - DIE FREMDENLEGION IN DEN DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN BEZIEHUNGEN VOR DEM ERSTEN WELTKRIEG I Erst in der 1870 gegründeten Dritten Republik, die sich ab 1880 anschickte, erneut ein großes französisches Kolonialreich, wie es im 18. Jahrhundert bestanden hatte, zu errichten, erhielt die 1831 gegründete französische Fremdenlegion1 ihren spezifi¬ schen Stellenwert und ihre Anerkennung innerhalb der französischen Armee und Öffentlichkeit. Denn die nun bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges einsetzende koloniale Expansion Frankreichs erfolgte, getragen von einer nur relativ kleinen In¬ teressengruppe aus Parlamentariern, Kolonialbeamten, Offizieren, Missionaren und Unternehmern gegen zum Teil erhebliche innenpolitische Widerstände2. Diese hät¬ ten sich wohl als gänzlich unüberwindbar erwiesen, wenn bei den Eroberungen in Indochina, Schwarzafrika, auf Madagaskar und später in Marokko nicht aus Koloni¬ alvölkern rekrutierte militärische Einheiten, französische Freiwilligenformationen wie die Marineinfanterie und Fremdenlegionäre eingesetzt worden wären, sondern französische Wehrpflichtige, da alle militärischen Anstrengungen auf die Abwehr der Gefahr jenseits des Rheins konzentriert waren3. Zu Lande wurde damit die Fremdenlegion zum schlagkräftigsten militärischen Instrument bei der Eroberung und Sicherung des Kolonialreiches der Dritten Republik in Afrika und Asien. Der militärische Beitrag der Fremdenlegion war dabei weniger quantitativer als qualitativer Art. Zwar verdoppelte sich ihre Mannschaftsstärke in den 1880er Jahren angesichts der kolonialen Expansion der Dritten Republik auf ungefähr 12000 Mann in zwei Regimentern, die beide in Algerien ihre Stammgarnisonen (Sidi-Bel-Abbès bzw. Saida) hatten. Doch war sie damit nur etwa halb so stark wie die ebenfalls für die kolonialen Eroberungen eingesetzte Marineinfanterie, und an diesem Umfang änderte sich bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wenig. Der Wert dieser Trup¬ pe lag vielmehr in ihrer seit der Eroberung Algeriens erworbenen hohen Mobilität 1 Die Angaben zur Geschichte und Struktur der Fremdenlegion beziehen sich, soweit nicht anders an¬ gegeben, auf die herausragende, umfangreiche Studie von Douglas PORCH, La Légion Etrangère 1831-1962, Paris 1994 und auf den kurzen, aber sehr informativen Band von Paul-André COMOR, La Légion Etrangère, Paris 1992 aus der Reihe »Que-sais-je?«. Zwar hat die Fremdenlegion seit Anfang des Jahrhunderts eine inzwischen unüberschaubare Flut von Publikationen provoziert, doch haben diese zumeist nur anekdotischen oder hagiographischen Charakter. 2 Vgl. hierzu Jean Ganiage, L'expansion coloniale de la France sous la Troisième République 1871-1914, Paris 1968 sowie Jacques Thobie u.a., Histoire de la France Coloniale, Bd. 1: Des origines à 1914, Paris 1991. 3 Vgl. auch Jean-Charles Jauffret, Parlement, Gouvernement, Commandement. L'armée de métier sous la Troisième République 1871-1914, Bd. 2: Le volontaire colonial, Doctorat d'Etat de l'Univer¬ sité de Paris 1,1987. 2 Eckard Michels und physischen Belastbarkeit, welche sie von metropolitanischen Truppen wie der Marineinfanterie vorteilhaft unterschied und die unabdingbare Voraussetzung fur ei¬ ne erfolgreiche Kriegführung in den klimatisch schwierigen, topographisch unzu¬ gänglichen und sehr ausgedehnten Gebieten Sudostasiens und Nordafrikas war. Zu¬ gleich zeichnete sie sich durch hohe Standfestigkeit im Kampf aus, so daß diese aus¬ schließlich aus Europaern rekrutierte Truppe der franzosischen Fuhrung zuverläs¬ siger erschien als »farbige« Truppen4. Trotzdem kostete sie aufgrund des geringen Soldes - der einfache Legionär erhielt zu Beginn des Jahrhunderts nur fünf Centimes pro Tag - und des Wegfalls einiger ansonsten üblicher materieller Vergünstigungen pro Soldat nur ungefähr halb so viel im Unterhalt wie die anderen Kolonialtruppen5. Die letzten beiden Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg waren das »goldene Zeit¬ alter« der Fremdenlegion. Aufgrund ihrer Beteiligung an allen wichtigen kolonialen Expeditionen ruckte sie erstmals ins Rampenlicht der franzosischen wie internatio¬ nalen Öffentlichkeit. Sie war in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz von der mi¬ litärischen Fuhrung aufgrund ihrer heterogenen Zusammensetzung und ihres im Garnisonsdienst oftmals undisziplinierten Gebarens eher argwohnisch betrachtet und mehrmals von der Auflosung bedroht gewesen. Nunmehr jedoch hatte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes einen festen Platz in der franzosischen Armee er¬ kämpft. Erste Bucher, die sich dem Phänomen Fremdenlegion widmeten, erschienen um die Jahrhundertwende in Frankreich6. Ihre Zahl wuchs rasch an, als sich die Fremdenlegion und damit Frankreich seit Beginn des Jahrhunderts heftigsten An¬ griffen aus Deutschland gegenubersah, denen es zu begegnen galt7. Vor allem im deutschsprachigen Raum, der stets einen erheblichen Prozentsatz der Legionare stellte, entstand eine umfangreiche Fremdenlegionsliteratur, die sich aus Romanen, Memoiren und gegen die Legion gerichteten Untersuchungen und Pamphleten zu¬ sammensetzte8. Allein in Deutschland erschienen zwischen 1900 und 1936 rund 150 Bucher und Broschüren über die franzosische Soldnertruppe9. Der Mythos der Fremdenlegion, die seither auf der einen Seite des Rheins als schlagkraftige Truppe von Abenteurern und Randexistenzen, denen Frankreich die Chance eines Neube- 4 »Marche ou crève - marschier' oder krepier'«, dieses von General Charles Duchène bei der Erobe¬ rung Madagaskars ausgegebene Motto charakterisiert treffend die hohe körperliche Leistungsfähig¬ keit, die zu allen Zeiten von den Legionaren in oft rücksichtsloser Weise abgefordert wurde Vgl PORCH (wie Anm 1 ) S 219 ff und 303 ff 5 Zur materiellen Benachteiligung der Legionare gegenüber den Soldaten in anderen franzosischen Einheiten HUBERT-JACQUES, L'Allemagne et la Légion Etrangère, Pans 1914, S 139 6 So Roger DE Beauvoir, La Légion étrangère, Pans 1897 und Georges D'ESPARBÈS, La Légion étran¬ gère, Pans 1900 7 Paul-André COMOR, L'image de la Légion étrangère à travers la littérature française, in Revue Histo¬ rique des Armées 8/3 (1981) S 157-179 8 Vgl Maneluise CHRISTADLER, Schreckensbild und Vorbild Die Fremdenlegion in der deutschen Literatur und Propaganda vor 1914, in Frankreich aus deutscher Sicht 1871-1914, Hrsg von Helga AßRET und Michel GRUNEWALD, Bern 1995 S 63-77 sowie Mario HALDEMANN, Die Mutter und die Wüste Friedrich Glausers >Gourrama Kneger bled<, qui nous ait dit avoir eu à souffrir, souvent jusqu'au point d'en venir à l'idée du suicide, des mauvais procédés, des brutalités, des punitions injustes et des actes parfois révoltants de ses supérieurs (...) Ces mauvais traite¬ ments sont constants et découlent de l'état même de la mentalité militariste en Alle- 72 Gilbert ZlEBURA, Die deutsche Frage in der öffentlichen Meinung Frankreichs von 1911-1914, Ber¬ lin 1955 S. 202. 73 Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 ist noch heute gültig. Allerdings ist die Rege¬ lung, die den Entzug der Staatsangehörigkeit vorsieht, durch Artikel 16 Absatz 1 des Grundgeset¬ zes, der den Entzug der Staatsangehörigkeit verbietet, außer Kraft gesetzt. 74 Vgl. Hubert-Jacques (wie Anm. 5) S. 122 ff und 144 sowie Moch (wie Anm. 11) S. 125 und 146. 75 Abgedruckt bei ZlEBURA (wie Anm. 72) S. 135. »Sklaven der Marianne« 19 magne«76. »On est fondé de conclure que le maltraitement des soldats est bien un trait caractéristique de l'armée«, schrieb Oberst Moch in semer Verteidigungsschrift der franzosischen Fremdenlegion. Aber sei dies ein Wunder in einem Land, in dem es Sitte sei, daß die Studenten sich gegenseitig duellierten, um anschließend mit Stolz ihre Narben zur Schau zu tragen77? »Man kann«, berichtete die kaiserliche Botschaft in Paris am 10.9.1913 an den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, »kaum eine deutsche oder franzo¬ sische Zeitung aufmachen, ohne darin das Thema Fremdenlegion erörtert zu sehen«. Die Bewegung, die in der deutschen Presse einen so starken Umfang angenommen habe, finde bei der franzosischen öffentlichen Meinung naturlich starken Widerhall. Dabei schneide die deutsche Presse nicht gut ab, da sie ohne sorgfaltige Prüfung alles zum Thema Fremdenlegion veröffentliche, was ihr zugetragen werde, so daß der franzosischen Presse die Abwehr leicht falle. Die Botschaft sah die übertriebene und von grotesken Verzerrungen gekennzeichnete Kampagne in Deutschland gegen die Fremdenlegion eher als hinderlich an, da sie Verhandlungen mit Frankreich über die Fremdenlegion, etwa bei der Heraufsetzung des Eintrittsalters fur Deutsche von 18 auf 21 Jahre, erschweren wurden. Solange die deutsche Hetze gegen die Fremdenle¬ gion anhalte, könne keine franzosische Regierung gegenüber der eigenen Öffentlich¬ keit Konzessionen an Deutschland in der Frage der Fremdenlegion vertreten78. Wol¬ le man dagegen Erfolge erzielen, so solle die Presse die Kampagnen einstellen und die kaiserliche Regierung handeln lassen. »Fahren sie dagegen im bisherigen Ton fort, so muß man annehmen, daß es weniger um sachliche Erfolge als um die Schaf¬ fung von Reibungsflachen zu tun ist. Hier wird dies jedenfalls so empfunden, als ent¬ spränge der Streit um die Fremdenlegion in letzter Linie der Sucht, sich an seinen Nachbarn zu reiben und auf alle Falle Zündstoff anzusammeln, der nach Bedarf in Brand gesteckt werden kann. Im letzten Ende wird diese Kampagne zu Gunsten von Leuten gefuhrt, die aus wenig ehrenvollen Motiven ihrem Vaterland den Rucken kehren und fremden Kriegsdienst suchen. Nur ein geringer Prozentsatz jugendlicher Verirrter und Verführter durfte des Mitleids und des Interesses unserer öffentlichen Meinung wert sein«79. Junge Manner, die das Abenteuer suchten oder ihrer wirtschaftlichen und sozialen Misere in Deutschland entfliehen wollten, fühlten sich durch die abschreckenden und phantastisch klingenden Berichte über das Leben in der Fremdenlegion zuwei¬ len tatsachlich angezogen:« ...oft genug las ich in den Zeitungen über sie Berichte von so ausgesuchten Gefahren, Entbehrungen und Grausamkeiten, wie sie ein ge¬ schickter Reklamechef nicht besser hatte entwerfen können, um Tunichtgute meines Schlages anzuziehen. Ich hatte viel darum gegeben, wenn einer dieser Werber, die junge Leute betrunken machen und verschleppen und vor denen mit Engelszungen 76 Hubert-Jacques (wie Anm 5) S 131 bzw 134 77 Moch (wie Anm 11) S 159-161 78 Schon bei der ersten großen Kampagne 1911 hatte der franzosische Militärattache in Berlin empfoh¬ len, von der angestrebten Entlassung aller unter 18-jahngen deutschen Legionare besser abzusehen, da dadurch nur in Deutschland der Eindruck entstehe, Frankreich gebe dem Druck von der anderen Seite des Rheins nach und es folglich nur noch auftrumpfender aufteten werde SHAT 7N1110 Be¬ richt Pelles vom 5 3 1911 79 PA Bd R 6816 Botschaft Paris an den Reichskanzler 10 9 1913 20 Eckard Michels gewarnt wurde, sich an mich herangemacht hätte...«80. Der Autor dieser Zeilen, Ernst Jünger, trat im Herbst 1913 in die Legion ein, um seine Neugierde auf Afrika zu befriedigen. Da auch die politische Führung Frankreichs ähnlich wie das Auswär¬ tige Amt die amtlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht noch mehr durch die an sich marginale Frage der Fremdenlegion belasten wollte, wies es im Herbst 1913 die deutschen Gesprächspartner in Paris auf den kontraproduktiven Effekt der Legionskampagnen in Deutschland hin, die eher mehr junge Leute in diese Truppe treibe als davon abhalte. Eine Nachprüfung seitens der deutschen Botschaft bestätig¬ te dies: Hatte die Botschaft zwischen 1908 und 1912 jährlich zwischen 18 und 25 Fäl¬ le von minderjährigen deutschen Fremdenlegionären, um deren Entlassung die Eltern ersuchten, bearbeitet, so waren es 1913, auf dem Höhepunkt der Kampagne, allein bis Ende Oktober schon 4081. Noch Ende des Jahres 1913 wurden die Legion zum Zeichen des guten Willens angewiesen, ohne daß daraus ein personeller Engpaß für sie entstand, Deutsche unter 21 Jahren nicht mehr einzustellen oder auf Antrag wieder freizulassen. Als einer der ersten profitierte Jünger von dieser Regelung, der mit 18 Jahren Legionär geworden war. Enttäuscht über den Legionsalltag war er froh, auf Intervention seines Vaters zu Weihnachten 1913 wieder entlassen zu wer¬ den. Die Konzessionen in der Frage der Fremdenlegion seitens Frankreichs Ende 1913 und die Bemühungen der Reichsregierung um eine Beruhigung der deutschen Öffentlichkeit waren Bestandteil einer sich 1913/14 wieder abzeichnenden vorsich¬ tigen Annäherung zwischen beiden Regierungen. Diese beruhte auf dem gemein¬ samen Interesse an der Stabilisierung und wirtschaftlichen Ausbeutung des durch die Balkankriege angeschlagenen Osmanischen Reiches82. V Die Auseinandersetzung um die Fremdenlegion zwischen Deutschland und Frank¬ reich am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie leicht eine an sich nebensächliche Frage in den gespannten Beziehungen zwischen beiden Ländern in den letzten Jahre vor Kriegsausbruch zur Entfachung nationali¬ stischer, gegen den Nachbarn gerichteter Stimmung verwendet werden konnte83. Bezeichnenderweise erhob sich in jenen Jahren in Deutschland keine Stimme gegen die Rekrutierung Deutscher für die niederländische Kolonialarmee, die sogar aus¬ schließlich deutschsprachige Ausländer in ihre Reihen aufnahm. Noch erstaunlicher als die Skrupellosigkeit, mit der damals in Deutschland die tatsächlichen Verhältnisse der Fremdenlegion geleugnet oder verdreht wurden, ist die Bereitschaft großer Teile der deutschen Öffentlichkeit, auch die schlimmsten Schauergeschichten über die Fremdenlegion für bare Münze zu nehmen. Daß sich vor dem Ersten Weltkrieg so viele deutsche Autoren als Warner vor der berühmt-berüchtigten französi¬ schen Söldnertruppe versuchten oder als vermeintliche ehemalige Legionäre durch 80 Ernst JUNGER, Afrikanische Spiele, München 1995, S. 7 (Erstveröffentlichung 1936). 81 PA- Bd. R 6816 Berichte der Pariser Botschaft vom 20. und 28.10.1913 an den Reichskanzler. 82 Vgl. hierzu John KEIGER, Jules Cambon and the franco-german détente 1907-1914, in: The Histori- cal Journal 26 (1983) S. 641-659, hier S. 653 ff. 83 Zum Gesamtkomplex deutsch-französischer Feindbilder vor dem Ersten Weltkrieg vgl. Michael JEISMANN, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff in Deutschland und Frankreich 1792-1918, Stuttgart 1992. »Sklaven der Marianne« 21 die Lande zogen, erfolgte größtenteils weniger aus einem patriotischen Aufklärungs¬ verlangen heraus, sondern war von einer durch die deutsche Antilegionsmanie seit 1909/10 sich bietenden günstigen Verdienstmöglichkeit motiviert. Doch die Tatsa¬ che, daß sie willige Leser und ein offenes Ohr fanden, wirft ein bezeichnendes Licht auf das damals herrschende Mißtrauen gegenüber Frankreich und die Bereitschaft, dem Nachbarn jenseits des Rheins auch die schlimmsten Untaten an Deutschen zu¬ zutrauen. Die von den Alldeutschen in der Frage der Fremdenlegion angeheizte öf¬ fentliche Meinung bestimmte dabei den Grad der Eskalation mehr als die Reichsre¬ gierung, die sich nach anfänglicher Unterstützung der Antilegionspropaganda rasch bewußt wurde, daß die Kampagnen in der Sache eher gegenteilige Effekte erzielten und den Verhandlungsspielraum gegenüber Frankreich bzw. die Chancen einer Ent¬ spannung einschränkten. Sie wurde aber die Geister, die sie gerufen hatte, bis zum Kriegsausbruch nicht mehr los. Die französische Reaktion auf die Attacken äußerte sich in diesem Fall in einer vehementen Verteidigung der Fremdenlegion, die einige Jahre zuvor in der französischen Öffentlichkeit kaum bekannt und in der mili¬ tärisch-politischen Führung nicht unumstritten gewesen war. Nunmehr stilisierten sie französische Publizisten zum Bestandteil der Tradition Frankreichs als sicherer Hafen für die Hilfebedürftigen und Verfolgten Europas - nicht zuletzt der Opfer des deutschen »Militarismus«84. Zugeständnisse in der Frage minderjähriger deutscher Legionäre seitens der französischen Regierung konnten praktisch nur unter der Hand erfolgen, da diese ebenso wie die deutsche Regierung ihrerseits Gefangene der aufgeputschten, dem Nachbarn zunehmend feindlicher gegenüberstehenden und immer weniger konzessionsbereiten Öffentlichkeit wurde. Auch in den zwanziger Jahren blieb die Fremdenlegion ein beliebtes Mittel aller nationalistischen Kreise in Deutschland, um Frankreich zu attackieren. Der Zirkus Busch in Berlin ersetzte beispielsweise im Januar 1923 als Reaktion auf die französi¬ sche Besetzung des Ruhrgebietes kurzfristig das zur Premiere vorgesehene Stück »Madame Dubarry« durch das Manegestück »Der Fremdenlegionär«, um der sich gegen Frankreich erhebenden Stimmung Rechnung zu tragen. Der Beifall war, wie ein Vertreter des Auswärtigen Amtes notierte, »bei manchen Bildern außerordent¬ lich stark«85. Die Rekrutierung Deutscher für die Fremdenlegion in den besetzten Rheinlanden war, ebenso wie die Propaganda gegen die »schwarze Schmach«, ein willkommener Anlaß für die deutsche Öffentlichkeit, die Unrechtmäßigkeit und vermeintliche Rücksichtslosigkeit der Besetzung anzuprangern. Von der mehr oder weniger zwangsweisen Rekrutierung durch herumreisende Werber über die immens aufgeblähten Zahlen der in der Legion dienenden Deutschen bis zu den Schrecken des Legionsalltages wurden alle Klischees erneut bedient, die sich im öffentlichen Bewußtsein Deutschlands hinsichtlich der französischen Söldnertruppe seit den Kampagnen vor dem Ersten Weltkrieg herausgebildet hatten. Allerdings erreichte die deutsche Legionsmanie nie mehr das Ausmaß wie in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Die deutschen Kampagnen gegen die Fremdenlegion in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts bewirkten schließlich, daß auch nach dem Zweiten Welt- 84 Vgl. Moch (wie Anm. 11) S. 175-182 bzw. HuBERT-jACQUES (wie Anm. 5) S. 16-23. 85 PA Bd. R70812 Schreiben der Direktion des Zirkus Busch an das Auswärtige Amt vom 25.1.1923 und Notiz über den Besuch des Stückes vom 27.1.1923. 22 Eckard Michels krieg in Frankreich Kritik von der anderen Seite des Rheins am Rekrutierungsgeba¬ ren dieser Truppe bzw. die Besorgnis der deutschen Öffentlichkeit über das Schick¬ sal der deutschen Legionäre im Indochinakrieg auf wenig Verständnis trafen und viel¬ mehr als Versuch erneuter Stimmungsmache gegen Frankreich gewertet wurden. So telegraphierte der franzosische Hochkommissar André François-Poncet nach dem Grenzzwischenfall von Schweigen vom November 1952, der fur erhebliches Auf¬ sehen in der deutschen Öffentlichkeit gesorgt hatte86, nach Paris: »Quel est donc le mobile des campagnes allemandes contre la Légion Etrangère? C'est le dépit causé par le fait que des sujets allemands combattent volontiers et volontairement sous Funiforme et le drapeau français. C'est le sentiment gallophobe. En vérité, depuis 1908, les campagnes contre la Légion sont récurrentes en Allemagne. Elles éveillent toujours un large écho anti-français. Elles sont toujours le signe d'une recrudence du pangermanisme et de la démagogie nationaliste«87. RÉSUMÉ FRANÇAIS Du début du XXe siècle jusqu'à la fin de la guerre d'Algérie en 1962, la Legion étrangère a suscite en per¬ manence une réaction particulièrement négative de l'opinion publique allemande. La propagande alle¬ mande contre la Légion ne visait généralement pas en premier l'institution militaire en tant que telle et le fait que beaucoup d'Allemands la servaient, mais bien la France elle-même qui entretenait une institu¬ tion que l'on disait si inhumaine Elle s'en prenait au voisin qui se voyait ainsi dénier le droit d'être une civilisation de premier plan. L'origine de la mauvaise image de marque de cette troupe en Allemagne et l'utilisation de la Légion étrangère à des fins de propagande antifrançaise remontent à la décennie qui précéda la Première Guerre mondiale Provoquée par l'affaire des déserteurs de Casablanca de l'autom¬ ne 1908 et par les rivalités franco-allemandes sous-jacentes au Maroc, une véritable phobie de la Légion étrangère se développa en Allemagne à partir de 1909 Elle se retrouve notamment dans un flot de publi¬ cations sur la Légion qui rien que jusqu'en 1914 englobe 70 titres et la décrit la plupart du temps comme une soldatesque barbare Constituaient un autre phénomène les perpétuelles spéculations sur les recru¬ teurs payés par la Légion étrangère qui circulaient en Allemagne et, disait-on, forçaient les jeunes gens de façon malhonnête à signer le contrat fatal de cinq années Une légende qui a resurgi sans cesse en Allemagne jusque dans les années cinquante et préoccupait la police Ces campagnes de dénigrement étaient surtout en contradiction flagrante avec le nombre réel des Allemands servant dans la Légion qui, contrairement à ce que s'imaginait l'opinion publique allemande, ne cessait de diminuer depuis le début du siècle. D'abord encouragée par le gouvernement du Reich, la propagande allemande contre la Légion prit une telle ampleur et devint si agressive que la marge de manoeuvre diplomatique vis-à-vis de la Fran¬ ce et les efforts du ministère des Affaires étrangères pour libérer les légionnaires allemands mineurs en pâtirent. Dès 1911, les pouvoirs publics cherchèrent à nouveau à enrayer ces campagnes, qui n'eurent pas au demeurant l'effet escompté puisqu'elles attiraient l'attention des jeunes hommes sur l'institution plus qu'elles ne leur inspiraient la crainte de s'engager De ce point de vue, un exemple éloquent est four¬ ni par Ernst Junger qui servit quelques semaines dans la Légion étrangère en 1913 En France, les diatri¬ bes allemandes contre la Légion firent que l'opinion publique prit parti pour l'institution et que de son côté le gouvernement français vit s'amenuiser sa liberté d'action s'agissant des concessions relatives aux légionnaires mineurs C'est seulement à partir du moment où ces diatribes se firent entendre que l'opi¬ nion publique française prit pleinement conscience de l'existence de la Légion étrangère Face aux atta¬ ques allemandes, celle-ci devint une composante solide de l'idée que la France avait d'elle-même, à sa¬ voir une terre d'asile pour tous les réfugiés d'Europe - et notamment ceux d'outre-Rhin 86 Am 13.11.1952 hatte der deutsche Zoll versucht, einen franzosischen Mihtarbus mit 19 deutschen Kandidaten fur die Fremdenlegion am pfälzischen Grenzübergang Schweigen aufzuhalten, um eine Paßkontrolle bei den vermutlich deutschen Insassen durchzufuhren Franzosische Gendarmerie drängte die Zollbeamten schließlich zur Seite und öffnete den Schlagbaum Ein Bildreporter der »Revue« dokumentierte das Geschehen und sorgte so fur bundesweite Verbreitung 87 SHAT 3U42 André François-Poncet am 30.1.1953 anlaßlich der Bundestagsdebatte vom Vortage über den Grenzzwischenfall von Schweigen an das Quai d'Orsay Abstract

