Jean-Baptiste Duroselle (1917-1994) von Klaus-Jürgen Müller (Hamburg)
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Autor / Rezensent Müller, Klaus-Jürgen
Titel Untertitel Institut BSB digitale Bibliothek http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016356,00373.html Seiten 361-362 BSB Band-ID bsb00016356 BSB Seiten Anfang 00373 BSB Seiten Ende 00374 Lizenz DDC-BSB Geo-SW DDC-BSB Sach-SW DDC-BSB Zeit-SW Zeit-SW Geo-SW (GKD) Sachschlagwort (SWD) Personenschlagwort (PND) Fachgebiet OCR-Text Nekrolog Jean-Baptiste Duroselle (1917-1994) Jean-Baptiste Duroselle ist tot. Der Großmeister der Geschichte der internationalen Bezie¬ hungen starb am 12. September 1994 im Alter von sechsundsiebzig Jahren. Wir werden ihn nun nicht mehr auf dem Präsidentenstuhl bei Kolloquien oder im Vorsitz wissenschaftlicher Kommissionen und Jurys erleben. Wir werden ihn nicht mehr, anscheinend schlafend, dennoch hellwach, oder mit seinen blauen Augen unter schweren Lidern wohlwollend und gütig auf die Versammlung blicken sehen. Er wird nie mehr Sitzungen einleiten, nie mehr Diskussionen mit knappen präzisen Sätzen zusammenfassen, aus denen souveräne Kenntnis der Dinge und Methoden sprach, aber auch in feiner Art Lob, das nicht übermütig machte, und Tadel, der nicht verletzte. Jean-Baptiste Duroselle verkörperte mit seiner massigen Gestalt und der lange Zeit unvermeidlichen Zigarette im Mundwinkel das bäuerliche Frankreich, die France profonde; aber mit seiner Fähigkeit zu subtiler Analyse, zu klaren und großen Perspektiven, mit seiner noblen An und ungezwungenen Autorität war er ein großer Herr: à la fois paysan et seigneur. Und doch war dieser für Ausländer so typisch französische Gelehrte auch außerhalb des Hexagons zuhause: er - normalien und agrégé d'histoire, docteur es lettres und Professor der Sorbonne und am Institut d'études politiques de Paris, Mitglied der Académie des Sciences morales et politiques - lehrte in Saarbrücken, Bologna, Harvard und Notre Dame (Indiana). Er war einer der im Ausland bekanntesten französischen Historiker. Von ihm stammte »Europe, histoire de ses peuples« (1990). Er schrieb eine Geschichte der französisch¬ amerikanischen Beziehungen »La France et les Etats-Unis« (1976) und ein Werk über die amerikanische Außenpolitik von Wilson bis Roosevelt (1961). Er war Präsident der franko¬ amerikanischen Kommission für akademischen Austausch; er setzte die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit italienischen und schweizerischen Historikern in Gang. Er war es auch, der das Institut d'Histoire des Relations Internationales Contemporaines (IHRIC) begrün¬ dete, auf dessen morgendlichen Sitzungen sich an etlichen Samstagen im Jahr eine Teilnehmer¬ schaft von internationalen Zuschnitt in gleichsam familiärer Runde um ihn versammelte. Seine in der elften Anlage schon vorliegende »Histoire diplomatique de 1919 à nos jours« ist für die internationale Gemeinschaft der Historiker, Politologen und Diplomaten bis heute das einschlägige Standardwerk geblieben. Ebenso unübertroffen sind die beiden großen, seiner Feder entstammenden Bände in der von ihm herausgegebenen Reihe der Geschichte der französischen Außenpolitik von 1871 bis 1969: »La Décadence 1932-1939« (1979) und »L'Abîme 1939-1944« (1982). Vor einigen Jahren noch veröffentlichte er eine Biographie Clemenceaus; eine Biographie Fochs blieb leider unvollendet - beides Werke, die zeigen, daß er die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte nicht gering ansetzte. Jedoch waren es die überpersönlichen Faktoren der Geschichte der internationalen Beziehungen, die forces profon¬ des, welche er in der Nachfolge seines Lehrers Pierre Renouvin in eigenständiger Erneuerung der überkommenen Diplomatiegeschichte zur Geltung brachte: hierin lag - (neben der Herausgabe der umfangreichen Serien der »Documents Diplomatiques Français«, deren Editionskommission er im Rahmen des Außenministeriums seit 1975 leitete ) - wohl seine wissenschaftsgeschichtlich größte Leistung. Fortan kann man nicht mehr ohne eingehende Berücksichtigung der ökonomischen, finanziellen, mentalen und strukturellen Faktoren die Geschichte der internationalen Politik schreiben. Er hatte in der »Introduction à l'Histoire des 362 Nekrolog Relations internationales« (1991) diesen Neuansatz dargelegt und in »Tout empire périra« (1981, 1993) kraftvoll zur theoretischen Erfassung und Durchdringung der internationalen Beziehungen beigetragen. Mehrere Generationen seiner Schüler haben diese moderne Politik¬ geschichte dann weiterentwickelt und gegen die Monopolisierung der Geschichtswissenschaft durch eine dominante Sozialgeschichte erfolgreich durchgesetzt. In seinem letzten Interview (postum veröffentlicht in: Le Monde vom 20.9.1994) sagte er: »Ce que je reproche avant tout aux Annales c'est d'avoir excommunié des historiens et non d'avoir voulu analyser la transformation de PHistoire«; in diesem Dictum kommt einmal mehr seine liberale Offenheit und Toleranz zum Ausdruck; es verweist auf seine erstaunliche wissenschaftliche Vitalität, die ihn immer wieder neue Fragen stellen und neue Probleme angehen ließ in unserer geschichtli¬ chen Welt, die stets in Fluß bleibt und sich immer verändert. Klaus-Jürgen Müller (Hamburg) Abstract

