Fred Kupferman (1934-1988), von K.-J. Müller
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Autor / Rezensent Müller, K.-J.
Titel Untertitel Institut BSB digitale Bibliothek http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016350,00329.html Seiten 315-316 BSB Band-ID bsb00016350 BSB Seiten Anfang 00329 BSB Seiten Ende 00330 Lizenz DDC-BSB Geo-SW DDC-BSB Sach-SW DDC-BSB Zeit-SW Zeit-SW Geo-SW (GKD) Sachschlagwort (SWD) Personenschlagwort (PND) Fachgebiet OCR-Text Nekrolog Fred Kupfermann (1934-1988) Am 27. April 1988 ist Fred Kupferman, Maître de Conférence an der Universität Paris I-Sor- bonne und am Institut d'Etudes Politiques nach längerer schwerer Krankheit gestorben. Durch seinen Tod verliert die französische Geschichtswissenschaft einen vielseitig begabten Kollegen, das DHIP betrauert den Verlust eines ihm seit langem in konstruktiver Zusammen¬ arbeit verbundenen Historikers. Im April noch hatte Fred Kupferman einen wichtigen Beitrag für das deutsch-französische Colloquium über »Frankreich und Deutschland im Zweiten Weltkrieg« in Wiesbaden eingereicht, kurz bevor ihm der Tod die Feder für immer aus der Hand nahm. Fred Kupferman hat seinen beruflichen Weg, der nicht immer einfach war, keineswegs nur auf den vorgezeichneten Bahnen der klassischen Universitätslaufbahn gesucht. Er hat sich auch außerhalb des »Serails« einen Namen gemacht und eine breite, sehr verschiedenartige Leserschaft gewonnen. In seinen seit 1981 im »L'Express« regelmäßig erscheinenden Kolum¬ nen hat er das politische und intellektuelle Leben Frankreichs mit kritischer Anteilnahme und großem Sachverstand kommentiert. Mit seiner Frau Sigrid zusammen verfaßte er historische Erzählungen für Kinder und Jugendliche (>La Nuit des Dragons< und >Le Complot du Télégraphe<). Wer den Vorzug hatte, ihn privat etwas näher kennenlernen zu dürfen, der wußte, daß er auch tiefsinnige und eigenwillig originelle Zeichnungen, Collagen und Texte geschaffen hat, die Zeugnis von seiner reichen und vielgestaltigen Persönlichkeit geben. Sein wissenschaftliches Oeuvre begann er 1965 mit einer (leider unveröffentlichten) Thèse de Doctorat über das Leben und Wirken des Parfumfabrikanten und Pressemagnaten Fran¬ çois Coty - Journaliste et Homme Politiques die er unter der Leitung von Jacques Droz anfertigte. In ihr rekonstruierte er nicht nur das Leben und die politische Laufbahn Cotys vor dem Horizont der damaligen Zeit, sondern er analysierte auch die Struktur und Entwicklung einiger extremistischer Bewegungen, denen der Pressezar zeitweilig verbunden war; oben¬ drein lieferte er einen wichtigen und informativen Beitrag zur Geschichte des französischen Pressewesens jener Zeit. Damit eröffnete er sich den Zugang zu einem Themenbereich, dem er auch weiterhin durch seine langjährige Lehrtätigkeit am Institut Français de Presse verbunden blieb. Es folgten fast zehn Jahre stiller, gleichwohl höchst aktiver Lehr- und Forschungstätigkeit, deren Ergebnisse dann sichtbar wurden, als ab 1976 in schneller Folge Buch auf Buch erschien: zuerst eine biographische Skizze über Pierre Laval, dann 1979 >Au Pays des Soviets - Le Voyage Français en Russie 1919-1939<; danach 1980 >Le Cas Wallenberg< (zusammen mit Jacques Dérogy), im selben Jahr noch >Le Procès de Vichy: Pucheu, Pétain, Laval<; 1983 >Mata Hari - Songes et Mensonges< und 1985 >Les Premiers Beaux Jours 1944-1946<. Schließlich nahm er 1987 das Thema seines ersten Büchleins wieder auf und legte eine große Biographie über Pierre Laval vor, die ihm den Grand Prix d'Histoire einbrachte. Eine Biographie über Mendès-France, die er begann, wird nun unvollendet bleiben. Seine Arbeiten über die Vichy-Periode haben ihn - wie einer seiner Kollegen in einer Würdigung schrieb - zum »historien des années noires« Frankreichs werden lassen. Er verstand es nicht nur, diese Zeit in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben, sondern er 316 Nekrolog erfüllte auch das nobile officium des Historikers, jene Aspekte und Tatsachen in Erinnerung zu bringen, welche das kollektive Gedächtnis zu vergessen, gar zu verdrängen begann. Vor allem aber zeichnete diesen Sohn eines in Auschwitz ermordeten Deportierten, der selbst diese Zeit nur im Versteck überlebte, ein unbedingter Wille zur abwägenden Objektivität aus, zur unverkürzten Erinnerung, eine Leidenschaft verstehen zu wollen, ohne zu verharmlosen, aber auch ohne zu richten. In >Le Procès de Vichy< läßt er die Atmosphäre der Zeit, der Periode der Libération und der Epuration, wiedererstehen, zeigt die historischen Tat- und Untat-bestände auf, um die es damals ging, verschweigt auch die politischen Implikationen dieser Prozesse nicht; er hebt die Komplexität jener Zeit hervor, die in der heute noch andauernden Debatte zu verblassen droht. Er warnt aber gleichzeitig vor einer verharmlosenden Aufrechnung und Gleichsetzung: »Le refus du manichéisme serait parfaitement louable, s'il n'ouvrait pas la voie à la sanctifica¬ tion des accusés de 1945.« In diesem Geist ist auch die große Laval-Biographie geschrieben, Kupfermans opus magnum. Er will diesen Politiker, den er einmal »le plus détesté de l'histoire de la France« genannt hat, nicht vom Ende her, von seiner Rolle als dem Repräsentanten des Vichy-Regimes und der Politik der unbedingten »collaboration d'État« verstehen, sondern aus der Entwick¬ lung eines ganzen Lebens heraus. Damit entdämonisiert er ihn und ermöglicht erst einen wirklich historischen Zugang zum Phänomen Laval. In dessen Verwurzelung im französi¬ schen Bauerntum, seiner Verbundenheit mit dem Boden, sowie in einem ursprünglichen, echten Pazifismus und in aufrichtigem defensiven Patriotismus sieht Kupferman den Schlüssel zum Verständnis von Persönlichkeit und Wirken des Auvergnaten, der kein Mann der Partei war, vielmehr Politik undoktrinär mit personalen Bezügen und Beziehungen betrieb. Er zeigt aber ebenfalls auf, wie es kam, daß sich mit Lavais Namen Schreckliches verbindet: Geisel¬ erschießungen, Judendeportation, damit Beihilfe zum Genozid, am Ende guerre franco- française. Kupfermans Biographie, lebendig durch die Fülle farbiger Details, ein ganzes Panorama der Zeit vom »vie quotidienne« bis zur großen Politik nachzeichnend, und dies in jenem brillianten Stil, den man vom Verfasser gewohnt war, ist ein Glanzstück französischer Historiographie. Sie ist ein Markstein in der Forschung, denn sie hebt die Debatte um Laval und Vichy auf ein Niveau, das fortan nicht mehr unterschritten werden kann. Das ist Fred Kupfermans bleibender Beitrag für die französische Geschichtswissenschaft1. Klaus-Jürgen Müller, Hamburg 1 Vgl. auch die Besprechung des Werkes in diesem Band, S. 278-281. Abstract

