Roland Mousnier (1907-1993) von Hermann Weber (Mainz)
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Autor / Rezensent Weber, Hermann
Titel Untertitel Institut BSB digitale Bibliothek http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016312,00328.html Seiten 316-317 BSB Band-ID bsb00016312 BSB Seiten Anfang 00328 BSB Seiten Ende 00329 Lizenz DDC-BSB Geo-SW DDC-BSB Sach-SW DDC-BSB Zeit-SW Zeit-SW Geo-SW (GKD) Sachschlagwort (SWD) Personenschlagwort (PND) Fachgebiet OCR-Text Nekrolog Roland Mousnier 1907-1993 »J'ai décidé de vouer ma vie à la recherche historique, ayant le sentiment d'entrer dans un ordre monastique«, so hatte Roland Mousnier in einem Interview seinen Entschluß einmal beschrieben, Historiker zu werden. Mußte man nicht auch bei der Totenfeier in Saint- Nicolas-du-Chardonnet und beim Anhören der Gedächtnisreden in und vor dieser Kirche für den am 8. Februar 1993 verstorbenen Historiker noch den Eindruck haben, daß hier ein Mönch sein Leben beendet hatte und zu Grabe getragen wurde? Und blickt man nun zurück auf über dreißig Jahre Umgang mit ihm - lassen sich da nicht alle Erinnerungen zuletzt ebenfalls in diesem einen Bild bündeln? Historiker und Mönch - dies freilich nicht im Sinne der Weitabgewandtheit und Zeitenthobenheit. Als Roland Mousnier damals in dem gleichen Zusammenhang gefragt worden war, welches die von ihm bevorzugte historische Persönlich¬ keit sei, hatte er geantwortet: »Le cardinal de Richelieu m'apparaît comme le type de l'homme d'Etat entièrement dévoué au roi et à la France; il a sacrifié sa vie et compromis le salut de son âme pour son pays.« Gerade dieser extremen Spannung zwischen weltlichem Dienst und geistlicher Verankerung galt also sein ganz besonderes Interesse, und sie war es denn wohl auch, die den Historiker in eine besondere innere Nähe zu jenem priesterlichen Staatsmann brachte, der einen Traktat über »La perfection chrétienne« geschrieben, aber auch ein »Testament Politique« hinterlassen hatte, von dessen aktueller Gültigkeit sein Biograph überzeugt war. Und so ist es nicht von ungefähr, daß dem Kardinal Richelieu das letzte große Werk Mousniers gewidmet war (»L'homme rouge ou la vie du Cardinal de Richelieu«, 1992), aber eben in dieser Perspektive einer weltverpflichteten, zeitgerichteten und spirituell verwur¬ zelten Aktion. »On ne peut pas faire d'Histoire sans référence au présent«, auch dieser Satz war in dem eingangs zitierten Interview gefallen. In viel allgemeinerer Weise kann man denn auch sagen, daß es diese ganz grundsätzliche und immer zeitbezogene Thematik war, die über diese Biographie hinaus das ganze uvre Mousniers durchzog: Das Unbedingte in seiner historischen Bedingtheit und trotz seiner historischen Bedingtheit aufzusuchen und festzuhal¬ ten: in der staatlichen Verfassung, in der gesellschaftlichen Ordnung, in der politischen Zielsetzung, im individuellen Handeln, und schließlich auch als Norm. Man muß noch einmal die beiden 1974 und 1980 erschienenen Bände »Les Institutions de la France sous la Monarchie absolue« zur Hand nehmen oder die von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart reichende Untersuchung über »Monarchies et royautés« (1989). Da wird im einen Fall abschließend nach der »Vie interne« gefragt, die unabhängig von »structures politiques, sociales, économiques, mentales du temps, et relativement indépendante des conjonctures« die »Institution« als solche ausmacht, und es wird im andern Fall die monarchische Macht als das Ordnungsprinzip herausgearbeitet, das den allgemeinsten menschlichen Ordnungsbedürfnissen entspricht. Aber solche Fragestellungen oder Hypothesen durften der Forschung nicht als dogmatische Vor¬ gabe vorangestellt werden, sondern sie waren mit der strengen historischen Analyse zu konfrontieren, aus ihr abzuleiten und somit auch durch sie überprüfbar zu machen. Hier verstand sich Mousnier als entschiedener Gegner der Schule der Annales oder einer marxi¬ stisch geprägten Historiographie. Historie mußte von den Quellen her geschrieben und in große Zusammenhänge gebracht werden. Das zeigen die weiteren Themen seiner Veröffentli¬ chungen (»La vénalité des offices sous Henri IV et Louis XIII, Rouen 1945«; »Le XVIIIe siècle. L'époque des Lumières. La Révolution - l'Empire, Paris 1953«; »Les XVIe et XVIIe Nekrolog 317 siècles. La grande mutation intellectuelle de l'humanité [1492-1715], Paris 1954«; »L'Assassi¬ nat d'Henri IV, Paris 1964«; »Fureurs Paysannes. Les paysans dans les révoltes du XVIIe siècle [France, Russie, Chine], Paris 1968«; »Les Hiérarchies sociales de 1450 à nos jours, Paris 1969«; »Paris, capitale au temps de Richelieu et de Mazarin. Paris 1978«; »La monarchie absolue en Europe, du Ve siècle à nos jours, Paris 1982«; »Richelieu et la culture, (éd.) Paris 1987«). Was der Historiker selbst als Forscher und Lehrer leistete (nach der Tätigkeit an verschiedenen Gymnasien in Rouen und in Paris wirkte er 1949-1955 als Professor in Straßburg, dann bis 1977 in Paris an der Sorbonne, wo er auch das Centre de recherches sur la civilisation de l'Europe moderne und das Institut de recherches sur les civilisations de l'Occident moderne leitete), und was er von andern forderte, trug in seiner Strenge wiederum in mancher Weise Züge einer mönchischen Lebensauffassung und Lebensführung: diszipli¬ nierter Tagesablauf (nochmals aus dem Interview: »Mousnier, professeur à la Sorbonne se levait à six heures du matin, faisait sa toilette, un quart d'heure de culture physique ... et lisait un chapitre de l'Evangile; il était à sa table de travail à sept heures trente ... L'après-midi, j'allais en archives, en bibliothèque ou je faisais mes cours. Le soir, après dîner, je préparais tous les papiers nécessaires pour le lendemain. La journée se terminait par la prière, car je suis catholique«), asketische Entsagung (»Le temps libre donc je disposais était entièrement consacré à mes recherches personnelles«), Unerbittlichkeit in der Sache, Geradlinigkeit in der Meinung. Aber diese Härte, die er sich selbst gegenüber einsetzte, konnte auch zu einer Belastung im Verhältnis zu seiner Umgebung werden. Und so entging er im eigenen Leben durchaus nicht dem Widerspruch zwischen persönlichem Unbedingtheitsanspruch und per¬ sönlicher Bedingheit. Roland Mousnier war kein einfacher Partner. Wie hat ihn der Deutsche während dreier Jahrzehnte intensiven Umgangs erfahren? Er hat ihn erfahren als strengen Meister, als souveränen Präsidenten, als eloquenten Redner, als pragmatischen Intellektuellen, als liebenswürdigen Gast. Und nicht zuletzt hat er ihn erlebt als leidenschaftlichen Franzosen, aber fähig, im Herzen des deutschen Rheingaus Europa zu spüren, und bereit, bei der Konzipierung des gemeinsamen Editionsunternehmen der »Papiers de Richelieu« diesen Diener Frankreichs und seines Königs als eine Figur der europäischen Geschichte zu akzeptie¬ ren. Die Ziele, die Roland Mousnier sich selbst gesetzt hatte, waren hoch gespannt. Ein letztes Mal sei hier eine Selbstäußerung herangezogen, wo er in einer seltsamen Mischung von Ironie, Koketterie und Zweideutigkeit erklärt hatte, wenn er auch äußerlich Erfolg gehabt habe, so habe er doch sein Leben verfehlt: »Je voulais être le plus grand historien de tous les temps et suis resté très au-dessous de mon idéal: créer la science des sociétés humaines. Je fais un constat d'échec.« Am Ende der Trauerfeierlichkeiten in Saint-Nicolas-du-Chardonnet war der Sarg vor die Kirche auf den Parvis hinausgeschoben worden, und in das Getöse des Boulevardver¬ kehrs mischten sich die Gedenkreden der Vertreter von Sorbonne und Institut de France. 85 Jahre alt war Roland Mousnier geworden, Membre de l'Académie des sciences morales et politiques, Korrespondierendes Mitglied der British Academy, der Real Academia de Historia von Madrid, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universitäten von Genua und von Bonn ... Und wie der Priester zuvor, so sprachen auch jetzt die weltlichen Redner von dem Wissenschaftler und von dem gläubigen Katholiken. In der Tat, dies war die Größe des Historikers Roland Mousnier: daß er in dem, was er war und in dem, was er tat, das Bedingte in die Dimension des Unbedingten einzuspannen versucht hatte. Möge sich denn auch seine eigene Geschichte über seinen Tod hinaus nun so vollendet haben. Hermann Weber, Mainz Abstract

