Dietrich Lohrmann (Aachen), Charles Higounet (1911-1988)
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Autor / Rezensent Lohrmann, Dietrich
Titel Untertitel Institut BSB digitale Bibliothek http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016292,00331.html Seiten 319-322 BSB Band-ID bsb00016292 BSB Seiten Anfang 00331 BSB Seiten Ende 00334 Lizenz DDC-BSB Geo-SW DDC-BSB Sach-SW DDC-BSB Zeit-SW Zeit-SW Geo-SW (GKD) Sachschlagwort (SWD) Personenschlagwort (PND) Fachgebiet OCR-Text Nekrolog Charles Higounet (1911-1988) Unscheinbar konnte er wirken, jener stille, emsige Benutzer, der über zwanzig Jahre lang in regelmäßigen Abständen die Bibliothek des Pariser Deutschen Historischen Instituts auf¬ suchte, die vorausbestellten Bände zur Hand nahm und geduldig exzerpierte. Wer war er, was tat er? Im Oktober 1973 fand ich seinen Namen auf den großen Plakaten der Ecole pratique des Hautes Etudes (IVe section) unter der Rubrik »Historische Geographie des mittelalterli¬ chen Okzidents« und nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, daß er Dörfer und Städtegründungen der deutschen Ostsiedlung zu behandeln gedachte. Über dieses Thema wußte ich so gut wie nichts, war aber neugierig und erwirkte unschwer Aufnahme in den Kreis seiner Hörer. In feiner Methode sezierte er Texte, zwölf Ansiedlungsverträge bzw. Gründungsurkunden neuer Dörfer des Nordens und Nordostens. Diese Kurse vollzogen in sich schon, über acht Monate verteilt, eine langsame Wanderung nach Osten: von den ersten Ansiedlungen der Niederländer an der unteren Elbe bis nach Mecklenburg und Pommern, von der mittleren Elbe bis nach Schlesien, von Bayern und Franken nach Mähren und Siebenbürgen. Aber das war nicht der alte »Drang nach Osten«, sondern ruhige, geduldige Entdeckung der Ansied- lungsbestimmungen, zugleich Geologie und Landschaftskunde, Dorfformen und Hufenzah¬ len: »Uckerland-Barnim-Teltow, la grande dépression subglaciaire occupée aujourd'hui par le Grand-Berlin, ... des terroirs extrêmement planifiés«, so höre ich ihn noch heute. Dann folgten Ortsnamen: Lambertsdorf, Wichmannsdorf, Klaushagen, Falken-, Frauen-, Stern- und Bischofshagen. Dorfpläne wurden mit geschickter Hand an die Tafel gezeichnet und ebenso, im nächsten »Schuljahr«, die Grundstrukturen der neugegründeten Städte wie Lübeck und Rostock neben Lebus und Stettin, »grosses places slaves antérieures à Francfort (Oder)«. Für die französische Hörerschaft waren das Eindrücke aus einer sehr fernen Welt, für den deutschen Hörer vor allem Bemühungen um ein objektives Verständnis, vorgetragen mit leicht gaskognischem Akzent. Charles Higounet ist mir so vor allem als analysierender Forscher mit unwiderstehlichem pädagogischen Talent entgegengetreten. In der gleichen Weise hörte und sah man, wie er während der folgenden Jahre bemüht war, Dorf- und Städtegründungen der Pariser Gegend nachzuvollziehen. Seine Rekonstruktion der Betriebs- und Besitzstruktur der Grangie Vaule- rent (1965) verdeutlichte mit einem Schlage, welche Möglichkeiten feinster Fluranalyse sich aus den Urkunden eines Zisterzienserfonds ergeben. Aber die wahre Meisterschaft lag doch in der zugleich weiträumigen und minuziösen Kenntnis des französischen Südwestens. Hier kannte Higounet wirklich jeden Platz, hatte er fast jede Kleinlandschaft sich persönlich erwandert, ordnete er ohne Mühe die meisten Ortsnamen einer bestimmten Siedlungsge¬ schichte zu. Ein enormer Quartband des Jahres 1975 führte das auch dem Fernstehenden unmittelbar vor Augen. Es waren ausgewählte Beiträge aus einer Gesamtbibliographie von 184 Titeln, geordnet in streng voranschreitender Logik; zunächst die Methoden der von Higounet eigenständig entwickelten »Geohistorie«, die nicht der herkömmlichen Historischen Geogra¬ phie entspricht, sondern zunächst ausgeht vom Forschungsinstrument einer neu aus den Quellen abgeleiteten Karte. Mit solchen Karten sind fast alle Arbeiten Higounets ausgestattet; in ihnen verdichtet sich die Aussage der zerstreuten Ortsnamentypen, Hagiotoponyme, 320 Nekrolog Rechtsbegriffe oder Maßangaben; und dank der Karte erscheinen diese Zeugnisse jeweils auch eingegliedert in die Naturlandschaft. Seit Jahrzehnten hatte Higounet diese Methode bereits erprobt, am überzeugendsten in Aufsätzen der Annales du Midi 1950, 1951, 1953, 1958, in den Annales E.S.C. 1953, in der Revue historique de Bordeaux 1952, 1955, und systematisch zusammengefaßt in den Akten des Zehnten Internationalen Historikerkongres¬ ses (1955 in Rom). Der weitere Gang von Higounets Gesamtwerk (am besten zeigt es sich immer noch in den Einzelarbeiten des Sammelbandes von 1975) führt von der unmittelbaren Erschließung, Rodung und Nutzung des Bodens durch den Menschen zu den Neusiedlungen der südfranzö¬ sischen castelnaux bzw. sauve tés im Schutz von Burgen und Kirchen. Meist größer waren, wie Higounet alsbald auch vor deutschem Publikum selbst erläuterte und publizierte (Zur Siedlungsgeschichte Südwestfrankreichs vom 11. bis zum 14.Jh., Vorträge und Forschun¬ gen 18, 1975), die vielerörterten Bastiden. Erneut sind da die Ortsnamen aufschlußreich, denn es sind nunmehr werbende Namen berühmter Städte wie Fleurance, Plaisance, Pavie, Cologne, Grenade, Valence, Londres, Hastingues. Die kartographische Darstellung läßt deutlich Fronten hervortreten: bei den Bastiden sind das befestigte Neusiedlungen im Grenzbereich zwischen französischem Krongut (nach 1249/70) und dem lange noch englisch beherrschten Herzogtum Guyenne. Higounet führte davon ausgehend vertiefte Studien über den Begriff der Grenze, schrieb dann einen seiner meistdiskutierten Aufsätze über Bastides et frontières (1948), bekannte später aber auch, er habe in diesem Bereich »Wasser in seinen Wein« gießen müssen. Für den deutschen Begriff der »Siedlung« (engl, settlement) kennt die französische For¬ schung bekanntlich zwei getrennte Bezeichnungen: Besiedlung (occupation du soi)1 und Ansiedlung (peuplement). Von der materiellen Planung, Vermessung und juristischen Ausfüh¬ rung durch Teilungsvertrag (paréage) schied Higounet deshalb sorgfältig den demographi¬ schen Aspekt, die Ansiedlungspolitik, die mouvements de population, letztere anfangs deutlich getragen von herrschaftlicher Initiative (congregare populationem, incastellamento), später unterstützt durch die erwähnten Werbenamen und die persönlichen Vergünstigungen für die Bewohner der neuen Stadt- oder Dorfanlage. Solche Siedlungspolitik fand Higounet im übrigen in ganz Europa, in Piémont, in Mittelitalien zwischen Florenz und Siena (sogen, terre nuove) wie im östlichen Mitteleuropa zwischen slawischen und deutschen Machthabern. Higounet wurde zum europäischen Siedlungshistoriker, bekannt und beliebt im nördlichen Spanien und Italien wie in Polen und Deutschland. Sein letztes selbständiges Werk nach anderen, die ich hier übergehen muß2, behandelte ein Thema, das nur wenige von dem Aquitanier erwartet hatten: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter (Berlin 1986). Wie war Higounet dazu gekommen? Er erläutert es selbst im Vorwort. Als französischer Offizier im Alter von 30 Jahren hatte ihn 1941 der Krieg in ein Gefangenenlager nach Schlesien verschlagen. Auch hier verließ ihn seine Liebe zur Geogra¬ phie und zur Landschaft nicht. Streng, doch in großartiger Schönheit standen vor ihm die Waldesrücken des Altvater und des Reichensteiner Gebirges. Er entwarf eine Panoramazeich¬ nung, »und trotz der Düsternis des Augenblicks« war er dem Land bald zugeneigt. Der gefangene Offizier las Hermann Aubins Geschichte Schlesiens und vieles andere an deutscher Landesgeschichte. Es entstand der Plan eines Buches, der ihn nach dem Kriege Kontakte zu Walter Kuhn und Hugo Weczerka, zu Alexander Gieysztor, zu Jerzy Kloczowski und vielen 1 »Landnahme« als Übersetzung von occupation du soi erweckt m. E. die ungeeignete Assoziation mit Landnahme der Völkerwanderungszeit. 2 Le comté de Comminges de ses origines à son annexion à la Couronne (1454), Toulouse-Paris 1949. La paléographie (Coll. Que sais-je?), Paris 1955. - Bordeaux pendant le Haut Moyen âge, Bordeaux 1963 (Teil einer achtbändigen Gesamtgeschichte von Bordeaux, deren Herausgeber Higounet war). - La grange de Vaulerent. Structure et exploitation d'un terroir cistercien de la plaine de France, XIIe-XVe siècle, Paris 1965. - Recueil des actes de l'abbaye cistercienne de Bonnefont, en Comminges, Paris 1970. Charles Higounet (1911-1988) 321 anderen aufnehmen ließ. In den Jahren ab 1964 schlössen sich, wie beschrieben, die Besuche in der Bibliothek des Pariser Instituts an. Trotzdem war das nur ein kleiner Ausschnitt aus den weitgespannten Aktivitäten Higou- nets in diesen Jahrzehnten. Von 1955 bis 1972 war er ein unermüdlicher Präsident der regionalen Altertumsvereine des französischen Südwestens, erfolgreicher Universitätslehrer in Bordeaux, skrupulöser Editor mehrerer Urkundenbände und ungezählter Kongreßakten. In Bordeaux richtete er ein eigenes Laboratorium für historische Kartographie ein, legte die Grundlagen für einen Atlas historique des villes de France, und organisierte, unter¬ stützt nur von seiner Gattin und wenigen Getreuen, seit seiner Emeritierung 1979 die Journées internationales d'histoire in der restaurierten Zisterzienserabtei Flaran (dép. Gers). Weitab von allen Hauptverkehrslinien, inmitten einer typischen Kolonisationslandschaft des 12.-13. Jh., traf sich hier jeweils im September ein wachsender Kreis von Fachleuten und begeisterten Mitgliedern der südwestfranzösischen Altertumsvereine. Sonne, Wein und gepflegte gaskognische Küche entschädigten rasch auch für die weiteste Anreise. Die Themen waren die, die Higounet fast alle auch selbst hätte abhandeln können. Trotzdem holte er jeweils Fachleute aus ganz Europa, diskutierte mit Eifer, aber nie aus der Position des Wissenden, und fand jeweils von tiefer Sympathie geprägte Willkommens- und Dankesworte. Anschließend besorgte er, ohne auch nur seinen Namen im Titel zu nennen, die Veröffentli¬ chung der Beiträge3. Geboren 1911 in Toulouse, starb er nach einem langjährigen, mit großer Geduld ertragenen Leiden am 8. April 1988 in Bordeaux. Dietrich Lohrmann, Aachen 1. Châteaux et peuplements en Europe occidentale du Xe au XVIIIe siècle, 1980. 2. L'homme et la route en Europe occidentale, au Moyen Age et aux Temps modernes, 1982. 3. L'économie cistercienne. Géographie, mutations, du Moyen Age aux Temps modernes, 1983. 4. Les communautés villageoises en Europe occidentale, du Moyen Age aux Temps modernes, 1984. 5. L'approvisionnement des villes de l'Europe occidentale au Moyen Age et aux Temps modernes, 1985. 6. Les Ordres militaires, la vie rurale et le peuplement en Europe occidentale (XIIe-XVIIIe siècles), 1986. 7. Les revenus de la terre, complant, champart, métayage, en Europe occidentale, 1987. 8. Toponymie et défrichements médiévaux et modernes en Europe occidentale et centrale, 1988. Aile Bände noch erhältlich beim Comité départemental du Tourisme du Gers, - B.P.69 - 32002 Auch. Abstract

