Karl Hammer Hof, Kultur und Politik im 19. Jahrhundert Bericht über das 18. Deutsch-französische Historikerkolloquium in Darmstadt vom 27. bis 30. September 1982
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Autor / Rezensent Hof, Karl
Titel Untertitel Institut BSB digitale Bibliothek http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016285,00952.html Seiten 938-942 BSB Band-ID bsb00016285 BSB Seiten Anfang 00952 BSB Seiten Ende 00956 Lizenz DDC-BSB Geo-SW DDC-BSB Sach-SW DDC-BSB Zeit-SW Zeit-SW Geo-SW (GKD) Sachschlagwort (SWD) Personenschlagwort (PND) Fachgebiet OCR-Text Karl Hammer HOF, KULTUR UND POLITIK IM 19. JAHRHUNDERT Bericht über das 18. Deutsch-französische Historikerkolloquium in Darmstadt vom 27. bis 30. September 1982 Das Deutsche Historische Institut Paris veranstaltete vom 27. bis 30. September 1982 sein 18. deutsch-französisches Historikerkolloquium. Die Tagung stand unter dem Thema: »Hof, Kultur und Politik im 19. Jahrhundert«. Als Tagungsort war nicht ohne Bezug auf das Thema Darmstadt gewählt worden. Die Veranstaltung fand in den Räumen des Hotels Weinmichel statt. Die örtlichen Stellen haben in hervorragender Weise diesem deutsch-französischen Treffen Aufmerksamkeit erwiesen. So hat die Hessische Historische Kommission in Darmstadt den Teilnehmern gleich am ersten Abend im Schloßmuseum einen Empfang gegeben; an den weiteren Tagen folgten ein Abendessen auf Einladung des Oberbürgermeisters, eine Besichti¬ gung der Jugendstilabteilung des Landesmuseums und der Bauten auf der Mathildenhöhe unter der Führung von Dr. Carl Benno Heller vom Landesmuseum, schließlich ein weiterer Empfang und Besichtigung von Schloß Wolfsgarten auf Einladung I.K.H. der Prinzessin Ludwig von Hessen und bei Rhein. An dem Kolloquium nahmen teil: Le Père Guillaume de Bertier de Sauvigny, Professeur à l'Institut Catholique, Paris; Prof. Dr. Christian Beutler, Hochschule für Bildende Künste, Hamburg; M. Jean-Paul Bled, Professeur à l'Université de Strasbourg; Prof. Dr. Willi A. Boelcke, Universität Hohenheim; Prof. Dr. Helmut Börsch-Supan, Stellvertreter des Direktors der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Berlin-Charlottenburg; Madame Suzanne d'Huart, Conservateur en chef aux Archives Nationales, Paris; Prof. Dr. Heinz Dollinger, Universität Münster; M. Roger Dufraisse, Directeur d'Etudes à l'Ecole des Hautes Etudes de Paris, Caen; Regierungs- amtmann Bernd Eise, Deutsches Historisches Institut Paris; Prof. Dr. Eckart Franz, Leitender Staatsarchivdirektor, Darmstadt; M. Paul Gerbod, Professeur à l'Université de Paris XIII; M. Louis Girard, Professeur à l'Université de Paris IV; Wiss. Oberrat Dr. Karl Hammer, Deutsches Historisches Institut Paris; Dr. Gerd Krumeich, Deutsches Historisches Institut Paris; Madame Margaretha Martaguet, Deutsches Historisches Institut Paris; Prof. Dr. Karl Möckl, Universität Bamberg; Prof. Dr. Arno Paul, Freie Universität Berlin; Ministerialrat Dr. Konrad Petersen, Bundesministerium für Forschung und Technologie, Bonn; Prof. John C. G. Röhl, University of Sussex, Brighton; Dr. Carl-Wolf gang Schümann, Direktor des Deutschen Textilmuseums, Krefeld; Prof. Dr. Stephan Skalweit, Universität Bonn; Dr. Nicolaus Sombart, Europarat, Strasbourg; Prof. Dr. Dolf Sternberger, Universität Heidel¬ berg; Prof. Dr. Michael Stürmer, Universität Erlangen; M. Jean Tulard, Professeur à l'Université de Paris IV; Prof. Dr. Jürgen Voss, Deutsches Historisches Institut Paris; Prof. Dr. Hermann Weber, Universität Mainz; Prof. Dr. Karl Ferdinand Werner, Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris; Dr. Hans-Georg Zier, Leitender Statsarchivdirektor, Karlsruhe. Die Aufgabe des Kolloquiums war, für die Zeit des 19. Jahrhunderts wohl erstmalig ein Thema anzuschlagen, das seit geraumer Zeit die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen historischen Aus der Arbeit des DHI Paris 939 Belletristik erregt und von dieser Seite her in den allerverschiedensten Formen Niederschlag gefunden hat. Dagegen hat die historische Forschung als solche bislang nur wenig davon Notiz genommen. Aus der Zeit der älteren Historiographie liegen meist nur recht hagiographische, und oft einseitig oberflächliche Betrachtungen über die Höfe des 19. Jahrhunderts vor. Das Kolloquium wollte also Impulse geben, Themenkreise anschlagen, Interpretationen vorlegen. Da es sich um ein deutsch-französisches Historikertreffen handelte, war der Rahmen auf Deutschland und Frankreich beschränkt. Die höfischen Lebenskreise in anderen europäischen Ländern wurden also außer acht gelassen, jedoch gelegentlich im jeweiligen Zusammenhang gestreift. Die Tagung eröffnete der Direktor der DHIP mit einem Vortrag über »Fürst und Hof im 19. Jahrhundert, Abgesang oder Spätblüte?«, in dem zunächst daraufhingewiesen wurde, daß das 19. Jahrhundert trotz verschiedener revolutionärer Bewegungen im allgemeinen institutionell noch von der monarchischen Staatsform gekennzeichnet war. Von daher wurde die Bedeutung der Monarchen und ihrer Höfe und Umgebungen gewertet, wobei darauf aufmerksam gemacht wurde, daß Frankreich einer andersartigen Entwicklung als Deutschland unterlag. Für die erste Hälfte des Jahrhunderts wird Deutschland betreffend eine gewisse politische Opposition gegen den monarchischen Gedanken festgestellt, während in der zweiten Jahrhunderthälfte nach und nach eine Tendenz zum monarchischen Loyalismus festgestellt wurde, die sich sogar im Verlauf der Entwicklung verstärkte. Jean Tulard, Paris, sprach über Napoleon und seinen Hof, bei dessen Schaffung der Kaiser keine Neuerung einführte, sich vielmehr auf den des Ancien Régime bezog. Ein abgewogenes Urteil über den kaiserlichen Hof wurde für erforderlich gehalten. Die Ausführungen bezogen sich insbesondere auf die wirtschaftliche, die politische und die gesellschaftliche Rolle des Hofes. - Guillaume de Bertier de Sauvigny, Paris, äußerte sich über Aristokratie und Monarchie im kulturellen Leben zur Zeit Ludwigs XVIII. und Karls X. Gezeigt wurde, daß sich die französische Aristokratie im Zeitalter der Restauration einer ganz einzigartigen Lage erfreute, obwohl es nicht einfach ist, deren Einfluß auf die Gesellschaft zu bestimmen oder diesen sogar abzumessen. Vor allem befaßte sich der Vortragende mit dem königlichen und dem aristokratischen Mäzenatentum in diesem Zeitalter, das er als bedeutend, lebendig und fruchtbar schilderte. - Über den königlich preußischen Hof im 19. Jahrhundert sprach Karl Hammer, Paris. Seine Ausführungen leitete ein Rückblick auf den Hof der Hohenzollern in früherer Zeit ein. Für den Hof im 19. Jahrhundert wurde gesagt, daß er in Abhängigkeit von seinen jeweiligen Trägern stand, die ihm ihren Stempel aufdrückten. In einem Lande, wo Armee und Verwaltung alles waren, spielte der Hof vergleichsweise stets eine geringere Rolle. Es wurde unterstrichen, daß die Hohenzollern meist Regenten waren, die wesensmäßig dem »höfischen Leben« abgeneigt, dafür keine Begabung zeigten, es nur pflicht¬ gemäß erfüllten. - Suzanne d'HuART, Paris, kennzeichnete den Hof König Louis-Philippe als einfach und liebenswert; sie beschrieb im näheren die Atmosphäre, die er dem Königspaar verdankte. Doch wies sie darauf hin, daß der Hof unter der Julimonarchie keineswegs der des legendären »Bürgerkönigs« war, da Louis-Philippe über ein beträchtliches fürstliches Selbstbe¬ wußtsein verfügte und diesem Ausdruck verlieh. - Heinz Dollinger, Münster, gab längere Ausführungen über das Zeitbild des »Bürgerkönigtums« in der Monarchie des 19. Jahrhunderts und bezog sich dabei nicht nur auf König und Hof in Frankreich oder der deutschen Staatenwelt, sondern entwarf darüber hinausgehend ein weites Panorama, das gesamte alte Europa einbeziehend. - Louis Girard, Paris, berichtete über Napoleon III. und seinen Hof als eines zwar nicht ausschließlichen, aber dennoch hauptsächlichen Mittelpunkts des mondän¬ gesellschaftlichen Lebens in Paris, der eine geradezu legendäre Erinnerung von Eleganz und Ausgelassenheit hinterließ: in seiner Zeit sicherlich der glänzendste Hof in Europa. Es wurde gezeigt, daß er in vielem eine Kopie des Hofes des ersten Napoleon war; der Kaiser selber und ebenso seine Gemahlin Eugénie sind für den höfischen Stil ausschlaggebend gewesen. Der Zeitenlauf verhinderte eine Entwicklung dieses Hofes zu fester Tradition; übrigens verstärkte 940 Aus der Arbeit des DHI Paris sich im Zusammenhang mit dem Niedergang des Regimes auch die Kritik. - Jean Paul Bled, Strasbourg, gab ein Bild vom Hof des Kaiser Franz-Josef, dessen deutsche Elemente hervorge¬ hoben wurden, ohne daß diejenigen der anderen, an ihm vertretenen Nationen der Monarchie zurücktraten. - Dem Vergnügen der Aristokratie in deutschen und französischen Badeorten im 19. Jahrhundert galten die Ausführungen von Paul Gerbod, Paris. Er zeigte, wie im Europa des 19. Jahrhunderts alljährlich von Mai bis zum Oktober sich in Nachahmung des höfischen Lebens ein besonderes kosmopolitisch abgestimmtes Leben in den verschiedenen Badeorten entwickelte; unter diesen ragten, als bevorzugt und natürlich der Mode unterworfen, etwa zwei Dutzend hervor. Die vornehme Gesellschaft und die Fürstlichkeiten gaben sich hier mit anderen Vertretern des öffentlichen Lebens, der Finanz, der Künste, der Musik usw. ein Stelldichein. - Helmut Börsch-Supan, Berlin, erlaubte anhand eines reich ausgebreiteten Bildmaterials, einen Blick in die Wohnungen der preußischen Herrscher des 19. Jahrhunderts zu werfen. Hervorgehoben wurde, daß in einer Zeit, da die preußische Macht rasch emporstieg, sich dieser Aufstieg nicht in neuen Schloßbauten wiederspiegelte. Die verschiedenen Monar¬ chen bis hin zu Wilhelm II. bezogen nur dem Zeitstil jeweils angepaßte Wohnungen in bereits bestehenden Schlössern älterer Zeit. - Es verstand sich eigentlich von selber, daß dem fürstlichen Mäzenatentum in Darmstadt, wo ja das Kolloquium stattfand, ein besonderer Vortrag galt. Eckart G. Franz, Darmstadt, führte als hervorragendste Beispiele den ersten und den letzten Großherzog an, nachdem er vorher einen knappen Überblick über die Entwicklung der Residenzstadt von ihren Anfängen im 18. Jahrhundert an gegeben hatte. Während der erste Großherzog noch auf verschiedenen Gebieten mehr als fürstlicher Mäzen wirkte, fühlte sich sein Nachfahr, der letzte Großherzog, schon beinahe mehr als Künstler denn als Monarch und war auf verschiedenen künstlerischen Ebenen selber tätig. Sein Land bedachte er mit einer, trotz mancherlei Mißerfolgen konsequent durchgeführten Kunstpolitik, die neuen künstlerischen Strömungen zum Durchbruch verhalf. - Hans-Georg Zier, Karlsruhe, würdigte den Großher¬ zog Friedrich I. von Baden als Landesvater. Schon zu Lebzeiten war dieser Fürst eine Art von Monument, seine Popularität lebte aus den verschiedensten Gründen im »Musterländle« auch nach seinem Tode weiter, da er zusammen mit seiner Gemahlin, Luise von Preußen, als Symbolfigur eines liberal gesonnenen Humanismus galt und dementsprechend regiert hatte. - »Hof- und Hofgesellschaft in Bayern in der Prinzregentenzeit« lautete das Thema des Vertrages von Karl Möckl, Bamberg, mit der interessanten Feststellung, daß im Bayern des späten 19. Jahrhunderts der Hof wieder an Bedeutung gewann, da er Zentrum des gesellschaftlichen Lebens war und darüber hinaus Einfluß auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen hatte. -John C. G. Röhl, Brighton, verlieh in seinen Ausführungen dem preußisch-deutschen Hofe unter Kaiser Wilhelm IL höhere politische und gesellschaftliche Bedeutung als ihm sonst gemeinhin zugewiesen wird. Er bezog sich dabei auf eine längere Reihe in den letzten Jahren erschienener Quellen oder Einzelveröffentlichungen. Anhand verschiedener Statistiken war er darum bemüht, zu zeigen, welche Bedeutung diesem Hofe am Ende der Zeit der Monarchien zukam; er sprach geradezu von einer Renaissance der Hofkultur unter dem letzten deutschen Kaiser. Im Anschluß an die Vorträge fanden im einzelnen oder in Zusammenfassung lebhafte Diskussionen über die aufgeworfenen Fragen statt; natürlich ergab diese Unterhaltung kein einheitliches Bild. Im Ganzen wäre zu sagen, daß dieses Kolloquium wohl zum ersten Mal ein bislang von der Forschung ziemlich vernachlässigtes Thema angeschlagen hat, gewissermaßen in Neuland führte. Das Ziel des Kolloquiums, Anregung zu sein zu vertiefter Erkenntnis der Rolle von Hof und Monarchie im 19. Jahrhundert, wurde in Darmstadt erreicht - es gilt auch für die bevorstehende Veröffentlichung seiner Akten. Aus der Arbeit des DHI Paris 941 Das Kolloquium verlief nach folgendem Programm: Montag, 27 9. 1982 9.00 1 Arbeitssitzung Prof. Dr. Karl Ferdinand Werner, Paris: Fürst und Hof im 19. Jahrhundert: Abgesang oder Spatblute"> M Jean Tulard, Paris: Napoléon Ier et sa cour Le Père Guillaume de Bertier de Sauvigny, Pans: Aristocratie et monarchie dans la vie culturelle au temps de Louis XVIII et de Charles X 15 00 2. Arbeitssitzung Dr Karl Hammer, Pans: Der königlich-preußische Hof im 19. Jahrhundert Mme Suzanne d'HuART, Pans: La cour de Louis-Philippe Prof. Dr. Heinz Dollinger, Munster: Das Leitbild des Burgerkonigtums in der Monarchie des 19. Jahrhunderts 19 00 Empfang im Schloßmuseum durch die Hessische Historische Kommission Darmstadt Dienstag, 28. 9. 1982 9 00 3 Arbeitssitzung M Louis Girard, Paris: Napoléon III et sa cour M Jean-Paul Bled, Strasbourg: L'Empereur François Joseph et sa cour 15 00 4. Arbeitssitzung M Paul Gerbod, Pans: Le loisir aristocratique dans les villes d'eau de France et d'Allemagne au XIXe siècle Mme Colombe Samoyault-Verlet, Fontainebleau: Les appartements des souverains en France au XIXe siècle Prof. Dr. Helmut Borsch-Supan, Berhn-Charlottenburg: Wohnungen preußischer Konige im 19. Jahrhundert 19.00 Abendessen auf Einladung des Herrn Oberburgermeisters der Stadt Darmstadt, vertreten durch Herrn Stadtrat Benz Mittwoch, 29. 9. 1982 9.00 5. Arbeitssitzung Prof Dr. Arno Paul, Berlin: Das Meininger Hoftheater und der Historismus M. Joel-Mane Fauquet, Chartres: Grandeur et décadence de la musique à la cour entre le Premier et le Second Empire Prof. Dr. Eckhart G. Franz, Darmstadt: Der erste und der letzte Großherzog von Hessen. Fürstliche Kunstforderung in Darmstadt 15.00 Exkursion: Besichtigung der Jugendstilabteilung im Landesmuseum und der Bauten auf der Mathildenhohe unter Fuhrung von Dr. Carl Benno Heller, Oberkustos am Landesmuseum in Darmstadt. 942 Aus der Arbeit des DHI Paris Anschließend Besuch von Schloß Wolfsgarten auf Einladung I. K. H. der Frau Prinzessin Ludwig von Hessen und bei Rhein. 20.00 Gemeinsames Abendessen im Restaurant Jagdschloß-Kranichstein Donnerstag, 30. 9. 1982 9.00 6. Arbeitssitzung Dr. Hans-Georg Zier, Karlsruhe: Großherzog Friedrich I. von Baden, Pater patriae Prof. Dr. Karl Möckl, .Universität Bamberg: Hof und Hofgesellschaft in Bayern in der Prinzregentenzeit Prof. John C. G. Röhl, Brighton: Der preußisch-deutsche Hof unter Kaiser Wilhelm IL Schlußdiskussion. Abstract

