R. Baustert, Le jansénisme et l'Europe (Michael Quisinsky)
Le jansénisme et l’Europe. Actes du
colloque international organisé à l’université du Luxembourg les
8, 9 et 10 novembre 2007. Textes édités avec répertoire
bibliographique et index par Raymond Baustert, Tübingen (Günter
Narr) 2010, XIV–402 p. (Biblio, 17, 188). ISBN 978-3-8233-6576-1,
EUR 98,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Michael Quisinsky, Meyrin
Das Verhältnis von Gott und Mensch dürfte bei all den gegenwärtigen Krisen in Europa nicht zu den Themen gehören, an die eine Mehrheit der Zeitgenossen bei der Frage nach einem angemessenen Verständnis Europas zuerst denken. Und doch ist die Geschichte Europas, mit Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein, ganz wesentlich von Versuchen geprägt, dieses Verhältnis zu fassen und auszudrücken, aus ihm heraus zu leben oder es umgekehrt in Frage zu stellen, für irrelevant zu erklären bzw. zu leugnen. Eine Spielart des Umgangs mit der Frage nach dem Verhältnis von Gott und Mensch stellte der Jansenismus dar, und es ist ein Verdienst des vorliegenden Bandes, dessen höchst konkreten Aspekte wie seine tiefgreifenden geistigen und geistlichen Herausforderungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Zunächst gilt dies hinsichtlich der Frage, was an der Schnittstelle von Geschichte und ihrer Deutung unter Jansenismus überhaupt zu verstehen ist. Dass Cornelius Jansenius d. J. (1585–1638), zunächst Professor in Löwen und später Bischof von Ypern, zum Namensgeber einer in sich durchaus komplexen Strömung wurde, hätte dieser selbst, der sich in seinem Denken von Augustinus von Hippo (354–430) inspirieren ließ, sich wohl nicht träumen lassen. Seine Antwort auf die viele Menschen umtreibende Frage nach der Rolle und Wirkweise der Gnade Gottes im Leben der Menschen entfaltete allerdings in der religiös aufgewühlten und politisch spannungsgeladenen Situation seiner Zeit große Wirkung, zumal religiöse und politische Faktoren zusammenwirkten. So gewichtige Themen wie die Freiheit des Menschen bzw. seines Willens standen dabei zur Debatte, und damit letztlich nicht weniger die Frage, was der Mensch sei und wie er sich zur Welt verhalten könne. Dass nicht wenige Zeitgenossen derlei Fragen über den Menschen heute ohne einen Rekurs auf Gott bedenken, ist selbst Teil eines langwierigen Prozesses und man könnte fragen, ob und inwiefern in diesem die von Augustinus her wirkenden und sich im Laufe der Geschichte vervielfältigten, z. T. auch verselbständigten, Entwicklungslinien eine Rolle spielen. Dass und wie diese Linien zur Zeit des Jansenismus in Europa in Interaktion waren, zeigen jedenfalls die Beiträge dieses Bandes exemplarisch und dies auf durchgehend hohem Niveau.
Die einzelnen Beiträge des Bandes sind in fünf Abschnitte angeordnet: Zunächst kommen Reiseberichte und Briefwechsel in den Blick, sodann Bibliotheken, Enzyklopädien, polemische Schriften und Zeitschriftenliteratur. Ein dritter Abschnitt widmet sich der Theologie, ein vierter Philosophie, Moral und Politik und ein fünfter schließlich der Sprache und der Kunst. Es versteht sich von selbst, dass die einzelnen Themen keine lupenreine Abgrenzung voneinander ermöglichen. Gerade so werden Historiker wie Theologen für das Verständnis ihres Untersuchungsgegenstandes auch auf die Kompetenz der jeweils anderen Disziplin, sowie auf die benachbarter Disziplinen wie der Literaturwissenschaft verwiesen. Dies gilt umso mehr, als Jean Mesnard und Frank Wilhelm mit perspektivenreichen und -eröffnenden Schlussbetrachtungen den Band resümieren, wenngleich man an letzteren die Frage richten kann, ob man die immaculata conceptio – zu deren Ehren derselbe Papst Clemens XI. (1700–1721) das Fest »Maria Empfängnis« eingeführt hatte, der mehrfach Verurteilungen gegen die Jansenisten aussprach – tatsächlich zu den »sujets purement philosophiques« (S. 328) zählen kann: in ihrem entsprechenden Beitrag zeigt Annick Delfosse vielmehr auf, wie hier zwischen Löwen und Rom ein theologischer Streit entbrannte, der neben durchaus gegebenen philosophischen Aspekten auch solche umfasste, die Glaubensverständnis und Frömmigkeit betreffen. Mesnards Verdienst ist es, der komplexen Realität, die sich hinter dem Begriff »Jansenismus« verbirgt, mittels der Kategorie des »Mythos« auf die Spur zu kommen, dem er mit dem »Jesuitismus« einen weiteren hinzugesellt. Dieser Vergleich ist umso spannender, als die jesuitische Position in der Frage nach dem Verhältnis von Natur und Gnade eine andere war, näherhin die menschliche Mitwirkung im Gnadengeschehen positiv bewertete. Damit kommen wesentliche Akteure und Kommentatoren einer zentralen Epoche der europäischen Geschichte in den Blick, denen es bei bzw. in allen praktischen Fragen wie etwa dem Schokoladengenuss in der Fastenzeit (s. den Beitrag von Massimo Leone) oder der postalischen Infrastruktur (s. den Beitrag von Anne-Claire Josse-Volongo) tatsächlich letztlich um das eingangs genannte Verhältnis von Gott und Mensch bzw. den Umgang mit diesem Verhältnis ging, das seinerseits, anders als es vielen Zeitgenossen heute der Fall zu sein scheint, unmittelbare Auswirkungen auf das individuelle und gesellschaftliche Leben hatte.
Die Beiträge des Bandes betrachten diese Dimension des Jansenismus i. d. R. nicht einfach in sich bzw. allein von diesem her, sondern anhand von Konstellationen, in denen einzelne, aber nicht isolierte, Aspekte eines europäischen Zusammenhangs von Ideen und Ideenströmen deutlich werden. So stellt Vlad Alexandrescu in einem Beitrag, der auch jenseits des Tagungsthemas Beachtung verdient, ein beachtliches Dokument aus dem Jahre 1667 vor, in dem ein rumänischer Diplomat aufgrund seiner Kenntnis der von Jansenisten mitgeprägten französischen Diskussionslage eine weitgehende Übereinstimmung der katholischen und orthodoxen Positionen in der in der Kirchen- und Theologiegeschichte heftig umstrittenen Frage nach der Realpräsenz in der Eucharistie postuliert. Neben anderen ist auch der Beitrag von Hélène Bouchilloux erwähnenswert, der dem Titel zufolge dem Jansenismus in den »Essais de théodicée« des Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) gewidmet ist, dabei aber zugleich einen höchst aufschlussreichen Vergleich mit Blaise Pascal (1623–1662) vornimmt – Bouchilloux zufolge verblieb Pascal im Rahmen der Theologie, während Leibniz diese überstieg (S. 228). Erscheint damit die Philosophie als eigentliches Interesse Leibnizens (S. 229), so wäre hier allerdings gerade angesichts dieses Überstiegs bzw. der damit verbundenen Frage nach Rolle von Philosophie und Theologie im Fächerkanon durchaus auch nach seiner Bedeutung als Theologe zu fragen, der sich Erhard Holze in seiner Marburger Dissertation von 1990 widmete. Aus heutiger Sicht jedenfalls, so kann man im Anschluss an Bouchilloux folgern, beraubte Leibniz den Jansenismus gerade dadurch einer Sonderstellung, dass er ihn ins Gespräch mit anderen Strömungen brachte (Ähnliches ist in gewisser Weise auch der Fall in Sylvain Menants Untersuchung zum jansenistischen Gehalt Louis Racines (1692–1763) »La Grâce«). Wenn es Leibniz nach Bouchilloux um eine philosophische Synthese der gegensätzlichen v. a. theologischen Positionen zu tun war, so zeigt sich damit nicht zuletzt auch, inwiefern die Debatten um den Jansenismus in der europäischen Geschichte eine Situation markieren, in der die eingangs genannte Frage nach dem Verhältnis von Gott und Welt einerseits nicht allein den offiziellen religiösen Akteuren überlassen blieb, andererseits ein echter Dialog zwischen all jenen, die sich dieser Frage widmeten, nicht stattfand (S. 229). Angesichts der weiteren Entwicklung im Verhältnis von metaphysischer und moralischer Dimension, die der Universalgelehrte noch unter einen Hut zu bringen versuchte (S. 236), kann man darüber mutmaßen, inwiefern dies bis in die Gegenwart hinein – man denke an die eingangs genannte Frage bzw. ihre Abwesenheit im heutigen öffentlichen Diskurs – direkte und indirekte Auswirkungen zeitigt.
Was die gegenwärtige Wahrnehmung des Jansenismus angeht, sind u. a. zwei Hinweise von Volker Kapp in seinem Beitrag über die Darstellungen des Jansenismus in verschiedenen Enzyklopädien und Lexika von Interesse. So unterzieht er erstens die mehrfach gemachte Beobachtung einer wohlwollenden, aber kritischen Analyse, wonach katholischerseits Anliegen der Jansenisten durch das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) aufgegriffen wurden (S. 122). Zweitens gibt er angesichts der im Unterschied zu früheren Zeiten i. d. R. irenischen Bewertungen des Jansenismus zu bedenken, dass diese zwar zu begrüßen sind, dabei aber nach wie vor bestehende Forschungsdesiderata nicht automatisch schon in den Blick kommen. Der vorliegende Band mit seiner Verbindung verschiedener Zugänge und Frageansätze stellt in diesem Sinne einen gelungenen Beitrag dazu dar, die Liebe zum Detail mit dem Blick für grundsätzliche Dimensionen und Fragen zu verbinden. In diesem Sinn sei auch dankend auf das umfangreiche Literaturverzeichnis und das Namensregister verwiesen, die den Band beschließen.
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: Rezension von: Le jansénisme et l’Europe. Actes du colloque international organisé à l’université du Luxembourg les 8, 9 et 10 novembre 2007. Textes édités avec répertoire bibliographique et index par Raymond Baustert, Tübingen (Günter Narr) 2010, XIV–402 p. (Biblio, 17, 188). ISBN 978-3-8233-6576-1, EUR 98,00. In: Francia-Recensio 2012/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2012-2/FN/baustert_quisinsky Veröffentlicht am: May 23, 2013 Zugriff vom: May 23, 2013

