F.A. Aymoré, Die Jesuiten im kolonialen Brasilien (Michael Müller)
Fernando Amado Aymoré, Die Jesuiten im
kolonialen Brasilien. Katechese als Kulturpolitik und
Gesellschaftsphänomen (1549–1760), Frankfurt a. M., Berlin,
Berlin, u. a. (Peter Lang) 2009, 425 S. (Europäische
Hochschulschriften. Reihe III. Geschichte und ihre
Hilfswissenschaften, 1069), ISBN 978-3-631-58769-0, EUR 69,80.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Michael Müller, Mainz
Die vorliegende, 2007 von Amado Aymoré an der Universität Hamburg eingereichte, unter Betreuung von Horst Pietschmann und Arno Herzig entstandene und 2009 in überarbeiteter Form publizierte Dissertation untersucht die kulturpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen der Jesuitenmissionen im kolonialen Brasilien von den Anfängen im Jahre 1549 bis zur Ausweisung und Vertreibung der Societas Jesu 1759/1760 unter Pombal.
Der Autor ist seit langem als Kenner der kolonial-brasilianischen Jesuitenmissionen ausgewiesen, hat er doch über Jahre in dem Mainzer Forschungsprojekt von Johannes Meier »Jesuiten aus Zentraleuropa in Portugiesisch- und Spanisch-Amerika« mitgewirkt und den 2005 erschienenen ersten Band dieser Reihe verfasst, der Brasilien behandelt.
Die profunde Einleitung (S. 11–46) behandelt in weitem zeitlichen Ausgriff die Geschichte der Ausbreitung des Christentums in Mittelalter und Frühneuzeit zuerst in Europa (bis S. 15) und dann in Übersee, wobei hier exemplarisch die Missionen in Irland (S. 16f.), in Mexiko (S. 18f.) und im Kongo (S. 20) fokussiert werden. Aufbauend auf diese vor-jesuitischen Beispiele kommt der Verfasser dann ab S. 22 auf Entstehung, Ausbreitung und missionarische Tätigkeit der schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Brasilien wirkenden Jesuiten zu sprechen, wobei auch in der Folge (so z. B. S. 30) Exkurse zu den Missionen in Spanisch-Amerika eingeflochten sind. Das folgende Kapitel 2. geht – ebenfalls in weitem Bogen – zuerst auf die Gründung und Entwicklung des Ordens ein (S. 47–56) und greift anschließend die Missionen in Mexiko und Marokko als praktische Vorbilder auf (S. 56–72). Sehr wichtig und grundlegend sind zweifelsohne die Ausführungen zum portugiesischen Patronatsrecht, dem padroado, sowie zur Etablierung der Brasilienmission (S. 72–82) und zur Topographie dieser Ordensprovinz mitsamt der nördlichen Vizeprovinz Maranhão (S. 83–108).
Diese Vorgehensweise in Kapitel 2 wirkt vielleicht manchmal etwas weitausgreifend, z. T. langatmig, ist aber doch im Endeffekt sehr instruktiv, gelingt es dem Verfasser damit doch sehr überzeugend, die brasilianischen Indianermissionen in den größeren Kontext von vielen Jahrhunderten christlicher Weltmission einzuordnen und ihre Besonderheiten gerade durch originelle Vergleiche mit Beispielen und Vorbildern herauszuarbeiten, auf die der geneigte Leser von sich aus sonst kaum gekommen wäre, wie z. B. Marokko oder Irland! Sicher haben solche unterschiedliche Kulturkreise, Epochen und Kontinente übergreifenden interkulturellen Vergleichsperspektiven immer etwas Erhellendes und Inspirierendes, doch hat diese Methodik auch unverkennbare Nachteile: Eine solche Aneinanderreihung von komparativen Exkursen gleich am Beginn einer Studie lenkt mitunter vielleicht doch etwas von dem eigentlichen Gegenstand der Untersuchung ab – erst ab S. 72 widmet der Autor sein ungeteiltes Interesse dem ausgewiesenen Thema der Arbeit – der Brasilienmission der Jesuiten.
Der Hauptteil der Untersuchung, die Kapitel 3 und 4, behandeln darauf aufbauend die Katechese sowohl als Instrument jesuitischer »Kulturpolitik« (S. 109–324) als auch als grundlegendes »Gesellschaftsphänomen« (S. 325–371) in den jesuitisch-indianischen Aldeias im kolonialen Brasilien – Missionsdörfern in der vorher wenig bis gar nicht erschlossenen Peripherie dieser portugiesischen Kolonie. Diese beiden Kapitel bilden sicherlich die ertragreichsten und lohnendsten »Höhepunkte« des Werkes – gelingt es dem Verfasser doch sehr eindrucksvoll, eine sowohl missionshistorisch wie auch kulturanthropologisch und landeskundlich-politisch überzeugende Gesamtschau der brasilianischen Jesuitenmissionen zu bieten, die viele wichtige Aspekte vereinigt, insbesondere die gar nicht genug zu betonende Bedeutung der im Buchtitel apostrophierten jesuitischen »Katechese als Kulturpolitik«, die neben den Prozessionen und dem Einsatz von Bildern und Musik auch die Ethnolinguistik betrifft. Diese Grammatiken, Wörterbücher und Katechismen waren für den Missionsalltag und die obligatorischen Sprachkenntnisse in den indigenen Sprachen unerlässlich, so v. a. die Grammatik des Tupi bzw. der língua geral von P. José de Anchieta von 1595 (S. 269) sowie die zahlreichen überlieferten sprach- und landeskundlichen, ethnographischen und katechetischen Texte, die Wesentliches für die Analyse des Indianerbildes der Jesuiten liefern (so u. a. Nóbrega, Cardim, Vasconcellos und Vieira).
Zweifellos haben die stets umstrittenen und in dieser Zeit, wie der Autor verschiedentlich hervorhebt, oft von verschiedenen Seiten angefeindeten Jesuiten – man denke nur an die Widerstände der Siedler gegen die jesuitische Indianerpolitik – einen enormen Beitrag für die soziale, wirtschaftliche und auch politische Geschichte der werdenden brasilianischen Nation gehabt (vgl. v. a. die »sozialen Auswirkungen« der Missionen in Kap. 4.3, S. 363–366). Durch die Errichtung von Aldeias wurden die bis dato nomadischen Indianervölker sesshaft gemacht und ihnen sowohl der christliche Glaube wie auch die kulturellen Werte der damaligen europäischen Zivilisation nahegebracht, was letztlich auch die portugiesische Kolonialherrschaft befestigen half, auch wenn dies gar nicht die primäre Intention des Ordens gewesen sein mag. Zugleich warnt der Autor mehrfach und nachdrücklich, so besonders deutlich in seinem Schlusswort (S. 373–387) davor, die Jesuitenmissionen zu überschätzen und ihnen gar einen utopischen, sozial-romantischen, ideal-urchristlichen Charakter beizumessen. Ziel der Jesuiten sei es nie gewesen, einen idealistischen »Gottesstaat« im brasilianischen Amazonasgebiet zu schaffen – ihre tatsächlichen Ambitionen seien vielmehr sehr viel bescheidener, realpolitischer gewesen, nämlich die punktgetreue Umsetzung des geltenden portugiesischen Kolonialrechts. Daher sei, so Amado Aymoré, die These von den Jesuitenmissionen als »Alternative« zum iberischen Kolonialismus in Südamerika (Peter Claus Hartmann, 1984) schon deswegen verfehlt, weil die Jesuiten dies nie angestrebt und folglich auch nie realisiert hätten – diese »Alternativen-These« sei, so der Autor überzeugend, eine spätere Interpretation, die aus den Indianermissionen »mehr« hätten machen wollen, als die Jesuiten selbst je vorgehabt hätten – nämlich ein Gegenmodell zum Kolonialismus (S. 377). Ferner ist zu beachten, dass die Jesuiten in der Amazonas-Mission, wie der Verfasser (S. 79) anmerkt, seit den 1680er Jahren wesentlich weniger autonom agieren konnten, als dies z. B. in der Guaraní-Mission in Paraguay möglich war, wo sie durch spanische Privilegien weitgehende Handlungsfreiheiten besaßen. Im nordbrasilianischen Maranhão dagegen mussten sie sich der Aufsicht eines »Missionsrats« beugen, dem auch jesuitenkritische Akteure angehörten, und der die Indianermissionen ständig streng kontrollierte. Dessen ungeachtet haben sich die Jesuiten in Brasilien wie auch in den übrigen überseeischen Missionsprovinzen als treibende Kraft im Kulturkontakt zwischen Europa und Südamerika profilieren können. Sie studierten unbekannte Sprachen, erstellten Wörterbücher und Grammatiken und bedienten sich nicht nur der Wissenschaften (v. a. der Astronomie, Mathematik, Kartographie, Biologie und Pharmazie), sondern auch der Künste (Musik, Theater, Architektur u. a.) und kunsthandwerklicher Fertigkeiten. Durch Korrespondenzen und Berichte vermehrten sie die europäischen Kenntnisse über andere Natur- und Kulturwelten und wurden so zu maßgeblichen Wegbereitern des interkulturellen Austausches.
Zusammenfassend bleibt anerkennend die ungeheure Fülle an Quellen und Literatur hervorzuheben, die Amado Aymoré in seiner fundamentalen Studie auswertet, die angesichts dessen als das Beste gelten darf, was es seit langem im deutschen Sprachraum überhaupt zum Thema der Jesuitenmission in Brasilien gegeben hat. Insofern scheint es nicht zu gewagt, davon auszugehen, dass dieses Werk – ungeachtet der genannten kleineren Unvollkommenheiten – wohl noch auf längere Zeit unverzichtbare Grundlage jeder weiteren Beschäftigung mit dieser faszinierenden missionsgeschichtlichen, ethnologischen und kulturanthropologischen Thematik sein wird.
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: Rezension von: Fernando Amado Aymoré, Die Jesuiten im kolonialen Brasilien. Katechese als Kulturpolitik und Gesellschaftsphänomen (1549–1760), Frankfurt a. M., Berlin, Berlin u. a. (Peter Lang) 2009, 425 S. (Europäische Hochschulschriften. Reihe III. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 1069), ISBN 978-3-631-58769-0, EUR 69,80. In: Francia-Recensio 2012/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2012-1/FN/aymore_mueller Veröffentlicht am: Jun 19, 2013 Zugriff vom: Jun 19, 2013

