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B. Zielinski, B. Krulic, Vingt ans d'Unification allemande (Ulrich Pfeil)

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Bernd Zielinski, Brigitte Krulic (dir.), Vingt ans d’Unification allemande. Histoire, mémoire et usages politiques du passé

Francia-Recensio 2011/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Bernd Zielinski, Brigitte Krulic (dir.), Vingt ans d’Unification allemande. Histoire, mémoire et usages politiques du passé, Bern, Berlin, Bruxelles et al. (Peter Lang) 2010, VI–258 p. (Travaux interdisciplinaires et plurilingues, 15), ISBN 978-3-0343-0555-6, EUR 49,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ulrich Pfeil, Metz

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls sowie der deutschen Wiedervereinigung haben auch in Frankreich den Blick auf Deutschland gerichtet und zu einer Reihe von Publikationen geführt, die sich mit Teilung, Einheit und ihren vielfältigen Folgen beschäftigen. Dies gilt auch für den hier zu rezensierenden Band »Vingt ans d’Unification allemande«, der von den beiden an der Universität Paris Ouest Nanterre la Défense tätigen Germanisten bzw. civilisationnistes Bernd Zielinski und Brigitte Krulic herausgegeben wurde. Sein Schwerpunkt liegt auf der historischen Dimension der Vereinigung und den Folgen für die Erinnerung und die Geschichtspolitik im wiedervereinigten Deutschland. Ausgehend von der These, dass die deutsche Einheit auch zwanzig Jahre nach ihrer Vollendung weiterhin Anlass für angeregte öffentliche Debatten ist, will dieser Band mit einem für die französische Germanistik charakteristischen pluridisziplinären Anspruch den politischen, juristischen, wirtschaftlichen, geopolitischen und memoriellen Aspekten der deutschen Wiedervereinigung auf den Grund gehen.

Matthias Rossi analysiert im ersten Beitrag den juristischen und staatsrechtlichen Rahmen der Vereinigung und konzentriert sich dabei nicht alleine auf die besondere Bedeutung des Artikels 23 des Grundgesetzes, sondern zugleich auf die Komplexität der beiden Staatsverträge zwischen DDR und Bundesrepublik, die sensible Frage der Enteignungen während der DDR-Zeit und die Probleme mit der Wiedergutmachung sowie die historische Dimension des Zwei-plus-Vier-Vertrages. Bernd Zielinski erörtert die Modalitäten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die aufgrund der Ereignisse auf den Straßen Ostdeutschlands und den Erwartungen der Ostdeutschen (»Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!«) schneller zu einem politischen Imperativ wurde als viele vorher gedacht hatten.

Alexander von Plato führt auf der Grundlage von Archivrecherchen und Interviews mit den damals Verantwortlichen in den internationalen Rahmen der deutschen Vereinigung ein und richtet dabei seinen Fokus auf die Interaktionen zwischen den USA, der UdSSR und den europäischen Staaten, die sich bisweilen unverhofft mit der Frage der deutschen Einheit konfrontiert sahen. Wieder einmal kommt dabei die besondere Rolle der Amerikaner zum Vorschein, die sich schließlich mit ihren Vorstellungen auch gegenüber den Sowjets durchsetzen konnten, die in Person von Michael Gorbatschow immer stärker mit dem eigenen Zerfallsprozess beschäftigt war, so dass die deutsche Vereinigung zu einem sekundären Ereignis für Moskau wurde. Diesen Eindruck unterstreicht auch Yves Hamant, der sich mit den Reaktionen der verantwortlichen Männer im Kreml und den Reaktionen der sowjetischen Medien in diesen Monaten beschäftigt. Dabei wird deutlich, dass der Sturz von Gorbatschow (1991) wesentlich mit seiner Politik 1989/90 zusammenhing, die für viele Russen einer Kapitulation gleichkam.

Der französische Diplomat Pierre Morel erinnert sich als Zeitzeuge und maßgeblicher Akteur an das Gipfeltreffen in Paris vom 19.–21. November 1990, bei dem die die Staats- und Regierungschefs der 34 KSZE-Staaten eine »Charta für ein neues Europa« beschlossen auf damit definitiv das Ende des Kalten Krieges besiegelten. Dieses Ereignis wird häufig in den Erinnerungen an das Ende des Kalten Krieges vergessen, doch mit der Anerkennung der Leitziele Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, individuelle und wirtschaftliche Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie als einzig geltende Regierungsform war die Pariser Charta ein wichtiger Schritt bei der Implantierung einer neuen Friedensordnung.

Mit der von Sonia Combe angestrengten Analyse der bekanntesten Slogans, die 1989/90 in den Straßen der ostdeutschen Städte zu hören und zu lesen waren, bewegt sich der Sammelband langsam in das im Untertitel angekündigte Zentrum seines Interesses und nähert sich den identitären Fragen, die während der Vereinigungsprozesses aufgeworfen wurden. Diese Thematik vertieft auch Brigitte Krulic, die sich mit den Rückwirkungen der »bösen Geister« der deutschen Geschichte auf die Identität einer Nation beschäftigt, die sich nach der Überwindung der Teilung die Frage stellen musste, ob sie nach einer »postnationalen« Periode vielleicht wieder »normal« werden könnte. Normalität und Normalisierung stehen auch im Mittelpunkt des Beitrages von Delphine Choffat, die mit einem textlinguistischen Ansatz die Diskussionen in der deutschen Öffentlichkeit analysiert.

In seinem zweiten Artikel in diesem Band erörtert Bernd Zielinski die bis heute virulente Frage nach dem Charakter des SED-Regimes. Er weist dabei auf die Schwierigkeiten für die Historiker hin, deren Forschungsergebnisse häufig nicht mit den Erinnerungen bzw. Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger übereinstimmen und somit leidenschaftliche Debatten auslösen. Doch auch innerhalb der Historikerzunft bleibt der Platz der DDR in der deutschen Geschichte weiterhin umstritten, müssen sich die Vertreter eines erfahrungsgeschichtlichen Ansatzes doch weiterhin gegen den Vorwurf wehren, den Diktaturcharakter der DDR zu verharmlosen. Dass mit dem Begriff der Ostalgie nicht einfach die Sehnsucht nach der »alten DDR« zu verstehen ist, verdeutlichen die von Agnès Arp geführten und ausgewerteten Interviews mit ehemaligen DDR-Bürgern. Wieder einmal zeigt sich, dass das Hirn der Ostdeutschen auch nach dem Ende der DDR eine Heimat brauchte (Formulierung frei nach dem (ost-)deutschen Journalisten Christoph Dieckmann) und diese nur in dem gerade untergegangenen Staat liegen konnte. Dies bedeutete jedoch nicht zwangsläufig eine fortwährende Identifikation mit der DDR, deren diktatorischen Charakter die Ostdeutschen mit ihren Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 abgewählt hatten.

Am Ende des Sammelbandes steht ein Beitrag von Jean Paul Véziant über den Umgang mit der Vergangenheit in der Ukraine, der als Vergleichsobjekt jedoch nur wenig Erhellendes bietet. Er wirft wie bei Sammelbänden so oft die Frage nach dem roten Faden auf, und so kommt auch dieser bisweilen wie ein Gemischtwarenladen daher, dessen einzelne Produkte in der Regel von guter Qualität sind, der jedoch als Gesamtkunstwerk nicht immer überzeugen kann. Hierzu hätte es auch einer vertiefenden Einleitung bedurft, um den Sammelband in den allgemeinen Forschungsstand einzubetten und damit fachwissenschaftlich anschlussfähig zu machen. Diese Kritik soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem französischen Leser ein breites Spektrum von Themen präsentiert wird, die ihm helfen dürften, das Deutschland von heute besser zu verstehen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

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Zitation
 
: Rezension von: Bernd Zielinski, Brigitte Krulic (dir.), Vingt ans d’Unification allemande. Histoire, mémoire et usages politiques du passé, Bern, Berlin, Bruxelles et al. (Peter Lang) 2010, VI–258 p. (Travaux interdisciplinaires et plurilingues, 15), ISBN 978-3-0343-0555-6, EUR 49,00.
In: Francia-Recensio 2011/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/ZG/zielinski_pfeil
Veröffentlicht am: Jan 13, 2012
Zugriff vom: Nov 21, 2014
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