U. Rublack, Dressing Up (Heike Talkenberger)
Ulinka Rublack, Dressing
Up. Cultural Identity in Renaissance Europe, Oxford (Oxford
University Press) 2010, XXII–354
p., 156 ill., ISBN 978-0-19-929874-7, GBP 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Heike Talkenberger, Stuttgart
Die meisten einschlägigen Publikationen zu Mode und Kostümkunde der Renaissancezeit befassen sich mit der Kleidung der adligen Oberschicht dieser Zeit. Ulinka Rublacks eindrucksvolles Buch geht weit darüber hinaus: Ihr Thema ist die soziale Rolle der Kleidung in der Renaissance und der Beitrag, den diese für die Ausbildung der männlichen und der weiblichen Identität spielte. Aufgefasst als Teil einer Welt der Symbole, kann Kleidung, können ihre bildliche Darstellung und der Diskurs über ihre richtige Verwendungsweise Aufschluss über sozialen Wandel geben. Die Autorin geht der Frage nach, welche Bedeutung Kleidung im Leben von Menschen hatte. Statt nur den jeweiligen sozialen Status zu spiegeln, konnte sie, so die Autorin, ein neues Selbstverständnis ausdrücken. Vielfältig waren dabei die Wege, an Kleidung zu kommen: Nicht nur dadurch, dass man sie selbst herstellte oder anfertigen ließ, sondern auch durch Erbe, durch den Kauf von gebrauchter Kleidung, als Geschenk und Gewinn, sogar durch Diebstahl.
Im Zentrum der Studie steht der Zeitraum zwischen 1300 und 1600, doch schaut Rublack auch manches Mal bis ins 18. Jahrhundert. Die »visuellen Praktiken« seien besonders wichtig für die Identitätsbildung, daher hat die Autorin unterschiedlichstes Bildmaterial herangezogen, etwa Zeichnungen in Kostümbüchern, Holzschnitte oder Porträts, dazu Texte wie humanistische Traktate, Inventare, Luxusordnungen, Briefe oder Gerichtsakten. Dass sie sich im Wesentlichen auf die deutschen Verhältnisse konzentriert, begründet Rublack mit der besonderen Charakteristik der deutschen Bildproduktion dieser Zeit: Deutsche Bilder seien in der Renaissance, im Gegensatz zu einer am Ideal orientierten italienischen Kunstproduktion, einem neuen Realitätssinn verpflichtet gewesen. Es wurden deshalb auch Soldaten, Bauern, das »gemeine Volk« dargestellt. Zudem habe das publizierte Bild in Deutschland im Kontext der Reformation eine so große Bedeutsamkeit erlangt wie nirgendwo sonst in Europa. Indem sie aber die deutsche Entwicklung zuweilen mit der in anderen europäischen Ländern oder mit der in China und Japan vergleicht, vermeidet Rublack eine einseitige Sicht.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Analyse der bürgerlichen, besonders der protestantischen Kleidungspraxis, wobei es Rublack auch gelingt, erstaunlich viele Details zur Kleidung der (urbanen) Unterschicht zusammenzutragen. Die Autorin wendet sich damit gegen die Vorstellung, dass vor allem der Adel »Trendsetter« für neue Moden und Stile war. So sind es zum Beispiel die Landsknechte, die mit ihren bunten Farben und den geschlitzten Beinkleidern und Ärmeln stilbildend wurden. Im Laufe des 16. Jahrhunderts entwickelte sich dann, so Rublacks These, ein neuer »dresscode« ehrbarer bürgerlicher Kleidung in den ökonomisch prosperierenden Reichsstädten, und zwar selbständig und nicht als »abgesunkenes Kulturgut« einer zunächst höfischen Mode. Die Zentrierung der Untersuchung auf das urbane Milieu bringt es jedoch auch mit sich, dass die Rolle der Kleidung im adligen Kontext nur gestreift wird und höfische Moden eher im Zerrspiegel reformatorischer Propaganda erscheinen.
Zu welch differenzierten und weiterführenden Ergebnissen man kommen kann, wenn man Bildquellen wirklich ernst nimmt und sich nicht mit vorschnellen Pauschalurteilen zufrieden gibt, zeigt Rublack im zweiten Kapitel, das sich mit dem Kostümbuch des Matthäus Schwarz befasst. Dieses erstaunliche Werk mit seinen 135 Aquarellen dokumentiert nicht nur die Lebensstationen des Buchhalters der Fugger und seine sozialen Rollen im Spiegel seiner Kleidung. Da die Bilder nicht in der Rückschau entstanden und Schwarz realistische Darstellungen wünschte, war die Manipulation der eigenen Biographie als Erfolgsgeschichte nicht möglich. So zeigt das Büchlein zugleich die Grenzen dieser sozialen Rollen und die Brüche im Lebenslauf, zeigt die Emotionalität des Porträtierten, dem erst spät eine standesgemäße Heirat gelang, und seine Fixierung auf seinen Patron Anton Fugger, mit dessen Tod das Buch endet.
Im dritten Kapitel, das die Herausbildung einer religiösen Identität durch Kleidungspraktiken untersucht, kann man verfolgen, wie sich ein verbindlicher Kleidungskodex für reformatorische Pfarrer herausbildete. Deren Erscheinung sollte »ehrbar« und bürgerlich wirken, sich gleichermaßen von Prunk wie idealisierter Armut abgrenzen, denn beides galt als kulturelles Modell des bekämpften Katholizismus. Folgerichtig wirkt so die Orientierung an der Kleidung der intellektuellen Elite der Zeit, die zugleich Würde und Autorität bezeichnen sollte.
Im vierten Kapitel analysiert Rublack den Zusammenhang von nationalen Argumentationen und Kleidung. National gesinnte Humanisten kritisierten ausländische Kleidung und fremde Sitten, die die Deutschen korrumpieren könnten. Trachtenbücher zeigten, dass besonders Frauen durch eine sittsame, hochgeschlossene Kleidung ihre Tugend unter Beweis stellen sollten, deutsche (im Gegensatz zu italienischer) Kleidung sollte die Geschlechtergrenzen deutlich markieren. Die Grenzen der Wirksamkeit dieses Moraldiskurses sind ebenso deutlich: Statt etwa französische Kleidung als effeminiert abzulehnen, wie dort empfohlen wurde, wuchs ihr Einfluss auf deutsche Männer; sich nach französischer Art zu kleiden wurde zum Zeichen von Geschmack und Eleganz.
Der Blick auf die Fremden und ihre äußere Erscheinung, dazu die Aufnahme von Produkten aus Übersee in den deutschen Kleidungskontext stehen im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Rublack stellt heraus, dass in der Visualisierung des Fremden nicht nur Stereotype reproduziert werden. Das Trachtenbuch des Christoph Weiditz von 1530 etwa dokumentiert bereits ein erstaunlich offenes ethnographisches Interesse am Anderen.
Das sechste Kapitel nimmt die Frage des konkreten Gebrauchs von Kleidung unter die Lupe. Anhand des Briefwechsels zwischen dem Studenten Friedrich Behaim (geboren 1563) und seiner Mutter wird deutlich, wie stark sich die Beziehung zwischen Mutter und Sohn auch über das Thema Kleidung definierte. Ausgehandelt werden mussten textile Neuanschaffungen und ihr Preis, lag dieser zu hoch, erstand der Sohn auch gebrauchte Kleidung. Er bewegte sich im Spannungsfeld von sozialen Anforderungen an eine angemessene äußere Erscheinung und finanziellen Vorgaben seiner Mutter, die ihrem Sohn einschärfte, sich keine adligen Prätentionen zu leisten.
Im Protestantismus bildete eine moralisierende Luxuskritik heraus, die die Sünde der Eitelkeit brandmarkte und zu strikten Kleidervorschriften vor allem für Frauen führte. Im fünften Kapitel wird jedoch nicht nur dieser Zusammenhang für Nürnberg dargestellt, sondern zugleich gezeigt, mit welchem Einfallsreichtum sich die Einwohner den Restriktionen zu entziehen suchten. Statt des rigiden, grau-braunen protestantischen Deutschlands, das einige Historiker seit dem 16. Jahrhundert dominieren sehen, betont Rublack emphatisch die Farbigkeit der Kleidung und den Einfallsreichtum, den Bürger wie auch Angehörige der Unterschicht an den Tag legten, um ihre Kleidung zu gestalten. Eindrucksvoll ist, wie viele Belege sie für ihre These etwa aus Inventaren und anderen Quellen zusammenträgt. Es stellt sich allerdings die Frage, wie Luxusordnungen und tatsächliche Kleidungspraxis sich im katholischen urbanen Milieu ausnahmen, hier wäre ein Vergleich aufschlussreich gewesen.
Rublack ist ein Buch gelungen, das durch seine überzeugenden Thesen ebenso besticht wie durch seine detaillierten Analysen und spannenden Einblicke in den Alltag der Renaissancezeit. Dabei ist besonders erfreulich, dass sie sich wirklich beiden Geschlechtern zuwendet. So schildert sie nicht nur Einschränkungen, denen Frauen durch Moral und Luxusordnungen unterlagen, sondern auch die Zwänge, die Männer erlebten, wenn sie etwa in modisch enganliegender Kleidung ihre körperlichen Mängel offenbaren mussten.
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: Rezension von: Ulinka Rublack, Dressing Up. Cultural Identity in Renaissance Europe, Oxford (Oxford University Press) 2010, XXII–354 p., 156 ill., ISBN 978-0-19-929874-7, GBP 30,00. In: Francia-Recensio 2011/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/FN/rublack_talkenberger Veröffentlicht am: May 21, 2013 Zugriff vom: May 21, 2013

