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J. Hardman, Ouverture to Revolution (Bernd Klesmann)

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John Hardman, Ouverture to Revolution. The 1787 Assembly of Notables and the Crisis of France’s Old Regime

Francia-Recensio 2011/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

John Hardman, Ouverture to Revolution. The 1787 Assembly of Notables and the Crisis of France’s Old Regime, Oxford (Oxford University Press) 2010, X–338 S., ISBN 978-0-19-958577-9, USD 115,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bernd Klesmann, Paris

Der Autor der vorliegenden Studie hat unser Wissen über Persönlichkeit, Regierungspraxis, höfisches Umfeld und Sturz Ludwigs XVI., die Konstellationen der rivalisierenden Minister und die Argumentationen und Aktivitäten ihrer Anhänger bereits in mehreren Werken erheblich erweitert1. Sein nunmehr enger fokussiertes Buch widmet sich einer Schlüsselphase der vorrevolutionären Dynamik in Frankreich, der Notabelnversammlung vom Frühjahr 1787, deren Hauptzweck bekanntlich in der Abwendung des Staatsbankrotts durch eine umfassende Haushaltsreform bestand. Wie gleich im Vorwort treffend ausgeführt wird, hat diese Versammlung seit langer Zeit zahlreiche Historiker zu verschiedenen Analysen angeregt (darunter Ranke 1846), die sich jedoch häufig bewusst auf isolierte Aspekte konzentrierten2. Umso stärker beeindruckt die Meisterschaft Hardmans, das »embarrassment of riches« der Quellenüberlieferung (S. VII) zu einer packenden Erzählung zusammenzufügen, die den Leser mit detektivischer Sensibilität hinter die Kulissen der Hofpolitik führt, ohne den gesellschaftlichen Kontext des Geschehens zu ignorieren. Wörtlich ins Englische übersetzte Protokollierungen verschiedener Äußerungen und Dialoge der historischen Akteure sowie wohldosiert eingestreute Shakespeare-Zitate und entsprechende Anspielungen (Richard III, King Lear, Macbeth) verleihen der Darstellung eine spezifisch britische Dramatik.

Aus einer vergleichenden Analyse umfangreicher Archivbestände, der Papiere des contrôleur général, der Aufzeichnungen weiterer Minister (Breteuil, Castries, Miromesnil) und übriger Teilnehmer der Versammlung rekonstruiert der Autor mit viel Liebe zum Detail die Chronologie der Debatten und Vorgänge in Versailles vom Sommer 1786, als die Einberufung der Notabelnversammlung vorgeschlagen wurde, über die Auswahl der Teilnehmer (Jahresende 1786) bis zum Herbst 1788 und der zweiten Assemblée des notables, wobei der Schwerpunkt auf den Monaten des ersten Treffens, Februar bis Mai 1787, liegt. Im Vergleich zu den älteren Standarduntersuchungen3 zahlt sich diese Quellennähe durchweg aus, gelingt es doch an vielen Stellen, die bekannten ministeriellen Streitfragen bis in die Diskussionsprotokolle der einzelnen Beratungsgremien hinein nachzuverfolgen und so überhaupt in ihrer wirklichen Bedeutung zu zeigen: Funktion und Besetzung der geplanten Provinzialversammlungen, Reichweite und Form der neuen Grundsteuer, Aufhebung der Binnenzölle etc. werden nicht nur als Gegenstände offizieller Denkschriften, sondern zugleich als brisante Problemfelder einer sich gewissermaßen wöchentlich zuspitzenden Staatskrise betrachtet, die jeweils begründete Stellungnahmen der verschiedenen Interessengruppen verlangten. Die persönliche und politische Haltung des Königs wird ständig mitbedacht. Kein künftiger Text zum Thema wird diese Synthese außer Acht lassen.

Erstmals wird im Gegensatz zu früheren Darstellungen auch der Versuch unternommen, die Gesamtheit der einberufenen »Notabeln« nach Begriffen einer klientelistisch-politischen Gruppenstruktur zu ordnen. Dieses auch in einem eigenen Anhang dokumentierte Personenraster erscheint zwar insgesamt ausbaufähig, wirft aber die tatsächlich zentrale Frage nach Sozial- und Gruppenprofil der beteiligten Entscheidungsträger auf4.

Im Vergleich zur aktuellen Darstellung Vivian Gruders5 wird der Öffentlichkeitsaspekt mit Zurückhaltung behandelt, ohne jedoch ausgeblendet zu werden. Im Gegenteil scheinen immer wieder Gedanken und Fragen auf, die über eine Nachzeichnung der Konfliktlinien rivalisierender Hofcliquen weit hinausgehen: Wie standen die Notabeln zu neuartigen Formen politischer Soziabilität (S. 147)? Wie direkt war die Opposition der Notabeln durch ihre öffentliche Verspottung als bloße Jasager bedingt (S. 181)? War der Sturz Calonnes in den Augen der Öffentlichkeit mit dem des Earl of Strafford 1640 vergleichbar? Inwiefern bildeten die umstrittenen Kompromisslösungen Loménie de Briennes den Auftakt zur Revolution (S. 253–256)? Wie kam es zum Popularitätseinbruch der Notabeln zum Zeitpunkt ihrer zweiten Zusammenkunft 1788 und zum folgenden »Erwachen« des Tiers-état (S. 285–297)? Die Beispiele ließen sich vermehren und zeugen vom vielseitigen Nutzen der vorliegenden Neuinterpretation. Quellenkritische Differenzierung wäre hingegen sinnvoll in den (zu Recht) häufigen Erwähnungen der »Mémoires secrets«, die in einzigartiger Präzision die Beobachtungen der Pariser Opposition spiegeln: Der durchgängig als persönlicher Autor erwähnte Bachaumont war lange verstorben, die neuere Forschung geht von einem wechselnden Autorenkollektiv aus6. Gerade im angestrebten Vergleich mit den langfristigen Strukturmerkmalen des Ancien Régime könnte schließlich ein etwas längerer Seitenblick auf die traditionellen Notabelnversammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts helfen, die unvorhersehbare Dynamik der Vorgänge von 1787 besser zu verstehen, die mit dem Autor durchaus als eine Art Protorevolution (S. 285) zu begreifen sind.

1 John Hardman, Louis XVI, New Haven, CT 1993; ders., French Politics 1774–1789, from the Accession of Louis XVI to the Fall of the Bastille, London 1995; ders., Munro Price (Hg.), Louis XVI and the Comte de Vergennes: correspondence 1774–1787, Oxford 1998; ders.: Robespierre, New York 1999; ders., Louis XVI: the Silent King, London 2000.

2 Zuletzt Vivian R. Gruder, The Notables and the Nation: The political Schooling of the French, 1787–1788, Cambridge/MA, London 2007; Olga Ilovaïsky, La disgrâce de Calonne, Paris 2008. Auch der Rezensent hat sich für die Thematik interessiert, vgl. Reformabsolutismus und »révolte nobiliaire«: Conrad-Alexandre Gérard und die Notabelnversammlung 1787, in: Francia 35 (2008), S. 251–271.

3 Albert Goodwin, The Assembly of French Notables in 1787 and the Origins of the »révolte nobiliaire«, in: English Historical Review 61 (1946), S. 202–234, 329–377; Jean Égret, La Pré-révolution française, 1787–1788, Paris 1962.

4 In den Namenslisten, die in dieser kursorischen Form bereits 1787 publiziert worden waren, müsste es u. a. richtig heißen: Bochart de Saron, Crignon de Bonval(l) et, Croix d’Heuchin, Giraud Duplessis, Isnard, Lançon, (Camus de) Pontcarré. Über viele der Personen ist nach wie vor sehr wenig bekannt.

5 Gruder, wie Anm. 2.

6 Vgl. die Einführung von Christophe Cave und Suzanne Cornand zur bisher fünf Bände umfassenden kommentierten Edition, in: Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la république des lettres en France, depuis 1762 jusqu’à nos jours, Bd. 1, Introduction générale. Années 1762–1765, Paris 2009, S. XIII–IXXXVI, sowie den Tagungsband von Christophe Cave (Hg.), Le règne de la critique. L’imaginaire culturel des »Mémoires secrets«, Paris 2010.

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Dokument zuletzt verändert am: Jan 31, 2012 02:53 PM
Zugriff vom: May 25, 2012