P. de Mézières, Une épistre lamentable et consolatoire (Gisela Naegle)
Philippe de Mézières, Une épistre
lamentable et consolatoire. Adressée
en 1397 à Philippe le Hardi, duc de Bourgogne, sur la défaite de
Nicopolis (1396), publiée pour la Société de l’histoire de
France par Philippe Contamine et Jacques Paviot, avec la
collaboration de Céline Van Hoorebeeck, Paris (Société de
l’histoire de France) 2008, 269 p., ISBN 978-2-35407-116-5, EUR
46,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Gisela Naegle, Gießen/Paris
Die vorliegende Edition fügt der Kette der zahlreichen Arbeiten von Philippe Contamine zum Krieg im Mittelalter und von Jacques Paviot zur burgundischen Kreuzzugspolitik und zur Schlacht von Nikopolis1 eine weitere interessante Fortsetzung hinzu. Das Werk Philippe de Mézières (um 1327–1405) stieß in den letzten Jahren auf ein wachsendes Interesse, das bereits zu mehreren Veröffentlichungen und der neufranzösischen Übersetzung seines »Songe du Vieil Pelerin« durch Joël Blanchard (2009) geführt hat. Bisher war die »Épistre lamentable et consolatoire« nur in der am Ende des 19. Jahrhunderts von Joseph Kervyn de Lettenhove publizierten stark gekürzten Fassung zugänglich (Froissart, Œuvres, Chroniques, Bd. 16, Bruxelles 1872, Ndr. Osnabrück 1967, S. 444–523), es fehlte jedoch eine kommentierte Gesamtedition des Textes.
De Mézières, der nach einem prägenden Erlebnis auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem (1347) sein gesamtes Leben in den Dienst der Rückeroberung des Heiligen Landes und der Vorbereitung eines neuen Kreuzzuges stellte, war nicht nur Autor zahlreicher literarischer Werke und Traktate, sondern auch Kanzler von Zypern unter den Lusignan, Rat des französischen Königs Karls V. und Erzieher des zukünftigen Karls VI. Er führte diplomatische Missionen und zahlreiche Reisen durch und nahm aktiv an Militärexpeditionen teil. Darüber hinaus setzte er sich für die Kanonisierung des päpstlichen Kreuzzugslegaten Pierre Thomas († 1366), dem er sich sehr verbunden fühlte, und für die Einführung des von der Ostkirche gefeierten Festes Mariä Tempelgang (21. November) ein.
Anlass für die Abfassung der »Épistre« war die Niederlage eines christlichen Heeres gegen die osmanischen Truppen des Sultans Bājezīd I. im September 1396 vor der Festung Nikopolis im heutigen Bulgarien. In dieser Schlacht, die von König Sigismund von Ungarn angeführt und bei der auf burgundischer Seite Jean de Nevers (der spätere Herzog Johann Ohnefurcht), Sohn und Erbe Herzog Philipps des Guten, maßgeblich war, kam es zu sehr hohen Verlusten. Eine große Zahl christlicher Ritter, darunter auch Jean de Nevers und Enguerran VII. de Coucy, gerieten in Gefangenschaft. Viele von ihnen kamen erst nach Zahlung hoher Lösegelder wieder frei. Diese schwere Niederlage war aus der Sicht de Mézières eine gemeinsame Wunde (plaie commune) aller christlichen Fürsten, die ein Heilmittel (medicine) und Tröstung, aber auch Vergeltung für die erlittene Schande erforderte, so dass er mehrfach zur Rache aufrief. Am schwersten betroffen von den Folgen der Niederlage waren seiner Meinung nach der Herzog von Burgund, dessen Sohn sich damals noch in Gefangenschaft befand und dem de Mézières sein Werk widmete, der französische König und König Sigismund. Das vorgeschlagene Heilmittel für die tiefe Wunde bestand in der Schaffung eines neuen Ritterordens, des Ordre de la Passion de Jésus-Christ. Ziel des Ordens war die Rückgewinnung des Heiligen Landes und Jerusalems. Philippe de Mézières betrieb seine Gründung schon seit Jahrzehnten unermüdlich, aber mit geringem praktischem Erfolg. Für dieses Projekt verfasste er bereits 1367–1368 und 1384 und schließlich noch einmal 1395–1396 unterschiedliche Fassungen einer Ordensregel. Als grundlegend sah er eine Reform des europäischen Rittertums an, auf dessen Versagen und Disziplinlosigkeit er das Desaster von Nikopolis zurückführte. Im Zentrum der Reform sollten die vier Tugenden règle, discipline de chevalerie, obéissance und justice stehen. Jedem Teil der europäischen Ritterschaft, die nach geographischen Prinzipien eingeteilt wurde, dachte er eine besondere Aufgabe zu.
Neben religiös-moralischen Überlegungen und – für die Texte Philippe de Mézières typischen, äußerst zahlreichen Allegorien – enthält das Werk auch praktischere Überlegungen zur Finanzierung, der Rekrutierung der Ordensmitglieder und zu deren Lebensweise. Besonders interessant sind Überlegungen, ob man zur Befreiung der Gefangenen von Nikopolis den Weg der Verhandlungen oder des Krieges wählen solle und die auf Jugenderinnerungen de Mézières gestützten Informationen über den Gegner, die Türken, die man gut kennen müsse, um militärisch erfolgreich sein zu können. Am Ende des Textes steht die Erscheinung (vision en esperit) Jean de Blaisys, die der »Vieil Solitaire« (i. e. Philippe de Mézières) in der Kapelle der Coelestinerordensniederlassung in Paris hatte. Jean de Blaisy, einer der vier vom Autor erwähnten »Evangelisten«, die in Europa zwischen 1385 und 1396 die gute Nachricht seines neuen Ritterordens verbreiteten, richtet dabei als Abgesandter der Gefangenen von Nikopolis noch einmal einen eindringlichen Appell im Sinne de Mézières an den König von Frankreich, den Herzog von Burgund und die europäischen Fürsten.
Die Herausgeber ergänzen ihren Text durch eine ausführliche, vierteilige Einleitung. Die ersten beiden Abschnitte enthalten wichtige und sehr nützliche Informationen zum Leben und Werk Philippe de Mézières und zum historischen Hintergrund der Ereignisse von Nikopolis, die von den Zeitgenossen als »voyage de Hongrie« tituliert wurden. Unter den Hintergrundinformationen befindet sich auch die Übersetzung einer bisher unedierten, spätestens auf 1400 zu datierenden Darstellung der Ereignisse von Nikopolis aus der Feder des Offizials von Corbie, Étienne de Conty (S. 63f.). Das dritte Kapitel widmet sich der Analyse der »Épistre«. Der vierte und letzte Teil enthält Erläuterungen zur edierten Handschrift (Bruxelles, Bibliothèque royale de Belgique, MS. 10486) und deren wechselvoller Geschichte. Die Aufteilung des Textes der »Épistre« folgt der Gliederung der Handschrift. Zwei Anhänge mit Erklärungen zu den »vier Evangelisten« (Robert Le Mennot dit L’Ermite, Louis de Giac, Oton de Grandson und Jean de Blaisy) und der Edition des Testaments von Philippe de Mézières vom 4. Juni 1405 liefern weiteres aufschlussreiches Zusatzmaterial. Hinzu kommen eine Inhalts- und Kapitelübersicht, Hinweise zur Textgestaltung und ein Orts- und Namenregister. Die Herausgeber präsentieren ihren Text mit einer Reihe detaillierter und kenntnisreicher Anmerkungen, die das Verständnis erleichtern.
Insgesamt gesehen handelt es sich um eine sorgfältig erstellte und bestens gelungene Edition, die einen sehr bedeutenden Beitrag zur weiteren Erforschung des Werkes Philippes de Mézières, aber auch zur Geschichte der Kreuzzüge leistet. Dies gilt umso mehr, als die »Épistre lamentable et consolatoire« zahlreiche Querverbindungen zu den übrigen Werken des Autors aufweist.
1 Jacques Paviot, Les ducs de Bourgogne, la croisade et l’Orient (fin XIVe siècle–XVe siècle), Paris 2003 (Cultures et civilisations médiévales, 27); ders. (Hg.), Projets de croisade (v. 1290–v. 1330), Paris 2008 (Documents relatifs à l’histoire des croisades, 20); ders., Martine Chauney-Bouillot (Hg.), Nicopolis, 1396–1996, Dijon 1996 (Annales de Bourgogne, 68/3).
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