L. Burnand, Les Pamphlets contre Necker (Bernd Klesmann)
Léonard Burnand, Les Pamphlets contre
Necker. Médias
et imaginaire politique au XVIIIe
siècle, Paris (Éditions classiques Garnier) 2009, 409 S. (L’Europe
des Lumières, 2), ISBN 978-2-8124-0066-7, EUR 59,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Bernd
Klesmann, Paris
Der Autor der vorliegenden Studie hat sich in den vergangenen Jahren von der Université de Lausanne und dem dortigen Institut Benjamin Constant aus bereits vielfach mit Leben und Werk Neckers beschäftigt (zuletzt: Necker et l’opinion publique, Paris 2004) und kann diese Arbeiten mit großem Gewinn für sein neues Vorhaben nutzen. Im Zentrum der hier anzuzeigenden Darstellung, die aus einer Dissertation bei Étienne Hofmann (Lausanne 2008) hervorgegangen ist, steht die Gesamtheit der gegen Necker gerichteten französischen Publikationen der Jahre 1775–1790, von der guerre des farines bis zum endgültigen Rückzug aus dem Ministeramt (etwa 150 Schriften, Verzeichnis S. 367–376), ein Textkorpus, das in seiner Besonderheit bisher noch nicht kritisch dokumentiert und zum Gegenstand einer eigenen Untersuchung geworden ist.
So kann selbst ein Akteur wie Necker, dessen politische Wirksamkeit keineswegs unerforscht ist, dank der originellen Neuausrichtung der Fragestellung noch einmal von einer durchaus teilweise bekannten, aber nie wirklich nachgezeichneten Seite gezeigt werden, nämlich durch die Brille seiner zahlreichen Gegner: Mit Turgot und den Physiokraten, Condorcet, dem Abbé Morellet, Augeard, Panchaud, Calonne und den fermiers, Mirabeau junior, Rivarol, Rutlidge, Marat u. a. bilden die Autoren der analysierten Texte ein breites Spektrum prominenter Reform- und Revolutionskontroversen ab, so dass vor den Augen des Lesers ein Großteil der Geschichte Frankreichs im untersuchten Zeitraum lebendig wird. Eine chronologisch-thematische Gliederung, die zwanglos die innere Logik und Entwicklung der wichtigsten Debatten nachvollzieht, sowie der durchweg klare und flüssige Stil, der en passant eine gelungene Auswahl der prägnantesten satirischen Spitzen bietet, machen die Lektüre zum Vergnügen.
Als problematisch erweist sich allenfalls eine unausweichliche Fokussierung auf die polemischen Aspekte der Debatten, die Necker an vielen Stellen zum beinahe wehrlosen Opfer einer Übermacht von Gegnern stilisiert, die in der Wahl ihrer Mittel wenig Bedenken trugen. Dennoch bemüht sich der Verfasser stets um eine ausgewogene Position, indem beispielsweise neben der angeblichen »autosatisfaction« des Kritikers Augeard, die aus einem Porträt Carmontelles sprechen soll (S. 85), auch der nüchtern diagnostizierte »amour-propre – qui est immense –« des Genfer Bankiers Erwähnung findet (S. 101). Durch die zeitliche Perspektive der Untersuchung werden allerdings die Ursprünge des beträchtlichen Neckerschen Vermögens, Hauptzielscheibe zahlloser Angriffe, nicht beleuchtet, so dass dessen Invektiven von 1775 gegen die Ungerechtigkeit der Vermögensverhältnisse im zeitgenössischen Frankreich (S. 27–33) nicht neu plausibilisiert werden können. Man könnte sich auch fragen, ob die hier gegebene Zusammenfassung der Reformen der Finanzverwaltung, die Necker während seiner ersten Amtszeit ins Werk setzte (S. 78–82), hinreichend berücksichtigt, dass nicht alle Forscher der Meinung sind, hier sei schlicht eine »gestion plus rationelle« (S. 82) vorbereitet worden, sondern dass auch Zweifel an Neckers Kenntnissen und Vorgehensweise in dieser Frage möglich sind, wie sie etwa aus der Perspektive des Königtums Michel Antoine formuliert hat.1
Der sehr informative, abschließende Teil zum Bild Neckers in der Historiographie (S. 309–349) geht teilweise auf heute weniger bekannte Aspekte der Memoria des berühmten und vielgeschmähten Genfers ein, etwa auf die parlamentarischen und öffentlichen Debatten um das hochumstrittene Theaterstück »Le banquier sans visage«, das der Journalist und Dramaturg Walter Weideli 1964 zum 150. Jahrestag des Beitritts der Republik Genf zur Helvetischen Konföderation mit großem Erfolg zur Aufführung brachte. Ob es gerechtfertigt ist, kritische Einschätzungen Neckers in der jüngeren Forschung (Guy Chaussinand-Nogaret 1982 als Anwalt Mirabeaus, Pierre Escoube 1984 als Biograph des Sénac de Meilhan, Michel Vovelle 1988 als Verteidiger Marats gegen Necker) schlicht dem Fortleben einer »légende noire« zuzurechnen (S. 342f.), wird vermutlich für weiteren Diskussionsbedarf sorgen. Vor allem aber wird das an Robert Darnton anschließende Plädoyer des Autors für eine Erneuerung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der reichen Pamphletliteratur des 18. Jahrhunderts womöglich Debatten um die Entstehungsbedingungen eines »imaginaire collectif« anregen (S. 357), das als kulturgeschichtliche Grundlage verschiedener Entwicklungen der Revolutionszeit zwar schon seit längerem untersucht wird, das aber von systematischen Studien wie der vorliegenden nur profitieren und an Präzision gewinnen kann.
1 Michel Antoine, Le cœur de l’État. Surintendance, contrôle général et intendance des finances, 1552–1791, Paris 2003, S. 503–523.
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