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H. Selderhuis, Johannes Calvin (Christian Mühling)

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Herman J. Selderhuis, Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel. Eine Biografie. Aus dem Niederländischen übersetzt von Berthold Tacke

Francia-Recensio 2011/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Herman J. Selderhuis, Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel. Eine Biografie. Aus dem Niederländischen übersetzt von Berthold Tacke, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2009, 317 S., ISBN 978-3-579-06489-5, EUR 24,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christian Mühling, Marburg

Die Biographie des niederländischen Kirchenhistorikers Herman Selderhuis »Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel« reiht sich in die zahlreichen Erscheinungen zum 300. Geburtstag des französischen Reformators im Jahr 2009 ein. Nunmehr liegt auch eine Übersetzung dieses Werkes durch Berthold Tacke in deutscher Sprache vor.

Die Biografie ist als Einführungs- und Überblicksdarstellung konzipiert und weist eine prinzipiell chronologische Struktur auf, die aber gleichzeitig durch thematische Schwerpunkte wieder aufgelöst wird. Selderhuis hat diese Schwerpunkte meist mit metaphorischen Überschriften wie »Der Steuermann (1555–1559)« kenntlich gemacht (S.  257). Unterhalb dieser Ebene gliedern sich die einzelnen Kapitel durch Zwischenüberschriften, die in kurzen Abständen folgen. Eine Zeittafel zu Beginn verschafft einen Überblick über die historischen Ereignisse des 16. Jahrhunderts. Am Ende der Darstellung finden sich Biogramme wichtiger Zeitgenossen Calvins (S. 311).

Als Quellenbasis dienen dem Autor vor allem die Selbstzeugnisse des Reformators. Er hat sich hier besonders auf die Analyse der Briefwechsel konzentriert und bekanntere Werke wie die »Institutio Christianae Religionis«, Predigten oder Kommentare zu den einzelnen Büchern der Bibel nur ergänzend herangezogen. Literaturhinweise findet man aufgrund des Einführungscharakters der Darstellung hingegen nur sehr wenige und dies auch nur gegen Ende des Buches.

Selderhuis analysiert Johannes Calvin auf der Basis dieses Quellencorpus in dreifacher Weise. Erstens stellt er Calvin als ganzen, d. h. rationalen und emotionalen, materiellen und ideellen Menschen in seinen sozialen Beziehungen dar, zweitens lässt sich ein deutlicher theologischer Schwerpunkt erkennen, der Calvins Leben in seiner Beziehung zu Gott nachforscht und drittens zeigt er seine Wirkung auf die Reformierten in der Nachfolge des Reformators selbst auf.

Selderhuis beschreibt Calvin als eine ordnungsliebende, schüchterne, kränkliche, dennoch streitbare, aber auch selbstkritische Persönlichkeit. Unordnung war für Calvin eine Sünde. Seine Ordnungsliebe wirkte sich nicht nur auf seine Theologie und Moralvorstellungen, sondern auch auf die kirchlichen Institutionen aus, die er in Genf errichtete (S. 72f., 94). Trotz des unbestreitbaren Einflusses, den er auf seine Zeit hatte, war er nach eigenen Aussagen selbst eine schüchterne Persönlichkeit (S. 39). Diese Schüchternheit fiel erst von ihm ab, sobald er die Feder ergriff oder auf der Kanzel stand. So gab er zu, große Schwierigkeiten zu haben, Toleranz zu üben und Frieden zu wahren. Da er nicht lügen konnte, erklärte er es zu seinem Grundsatz, immer offen und konsequent zu sprechen, was nicht gerade zu seiner Mäßigung im Umgang mit Andersdenkenden beitrug (S. 41). Dennoch reflektierte sich Calvin permanent selbst und ging mit sich mindestens genauso scharf ins Gericht wie mit seinen Mitmenschen (S. 39). Die stetige physische und psychische Überlastung führte seit seiner Jugend zu andauernden Krankheitssymptomen, die er u. a. durch Selbstdisziplin zu überwinden suchte (S. 235–241).

Der Mensch Calvin ist nur verstehbar, wenn man ihn als Gläubigen, Pastor und Theologen begreift. Calvin las die Bibel als eigene Biographie (S. 85). Er sah sich in der Nachfolge Abrahams und der Propheten (S. 54, 83, 243). Der Reformator betrachtete dabei sein irdisches Leben als einen Schritt auf dem Weg zum Himmel, den er als sein eigentliches Vaterland ansah (S. 50). Sein ganzes Leben und Tun ordnete er dem göttlichen Willen unter; ohne dieses Faktum sei Calvin nicht zu verstehen, betont der Autor (S. 51). Da er jeden Menschen als Sünder begriff und deshalb mit gleicher Strenge behandelte, spricht Selderhuis von einem prinzipiellen Egalitarismus des Theologen Calvin, den er auch auf die Calvinisten übertragen habe (S. 100).

Der Autor sieht die Bedeutung Calvins vor allem in der Gründung einer weltweiten Glaubensgemeinschaft, die ohne ihn nicht verstehbar ist (S. 9). Lebenspraktisch ist dies schon zu Calvins Zeiten deutlich geworden, wenn der Reformator seine Glaubensgenossen wie Moses im Alten Testament die Israeliten aufforderte, Ägypten d. h. Frankreich zu verlassen und in Genf – dem gelobten Land – Zuflucht zu suchen (S. 90). Die biblische Vergangenheit stand für Calvin in Kontinuität zur Gegenwart. Geschichte war dabei schon immer die Geschichte zwischen Gott und seinem auserwählten Volk (S. 138). Ausgehend von der Person des Genfer Reformators hebt Selderhuis deshalb auch immer wieder die Bedeutung Calvins Lebens und damit verbunden seiner Theologie für das Leben, die Theologie und das Handeln der Reformierten in Vergangenheit und Gegenwart hervor. Implizit rezipiert Selderhuis die Idee, die Reformierten hätten in der Nachfolge Calvins eine »Exulantentheologie« ausgebildet (S. 45).1 Analog zu Calvin sieht Selderhuis die (orthodoxen) Reformierten durch die Lehre von der Prädestination ermuntert, den rechten Weg einzuschlagen (S. 50). In Nachfolge Calvins trieben sie eine konsequente Moral und Lebensführung soweit auf die Spitze, dass sie es auch in Kauf nahmen, Menschen aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen, die eigentlich dazugehörten (S. 63f.).

So reißt »Johannes Calvin« die ganze Breite von Leben, Werk und Wirkung des großen Reformators an, ohne tiefer auf allzu spezielle Forschungsfragen einzugehen.

Die am Ende stehenden Biogramme wichtiger Zeitgenossen Calvins werfen die Frage nach ihrer Auswahl auf. Warum fehlen dort beispielsweise Martin Luther, Théodore de Bèze, Guillaume Farel, Pierre Viret, John Knox oder Thomas Cranmer, wenn schon Erasmus von Rotterdam, Ulrich Zwingli, Nicolas Cop oder Johannes Oekolampad auftauchen? Hier kann man sicher geteilter Meinung sein.

Schwieriger verhält es sich bei der Annahme eines calvinischen und daraus resultierenden reformierten Egalitarismus, der zwar bis zu einem gewissen Grade nachvollziehbar ist, jedoch derart verkürzt nicht im Raum stehen bleiben kann (vgl. S. 100, 147).2

Genauso enttäuschend ist eine Kritik und eine – leider wie so oft – verkürzte Rezeption der Protestantismusthese Max Webers, in der Selderhuis ankreidet, dass Calvin sich gegen den aufkommenden Kapitalismus gewandt habe und deshalb nicht als Vater des aufkommenden Kapitalismus bezeichnet werden könne (S. 262). Bei aller Überholtheit der Protestantismusthese verkennt die Argumentation, dass Weber selbst schon diesen Gedankengang in seine Argumentation mit einbezogen hatte.3 Selderhuis Verweis auf Calvins soziales Programm, Reichtümer an die Bedürftigen zu verteilen, erscheint dann in diesem Zusammenhang mehr als eine gegen Weber gerichtete Apologie der reformierten Kirche der Gegenwart denn als eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem soziologischen Klassiker (vgl. S. 271). Eine tiefere Auseinandersetzung wäre hier wünschenswert gewesen.

Am schwersten aber wiegt die unübersichtliche Struktur mit ihren metaphorischen Überschriften, die verhindert, »Johannes Calvin« als Handbuch oder Nachschlagewerk nutzen zu können. Außerhalb der weitestgehend eingehaltenen Chronologie ist keinerlei Stringenz zu erkennen, auch wenn gewisse Schwerpunkte, wie oben skizziert, immer wiederkehren. Eine gewisse Orientierung verschafft allenfalls die vorangestellte Zeittafel, die es dem interessierten Laien ermöglicht, eine bessere Einordnung der Erzählung in die historischen Zusammenhänge vorzunehmen.

Sieht man von diesen Mängeln ab, sticht die methodische Qualität des Werkes ins Auge. Die Konzentration auf den Briefwechsel Calvins als Quellenbasis für seine Biographie erlaubt dem Autor, den Vielschreiber Calvin in seinen sozialen Beziehungen darzustellen. In seiner Belegpraxis ist Selderhuis sehr gründlich, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass seine Biographie beinahe als Quellensammlung zum Leben Calvins dienen kann.

Als Theologe hat Selderhuis den Vorteil, die grundlegende Bedeutung der Theologie für das Leben und Wirken Johannes Calvin besser herausarbeiten können, als dies vielen seiner Profanhistorikern möglich gewesen wäre. Ein zentraler Schwerpunkt seiner Darstellung ist deshalb auch das Verhältnis Calvins zu Gott, wie es programmatisch schon im Spannungsverhältnis des Untertitels »Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel« zum Ausdruck kommt. Selderhuis stellt Calvin dabei als Menschen dar, dem er in der ganzen Breite seiner Persönlichkeit gerecht zu werden versucht. So wendet er sich gegen das Bild des gefühllosen Stoikers und stellt Calvin als emotionalen Menschen aus Fleisch und Blut dar (S. 230).

Selderhuis beseitigt dabei auf humorvolle Weise gängige Calvin-Klischees und räumt mit dem Vorurteil auf, Calvin sei »jemand, der sein Leben lang an einer trockenen Dogmatik herumdoktert und in seiner Freizeit Ketzer verbrennt«, gewesen (S. 10). Er zeigt auf, dass viele Klischees auf die – im 16. Jahrhundert keinesfalls unübliche – weltliche Gesetzgebung Genfs zurückzuführen waren. Wenn Calvin hier als wichtigster rechtlicher Berater eingriff, dann meist in abmildernder Weise, wie etwa im Prozess gegen den Antitrinitarier Michel Servet. (S. 145, 147, 247) Auch Genf selbst wird so keinesfalls zur theokratischen Tyrannis stilisiert. Selderhuis zeigt vielmehr seine Multikulturalität auf, die durch die Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge aus ganz Europa im 16. Jahrhundert entstanden war.

Die Darstellungsweise dieser Biographie lässt sie zu einer äußerst kurzweiligen Lektüre werden, die nicht nur Theologen, Historiker und interessierte Laien in ihren Bann zieht, sondern durch ihre Machart darüber hinaus auch im Stande ist, ein breiteres Publikum anzusprechen. Hilfreich ist dabei vor allem der trocken-anzügliche Humor des Autors, wenn er zum Beispiel zu Beginn seiner Darstellung darauf verweist, dass der erste weibliche Körperteil, den Calvin küsste der tote Knochen einer Reliquie der »Heiligen« Anna gewesen sei und das – was dies betreffe – Calvin noch bessere Zeiten bevorgestanden hätten (S. 17).

Sieht man von der verkürzten Weber-Rezeption und der in dieser Form zweifelhaften These, Calvin und die Reformierten hätten eine egalitäre Weltsicht vertreten, einmal ab, ist »Johannes Calvin« eine inhaltlich gute Einführungsdarstellung zu seinem Leben und Werk. Die unübersichtliche Struktur verhindert aber leider die Nutzung der Biographie als Handbuch oder Nachschlagewerk. Unterzieht man sich jedoch der Lektüre, hat man aufgrund der Dichte der Quellenbelege eine brauchbare Quellensammlung zur Biographie des großen Reformators vor Augen. »Johannes Calvin« kommt das Verdienst zu, historische Methode, Kurzweiligkeit und Allgemeinverständlichkeit miteinander vereint zu haben, ohne dass eine dieser drei Größen merklich darunter gelitten hätte.

1 Wie dies zuvor schon Heinz Schilling formuliert hat: Heinz Schilling, Europa und die werdende Neuzeit – oder »Was heißt und zu welchem Ende studiert man europäische Geschichte?«, in: Royal Netherlands Acadamy of Arts and Sciences. Heineken Lectures 2002, Amsterdam 2003, S. 62–81, hier 78.

2 So hob beispielsweise Mario Turchetti jüngst hervor, dass die Aristokratie vielmehr als die Demokratie die bevorzugte Herrschaftsform Calvins gewesen sei: Mario Turchetti, Contribution de Calvin et du calvinisme à la naissance de la démocratie moderne, in: Philipp Benedict, James Bratt, Emido Campi u. a. (Hg.), Calvin et le calvinisme. Cinq siècles d’influence sur l’Église et la Société, Genf 2008, S. 291–329, hier 300. Gleiches gelte auch für die reformierte Kirche Frankreichs: ibd. S. 303.

3 Max Weber, Die Protestantische Ethik oder der Geist des Kapitalismus, herausgegeben und eingeleitet von Dirk Kaesler, 2. durchgesehene Auflage, München 2006, S. 104f.

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: Rezension von: Herman J. Selderhuis, Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel. Eine Biografie. Aus dem Niederländischen übersetzt von Berthold Tacke, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2009, 317 S., ISBN 978-3-579-06489-5, EUR 24,95.
In: Francia-Recensio 2011/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2011-1/FN/selderhuis_muehling
Veröffentlicht am: Mar 08, 2011
Zugriff vom: Nov 25, 2014
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