R. Belot, G. Karpman, L'Affaire suisse (Steffen Prauser)
Robert Belot, Gilbert Karpman, L’Affaire
suisse. La Résistance a-t-elle trahi de Gaulle?, Paris (Armand
Colin) 2009, 431 p. (Hors collection), ISBN 978-2-200-35051-2, EUR
23,40.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Steffen Prauser, Birmingham
Die deutschsprachige Literatur zu Frankreich im Zweiten Weltkrieg beschreibt die Résistance meist als eine Bewegung, die aus zwei gemeinsam den Besatzer bekämpfenden Lagern bestand, die sich aber gegenseitig misstrauten: den Gaullisten auf der einen Seite und den Kommunisten auf der anderen1. Französische Historiker versuchen seit geraumer Zeit gegen diese auch in Frankreich lange vorherrschende Sicht anzuschreiben, indem sie zum einen ihr Augenmerk auf die Widerständler richten, die Pétain lange Zeit treu zur Seite gestanden hatten und oft für die Vichyregierung tätig waren2. Zum anderen arbeiten sie zunehmend Spannungen und Spaltungen innerhalb des sogenannten gaullistischen Lagers heraus. Kaum einer hat sich dieser Aufgabe mit mehr Enthusiasmus verschrieben als Robert Belot. Zunächst widmete er dem Gründer der größten französischen Widerstandsgruppe (Combat), Herny Frenay, eine 2003 erschienene Biographie, in der er schon Frenays Zurückhaltung gegenüber de Gaulle und dessen Delegiertem im besetzen Frankreich, Jean Moulin, deutlich machte3. 2006 beschrieb Belot in »La Résistance sans de Gaulle« die Strömungen derer, die den Besatzungsmächten Widerstand leisteten, aber de Gaulle feindlich oder zumindest kritisch gegenüberstanden4. In »L’Affaire suisse« kommt Belot auf die bedeutendste Auseinandersetzung innerhalb des »gaullistischen« Flügels der Résistance zurück, die den Widerstand beinahe spaltete und Belot seit seiner Frenay Biographie ganz offensichtlich nicht mehr loslässt5.
Den Hintergrund der Affaire bildet der Konflikt zwischen de Gaulle und den Amerikanern, die nach der Landung der Alliierten in Französisch-Nordafrika dort nicht de Gaulle als Statthalter einsetzten, sondern Admiral François Darlan – lange Zeit die Nummer 2 im Vichy-Regime. Nach dessen Ermordung ersetzten sie diesen durch den leicht zu manipulierenden General Henri Giraud. Dass auch dieser Pétain nahestand und wie Darlan mit ehemaligen Würdenträgern Vichys und Dekreten des Regimes in Nordafrika weiter regierte, störte Washington dabei wenig. Für die Résistance und insbesondere de Gaulle war diese Entscheidung ein Schlag ins Gesicht. Dieser musste seine Energie im Jahr 1943 voll darauf konzentrieren sich zunächst neben Giraud zu behaupten und dann diesen auf das politische Abstellgleis zu schieben, auf dem die amerikanische Regierung eigentlich den Chef des freien Frankreichs sehen wollte.
Der Widerstand im Mutterland spielte in diesem Zweikampf bei der Legitimierung de Gaulles eine wichtige Rolle und sollte ihm mit Loyalitätsbekundungen den Rücken stärken. Im Januar 1943 war es Moulin gelungen, zunächst die drei größten Widerstandsgruppen (Combat, Libération Sud, Franc-Tireur) der ehemaligen »freien Zone«6 unter seiner Führung und dem Banner de Gaulles in dem Mouvements unis de Résistance (MUR) zu vereinen. Moulins stärkstes Argument dabei waren die »Finanzspritzen«, die er den immer wieder kurz vor dem Bankrott stehenden Widerstandsgruppen dank Britischer Unterstützung anbieten konnte. Gerne nahm auch Combat die Geldgeschenke aus London an und erklärte sich im Gegenzug dazu bereit, de Gaulle als Symbol des französischen Widerstandes anzuerkennen. Eine komplette Unterordnung war dabei aber nicht gemeint, wie Belot auch in »L’Affaire suisse« immer wieder unterstreicht7. Als Moulin auf de Gaulles Befehl den politischen Apparat der Widerstandsgruppen vom militärischen zu trennen suchte und die Führung der in erster Linie von Combat geschaffenen Untergrundarmee (Armée secrète) einem getreuen Gaullisten unterstellte, kam es zwischen Moulin und den Widerstandsgruppen, und hier vor allem Combat, zu schweren Spannungen. Zugleich stagnierten Moulins finanzielle Zuwendungen und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als Hunderte junger Franzosen vor dem Zwangsarbeitsdienst in Deutschland in das Zentralmassiv und die französischen Alpen flohen. Diese »Arbeitsdienstverweigerer« boten der Résistance die Chance, eine echte Guerilla-Armee unter ihrer Führung aufzubauen, die weit über die bis dahin vornehmlich nur auf dem Papier bestehende Armée secrète hinausgehen sollte. Um die jungen Männer in den Bergen versorgen zu können und um ihre Autorität bei diesen durchzusetzen, benötigten die etablierten Widerstandsgruppen allerdings Waffen und Geld.
In dieser Situation konnte einer der Männer Frenays aufgrund persönlicher Beziehungen Kontakt zum Chef der Zweigstelle des amerikanischen Geheimdienstes OSS in Bern, Alan Dulles, herstellen. Dieser zeigte sich sofort bereit, dem Widerstand erhebliche finanzielle Hilfe zukommen zu lassen, die Frenay und seine Männer bereitwillig annahmen. Um den Kontakt mit dem OSS und die Geld- und Materiallieferungen zu erleichtern, richtete Combat im Namen des MUR eine Delegation in Genf ein. Als Gegenleistung für die versprochenen großzügigen amerikanischen Spenden wollte Frenay Dulles mit nachrichtendienstlichen Informationen aus dem besetzen Frankreich versorgen.
Sobald Moulin von der Einrichtung der Delegation und den Verhandlungen mit den Amerikanern erfuhr, beschuldigte er Frenay und seine Getreuen, de Gaulle in seinem Machtkampf mit der amerikanischen Marionette Giraud verraten und diesem einen »Dolch in den Rücken gestoßen« (S. 125) zu haben. Moulin ging sogar soweit zu behaupten, Frenay habe den direkten Kontakt zu Giraud gesucht, was in der aufgeheizten Stimmung des Jahres 1943 einer Anklage wegen Hochverrats nahekam (S.121ff.).
Belot zeigt nun, auf eine eindrucksvolle Zahl neuer Quellen gestützt, dass Frenay weitgehend mit offenen Karten spielte und die Leitung der MUR, d. h. die anderen Widerstandsgruppen, wie auch de Gaulles Gesandten in der Schweiz, einen gewissen Pierre de Leusse, über die Verhandlungen stetig auf dem Laufenden gehalten hat. Er verschleiert aber nicht die Tatsache, dass Frenay die amerikanische Unterstützung nicht allein dazu nutzen wollte, die Finanzierung der entstehenden Maquis-Gruppen sicherzustellen, sondern auch plante, sich der Bevormundung Moulins und dessen (Finanz-) Monopol zu entziehen (S. 122). Belot macht aber auch deutlich, dass Frenay weder de Gaulle in dessen Auseinandersetzung mit Giraud schwächen wollte, noch irgendwelche Anstalten machte, zu Giraud überzulaufen (S. 153–159).
Moulin, so Belot, sah durch Frenays neue Kontakte sein eigenes und somit de Gaulles Machtmonopol über die Résistance gefährdet und setzte nun alles daran, die amerikanische Finanzhilfe zu boykottieren. Dabei konnte er offensichtlich mit der Hilfe seiner britischen Geldgeber rechnen, die ihrerseits ihr nachrichtendienstliches Monopol in Frankreich ungern mit dem OSS teilen wollten. Das Bild des bis heute fast unangefochtenen Helden des französischen Widerstandes8, Jean Moulin, erfährt bei Belot deutliche Nuancierungen. Moulin erscheint als intelligenter aber intransigenter und ambitionierter Gaullist, der auch vor Falschaussagen nicht zurückschreckte, um den unfügsamen Frenay zu diskreditieren (S. 128–130).
Belot betont, dass Frenay in seinem Wunsch die politische Unabhängigkeit des Widerstandes zu bewahren und in seinem Verständnis einer rein symbolischen Führungsrolle de Gaulles nicht allein stand. So stellte beispielsweise der Anführer der Widerstandsgruppe Libération Sud, Emanuel Astier de la Vigerie, ähnliche Forderungen und äußerte ähnliche Kritik an de Gaulles und damit vor allem Moulins Formen der Machtausübung. Der Aufbau einer zweiten Versorgungslinie durch die Schweiz war zudem im Frühjahr 1943 nicht nur eine vernünftige, sondern notwendige Entscheidung, so Belot. Außerdem kann der Autor gestützt auf amerikanischen Quellen zeigen, dass es Dulles völlig fernlag, die Finanzierung des Widerstandes politisch auszunützen, um dem Protegé der amerikanischen Regierung (Giraud) einen Vorsprung im Machtkampf mit de Gaulle zu verschaffen. (S. 160–171).
Die »Affaire suisse« wurde zuletzt auf höchster Ebene zwischen dem freien Frankreich in London, den britischen Geheimdiensten und dem OSS geregelt. Die Genfer Delegation durfte weiterexistieren und sich und Teile des Widerstandes von den Amerikanern finanzieren lassen. Der wichtigste Kanal für Geld und Waffen blieb aber Moulin, bzw. nach dessen Verhaftung und Ermordung durch die Gestapo in Lyon, seine Nachfolger, d. h. das freie Frankreich de Gaulles. Frenay wurde mit einer ministeriellen Position in de Gaulles provisorischer Regierung in Algier abgefunden und sollte vor Kriegsende nicht mehr nach Frankreich zurückkehren. Moulin ging so als Sieger aus der Auseinandersetzung mit Frenay hervor. Ob er diesen Sieg allerdings mit seinem Leben bezahlte, bleibt bei Belot offen. Spekulationen darüber, ob Frenays rechte Hand in der »Affaire suisse«, Pierre Guillain de Bénouville, für Moulins Verhaftung im Juni 1943 mitverantwortlich gewesen ist, verstummten in der Nachkriegszeit niemals9. Belot, Positivist im besten Sinne, geht auf eine vermeintliche (mörderische) Revanche Combats für die in der »Affaire suisse« erlittene Niederlage erst gar nicht ein, da keinerlei zeitgenössisches Beweismaterial vorliegt.
Belots »L’Affaire suisse« ist nicht immer leicht zu lesen, da sich der Autor manchmal in Details verliert und eine gute Kenntnis der Ereignisse voraussetzt. Das Buch bietet aber neben der detaillierten Darstellung einen tiefen Einblick in die Methoden der Finanzierung des Widerstandes und dessen Versorgung über die neutrale Schweiz. Belot nützt die kodierte Nachrichtenübermittlung, die über die Delegation in Genf lief, für einen Exkurs zur Entschlüsselung von Nachrichten. Hier kommt sein Mitautor Gilbert Karpman ins Spiel, dem es gelungen ist, die Telegramme zu entschlüsseln, die zwischen der Schweiz und Frankreich zirkulierten.
Die beiden Exkurse zur Versorgung der Résistance über die Schweiz und zur Dechiffrierung der Nachrichten hätten vielleicht besser in einem zweiten Buch abgehandelt werden können, da sie die schwerverdauliche Lektüre weiter überladen. »L’affaire suisse« bleibt trotz dieser Kritik eine eindrucksvolle Arbeit, die sich sicher zu einem Standardwerk entwickeln wird.
1 Diese Zweiteilung geht auf Hans Luther, Der französische Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht und seine Bekämpfung, Tübingen 1957, zurück, die dann bereitwillig von späteren Autoren übernommen wurde (siehe beispielsweise Eberhard Jäckel, Frankreich in Hitlers Europa. Die Deutsche Frankreichpolitik im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1966). Allerdings herrschte diese vereinfachende Zweiteilung auch in Frankreich lange Zeit vor. Aber auch in jüngster Zeit behielt die deutsche Geschichtsschreibung diese vereinfachende Interpretation bei: Beispiele der jüngeren Zeit: Bernd Kasten, »Gute Franzosen«. Die französische Polizei und die deutsche Besatzungszeit im besetzten Frankreich 1940–1944, Sigmaringen 1993; Matthias Wächter, Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie 1940 bis 1958, Göttingen 2006, S. 69, 152. Eine Ausnahme bildet: Franz Knipping, »Réseaux« und »Mouvement« in der französischen Résistance, 1940–1945, in: Gerhard Schulz (Hg.), Geheimdienste und Widerstandsbewegungen im Zweiten Weltkrieg, Göttingen, Zürich, 1982, S. 105–142.
2 Bénédicte Vergez-Chaignon, Les Vichysto-résistants de 1940 à nos jours, Paris 2008.
3 Robert Belot, Henri Frenay. De la Résistance à l’Europe, Paris 2003.
4 Ders., La Résistance sans de Gaulle. Politique et gaullisme de guerre, Paris 2006.
5 Siehe Ders., Henri Frenay (wie Anm. 3), S. 397–426; Ders., La Résistance sans de Gaulle (wie Anm. 4), S. 433–469.
6 Auf die alliierte Landung in Nordafrika reagierte das Deutsche Reich und das faschistische Italien am 11. November 1942 mit der Besetzung des bis dahin in relativer Unabhängigkeit allein von der Vichy-Regierung verwalteten Südfrankreichs.
7 So auch schon in Ders., Henri Frenay (wie Anm.3) und Ders., La Résistance sans de Gaulle (wie Anm.4)
8 Moulin gilt spätestens seit seiner Pantheonisierung im Jahr 1964 als das Symbol des französischen Widerstandes, wovon auch 978 Straßen, Brücken und Stadien, wie auch 281 Schulen zeugen, die seinen Namen tragen. Es ist kein Zufall, dass allein Frenay (zunächst in seinen Memoiren »La Nuit finira« (1973) und dann 1977 in »L’énigme Jean Moulin«) das makellose Andenken an den Einiger der Résistance angriff und ihm vorwarf, die Résistance an die Kommunisten verkauft zu haben.
9 Siehe zuletzt Pierre Péan, Vies et morts de Jean Moulin, Paris 1998.
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- Zitation
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: Rezension von: Robert Belot, Gilbert Karpman, L’Affaire suisse. La Résistance a-t-elle trahi de Gaulle?, Paris (Armand Colin) 2009, 431 p. (Hors collection), ISBN 978-2-200-35051-2, EUR 23,40. In: Francia-Recensio 2010/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/ZG/belot_prauser Veröffentlicht am: May 18, 2013 Zugriff vom: May 18, 2013

