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V. Schöberl, »Es gibt ein großes und herrliches Land, das sich selbst nicht kennt ... Es heißt Europa.« (Wolfgang Schmale)

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Verena Schöberl, »Es gibt ein großes und herrliches Land, das sich selbst nicht kennt ... Es heißt Europa.« Die Diskussion um die Paneuropaidee in Deutschland, Frankreich und Großbritannien 1922–1933

Francia-Recensio 2010/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Verena Schöberl, »Es gibt ein großes und herrliches Land, das sich selbst nicht kennt ... Es heißt Europa.« Die Diskussion um die Paneuropaidee in Deutschland, Frankreich und Großbritannien 1922–1933, Münster (LIT) 2008, 404 S. (Gesellschaftspolitische Schriftenreihe der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., 2), ISBN 978-3-8258-1104-4, EUR 34,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Wolfgang Schmale, Wien

Bei dem hier zu besprechenden Buch handelt es sich um eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität Berlin entstand. Sie ordnet sich ein in die in den letzten zehn Jahren verstärkte Erforschung der Europaideen und -diskussionen der Zwischenkriegszeit. In der deutschen und österreichischen Forschung liegt dabei ein Hauptaugenmerk auf der Paneuropaidee, der Paneuropa-Union und deren Gründer Graf Coudenhove-Kalergi.

Grundsätzlich war schon bisher bekannt, dass Paneuropa ein Thema dieser Zeit war und die öffentlichen Debatten ein größeres Ausmaß besessen hatten, als früher angenommen wurde. Ebenso war im Prinzip bekannt, dass Paneuropa ein in der Presse durchaus verhandeltes Thema bedeutete. Doch wie tief gingen die Debatten und welches Ausmaß erreichten sie tatsächlich? Was wurde mittels des Schlagwortes Paneuropa im Detail verhandelt?

Auf diese und andere Fragen gibt die Dissertation eine gründliche Antwort für drei Länder: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die Ausführungen stützen sich auf über 90 deutsche, 40 französische und 29 britische Zeitungen und Zeitschriften der Zwischenkriegszeit. Dazu kommen Archivmaterialien zu den drei Außenministerien und anderen Regierungseinrichtungen sowie zum Völkerbund und, eher marginal, zu Österreich. Weitere gedruckte Quellen, wie zahlreiche Schriften Coudenhoves und monographische Schriften von Zeitgenossen zum Thema Europa/Paneuropa/Vereinigte Staaten von Europa, kommen hinzu. Die Quellenbasis ist somit ansehnlich. Dass deutsche Materialien überwiegen, liegt an der besonderen Breite der Diskussion in Deutschland.

Die Auswahl der drei Länder begründet sich einerseits in der politischen Nachkriegskonstellation und dem politischen Dreieck, das die drei Länder in gewisser Hinsicht abgaben, andererseits natürlich auch in dem Umstand, dass Großbritannien damals, um es mit dem vielfach zitierten Satz Churchills zu sagen, »in Europe«, aber nicht »of Europe« war und damit einen ganz speziellen Debattenpunkt darstellte, auf den sich auch Coudenhove immer wieder konzentrierte. Außerdem war die deutsch-französische Verständigung ein Schlüssel jeder Nachkriegspolitik.

Auch wenn in Rechnung gestellt wird, dass eine so in die Tiefe der Debatten gehende Untersuchung Grenzen haben muss, ist die Frage nach der österreichischen Presse und Außenpolitik aufzuwerfen. Dieser Bereich wird durch Coudenhove und den immer wieder herangezogenen Rohan nicht abgedeckt. Eine eigenständige Behandlung der österreichischen Quellen ohne Deutschland wäre ebensowenig sinnvoll, wie Österreich z. B. nur zusammen mit der Debatte in Südeuropa oder im Baltikum zu behandeln. Da die Paneuropa-Diskussion mit der Thematik eines (durch den Versailler-Vertrag ausgeschlossenen) Anschlusses an Deutschland sowie mit mitteleuropäischen Zollunionsideen verflochten war, gäbe es hier ein zusätzliches Argument. Vielleicht wäre, um den Aufwand nicht zu stark zu erhöhen, ein Kompromiss machbar gewesen: einerseits die von der Autorin zitierten Forschungen von Ziegerhofer-Prettenthaler, Gehler und anderen umfassender auswerten, andererseits durch Sondierungen in einem kleineren Sample an Zeitungen quer durch das politische Spektrum zusätzliche Stimmen erschließen. Hier hätte sich die Autorin auf eine vergleichbare Arbeit über die österreichischen Presseartikel aus Anlass der Briand-Initiative und des Briand-Memorandums von Barbara Hoja, die ein entsprechendes Sample zusammengestellt hat, stützen können (zwar eine Diplomarbeit, aber öffentlich zugänglich, über Online-Bibliothekskataloge problemlos eruierbar, erforderlichenfalls per Fernleihe erhältlich).

Der Kern der Monographie von Verena Schöberl besteht in der inhaltlichen Erschließung der Debatten. Dies geschieht einerseits im jeweiligen nationalen Rahmen, andererseits auch im Blick auf gegenseitige Rezeptionen und Wechselwirkungen, sodass hier einige wertvolle Ergebnisse in Bezug auf das Problem der europäischen Öffentlichkeit erzielt werden. Die Autorin differenziert nach den politischen Ausrichtungen, außerdem nach der Zugehörigkeit oder Zurechenbarkeit zu sozialen Milieus.

Ergebnisse, auf die sich künftige Forschungen stützen können und müssen, sind in folgenden Bereichen zu sehen: 1) Begrifflichkeit: Paneuropa – Abendland – Mitteleuropa – Großraum. 2) Große politische Themen, in die Paneuropa eingebettet wurde: Das Verhältnis zum Völkerbund, zu einer globalen Organisation der Staatenwelt und der Menschheit; Paneuropa – Vereinigte Staaten von Europa – Vereinigte Sozialistische Staaten von Europa; Paneuropa – Pazifismus; Paneuropa – Sowjetunion/Bolschewismus; Paneuropa – britisches Empire; Paneuropa – Afrika; Paneuropa – nationale Interessen; Paneuropa – USA. Die Ergebnisse sind weniger in völlig neuen Erkenntnissen zur thematischen Struktur als vielmehr in der Mikrogeschichte der Paneuropa-Debatten zu sehen. Die ist spannend und wird von der Autorin vorzüglich aufgearbeitet.

Die Paneuropadebatten waren mit allen anderen großen politischen Fragen der Zeit verflochten; die Debatten waren äußerst kontrovers. Für einige Jahre dürfte Coudenhove ein echtes agenda setting gelungen sein, wenn auf die Beschäftigung mit der Paneuropaidee in der Publizistik und in den Außenämtern in den drei untersuchten Ländern geschaut wird. Wie hoch dieses anzusetzen ist, kann allerdings nur mittels quantitativer Forschungen beantwortet werden, während sich die Autorin – zu Recht – auf eine breite qualitative Analyse stützt. Die Debatten verloren im Kontext der großpolitischen Lage Anfang der 1930er Jahre ihre Dynamik, Coudenhove selber verstrickte sich im etwas verzweifelt anmutenden Bemühen, die Debatte lebendig zu halten, in zunehmende Widersprüche und Revisionen früherer Ansichten.

Die genaue Analyse von Zeitungen und Zeitschriften sowie politischen Archiven führt zu einer Fülle von Zitaten, die die Autorin in den Text einbaut und die für viele Fragestellungen anschauliches Material bereithalten. Im Detail erweisen sich die politischen Zuordnungen, die Verena Schöberl nutzt, um das Material zu ordnen und die im Prinzip den Selbstzuordnungen der Zwischenkriegszeit folgen, nicht immer hilfreich sondern eher als den Blick verstellend. Die intellektuellen Schnittmengen zwischen selbst politisch recht weit auseinanderliegenden Persönlichkeiten und Publikationsorganen waren größer als es die (partei-)politischen Zuordnungen suggerieren. Dasselbe zeigen eindrücklich neuere Forschungen zu Aristide Briand und seiner Europapolitik. Solchen Verflechtungen ist wohl größeres Gewicht beizumessen.

Diese Verflechtungen im Mikro- und Makrobereich der Europadebatten sind eigentlich interessanter als die Überlegungen der Autorin zum Scheitern der Paneuropainitiative – wenn man sie denn als gescheitert einstufen soll. Das ist eine Frage der Kategorien. Zu wenig reflektiert werden die »objektiven« Wirkungsmöglichkeiten in der Zwischenkriegszeit; man muss sich hier auch von der Coudenhove’schen Selbsteinschätzung emanzipieren (was offenbar schwerfällt…). Das spannende und erfolgreiche war das agenda setting für eine Reihe von Jahren. Dass dies überhaupt gelang, ist das historisch interessante, nicht, dass aus der Paneuropidee kein reales Paneuropa wurde. Aber das ist ein anderes Thema für andere Forschungen.

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Zitation
 
: Rezension von: Verena Schöberl, »Es gibt ein großes und herrliches Land, das sich selbst nicht kennt ... Es heißt Europa.« Die Diskussion um die Paneuropaidee in Deutschland, Frankreich und Großbritannien 1922–1933, Münster (LIT) 2008, 404 S. (Gesellschaftspolitische Schriftenreihe der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., 2), ISBN 978-3-8258-1104-4, EUR 34,90.
In: Francia-Recensio 2010/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/ZG/schoeberl_schmale
Veröffentlicht am: Jul 29, 2010
Zugriff vom: Apr 24, 2014
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