S. Payne, Franco and Hitler (Matthias Gemählich)
Stanley G. Payne, Franco and Hitler. Spain,
Germany, and World War II, London (Yale University Press) 2007,
VIII–328 p., ISBN 978-0-300-12282-4, GBP 19,99
David Wingeate
Pike, Franco and the Axis Stigma, Basingstoke (Palgrave Macmillan)
2008, XV–220 p., 2 ill., ISBN 978-0-230-20289-4, GBP 45,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Matthias Gemählich, Nürnberg
Im franquistischen Spanien der Nachkriegszeit bürgerte sich eine eigenwillige Sicht des Zweiten Weltkriegs ein: Demnach gab es nicht einen, sondern drei Kriege, die noch dazu voneinander unabhängig waren. Im ersten, in dem das Deutsche Reich und seine Verbündeten gegen die Westalliierten kämpften, sei Spanien strikt neutral geblieben. Im zweiten, der Auseinandersetzung zwischen den Achsenmächten und der Sowjetunion, sei Spanien als »nicht kriegführende Macht« ebenfalls nicht direkt beteiligt gewesen, sondern habe lediglich mit einer einzigen Division einen symbolischen Beitrag zum Kampf gegen den sowjetischen Kommunismus geleistet. Und auch im dritten der Kriege, der in Ostasien tobte, habe das Land strikte Neutralität gewahrt. Dass eine solche Sicht der Dinge den politischen Umständen der Zeit geschuldet war, liegt im Rückblick auf der Hand. Jedoch ist die Außenpolitik des Regimes während des Zweiten Weltkrieges bis heute einer der am kontroversesten diskutierten Aspekte der Geschichte der franquistischen Diktatur. Francos Haltung gegenüber den Achsenmächten ist in der Forschung sehr unterschiedlich bewertet worden. Erschwert wird ein endgültiges Urteil bis heute durch die Quellenlage: Die relevanten spanischen Archive sind bislang nicht öffentlich zugänglich. Nicht zuletzt deshalb bleiben Unklarheiten bestehen und mitunter stehen sich gegensätzliche Positionen in der Forschung scheinbar unversöhnlich gegenüber.
Tatsache ist, dass Franco das Land in einem politischen Drahtseilakt an einer direkten Verwicklung in den Krieg vorbeiführte und sich so das Regime auch über das Jahr 1945 hinaus behaupten konnte. Aber welche Absichten der Diktator tatsächlich hatte, ob ein Eingreifen in den Krieg eine ernsthafte Option oder gar das Ziel der spanischen Politik war und inwieweit Spanien als Bundesgenosse der Achsenmächte zu sehen ist – mit diesen Fragen befassen sich die beiden Untersuchungen des US-Amerikaners Stanley G. Payne und des britischen Historikers David Wingeate Pike.
Payne gliedert seine Arbeit in drei Abschnitte. Zunächst spannt er einen Bogen vom Spanischen Bürgerkrieg, in dem die deutschen Nationalsozialisten Franco und seine Anhänger massiv unterstützten, bis zu den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Der zweite Teil umfasst die Zeit der »Nichtkriegführung« Spaniens, eine Phase enger Kooperation zwischen Franco und Hitler. Deren Anfänge verortet Payne im Frühjahr 1940 und sieht sie bis zum Ende des Jahres 1943 anhalten. Schließlich folgt ein dritter Teil, der Francos Politik in den letzten Kriegsmonaten, die Bemühungen, sich von den Achsenmächten abzusetzen und mit dem Deutschen Reich zu brechen, betrifft. Als Grundlage für die Arbeit dient in erster Linie die bereits vorhandene spanische Literatur zu allen betreffenden Fragen. Ziel des Autors ist es offensichtlich, das Thema einem breiten englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Gänzlich neue Erkenntnisse für die Forschung bietet das Werk dagegen kaum.
Ähnlich geht Pike vor, der bereits auf zahlreiche Veröffentlichungen zur spanischen Geschichte im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg zurückblicken kann. Seine Untersuchung gliedert sich in zehn Kapitel, die im Großen und Ganzen der historischen Chronologie der Ereignisse folgen. Zunächst wird ebenfalls der Spanische Bürgerkrieg behandelt. Anschließend orientiert er sich an einzelnen Etappen des Zweiten Weltkrieges – beispielsweise an Francos Haltung bis zum Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940, am Taktieren des Diktators während der Luftschlacht um England oder an Spaniens Außenpolitik nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Zuletzt gibt der Verfasser in einem Epilog einen Ausblick auf die Lage im Land in den ersten Jahren nach Kriegsende und verfolgt Francos Schicksal noch bis zum dessen Tod im Oktober 1975. Außerdem ergänzt ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis die Darstellung. Als Arbeitsgrundlage dient Pike der bisherige Forschungsstand in seiner vollen Bandbreite. Hinzu kommen vor allem zwei Quellenbestände ganz unterschiedlicher Natur: Zum einen basiert die Arbeit auf einer Auswertung der Spanien betreffenden Akten im Freiburger Bundesarchiv-Militärarchiv, nämlich der Berichte der deutschen Marine über die Nutzung spanischer Häfen zur Versorgung von U-Booten während des Krieges und der Unterlagen über die an der Seite der Wehrmacht kämpfende »División Azul«. Zum anderen stützt sie sich auf eine Auswertung der innerspanischen, von der Regierung gelenkten Presse und deren Haltung zur Kriegsführung der Achsenmächte. Ob jedoch diese Presseveröffentlichungen auch zuverlässige Quellen sind, um – so wie Pike dies tut – Rückschlüsse auf die tatsächlichen Positionen Francos und seiner Umgebung ziehen zu können, erscheint methodisch fragwürdig.
Eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen beiden Untersuchungen ist unübersehbar. Sowohl Payne als auch Pike rücken die verschiedenen Formen der spanischen Unterstützung für das Deutsche Reich in den Mittelpunkt. Der Leser erhält einen Überblick über die Lieferung von kriegswichtigen Gütern an die Achsenmächte, über die spanische Bereitschaft, der Wehrmacht im Süden des eigenen Landes Beobachtungsposten zu überlassen, oder die Weitergabe geheimdienstlicher Erkenntnisse nach Berlin. Noch konkreter wurde die spanische Hilfe schließlich mit der Entsendung der »División Azul« nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wo sie über zwei Jahre an der Seite der Wehrmacht gegen die Rote Armee kämpfte, bis sie im Oktober 1943 auf den Druck der Westalliierten hin von Franco aufgelöst wurde. Ausführlich befassen sich beide Verfasser auch mit dem einzigen persönlichen Zusammentreffen Francos und Hitlers am 23. Oktober 1940 in Hendaye: Hitler, der auf dem Hinweg noch von einem baldigen Kriegseintritt Spaniens ausgegangen war, war am Ende empört über die massiven Gegenleistungen, die sein Verhandlungspartner verlangte, und es kam zu keiner Einigung. Nichtsdestotrotz bewegte sich Spanien nie wieder so nah an einer direkten Kriegsbeteiligung wie in den Wochen nach der militärischen Niederlage Frankreichs.
Bei der Bewertung der spanischen Politik unterscheiden sich Payne und Pike teils nur in Nuancen, teils sind aber auch klare Unterschiede auszumachen. Zunächst sind beide von einer tatsächlichen Sympathie von Francos Regime für das nationalsozialistische Deutschland überzeugt. Die immer wieder vertretene These, Franco habe Hitler und Mussolini von vornherein getäuscht und lediglich eine Hinhaltepolitik betrieben, um Spanien nicht in den Krieg zu verwickeln, wird in beiden Untersuchungen vehement zurückgewiesen. Pike will auch ein ganz prinzipienloses Taktieren des spanischen Diktators und allein das Setzen auf die stärkere Seite nicht gelten lassen. Er sieht vielmehr eine weltanschauliche Nähe zu den Achsenmächten und darin den Grund, aus dem die spanische Führung das Bündnis mit diesen suchte. Für Payne stehen eher strategische Motive im Vordergrund – das Regime habe sich frühzeitig mit dem Gedanken an ein von Deutschland dominiertes Europa angefreundet und gehofft, auf diesem Weg territoriale Ansprüche auf Kosten der Kriegsgegner der Achsenmächte – etwa die Abtretung Gibraltars und weiter Teile des französischen Nordafrika – durchsetzen zu können. Der tatsächliche Kriegseintritt Spaniens ist jedoch nach Meinung beider Autoren aufgrund der für Franco ungünstigen politischen Umstände nicht erfolgt. Vor allem sei hier die wirtschaftliche Abhängigkeit von Großbritannien und den USA ausschlaggebend gewesen. Hinzu sei gekommen, dass die deutsche Seite in den entscheidenden Momenten nicht auf die spanischen Offerten einging.
Auch das Kämpfen um Einfluss auf die Außenpolitik zwischen prodeutschen und probritischen Kräften in Francos Umgebung wird in beiden Darstellungen hervorgehoben. Zu ersteren gehörte vor allem Francos Schwager Serrano Súñer, dessen Absetzung als Außenminister im September 1942 vielfach als ein Schritt zur Annäherung Spaniens an die Alliierten gesehen wurde. Alles in allem war es nach Payne eine »temptation« für Franco, in den Krieg einzutreten. Der spanische Diktator, lange Zeit von einem deutschen Sieg überzeugt, habe darauf spekuliert, im Schatten der deutschen Erfolge eigene territoriale Gewinne erreichen zu können, ein Engagement in einem langen, verlustreichen Krieg jedoch vermeiden wollen. Nach der alliierten Landung in Marokko und Algerien im November 1942 sei es in Madrid jedoch langsam zu einem Umdenken gekommen. Schließlich habe das Regime das außenpolitische Ruder komplett herumgeworfen und mit den Alliierten zusammengearbeitet. Nach Ansicht Pikes ging die Loyalität des spanischen Diktators zu den Achsenmächten noch sehr viel weiter. Franco habe bis weit ins Jahr 1944 hinein noch an einen deutschen Sieg geglaubt. Überhaupt will der Verfasser keinen Haltungswechsel Francos erkennen, sondern nur am Ende eine von den äußersten politischen Notwendigkeiten diktierte Politik des Arrangements mit den Westalliierten.
Zweifellos ist es beiden Autoren gelungen, einen klar konzipierten und anschaulich geschilderten Überblick über die spanische Außenpolitik während des Zweiten Weltkrieges zu geben. So unterschiedlich ihre Einschätzung in Einzelfragen auch ist, so gebührt doch beiden das Verdienst, mit einer Reihe den Franquismus betreffenden Legenden aufgeräumt zu haben. Dass in manchen Punkten letzte Unklarheiten bleiben, ist auf die schwierige Quellenlage zurückzuführen.
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: Rezension von: Stanley G. Payne, Franco and Hitler. Spain, Germany, and World War II, London (Yale University Press) 2007, VIII–328 p., ISBN 978-0-300-12282-4, GBP 19,99 David Wingeate Pike, Franco and the Axis Stigma, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2008, XV–220 p., 2 ill., ISBN 978-0-230-20289-4, GBP 45,00. In: Francia-Recensio 2010/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/ZG/payne_gemaehlich Veröffentlicht am: May 20, 2013 Zugriff vom: May 20, 2013

