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E. Bussière, M. Dumoulin, S. Schirmann, Europe organisée, Europe du libre-échange? (Reiner Marcowitz)

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Éric Bussière, Michel Dumoulin, Sylvain Schirmann (dir.), Europe organisée, Europe du libre-échange? Fin XIXe siècle – Années 1960

Francia-Recensio 2010/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Éric Bussière, Michel Dumoulin, Sylvain Schirmann (dir.), Europe organisée, Europe du libre-échange? Fin XIXe siècle – Années 1960, Bruxelles, Bern, Berlin, et al. (Peter Lang) 2006, 257 p. (Euroclio – Études et documents, 34), ISBN 978-90-5201-299-5, CHF 44,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Reiner Marcowitz, Metz

2010 feiert der Schuman-Plan seinen sechzigsten Jahrestag. Inwiefern diese Initiative spektakulär war, ja ob ihr sogar das Attribut »revolutionär« geziemt, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Dabei relativieren einige Historiker sehr stark die zäsierende Bedeutung zugunsten der Betonung einer Kontinuitätslinie, die von der frühen Planung des französischen Widerstands über verschiedene Überlegungen der ersten französischen Regierungen nach der Libération bis hin zu Schumans Vorschlag reicht, der solcherart als eine geradezu logische, kaum überraschende und zudem weniger durch äußeren Druck als aus einem längerfristigen Umdenken erwachsende Entwicklung erscheint. Andere werfen dieser Deutung vor, die Komplexität der Entwicklung unzulässig zu vereinfachen und damit das Neue an Schumans Vorschlag zu verkennen, aber auch wie sehr die französische Diplomatie mit ihm den Gesetzmäßigkeiten der internationalen Nachkriegsordnung im Zeichen des mittlerweile ausgebrochenen Kalten Krieges Rechnung trug und des damit einhergehenden Drängens der USA auf eine stärkere Nutzung auch des ökonomischen Potentials Westdeutschlands. Der Schuman-Plan, der eigentlich auf den damaligen französischen Planungskommissar Jean Monnet zurückging, schuf für Frankreich die Möglichkeit, die absehbare Steigerung der westdeutschen Kohle- und Stahlproduktion weiterhin zu kontrollieren, allerdings nicht mehr qua Siegerrecht, wie dies bisher für die Internationale Ruhrbehörde galt, sondern im Rahmen einer einvernehmlich und gleichberechtigt ausgehandelten neuen westeuropäischen Gemeinschaft. Zumindest aus der Retrospektive bedeutet die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) deshalb, ungeachtet des politischen und wirtschaftlichen Eigennutzes, der alle ihre Beteiligten bei ihrer Gründung leitete, den Durchbruch zur stetig voranschreitenden, zumindest wirtschaftlichen Einigung Europas auf supranationalen Wegen und damit endlich der Umsetzung jener jahrhundertealten Idee einer wie auch immer gearteten Einigung des Kontinents.

Insofern hatte die Anfang der 1950er Jahre einsetzende Integration – zunächst nur eines ökonomischen Teilsektors – von Beginn an eine eminent politische Bedeutung: Zum einen führte der mit ihr einhergehende Vertrauensgewinn zwischen den beteiligten nationalen Akteuren zur Aussöhnung der ehemaligen Kriegsgegner, zum anderen ermunterte das alles in allem erfolgreiche Modell der EGKS zur Fortführung der supranationalen Einigung auch auf anderen Sektoren: sehr rasch auf dem Feld der Außen- und Sicherheitspolitik, wobei sich die entsprechenden Projekte der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und der Europäischen Politischen Gemeinschaft als zu ambitioniert erwiesen, sodass man nach ihrem Scheitern Mitte der 1950er Jahre mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wieder eine primär wirtschafts- und sozialpolitische Initiative ergriff. Die Tatsache, dass sich hieran wiederum nur die sechs EGKS-Staaten, die BRD, Frankreich, Italien und die Beneluxstaaten, beteiligten, und Großbritannien es erneut vorzog, außen vor zu bleiben, zeigt, dass der Gedanke einer Abgabe einzelstaatlicher Souveränität an eine supranationale Institution alles andere als selbstverständlich war. Ja, das Vereinigte Königreich schuf geradezu ein Gegenmodell, indem es die Gründung der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) betrieb, der sich 1960 auch noch Dänemark, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden und die Schweiz anschlossen. Anders als bei der EWG handelte es sich hierbei um eine reine Freihandelsgemeinschaft, die weder eine Abtretung einzelstaatlicher Kompetenzen noch eine Harmonisierung der Sozial- und Wirtschaftspolitik der Mitglieder kannte. Auch wenn die EFTA-Länder sich mittlerweile mehrheitlich der EWG angeschlossen haben, geistert die alte Alternative EWG-EFTA, sprich supranationale Gemeinschaft vs. rein intergouvernementale Freihandelsgemeinschaft, bis heute durch die europapolitischen Diskussionen: sei es, dass manchem Kritiker der EU deren Kompetenzen zu weit gehen, sei es, dass die Anhänger der Integration befürchten, die mittlerweile auf 27 Mitglieder angewachsene Gemeinschaft werde handlungs-, zumindest aber initiativunabhängig und falle deshalb auf das Niveau einer einfachen Freihandelszone zurück.

Es ist das Verdienst des von drei renommierten Spezialisten herausgegebenen Sammelbandes, der auf eine Tagung des Comité pour l’histoire économique et financière de la France im ehemaligen Wohnhaus Schumans in Scy-Chazelles zurückgeht, die longue durée dieses Diskurses zu verdeutlichen, indem er an die entsprechenden Diskussionen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre erinnert. Die hier abgedruckten elf Beiträge stammen sowohl von etablierten Wissenschaftlern als auch von Nachwuchsforschern und alle zeichnen sich durch ihre Informationsdichte sowie ihr Reflexionsniveau aus:

Séverine Marin untersucht die divergierenden außenwirtschaftlichen Konzepte in Deutschland vom Zollverein der 1830er Jahre bis in die Phase der wilhelminischen Weltpolitik Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, assistiert von Jürgen Elvert, der das deutsche Mitteleuropa-Konzept der Zwischenkriegszeit vorstellt. Françoise Berger wiederum analysiert die internationale Kartellpolitik im Europa der 1930er Jahre. Die Nachkriegszeit nach 1945, insbesondere die 1950er Jahre mit dem Beginn der westeuropäischen Einigung, reaktivierten die kontroversen wirtschaftspolitischen Diskurse in den beteiligten Ländern, wie mehrere Fallstudien belegen: Paolo Tedeschi zeigt anhand der lombardischen Arbeitgeber, Michel Dumoulin unter Bezug auf die belgischen Arbeitgeber, wie sehr die EWG jeweils als Chance wie als Risiko für die eigene Wirtschaft empfunden wurde. Philippe Mioche wiederum bestätigt klar den »revolutionären« Effekt der EGKS, zumindest für die französische Eisenindustrie. Wie sehr der »Gemeinsame Markt« und dessen Harmonisierungsziel für die ja teilweise ganz unterschiedlich organisierten nationalen Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten eine Herausforderung darstellten, belegt der Beitrag von Laurent Warlouzet. Sigfrido Ramirez wiederum zeigt anhand einer Analyse der Automobilindustrie die große Rolle, die die Konkurrenz mit den USA gespielt hat. Die von Beginn an intendierte Durchsetzung sozialer Standards innerhalb der Gemeinschaft untersucht Antonio Varsori, die entsprechenden Diskussionen innerhalb der französischen Gewerkschaft CFDT wiederum Sylvain Schirmann.

Vor dem Hintergrund der hier präsentierten Fallstudien verweist Éric Bussière schließlich darauf, dass die mit Schumans Startschuss am 9. Mai 1950 begonnene europäische Integration selbstverständlich in einer Kontinuität wirtschaftspolitischen Denkens in Europa seit dem 19. Jahrhundert stand, diesem gleichwohl aber eine originelle Wendung gab, wobei sie gleichzeitig immer zwischen den beiden Polen von Wirtschaftsorganisation, ja ökonomischem Dirigismus, und Freihandel oszillierte.

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E. Bussière, M. Dumoulin, S. Schirmann, Europe organisée, Europe du libre-échange? (Reiner Marcowitz)
In: Francia-Recensio, 2010-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/ZG/bussiere-et-al_marcowitz
Dokument zuletzt verändert am: Sep 13, 2010 05:33 PM
Zugriff vom: May 25, 2012