H. Schilling, Konfessionalisierung und Staatsinteressen (Friedrich Beiderbeck)
Heinz
Schilling,
Konfessionalisierung und Staatsinteressen. Internationale
Beziehungen 1559–1606,
Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2007 (Handbuch der Geschichte der
Internationalen Beziehungen, 2), ISBN 978-3-506-73722-9, EUR 128,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Friedrich Beiderbeck, Potsdam
Das vorliegende Werk stellt den 2. Band des »Handbuches der Geschichte der Internationalen Beziehungen« dar, das von Heinz Duchhardt und Franz Knipping herausgegeben wird. Mit »Konfessionalisierung und Staatsinteressen« deckt der Verfasser die umfangreiche Zeitspanne von 1559, dem Frieden von Cateau-Cambrésis, bis zum Frieden von Oliva 1660 ab, die er auch als »Vorsattelzeit« bzw. »Vorachsenzeit der Moderne« bezeichnet (S. 5, 385).
Entsprechend den Anforderungen des Gesamtwerkes nach »multiperspektivischem Zugriff« (S. XIII) erstellt Schilling unter Auswertung der kaum überschaubaren Forschungsliteratur eine großangelegte Synthese, die sich »sachlich, vor allem aber konzeptionell, methodisch und begrifflich« den hohen Anforderungen »einer ›modernen‹ Politikgeschichte« (S. 5) stellt:
Schillings Handbuch berücksichtigt Fragestellungen und Ergebnisse aus Politik-, Diplomatie- und Militärgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte wie auch aus der neueren Mentalitäts- und Kulturgeschichte. In diesem Sinne steckt der Verfasser einen weiten, aber nichtsdestoweniger klar umrissenen Horizont ab: Es gehe darum, dass »eine Geschichte der internationalen Beziehungen für die historisch-politische Kultur der Gegenwart und zur sachgerechten Gestaltung der Zukunft Europas das makrohistorische Wissen um die Entstehungsbedingungen, Strukturen und Funktionsweisen der zwischenstaatlichen Ordnung und deren Veränderungen über die Jahrhunderte hin« aufarbeiten müsse, ebenso jedoch auch »die mikrohistorische Perspektive, die die Folgen und die Relevanz der jeweiligen Staatenordnung für die Menschen« zu berücksichtigen habe (S. 15).
Das Handbuch ist in drei große Teile gegliedert: Es geht zunächst um die Rahmenbedingungen und Strukturen von Außenpolitik und internationalen Beziehungen vor der Monopolisierung durch den Staat (A). Unter den bestimmenden Gestaltungskräften, die zunächst im wesentlichen fürstlich-dynastischen Hausinteressen entsprangen, verschafften sich im internationalen Mächtegefüge immer stärker territorialstaatlich-machtpolitische, auch ökonomisch und gesellschaftlich verankerte Entwicklungen Geltung. Seinen besonderen Charakter bezog die Epoche für den Verfasser aus der Konfessionalisierung, die den politischen Einheiten eben nicht nur innenpolitisch den Stempel aufdrückte, sondern auch das zwischenstaatliche frühneuzeitliche Europa nachhaltig bestimmte und in eine enge Wechselwirkung mit dem Staatsbildungsprozess trat. Besonderes Augenmerk verdienen dabei auch die nichtstaatlichen, vor allem konfessionellen Akteure und ihre Kommunikationsnetzwerke, die einerseits aufgrund ihrer informellen Eigenständigkeit zur Konkurrenz für die entsprechenden, im Aufbau befindlichen staatlichen Strukturen werden konnten, andererseits diesen aber auch grenzüberschreitende Informationsressourcen zur Verfügung stellten.
Teil B behandelt die europäischen Mächte und Mächtezonen. Die Staaten werden nach übergreifenden politischen, sozioökonomischen und kulturellen Fragestellungen betrachtet und vier größeren Zonen zugeordnet. Dem süd- und westeuropäischen Mächtekreis, der sich aus Spanien, Portugal, Italien, dem Papsttum, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, England, Irland und Schottland zusammensetzt, stellt Schilling einen nordisch-baltischen (skandinavische Länder, Russland, Polen-Litauen) und einen mittel- und südosteuropäischen Kreis mit dem Heiligen Römischen Reich, Ungarn, Siebenbürgen und den Donaufürstentümern zur Seite. Konsequent ist auch die Aufnahme des Osmanischen Reiches als bedeutender Machtblock, der Außenpolitik und Gesandtschaftswesen des frühneuzeitlichen christlichen Staatensystems nachhaltig mit geprägt hat.
Teil C konzentriert sich ereignisgeschichtlich auf das Ringen um eine europäische Ordnung. Auch hier wird deutlich, wie tief die konfliktverschärfende Wechselbeziehung zwischen dem Konfessionalisierungsprozess und der Herausbildung eines konkurrierenden Staatenpluralismus in die Geschichte Europas um 1600 eingriff. Die Konfessionalisierung, seit den 1570er Jahren zunächst ein grundlegender Faktor der innerstaatlichen Entwicklung, habe sich um 1600 verstärkt in der Rolle einer »stilbildenden Leitkraft« auch auf die zwischenstaatlichen Beziehungen ausgedehnt. (S. 395) Der Dreißigjährige Krieg war für Schilling somit Austragungsrahmen gleichermaßen für das Konfessionsgemetzel wie für den Staatenkrieg und erscheint so als zwangsläufiger End- und Wendepunkt einer für Mitteleuropa verheerenden Krisenzeit.
Dass die enge Verschränkung von Politik und Religion die internationalen Beziehungen im ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhundert tiefgreifend beeinflusste, steht außer Frage. Allerdings ist das Handbuch nicht frei von der Tendenz, Staaten, die – wie die Niederlande – dem Konfessionalisierungsparadigma eher entsprechen, verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken, wohingegen z. B. Frankreich, eigentlich Paradebeispiel für eine Macht, die bereits vor 1600 überkonfessionelle, interessenpolitisch motivierte Außenpolitik betrieb, eher vernachlässigt wird. Ob der konfessionelle Wahrheitsanspruch in den Mächtekonflikten Europas um 1600 und bei den entscheidenden Akteuren allerdings die bestimmende Größe war, und ob nicht bereits zur selben Zeit gegenläufige, säkularisierende Prozesse eine ebenso große Wirkung hatten, bleibt freilich weiterhin Gegenstand fachlicher Kontroverse.
Besonders anschaulich erscheint die Neugestaltung der internationalen Ordnung durch den Westfälischen Frieden als Epochenwende. Konfessionell-religiöse Denkmuster behielten zwar weiterhin gesamtgesellschaftlichen Einfluss, doch im Zuge der Säkularisierung auch der Mächtebeziehungen und der internationalen Ordnungsvorstellungen setzten sich fortan die Trennung der Bereiche von Religion und Politik und damit die Autonomisierung des Politischen durch. Staatssouveränität und Mächtepluralismus wurden zu Leitlinien einer am Völkerrecht orientierten europäischen Staatenordnung. Nunmehr wurden Ideen wie die einer kollektiven Sicherheit und eines Staatengleichgewichts zu Nachfolgern konfessionell und universal-hierarchisch geprägter Ordnungsbegriffe. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass »ein Schlussstrich unter eine durch rechtlich ungebändigte Staatenkonkurrenz und endemische Glaubenskriege gekennzeichnete Epoche gezogen wurde« (S. 592).
Das Handbuch beeindruckt durch die Aufarbeitung einer gewaltigen Stoffmenge und die ebenso konzentrierte wie übersichtliche Darbietung dieser großen Wissensfülle, wobei grundlegende Entwicklungszusammenhänge und historische Details ausgewogen präsentiert werden. Der differenzierten und begrifflich sehr präzisen Darstellung entspricht eine lebendige und anschauliche Ausdruckweise. Eine sehr gute Orientierung bieten auch Personen-, Orts- und Sachregister. Von besonderem Nutzen ist zweifellos auch das sehr umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis. Schillings Handbuch stellt für die Geschichtsforschung dieser Epoche der internationalen Beziehungen ein unentbehrliches Standardwerk dar.
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