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F. Virgili, Naître ennemi (Corinna von List)

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Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la Seconde Guerre mondiale

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la Seconde Guerre mondiale, Paris (Éditions Payot & Rivages) 2009, 384 S. (Essais Payot ), ISBN 978-2-228-90399-8, EUR 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Corinna von List, Berlin

Eingebettet in den Kontext des II. Weltkrieges und die unmittelbare Nachkriegszeit beschreibt Fabrice Virgili ein eigentlich zeitloses Phänomen: Kinder, deren Väter Angehörige der Besatzungsmacht und deren Mutter Inländerinnen waren. Er richtet damit den Blick auf die private Lebenssituation von Frauen und Männern angesichts der kriegsbedingten Verwerfungen und macht deutlich, dass in solchen Zeiten das Privatleben nur allzu schnell zum Politikum oder gar zum Landesverrat werden konnte.

Der Autor beschreibt in drei übergeordneten Abschnitten die Auswirkungen von Krieg, Besatzung und Kriegsgefangenschaft. Im ersten Teil »Un couple ennemi« gelingt es ihm sehr anschaulich die politische Ausnahmesituation mit der Ebene des Privaten zu verknüpfen und dies sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. So waren aus Sicht französischer Frauen die Feinde und Besatzer eben auch Männer: jung, attraktiv und zuvorkommend. Für die Besatzer galten Frankreich und vor allem die Pariserin als das Sexsymbol schlechthin. Nicht weniger klischeebehaftet war die Vorstellung deutscher Frauen vom Franzosen als chevalereskem Verführer, die sie in französischen Kriegsgefangenen oder Zivilarbeitern fanden oder zu finden glaubten. Es waren Alltagssituationen beim Einkaufen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder am Arbeitsplatz aus denen heraus erste persönliche Kontakte geknüpft wurden. Denn so politisch ungewollt eine solche ›Fraternisierung‹ auch war, so sehr war sie Realität. Fabrice Virgili arbeitet dabei heraus, dass je nach Ort und Geschlecht die Risiken ungleich verteilt waren. Während in Frankreich auch intime Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und Französinnen zwar als moralisch höchst verwerflich galten, jedoch nicht verboten waren, drohten in Deutschland strafrechtlichen Sanktionen durch Kriegs- oder Sondergerichte. In Frankreich setzte die staatliche Kriminalisierung zwischenmenschlicher Beziehungen erst nach der Befreiung ein (vgl. Kap. VII).

Im zweiten Abschnitt »Enfants dans la guerre« untersucht Virgili die Folgen intimer Beziehungen mit all ihren persönlichen und rechtlichen Auswirkungen für die Beteiligten. Denn angesichts der privaten und politischen Ausnahmesituation in Kriegszeiten war eine Familiengründung in der Regel nicht gewollt. Außerdem waren die Beteiligten oftmals bereits verheiratet, sodass die Anerkennung des Kindes durch den Vater die Ausnahme war. Aber selbst wenn der Vater das Kind anerkennen wollte, sah er sich mit den Hürden der NS-Rassenideologie oder der Ablehnung seiner vorgesetzten militärischen Dienststellen konfrontiert, die vor allem bei Offizieren kein Interesse daran hatten, intime Beziehungen zu ›feindlichen Ausländerinnen‹ zu offizialisieren. Ein möglicher Ausweg bestand in einer illegalen Abtreibung, die auch von den werdenden Vätern in Betracht gezogen wurde. So versuchte ein Sanitätsfeldwebel in einem deutschen Lazarett eine Abtreibung zu arrangieren, was seine französische Freundin jedoch ablehnte (S. 99). Ein anderer Weg, die Geburt eines unehelichen Kindes zu verheimlichen, waren halboffizielle Wöchnerinnenheime, in denen die Frauen – gegebenenfalls auch anonym – entbinden konnten, die sog. »pouponnières« oder »maternités secrètes«, die schließlich nolens volens von französischen Behörden eingerichtet wurden. Denn aller propagandistischen Bemühungen zum Trotz stieg die Zahl unehelicher Kinder in Frankreich ab 1941 sprunghaft an. Während die Zahl außerehelicher Geburten statistisch genau erfasst werden konnte, gibt es kaum zuverlässige Angaben zu den Vätern, was nicht zuletzt einer lückenhaften Überlieferungssituation insbesondere der Akten des Gesundheits- und Familienministeriums der Vichy-Regierung zuzuschreiben ist. Virgili befasst sich dabei auch mit methodischen Fragen, wie belastbare Zahlen zu ermitteln sind, und kommt zu dem Ergebnis, dass allein in der besetzten Zone Frankreichs ca. 100 000 Kinder einen deutschen Vater hatten. Der Abschnitt schließt mit einer kurzen Darstellung zur Geschichte des Lebensborns in Frankreich (S. 159–161).

Überschrieben mit »Quand la guerre se termine« widmet sich der Autor im letzten und umfangreichsten Teil des Buches der Situation von deutsch-französischen Kindern und ihren Eltern bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren. Er geht zunächst ausführlich auf die veränderte gesellschaftliche Konstellation ein, die das Ende des Krieges mit sich brachte: Aus deutschen Besatzern wurden Kriegsgefangene, während die französischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter aus Deutschland repatriiert wurden und die französischen Soldaten nun ihrerseits zu Besatzern wurden. Dies führte jedoch mitnichten zu einer Verbesserung der Lage der Kriegskinder und ihrer Eltern. In diesem Zusammenhang beschreibt Virgili eine der dunkelsten Seiten der Befreiung Frankreichs. Denn Frauen, deren Kind einen deutschen Vater hatte, erfuhren wie kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe die Willkür dieser Umbruchphase und die Gewalt des Mobs, was der Autor durch eine Auswahl kommentierter Fotos veranschaulicht. In einem eigenen Kapitel thematisiert er außerdem die von Soldaten aller Armeen verübten Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe auf Frauen.

Die beiden letzten Kapitel befassen sich mit der Stigmatisierung und Ausgrenzung der Kriegskinder, die es nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Norwegen gegeben hat. Es kommen zahlreiche Betroffene zu Wort, die ihre schwierige Kindheit und Jugend schildern. Dargestellt wird auch, wie groß die psychologischen und nicht zu unterschätzenden behördlichen Hürden waren oder sind, um den Vater zu finden und damit ein Stück der eigenen Identität.

Indem sich Fabrice Virgili den Betroffenen und ihrer Lebensgeschichte ebenso behutsam wie fachlich fundiert genähert hat, ist es ihm gelungen, eine eindringliche Gruppenbiografie dieser Generation der Kriegskinder aber auch ihrer Mütter und Väter vorzulegen. Zwar widmet er sich auch dem Schicksal der Kriegskinder in Norwegen und auf der deutschen Rheinseite nach 1945, der Schwerpunkt des Buches liegt jedoch eindeutig auf den französischen Gegebenheiten. Seine Ergebnisse stützen sich auf die Befragung von mehr als 70 Zeitzeugen und Zeitzeuginnen sowie auf umfangreiche Recherchen in deutschen und französischen Archiven sowie den Aktenüberlieferungen des Internationalen Roten Kreuzes. Die Untersuchung verdeutlicht, dass sowohl die zuständigen staatlichen Behörden und Ministerien der verschiedenen Länder als auch Wohlfahrtorganisationen heute nur noch über wenige Unterlagen zur Thematik der Kriegskinder verfügen.

Mit seinem Buch »Naître ennemi« hat Fabrice Virgili nach seiner Arbeit zu den »geschorenen Frauen« erneut ein bisher noch immer tabuisiertes Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getragen, ohne reißerisch zu sein. Diesem Buch ist eine Übersetzung ins Deutsche zu wünschen, weil es einen wichtigen sozialgeschichtlichen Beitrag zum deutschen Besatzungsalltag in Frankreich leistet.

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F. Virgili, Naître ennemi (Corinna von List)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/ZG/virgili_list
Dokument zuletzt verändert am: Jul 01, 2010 06:03 PM
Zugriff vom: May 25, 2012