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E. Traverso, Im Bann der Gewalt (Rolf-Dieter Müller)

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Enzo Traverso, Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945. Aus dem Französischen von Michael Bayer

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Enzo Traverso, Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945. Aus dem Französischen von Michael Bayer, München (Siedler) 2008, 400 S., 20 Abb., ISBN 978-3-88680-885-4, EUR 24,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Rolf-Dieter Müller, Potsdam

Der Rückblick auf das vergangene 20. Jahrhundert produziert in jüngster Zeit eine zunehmende Zahl mehr oder weniger geistreicher oder zumindest nützlicher Betrachtungen, die sich nicht mit der reinen Chronologie der Epoche zufrieden geben. Gesucht wird jenes Signum, das dem Zeitalter seine Prägung verschafft hat. Die Angebote der verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen sind vielfältig. Vielen ist gemeinsam sowohl ein euro-zentrischer Blickwinkel als auch eine Fokussierung auf ein »Zeitalter der Weltkriege«, das mit der »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts begann und mit dem Zivilisationsbruch von Holocaust und Totalem Krieg endete.

Der in Frankreich lehrende italienische Politikwissenschaftler Enzo Traverso bietet eine eher ungewöhnliche Betrachtungsebene an. Er greift eine auf Ernst Nolte zurückgehende, ältere Interpretation auf, die von einem »europäischen Bürgerkrieg« als Charakteristikum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgeht. Sie wird mit einem kulturwissenschaftlichen, systematischen Ansatz verbunden, der die Gewalt thematisiert, die von den totalitären Ideologien propagiert wurde und die Zivilgesellschaften Europas innerhalb einer Generation an den Abgrund geführt hat.

Die beiden Weltkriege sind also Ausdruck und Motor einer Barbarisierung, die von linken wie rechten Intellektuellen propagiert und getragen worden ist. Traversos faszinierende Collage von Bildern des Jahrhunderts will Verbindungslinien zwischen den Entwicklungen in Politik, Philosophie, Literatur, Kunst und Film aufdecken. So soll eine Spirale der Brutalität in Worten, Bildern und Taten erkennbar werden, die sich über die nationalen Grenzen hinaus immer schneller in Richtung des Holocaust als dem eigentlichen Zivilisationsbruch drehte. Entgegen einer weit verbreiteten Tendenz zur Dichotomie von Totalitarismen und liberaler Demokratie wagt es der Autor, »Logik« und »Kombattanten« dieses Bürgerkriegs kritisch zu analysieren, was zu kritischen Einschätzungen auch hinsichtlich des Antifaschismus führt. Dieser soll vor allem als Ort der Radikalisierung und Politisierung der Intellektuellen untersucht werden, um innere Widersprüche und Anziehungskraft aufzudecken.

Den zivilen Opfern der Weltkriege widmet er zwar ein eigenes Kapitel, ohne dabei freilich in einseitige Empathie zu verfallen. Im Mittelpunkt stehen für ihn aber die Akteure von Krieg und Revolution. Sie verstehen die Gewalterfahrung als voraussehbare Konsequenz ihrer eigenen Entscheidungen und werden nicht selten selbst zum Opfer, wie etwa Rosa Luxemburg, Leo Trotzki und Ernst Jünger. Die Analyse zielt von den Intellektuellen bis zu den italienischen Partisanen, zu einem gewaltsamen Widerstand gegen die Ideologie der Gewalt, der seine inneren Widersprüche hinter einem Heldenmythos nur mühsam zu kaschieren verstand. Der Abschnitt über »Partisanen« ist besonders eindrucksvoll und korrespondiert mit den vielfältigen Formen des Kriegs gegen Zivilisten, der von verschiedenen Parteien mit Vernichtung, Bombardierung und Entwurzelung geführt worden ist.

Persönliche Erfahrungen als linker Politaktivist in den siebziger Jahren geben Traverso Gelegenheit, den Mythos »revolutionärer« Traditionen, die in die Zeit des europäischen Bürgerkriegs der Zwischenkriegszeit und der Oktoberrevolution zurückführen, kritisch zu hinterfragen. Auch hier urteilt er mit aller notwendigen Schärfe.

Seine kenntnisreich vorgetragenen Analysen aus Kultur, Politik, Mentalitäten und Ideen führen immer wieder zu überraschenden Bezügen und Einsichten. Sie sind gut lesbar und fügen sich Schritt für Schritt zu einem überzeugenden Gesamtbild der Epoche. Indem er z.B. den Lynchmord an Mussolini als abscheuliches Schauspiel darstellt und die Massenvergewaltigung deutscher Frauen durch die Rote Armee zur gleichen Zeit behandelt, werden Kollaborateure und Widerstandskämpfer nicht als austauschbare Gewaltanhänger eingeschätzt, sowjetische und deutsche Kriegführung nicht gleichgesetzt. Aber er hält es für notwendig, für »diese entsetzlichen Taten, die nichts auf der Welt zu rechtfertigen vermag«, Erklärungen zu finden, die über die Ereignisse hinausreichen und Teil der gemeinsamen europäischen Geschichte sind. Seine Studie über die Politik der Gewalt öffnet neue Perspektiven auf das Zeitalter der Weltkriege sowie der totalitären Regime in Europa, in dem sie eine Logik des Bürgerkriegs skizziert und sie in den ideologischen Schlachtordnungen des 20. Jahrhunderts verortet. Das mit anschaulichen Illustrationen versehene Buch enthält eine Fülle glänzender Ideen, die zum Fundament eines künftigen europäischen Geschichtsbewusstseins gehören sollten.

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E. Traverso, Im Bann der Gewalt (Rolf-Dieter Müller)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 08, 2010 09:53 AM
Zugriff vom: May 25, 2012