S. Schirmann, Robert Schuman et les pères de l'Europe (Werner Bührer)
Sylvain Schirmann (dir.), Robert Schuman et
les pères de l’Europe, Bruxelles, Bern, Berlin u. a. (Peter Lang)
2008, 361 S. (Culture politiques et années de formation), ISBN
978-90-5201-423-4, EUR 38,90.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Werner Bührer, München
Aus Anlass des 50. Jahrestages der Römischen Verträge organisierte die Maison de Robert Schuman eine Tagung über die geistig-kulturellen Hintergründe der Gründerväter der europäischen Einigung. Die Vorträge liegen nun in gedruckter Form vor: die meisten in französischer Sprache, zwei auf Deutsch, einer auf Englisch. Gut zwanzig Wissenschaftler, darunter zahlreiche renommierte Europahistoriker und -historikerinnen, aber auch einige jüngere Forscher und Forscherinnen, beschäftigen sich mit der Frage, welche Traditionen und Erfahrungen eine kleine Zahl von Politikern und hohen Beamten zu dem Wagnis inspirierten, ein geeintes Europa aufzubauen. Herausgeber Sylvain Schirmann, Professor an der Universität Straßburg, erhofft sich von der Ausweitung der Erklärungsmuster auf Faktoren wie Familie und lokale Verwurzelung, Nation und Religion, Erziehung und Bildung sowie Erfahrungen und Lebenswelten jedenfalls neue Einsichten.
Der erste Teil des Buches ist Schuman selbst gewidmet. Alan Fimister untersucht den Einfluss der mit dem Namen Jacques Maritain verbundenen thomistischen politischen Philosophie des »Integralen Humanismus« und verschiedener päpstlicher Enzykliken auf das Denken Schumans. Angeles Muñoz erklärt dessen europapolitisches Engagement unter Rückgriff auf die Besonderheiten der »europäischen« Herkunft aus dem umstrittenen Grenzgebiet zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg. Éric Sander thematisiert die juristische Ausbildung – sie führte Schuman auch an die Universitäten Bonn, München und Berlin, ehe er sein Studium an der Universität Straßburg, das damals zum Deutschen Reich gehörte, abschloss, – und die juristische Vorstellungswelt. Gergely Fejérdy schließlich befasst sich mit Schumans Interesse an Minderheiten- und Grenzfragen am Beispiel der Donauregion, die dieser auch mehrfach besuchte.
Der zweite, weitaus umfangreichere Teil ist für die europapolitischen Mitstreiter reserviert: Porträtiert werden Jean Monnet (Éric Roussel, Gérard Bossuat), Konrad Adenauer (Marie-Luise-Recker, Andreas Wilkens), Paul-Henri Spaak (Michel Dumoulin), Joseph Bech (Charles Barthel), Jan-Willem Beyen (Jan-Willem Brouwer) und, sogar gleich von vier verschiedenen Autoren, Alcide De Gasperi (Cornélia Constantin, Alfredo Canavero, Piero Craveri, Daniela Preda) – aber auch Persönlichkeiten, die weniger im Rampenlicht standen wie etwa Walter Hallstein (Jürgen Elvert), Jean-Charles Snoy et d’Oppuers (Vincent Dujardin), Jean Rey (Pierre Tilly), Paul van Zeeland (Geneviève Duchenne) und Altiero Spinelli (Jean-Marie Palayret). Sieht man von der sachlich nicht gerechtfertigten italienischen Dominanz ab, ist der nationale Proporz einigermaßen gewahrt. Allerdings vermisst man jene »Väter« Europas, die ebenfalls entscheidende Impulse gaben, auch wenn sie nicht direkt involviert waren – etwa Winston Churchill oder George C. Marshall.
Die Beiträge unterscheiden sich unter formalen Gesichtspunkten deutlich: Während manche Autoren hauptsächlich die einschlägige Fachliteratur oder autobiographische Werke herangezogen haben, stützen sich andere auch auf unveröffentlichte archivalische Dokumente. Ferner fällt auf, dass der »Auftrag« des Herausgebers, nach neuen, im weitesten Sinne »kulturellen« Inspirationsquellen der Gründerväter zu suchen, nicht immer befolgt wurde: Manche Beiträge bieten kaum mehr als herkömmliche politikgeschichtliche Kost.
Welchen Erkenntnisgewinn bringen nun die neuen Erklärungsansätze, fasst man die einzelnen Ergebnisse zusammen? Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Während etwa Canavero am Beispiel De Gasperis die Frage nach den kulturellen Grundlagen als fruchtbar lobt, kommt Wilkens im Fall Adenauers zu dem Schluss, dass dessen Europapolitik in erster Linie von den damals vorherrschenden internationalen Konstellationen und weniger von weit zurückliegenden Prägungen etwa durch Familie und Ausbildung beeinflusst worden sei. Marie-Thérèse Bitsch weist in ihrer präzisen Zusammenfassung folglich zu Recht darauf hin, dass die hier erprobten Frageraster zwar durchaus vielversprechende Forschungsperspektiven eröffnen, dass aber noch viel zu tun bleibt, ehe eine differenzierte Typologie der Gründerväter der europäischen Einigung präsentiert werden kann.

