R. Rossfeld, T. Straumann, Der vergessene Wirtschaftskrieg (Reinhard Schiffers)
Romann Rossfeld, Tobias Straumann (Hg.), Der
vergessene Wirtschaftskrieg. Schweizer Unternehmen im Ersten
Weltkrieg, Zürich (Chronos Verlag) 2008, 548 S., ISBN
978-3-0340-0882-2, CHF 68,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Reinhard Schiffers, Bonn
Die Schweiz zählte schon um 1900 zu den am weitesten entwickelten und international am stärksten vernetzten Industriestaaten. Die gleichzeitige liberale Wirtschaftsordnung brach 1914 – nach einer langjährigen Expansion – buchstäblich über Nacht zusammen. An Stelle von Globalisierung und freiem Markt diktierten nun Inflation, Rohstoffknappheit, zunehmende Planungsunsicherheit, wachsende Regulierungsdichte und soziale Spannungen die Agenda. Nach wie vor dominiert indessen der Blick auf die makroökonomische Entwicklung und die kriegswirtschaftliche Organisation der großen Länder. Die mikroökonomische Sichtweise sowie die Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte der neutralen Kleinstaaten haben dagegen bisher viel weniger Beachtung gefunden. Diese Blickrichtung vernachlässigte die enorme wirtschaftliche Bedeutung der neutralen kleinen Länder, die strategisch wichtige Rohstoffe und Fertigprodukte an die Kriegsparteien lieferten.
Der vorliegende Sammelband befasst sich deshalb nicht mit den Flächenstaaten und ihren Volkswirtschaften, sondern mit dem Kleinstaat Schweiz und seinen Unternehmen vom Kriegsausbruch 1914 bis zum Ende der Nachkriegskrise in den 1920er Jahren. Untersucht werden dabei in 16 Fallstudien ausschließlich international tätige Firmen aus den verschiedenen Branchen – von der Textil-, Maschinenbau- und Elektroindustrie über die Uhren-, Metall- und Rüstungsindustrie bis zur Chemie, Pharmazie, der Nahrungs- und Genussmittelindustrie sowie Banken und Versicherungen.
Neben der Schweiz blieben auch die neutralen Staaten Dänemark, Norwegen, Schweden und die Niederlande vom militärischen Konflikt verschont. In diesem wogen die Unterschiede zwischen der Schweiz und den übrigen Neutralen in Bezug auf die geografische Lage, die Handelsstruktur und die Kreditbeziehungen weniger schwer, als man zunächst vermuten könnte. Alle 16 hier vorgestellten Unternehmen durchliefen von 1914 bis 1923 fünf Phasen, unterscheidbar nach der sich wandelnden wirtschaftlichen Dynamik und den sich ebenfalls verändernden Auswirkungen des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die erste und zugleich kürzeste Phase umfasst die Zeit unmittelbar nach dem Schock des Kriegsbeginns. Damals stand die Schweizer Wirtschaft weitgehend still, weil die Einfuhr blockiert war und ein erheblicher Teil der schweizerischen wie auch der ausländischen männlichen Arbeitnehmer eingezogen wurde. Die zweite Phase begann im Frühjahr 1915. Damals gelang es der Schweiz, mit den kriegführenden Mächten Handelsabkommen zu schließen, und es setzte eine eigentliche Kriegskonjunktur ein. Ebenfalls im Jahr 1915 begannen die Zentralmächte Deutschland und Österreich und dann noch stärker die Alliierten, die Verwendung der Importe in die Schweiz durch besondere Büros zu kontrollieren. Insbesondere für die Herstellung von Kriegsmaterial durften sowohl auf Seiten der Zentralmächte als auch der Entente keine Rohstoffe der gegnerischen Partei verwendet werden. Die Lieferung von Kriegsmaterial wurde so weitgehend zu einem »Veredelungsverkehr«, indem z.B. Kupfer importiert und zu Zündern verarbeitet wieder in das Herkunftsland exportiert wurde. In der dritten Phase nach der interalliierten Wirtschaftskonferenz in Paris im Juni 1916 und dem Kriegseintritt der USA im April 1917 nahm der wirtschaftliche Druck auf die neutralen Länder ebenso zu wie die innerstaatliche Regulierungsdichte. Hinzu kamen 1917/18 soziale Spannungen. Beherrschendes Merkmal der vierten Phase von 1918 bis 1921 war eine krisenhafte und langwierige Umstellung auf die Friedenswirtschaft. In der fünften Phase von 1921 bis 1923 führte die wachsende Inflation zu massiven Währungsverlusten und darauf folgenden Restrukturierungskosten.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich für die Geschichte der Schweizer Unternehmen zahlreiche Fragen, so u. a. nach der Veränderung der für den Geschäftsgang relevanten internen Daten, den Auswirkungen der regulierenden Maßnahmen des Bundes und des Wirtschaftskrieges der Entente, dem Verhältnis zu den Gewerkschaften und nach dem Zusammenhang zwischen Kriegswirtschaft und Innovationsdynamik. Gleichfalls in den Blick geraten die Folgewirkungen der sogen. schwarzen Listen, die Zwangsverwaltung von Schweizer Tochtergesellschaften im Ausland, die Zollerhöhungen sowie die Blockierung der Einfuhr von Rohstoffen. Die Antworten auf diese und andere Fragen fallen erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Das gilt für die einzelnen Branchen und Unternehmen ebenso wie für die Ausrichtung und Bedeutung der Geschäftsvorgänge.
Die Beiträge überzeugen durch einen umsichtigen Umgang mit der ermittelten internen und publizierten Daten, d.h. durch ein situatives und kontextsensibles Vorgehen. Zahlreiche Grafiken, Tabellen und Fotos machen die Erträge und Ergebnisse auch optisch einprägsam. Für weitere Forschungen zur schweizerischen Unternehmensgeschichte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sind die vorliegenden Beiträge eine unverzichtbare Vorgabe.
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