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C. Reynaud Paligot, La République raciale (Anne Seitz)

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Carole Reynaud Paligot, La République raciale. Paradigme racial et idéologie républicaine (1860–1930)

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Carole Reynaud Paligot, La République raciale. Paradigme racial et idéologie républicaine (1860–1930). Préface de Christophe Charle, Paris (PUF) 2007, 338 S. (Science, histoire et société), ISBN 2-13-054975-6, EUR 28,00.

rezensiert von/compte rendu rédígé par

Anne Seitz, Bochum

In der Monografie »La République raciale (1860–1930)« setzt sich Carole Reynaud Paligot mit der Entstehung des republikanischen Rassenparadigmas auseinander. Die Autorin stellt ihrer Untersuchung ein Zitat der zeitgenössischen französischen Philosophin Clémence Royer über den »weißen Neger« Alexandre Dumas voran und bereitet ihre Leserschaft damit subtil auf die Widersprüchlichkeiten innerhalb ihres Untersuchungsgegenstandes vor: wie können die republikanischen Werte von Gleichheit und Universalismus mit einer hierarchisierten Rassentheorie verbunden werden, die den Boden ebnet für Kolonialismus, Imperialismus und die institutionalisierte Herabsetzung des anderen?

Dieser Widerspruch wird – und das ist die große Stärke der Studie – auch am Ende nicht aufgelöst werden können. Carole Reynaud Paligot verwehrt sich gegen allzu einfache Schematisierungen und beleuchtet vielmehr die Widersprüchlichkeiten des »rassischen Paradigmas« in all seinen Facetten und Nuancen. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht dabei die Société d’anthropologie de Paris und die Herausbildung des Rassenparadigmas im akademischen Wissensfeld der Anthropologie. Die Originalität der Arbeit besteht nun darin, das neue Wissensfeld auf die Vereinbarkeit mit den republikanischen Diskursen zu befragen. Die Anthropologen, »républicains de la veille« (S. 113), stehen für die Autorin an einem Schnittpunkt zwischen Politik und Wissenschaft. Gerade an diesem Schnittpunkt situiert sich folgerichtig auch die Untersuchung, die zwischen der wissenschaftlichen Ausformulierung rassischer Theorien und der impliziten oder expliziten Inanspruchnahme in der Ausgestaltung der Kolonialpolitik oszilliert.

Reynaud Paligot stellt ihre Arbeit in den Kontext der seit mehreren Jahren verstärkt geführten Auseinandersetzung um die republikanischen Kultur: »L’étude [...] lève le voile sur un de ses visages restés en grande partie méconnus jusqu’ici« (S. 5). Ihr Buch ist indes keine pauschale Abrechnung mit den republikanischen Protagonisten, sondern bemüht sich vielmehr um eine akribisch belegte Nuancierung. Die Autorin verfährt dabei in zwei Schritten. In dem ersten Teil beschreibt sie die Entstehung und die wissenschaftliche Konstruktion des Rassenparadigmas, in dem zweiten Teil die Bezugnahmen und Verwendungen der anthropologischen Rassenkonzepte in anderen Wissensfeldern und die Aneignung des Wissens seitens der Zentralregierung wie auch der dezentralen Kolonialverwaltungen.

Carole Reynaud Paligot legt dar, wie die entstehende Anthropologie das Rassenkonzept zu einen akademischen Forschungsgegenstand umformt, auf dessen Grundlage ein globaler Ordnungsbegriff entstehen kann, der für eine wissenschaftlich verbürgte Herrschaft der »weißen Rassen« steht. Der entscheidende Vektor ist dabei die Annahme der Vererbung rassischer Eigenschaften – eine Annahme, die sich noch bis weit ins 20. Jahrhundert hält und die Ausgestaltung kolonialer Herrschaftsbeziehungen entscheidend mitbestimmt. Die Ursprünge der »modernen« Rassenlehre situiert sie in der Aufklärung. Überzeugend beschreibt Reynaud-Paligot die diskursive »transformation du primitif contemporain en primitif de l’humanité« im 18. Jahrhundert als erste Form einer Hierarchisierung und verweist damit auf die Vorstellung verschiedener Stadien in der Entwicklungsgeschichte des »zivilisierten« Menschen (S. 20).

Die für das republikanische Rasseparadigma erforderliche Systematik habe das Konzept mit der Etablierung des wissenschaftlichen Milieus, insbesondere mit der Gründung der Société d’anthropologie de Paris sowie der École d’anthropologie erhalten. Die Besonderheit der daraus entstandenen Rassenlehre sieht sie in dem Umstand, dass diese von Wissenschaftlern ausformuliert wurde, die dem republikanischen Milieu zuzurechnen und an der Gestaltung der Dritten Republik maßgeblich beteiligt waren. Von den nationalistischen Rassentheorien unterschieden sich die republikanischen Rassentheoretiker vor allem dadurch, dass sie den Mythos der »reinen Rasse« ebenso ablehnten wie antisemitische Vorannahmen. Anders als die konservativen »Rassiologen« wie Gobineau, Vacher de Lapouge oder auch Gustave le Bon verzichteten sie auch auf Hierarchisierungen innerhalb der europäischen Rassen (S. 89).

In dem zweiten Teil der Studie befasst sich Carole Reynaud Paligot mit der Integration des anthropologischen Wissens in die Human- und Sozialwissenschaften, wobei sie sich insbesondere mit der Übernahme der rassischen Konzepte in die Bereiche der Kollektivpsychologie, der Geschichtswissenschaften, der Geografie und der Soziologie auseinandersetzt. Wenn die Autorin auch unterschiedliche Verwendungsweisen in den einzelnen Wissensfeldern herausarbeitet – in der Geschichtswissenschaft ist der Begriff der Rasse etwa kulturell aufgeladen –, so betont sie doch die Kontinuitäten, die unhinterfragt aus den Rassenlehren übernommen werden. Die explizite oder implizite Bezugnahme auf eine Hierarchie der Rassen, deren anthropometrischer Nachweis trotz intensiver Bemühungen nicht erbracht werden kann, findet sie in allen untersuchten Wissensbereichen wieder (S. 188).

Schließlich wendet sich die Autorin auch den Auswirkungen des rassischen Paradigmas in den Kolonien selbst zu. Überraschenderweise sind es gerade die lokalen Praktiken, die den wissenschaftlichen Diskurs am stärksten unterwandern, wenn auch ohne dessen Gültigkeit grundsätzlich anzuzweifeln. Einen besonderen Stellenwert räumt die Autorin der kolonialen Bildungspolitik ein, an der sich das republikanische Bildungsideal einerseits, die anhaltende Debatte über die Perfektibilität des Menschen andererseits festmachen lassen. Der republikanische Bildungsanspruch findet sich in den Kolonien folgerichtig auch nur partiell umgesetzt und wird von Überlegungen hinsichtlich der beschränkten Lernfähigkeit nichteuropäischer Völker flankiert. Die Annahme einer langsamen Akkulturation des zivilisatorischen Fortschritts und der paternalistische Kolonialdiskurs bedingen sich so wechselseitig und speisen sich – mit Christoph Charle gesprochen – aus dem »complexe de supériorité superlatif« (S. 275) der französischen Kolonisatoren.

Die apriorische Betrachtung der Differenz als hierarchisierbare Ungleichheit, an der die Rasse als wissenschaftliches Konzept scheitern wird, prägt damit auch den republikanischen Umgang mit dem »Anderen«. Der in der Aufklärung begründete Glaube an eine teleologische Entwicklungsgeschichte der Menschheit führt in dem republikanischen Verständnis zu einer Abwertung der Alterität, die auf ein früheres zivilisatorisches Entwicklungsstadium verweist. Dabei ist es vor allem die wissenschaftliche Konstruktion der rassischen Ungleichheit, die der republikanischen Kolonialpolitik zu ihrer Durchsetzung verhilft: »La science des races n’est pas née pour justifier l’entreprise coloniale mais elle a été utilisée pour légitimer la domination et l’exploitation des peuples colonisés. [...] Communauté savante et communauté coloniale ont partagé une culture commune, une culture raciale commune« (S. 318).

Das Verdienst der Studie liegt zum einen in dem Aufzeigen der Kontinuität rassischer Begrifflichkeiten in den Wissenschaften bei gleichzeitiger Unhaltbarkeit seiner Methoden und Ergebnisse. Zum anderen wird auch die komplexe und widersprüchliche Verflechtungsgeschichte von rassischem Gedankengut und den Diskursen und Praktiken der republikanischen Elite aufgearbeitet. Carole Reynaud Paligot bedient sich dabei nicht nur der Institutionenanalyse, sondern vor allem des biografischen Zugangs, wobei die Aufzählung sämtlicher Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen den Schwung der Argumentationen mitunter ausbremst. Der Ausführlichkeit in der biografischen Darstellung werden zwar andere Vermittlungsfelder des rassischen Paradigmas entgegengesetzt – etwa populärwissenschaftliche Zeitschriften, Weltausstellungen und Vereine –, diese aber werden meist nur gestreift. Gerade in der Wirkung des Paradigmas auf die Gesellschaft bleibt der Leser auf diese Weise auf Lektüreeindrücke und Informationen aus anderen Werken angewiesen. Inwiefern dies der sonst sehr ausführlichen Darstellung zum Vor- oder Nachteil gereicht, sei dem einzelnen Leser überlassen.

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C. Reynaud Paligot, La République raciale (Anne Seitz)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 02, 2010 12:21 PM
Zugriff vom: May 25, 2012