D. Cherubini, M. Petricioli, Pour la paix en Europe (Ralph Blessing)
Marta Petricioli, Donatella Cherubini (dir.),
Pour la paix en Europe/For Peace in Europe. Institutions et société
civile dans l’entre-deux-guerres/Institutions and Civil Society
between the World Wars, Bruxelles, Bern, Berlin et al. (P. I. E.
Peter Lang) 2007, 656 S., 7 Abb. (L’Europe et les Europes, 7), ISBN
978-90-5201-364-0, EUR 52,90.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Ralph Blessing, Brooklyn, New York
Ein wesentliches Problem für das Verständnis der internationalen Beziehungen (und, offen gesagt, auch für den Relevanzverlust der Geschichte der internationalen Beziehungen, die oftmals nur als »Diplomatiegeschichte« wahrgenommen wird) ist, dass zivilgesellschaftliche Organisationen und Strukturen in der Forschung oft vernachlässigt wurden. Begreift man internationale Beziehungen als ein Netz aus Akteuren (und nicht unbedingt als ein »Netzwerk« – denn ein Netzwerk setzt die aktive Kollaboration seiner Mitglieder voraus) in den Bereichen Politik/Diplomatie, Medien, Kultur, Wirtschaft und anderer zivilgesellschaftlicher Gruppen, so liegt, trotz der Bemühungen der letzten Jahre, der Forschungs- und Erkenntnisschwerpunkt immer noch auf den politischen Beziehungen, und deren Gestaltung durch die Diplomatie. Dies hat vor allem den Grund, dass die Quellen für diesen Bereich zentral verfügbar und oft, durch Quelleneditionen, auch hervorragend aufgearbeitet sind.
In den letzten Jahren hat es eine erfreuliche Zunahme an Forschung zu nicht-politischen, nicht-diplomatischen Aspekten der internationalen Beziehungen der Zwischenkriegszeit gegeben, als Beispiel seien die Arbeiten Hans Manfred Bocks zur zivilgesellschaftlichen Ebene der deutsch-französischen Beziehungen genannt. Die Probleme im Zusammenhang mit der Erforschung dieser Ebene der internationalen Beziehungen sind jedoch weiterhin enorm: Zivilgesellschaftliche Akteure müssen identifiziert und Quellen, sofern vorhanden, erschlossen werden; um den Einfluss auf und die Bedeutung dieser Akteure für die »offiziellen« Beziehungen zu bestimmen, müssen nicht nur die zivilgesellschaftlichen Persönlichkeiten und Organisationen selbst analysiert, sondern auch ihre Stellung und Relevanz im Gesamtkontext der internationalen Beziehungen bewertet werden; und schließlich muss man sich fragen, ob die Betrachtung von offiziellen und zivilgesellschaftlichen Trägern der internationalen Beziehungen nicht immer noch zu kurz greift, um zwischenstaatliche Verhältnisse zu verstehen – was z. B. ist mit Akteuren, die keinen Anspruch darauf erheben, aktiv die internationalen Beziehungen zu gestalten (wie das offizielle Stellen und zivilgesellschaftliche Organisationen tun), sondern diese Beziehungen einfach kraft ihrer Existenz beeinflussen, wie z. B. Tourismus, das Militär, die Medien, die Wirtschaft etc.?
Der vorliegende Sammelband versucht, sich dem anspruchsvollen und wichtigen Thema von Institutionen und Zivilgesellschaft in den internationalen Beziehungen im Europa der Zwischenkriegszeit zu nähern, und vor dem Hintergrund der Friedens- und Verständigungsbemühungen zu analysieren. Wie Jacques Bariéty in seiner Einführung völlig zu Recht feststellt, war die zivilgesellschaftliche Einflussnahme auf die Außenpolitik, zumindest ihrem Umfang nach, »une nouvelle dimension de l’histoire des relations internationales« (S. 11), auch vor dem Hintergrund, dass der Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Versagen der »offiziellen« Politik bewertet wurde.
Der erste Teil des Bandes befasst sich mit den Institutionen und Instrumenten der Friedenssicherung. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Völkerbund und ihm angeschlossenen Organen, wie sein Beitrag zum Minderheitenschutz von Carole Fink, der Beitrag Christine Manigands zum Institut für Internationale Geistige Zusammenarbeit – dem Vorläufer der UNESCO – und die Aufsätze Sylvain Schirmanns und Luciano Tosis zum Wirtschafts- und Finanzkomitee des Völkerbunds bzw. dem Verhältnis zwischen dem Völkerbund und dem Internationalen Institut für Landwirtschaft. Lediglich Enrica Costa Bona und Marta Petricioli, mit ihren Studien zum internationalen Friedensbüro und der Rohstoffproblematik der Zwischenkriegszeit, befassen sich mit Themen außerhalb des institutionellen Rahmens des Völkerbunds, wenn auch ihre Aufsätze starke Bezüge zum Genfer Bund aufweisen.
Der zweite Teil des Sammelbandes untersucht Friedensinitiativen und -projekte, so Donatella Bolech Cecchis Aufsatz zum Briand-Kellogg Pakt, Fabio Masinis Artikel zu britischen Wirtschaftswissenschaftlern und der Friedensproblematik sowie Gabriela Giolis Untersuchung zu den Auffassungen italienischer Ökonomen zur Friedenssicherung. Andere Beiträge in diesem Abschnitt befassen sich mit dem Föderalismusgedanken in Ungarn (Catherine Horel) und Francesco Guida mit ähnlichen Projekten in Rumänien. Alberto Basciani untersucht in seiner Studie zu den Verhandlungen zwischen Titulescu und Litwinow einen weiteren Aspekt der rumänischen Diplomatie der Zwischenkriegszeit, während Maurizio Russo die Friedensbemühungen Papst Benedikts XV. beleuchtet.
Der vorletzte Teil untersucht die Rolle pro-europäischer und pazifistischer Persönlichkeiten und Gruppen in der Friedensdiskussion der Zwischenkriegszeit. So analysiert etwa Donatella Cherubini die Überlegungen des italienischen Sozialisten Giuseppe Modiglianis, den Völkerbund zu einem aktiven Element der europäischen Zusammenarbeit zu transformieren, Antonio Baglio die Beziehung zwischen dem italienischen Journalisten und Sozialisten Luigi Campolonghi und der italienischen Liga für Menschenrechte, Sara Lorenzini die Rolle der »Weißen Internationale« – dem 1925 erfolgten Zusammenschluss einiger europäischer christdemokratischer Parteien im Secrétariat international des partis démocratiques d’inspiration chrétienne – und Jean Michel Guieu die Einstellung des internationalen Friedenskongresses zur Frage der europäischen Einigung. Vincenzo Schirripa untersucht den Einfluss pazifistischer Ideen auf die italienische Pfadfinderbewegung und Andrea Becherucci und Patricia Chiantera-Stutte befassen sich mit Ernesto Rossi, einem der Mitautoren des »Manifests von Ventotene« und einflussreicher Befürworter der des europäischen Föderalismus in Italien, bzw. der Korrespondenz zwischen dem antifaschistischen (und 1933 aus dem Hochschuldienst entlassenen) Professor Aldo Capitini und dem Faschisten Delio Cantimori.
Der letzte Teil des Sammelbandes ist inhaltlich am breitesten gefächert und befasst sich mit der Friedens- und Europaidee im Kulturbereich. Die Beiträge reichen hierbei von den Bemühungen zur Revision von Geschichtsbüchern als Beitrag zur »moralischen Abrüstung« (Marcello Verga), über die pazifistische Dichtung der Amerikanerin Muriel Rukeysers (Gigliola Sacerdoti Mariani) und die Rolle des Autors und Widerstandskämpfers Ignazio Silone (Mimmo Franzinelli) bis zur Rolle des politischen Theaters (Ilona Fried) und der Rezeption des 1930 von Lewis Milestone verfilmten Romans »Im Westen Nichts Neues« (Alberto Tovaglieri). Thematisch der größte Kontrast besteht sicherlich zwischen der Untersuchung Vittore Collinas über den Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die Rechtsphilosophie Louis Le Furs und dem Beitrag Gherardo Boninis über den Einfluss des Sports, vor allem der olympischen Bewegung, der Arbeitersportbewegung und der Balkanspiele, auf die internationale Verständigung.
Zunächst einmal fällt auf, dass der Sammelband recht italozentrisch ist – von den acht biographischen Artikeln im Sammelband thematisieren sechs italienische Intellektuelle, und auch in einigen anderen Artikeln steht Italien im Mittelpunkt – wie in dem Beitrag über die italienische Pfadfinderbewegung oder die italienische Diskussion über eine europäische Wirtschaftsordnung. Andere Artikel haben, wie der Beitrag Bolech Cecchis, eine italienische Perspektive, in diesem Fall auf den Briand-Kellogg Plan. Dies ist zunächst nur einmal eine Feststellung, doch muss der Leser sich darauf einstellen, wenig über Entwicklungen in anderen Teilen Europas, vor allem in Nord- und Mitteleuropa, erfahren.
Inhaltlich erfährt man vor allem in den ersten beiden Teilen des Bandes relativ wenig Neues. Der Völkerbund war in den vergangenen Jahren verstärkt in Fokus der Forschung, wie schon Antoine Fleury und andere festgestellt haben, und auch der Beitrag über den Briand-Kellogg Plan bietet, nach der umfassenden Studie von Eva Buchheit, keinen neuen Blickwinkel. Wenn man über die europäischen Institutionen der Zwischenkriegszeit spricht, muss man sich außerdem fragen, ob der Völkerbund wirklich die einzige Organisation war, die Einfluss auf die Friedensbemühungen in Europa hatte. Wie haben z. B. die zahlreichen Kommissionen, die im Rahmen der Pariser Vorortverträge geschaffen wurden, die europäische Zusammenarbeit beeinflusst, von der Botschafterkonferenz, der Reparationskommission und der Interalliierten Militärkontrollkommission bis hin zur Rhein- und Donaukommission?
Einige Beiträge sind ausgesprochen unausgewogen. Der Artikel Giolis beispielsweise über die Vorstellung italienischer Ökonomen zur europäischen Wirtschaftsordnung erwähnt mit kaum einem Wort den Faschismus oder, vor allem nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, das Verhältnis der italienischen Wirtschaft zu der des nationalsozialistischen Deutschland. Ein ähnliches Problem plagt den Beitrag Masinis über die akademische Diskussion britischer Wirtschaftswissenschaftler – auch hier werden lediglich wirtschaftsliberale Positionen diskutiert während Keynes nur am Rande, und sozialistische und kommunistische Einflüsse so gut wie gar nicht erwähnt werden. Es fällt außerdem auf, dass der Schwerpunkt der Untersuchungen über die wirtschaftliche Befriedung Europas sich vor allem auf die akademische Diskussion beschränkt, kaum aber auf realwirtschaftliche Themen eingegangen wird, wie z. B. die internationalen Kartelle oder die Konsultationen zwischen den Zentralbanken, einschließlich der Federal Reserve.
Ein Ärgernis ist die zum Teil schwache sprachliche Qualität besonders der englischsprachigen Artikel, die vielfach holprig bis unverständlich sind. Zahlreiche Flüchtigkeitsfehler (»Walachia and Moldavia became the theater for painful wars between the Russian and the Tsarist armies«, S. 259) tragen nicht zur Lesbarkeit bei.
Am ergiebigsten sind die Aufsätze in den beiden letzten Teilen des Bandes, die die Diskussion über die Friedensbemühungen aufbrechen und thematisch auf Bereiche wie die Kultur, in diesem Falle Theater und Film, sowie den Sport ausweiten.
Insgesamt handelt es sich um eine eklektische, und dabei doch sehr italozentrische Sammlung von Aufsätzen sehr unterschiedlicher Qualität, die die Diskussion über die Träger der Friedensbemühungen im Europa der Zwischenkriegszeit nur teilweise voranbringt, und zeigt, dass auf diesem Gebiet noch viel zu tun ist, vor allem was die Synthese verschiedener Forschungsansätze und eine Gesamtschau der Friedensbemühungen in so unterschiedlichen Bereichen wie Sport, Kultur, Wirtschaft und offiziellen Kanälen angeht.
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