N. Pelletier, Crises et conscience de crise dans les pays de langue allemande (années vingt et trente) (Katja Marmetschke)
Nicole Pelletier (dir.), Crises et conscience
de crise dans les pays de langue allemande (années vingt et trente),
Pessac (Presses universitaires de Bordeaux) 2008 (Crises du XXe
siècle), 254 S., ISBN 978-2-86781-517-1, EUR 25,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Katja Marmetschke, Leander, Texas
Der meistgebrauchte Begriff in der Gegenwartsdiagnostik der Weimarer Republik war ohne jeden Zweifel das Wort »Krise«, das wie kein zweites herangezogen wurde, um die empfundene Unzulänglichkeit und Unsicherheit der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation der 1920er und 1930er Jahre zu charakterisieren. Dieses ausgeprägte Krisenbewusstsein war nicht nur die unmittelbare Reaktion auf zeitgeschichtliche Zerrüttungen, sondern es entsprang der weitverbreiteten Überzeugung, dass mit den Folgen der Modernisierung ein epochaler Umbruch in allen Lebensbereichen anbreche. »Zersetzung«, »Masse«, »Mechanisierung«, »Entfremdung« waren in der Zwischenkriegszeit allgegenwärtige Schlagworte, mit denen Krisendiagnostiker unterschiedlicher intellektueller Provenienz ihr Unbehagen zum Ausdruck brachten.
Der von der Bordelaiser Germanistin Nicole Pelletier herausgegebene Band hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus diesem Chor einige Stimmen herauszugreifen und aus interdisziplinärer Perspektive das komplexe Verhältnis zwischen Krise und Krisenbewusstsein in der Zwischenkriegszeit näher zu beleuchten. Nach dem Einleitungsbeitrag von Horst Möller, der die ereignisgeschichtlichen Eckdaten der Weimarer Republik und ihre krisenhafte Zuspitzung in einer Gesellschaft am Umbruch zur Moderne in Erinnerung ruft, stehen im Mittelpunkt des ersten Teils vor allem Krisendiagnosen philosophischer Denker. »Technik, Apparat und Massendasein erschöpfen nicht das Sein des Menschen« – diese Aussage Karl Jaspers aus der Schrift »Die geistige Situation der Zeit« (1931), die Gilbert Merlio vorstellt, beschreibt am ehesten den gemeinsamen Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Über diesen kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus finden sich bei den untersuchten Stichwortgebern jedoch höchst unterschiedliche Interpretationen für die Ursache der Krise und die Möglichkeiten ihrer Überwindung. Oswald Spenglers weit ausholende Geschichtsmorphologie über den »Untergang des Abendlandes« (1918/22), die Bilge Ertugrul in ihrem Beitrag mit Freuds »Unbehagen in der Kultur« (1930) vergleicht, stellt die Französische Revolution als Meilenstein auf dem Weg in die Dekadenz dar und huldigt der Vision einer preußisch-großgermanischen Renaissance. Ebenso dezidiert gegen rational-aufklärerisches Gedankengut wendet sich der spätere nationalsozialistische Pädagoge Alfred Baeumler (Jacques Gandouly), der in der Zwischenkriegszeit mit der bündischen Jugendbewegung sympathisierte und eine ästhetisch-philosophische Erneuerung auf den Grundlagen der politischen Romantik propagierte. Stärker um Synthese bemühte Angebote zur Krisenlösung finden sich hingegen bei dem Philosophen Max Scheler, dessen intellektuelle Öffnungsbewegung während der 1920er Jahre Olivier Agard anschaulich nachzeichnet. In kritischer Auseinandersetzung mit der Weimarer Demokratie und dem kulturellen Relativismus nimmt Scheler teilweise Abstand von seiner früheren Vorstellung eines kontinental-katholischen Europas und einer rein metaphysisch begründeten Werteethik. In dem Vortrag »Der Mensch im Zeitalter des Ausgleichs« (1927) spricht er sich vielmehr für eine »Verlebendigung des Geistes« bei gleichzeitiger »Vergeistigung des Lebens« aus, da nur im Zusammenspiel von Geist und Drang der Mensch zu seiner kulturellen Entfaltung gelangen könne. Während Scheler und viele andere zeitgenössische Krisendiagnostiker ihre Synthesevorstellungen in abstrakten und bisweilen hybriden Kategorien formulieren, lässt sich bei dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (Jean-Luc Garret) eine klare Hinwendung zur individuellen Ebene beobachten. Dialog und Begegnung sind für ihn die anthropologischen Leitkategorien zur Herausbildung eines erneuerten Humanismus, der einer Verdinglichung und Technisierung der Gegenwart entgegenzuwirken vermag.
An diese philosophischen Krisendiskurse schließen sich im zweiten Teil des Bandes Beiträge über künstlerisch-literarische Formen der zeitgenössischen Krisenartikulation an. Diesen wird zum einen nachgegangen in Schlüsselromanen der Epoche, wie Thomas Manns »Zauberberg« (Jean-Marie Paul) oder Robert Musils »Mann ohne Eigenschaften« (Stéphane Gödicke), zum anderen an Beispielen der ästhetisch-stilistischen Neuorientierung von Autoren oder ihrer Zeitzeugenrolle. Die versammelten Beiträge illustrieren, in welch unterschiedlicher Weise das Krisenbewusstsein Eingang in das künstlerische Schaffen findet und mit welchen Antworten ihm die Autoren entgegnen. Klaus Mann, dessen autobiographische Texte Alain Cozic untersucht, kann als schillerndes Beispiel für die Haltung zahlreicher Intellektueller der Zwischenkriegszeit gelten: Zwar hat er luzide die Zerfallserscheinungen der Weimarer Republik und die aufziehenden Gefahren erkannt, daraus aber bis 1933 noch keinen Imperativ für ein konkretes künstlerisches oder politisches Engagement abgeleitet. Wie sehr die konstatierte Werteerosion einige Schriftsteller zur Reformulierung ihrer ästhetischen Handlungsmaximen bewegte, zeigt Christine Mondons Analyse des Romanwerkes von Hermann Broch in den 1930er Jahren: Er versuchte, durch den mythischen Roman eine sinnstiftende dichterische Form zu schaffen, die in der Lage war, die in der Moderne verlorengegangene Einheit und Totalität abzubilden. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang der Beitrag von Nicole Pelletier über Ödön von Horváth und von Gérard Thiérot über die nationalsozialistischen Dramaturgen, da sie Umsetzungen der Krise auf der Bühne analysieren, die kaum gegensätzlicher ausfallen könnten. Auf der einen Seite steht der kritische Beobachter von Horváth, der in seinen Stücken präzise die Perspektivlosigkeit des Kleinbürgertums seziert und mit dem »Bildungsjargon« bis in die Sprache hinein eine zwischen romantischem Eskapismus und zynischem Realismus pendelnde Orientierungslosigkeit widergibt. Auf der anderen Seite finden sich die Autoren und Theoretiker des nationalsozialistischen Theaters wieder, in deren Augen die Krise lediglich ein Produkt der liberalen Demokratie war, die Deutschland in die Dekadenz geführt und von seinem Bestimmungsmythos einer durch Krieg und Soldatendasein geeinten Nation entfernt habe. Da sich diese Botschaft aufgrund ihrer statischen Eindimensionalität kaum in den klassischen Theatergattungen umsetzen ließ, entwickelten die Nationalsozialisten mit dem Thingspiel sogar eine eigene Inszenierungsform.
Dass Antworten auf die Krise nicht nur im Roman oder auf der Bühne, sondern auch auf der gestalterisch-architektonischen Ebene gesucht wurden, verdeutlicht der Aufsatz von Daglind Sonolet über das Bauhaus. Die Verbindung von Handwerk und Kunst war gleichermaßen ein gesellschaftliches wie künstlerisches Projekt, das zum Ziel hatte, eine neue Formensprache hervorzubringen und dabei bewusst moderne Materialien und Techniken einzubeziehen, die der Industrialisierungsprozess zur Verfügung stellte. Eine Klammer um den gesamten Band bilden schließlich der erste Artikel von Jean Mondot über die Goethe-Gedenkfeiern 1932 in Frankreich und der letzte Beitrag von Dominique Jarrassé über die französische Beurteilung der modernen deutschen Architektur zu Beginn der 1930er Jahre. Insbesondere der Artikel von Mondot arbeitet die politische Aufladung der Goethe-Feierlichkeiten heraus, die in Frankreich zur Hommage eines weltoffen-kosmopolitischen Denkens wurden, das im Nachbarland auf einen beständig schrumpfenden Resonanzboden stieß.
Der Sammelband leuchtet schlaglichtartig und mit einem breit angelegten Querschnitt verschiedene Bereiche von der Philosophie bis zur Architekturgeschichte aus, in denen sich bedeutende Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler mit der Krise der 1920er und 1930er Jahre auseinandersetzten. Damit wird sowohl die übergreifende Existenz des Krisenbewusstseins als auch die Kakophonie der damaligen Stimmen sehr gut wiedergeben, obgleich es an manchen Stellen zur Kohäsion des Bandes beigetragen hätte, den analytischen Fokus stärker auf bestimmte literarisch-künstlerische Ausdrucksformen zu legen.
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