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D. Missika, Je vous promets de revenir (Matthias Gemählich)

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Dominique Missika, Je vous promets de revenir. 1940-1945, le dernier combat de Léon Blum

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Dominique Missika, Je vous promets de revenir. 1940–1945, le dernier combat de Léon Blum, Paris (Robert Laffont) 2009, 313 S., ISBN 978-2-221-10945-8, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Matthias Gemählich, Nürnberg

Kaum eine Persönlichkeit der späten dritten Republik stand in Frankreich im politischen Alltag wohl stärker im Mittelpunkt erbitterter Auseinandersetzungen als Léon Blum, der Regierungschef des Volksfrontbündnisses von 1936 und prominente Führer der französischen Sozialisten. Dementsprechend hat die Geschichtswissenschaft seinem politischen Wirken immer wieder viel Aufmerksamkeit beigemessen. Mehrere Biografien waren die Folge, so zuletzt die detaillierte und hintergründige Lebensbeschreibung Blums von Serge Bernstein.1 Jedoch war es dabei immer in erster Linie der Politiker, dem das Interesse galt. Blums persönliche Seite und sein Privatleben wurden dagegen kaum beleuchtet. Die französische Historikerin Dominique Missika setzt mit ihrem Buch »Je vous promets de revenir. 1940–1945 le dernier combat de Léon Blum« an dieser Stelle an und will dem Leser ein Bild von ihm als Mensch vermitteln.

Der zeitliche Rahmen sind die »années noires«, die Blum beinahe gänzlich als Gefangener zubrachte – anfangs in Haft auf Befehl der Regierung in Vichy, später in verschiedenen deutschen Konzentrationslagern. Missikas Aufmerksamkeit gilt jedoch einer weiteren Person: Jeanne Reichenbach, der Lebensgefährtin des prominenten Sozialisten in den Kriegsjahren. Blum lernt die wesentlich jüngere Reichenbach bereits 1915 kennen. Jahre später treffen die beiden im Juni 1940 in Bordeaux als Flüchtlinge aus dem von der deutschen Wehrmacht gerade eingenommenen Paris aufeinander. In der vom militärischen Debakel im Krieg gegen das Deutsche Reich gezeichneten Stadt beschließt sie, sich von ihrem Ehemann zu trennen, und entscheidet sich für eine gemeinsame Zukunft an der Seite Blums. Sie teilt sein Schicksal in den folgenden Jahren und begleitet ihn auf seinem Weg durch Gefängnisse und Konzentrationslager.

Das eigentliche Thema des Buches ist die Geschichte ihrer Beziehung. Missika schildert anschaulich, erzählend und mit starkem Interesse für die Person den Lebensweg der beiden. Bis hin ins Romanhafte geht es dabei allerdings, wenn die Verfasserin Gedankengänge der einzelnen Personen und Dialoge zwischen ihren Protagonisten wörtlich wiedergibt. Grundlage für ihre Arbeit sind neben den verfügbaren Archivbeständen und der einschlägigen Sekundärliteratur unveröffentlichte Dokumente aus dem Besitz von Reichenbachs Familie. Auf diesem Weg hatte Missika Zugang zu zahlreichen Briefen aus der Korrespondenz zwischen ihr und Blum. Diesen Vorteil versteht sie geschickt zu nutzen. Zahlreiche Auszüge aus den persönlichen Schreiben vermitteln ein greifbares und stimmiges Bild vom Verhältnis der beiden zueinander. Die Darstellung selbst konzentriert sich auf die Perspektive Blums und Reichenbachs. Politische Ereignisse und Vorgänge finden nur da Erwähnung, wo sie deren Zukunft bestimmen und werden lediglich aus ihrer Sicht wiedergegeben, etwa Pétains Radioansprache vom 17. Juni 1940 über seinen Entschluss, in Verhandlungen um einen Waffenstillstand einzutreten, oder der deutsche Einmarsch in die bis dahin unbesetzte Zone in Südfrankreich im November 1942. In jedem Fall geht es Missika nicht um ein umfassendes Bild der Vorkommnisse im Frankreich der Jahre 1940–1945, sondern ausschließlich um die subjektive Sicht und das von Blum und Reichenbach Erlebte.

Aus diesem Grund findet der Leser keine einheitliche, zusammenhängende Darstellung vor, sondern viele Momentaufnahmen. Jedes Kapitel, überschrieben lediglich mit dem Datum und dem Ort des Geschehens, konzentriert sich auf einen bestimmten Tag in dem Berichtszeitraum. Über Rückblenden und Zusammenfassungen der maßgeblichen Vorkommnisse entseht jedoch ein klares Gesamtbild.

Gegliedert ist das Buch in zwei Teile. Der erste befasst sich im Wesentlichen mit Blums Inhaftierung durch die Regierung in Vichy und die Anklage im Prozess von Riom. Er wird am 15. September 1940 verhaftet und zunächst an wechselnden Orten festgehalten. Schließlich beginnt im Februar 1942 in Riom der Prozess, mit dem Vichy versucht, namhafte Politiker der dritten Republik zum Sündenbock zu stempeln und öffentlich die Verantwortung für die Niederlage im Krieg anzulasten. Blum wirft man vor allem vor, während seiner Regierungszeit die Aufrüstung Frankreichs vernachlässigt und eine gesellschaftliche Demoralisierung verschuldet zu haben. Aber aufgrund seiner vehementen und überzeugenden Verteidigung und der der anderen Angeklagten geht dieses Kalkül nicht auf. Bereits nach einigen Wochen wird der Prozess abgebrochen.

Im zweiten Teil des Buches schildert Missika die Auslieferung Blums als Geisel an die Deutschen und seine anschließende Odyssee durch mehrere Konzentrationslager. Die längste Zeit, von März 1943 bis April 1945, verbringt er als Häftling im KZ Buchenwald mit der ständigen Ungewissheit, am Ende nicht – wie unter anderem sein Leidensgenosse Georges Mandel – ermordet zu werden. Selbst hier bleibt Jeanne Reichenbach bei ihm, folgt ihm nach Deutschland und lebt an seiner Seite im KZ Buchenwald. Zuletzt rundet ein Epilog mit einen Ausblick auf die letzten Lebensjahre der beiden nach ihrer Rückkehr nach Frankreich die Darstellung ab.

Zweifellos ist es Dominique Missika gelungen, einen bisher wenig beachteten Aspekt im Leben Léon Blums sorgfältig herauszuarbeiten und dabei die Rolle der Frau an seiner Seite in den Kriegsjahren entsprechend zu würdigen. Dass die Verfasserin Zugang zur Privatkorrespondenz hatte, erweist sich als entscheidender Vorteil. Ein Bild von der Persönlichkeit, die sich hinter dem Politiker Blum verbirgt, von seiner Lebensgefährtin und von ihrer Beziehung wird eindringlich vermittelt. Daher ist wohl auch der Titel des Buches vor allem in seiner persönlichen Dimension zu sehen. Denn vom letzten Kampf Blums, der nach seiner Rückkehr aus der KZ-Haft in Deutschland erneut zum Regierungschef avancierte und sich noch jahrelang an den politischen Auseinandersetzungen in Frankreich beteiligte, könnte sonst schwerlich die Rede sein.

1 Vgl. Serge Bernstein, Léon Blum, Paris 2006

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D. Missika, Je vous promets de revenir (Matthias Gemählich)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 02, 2010 12:21 PM
Zugriff vom: May 25, 2012