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P. Lavelle, Religion et histoire (Margot Taureck)

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Patricia Lavelle, Religion et histoire. Sur le concept d’expérience chez Walter Benjamin

Francia-Recensio 2010/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Patricia Lavelle, Religion et histoire. Sur le concept d’expérience chez Walter Benjamin, Paris (Les Éditions du Cerf) 2008, 311 S. (Passages, 28), ISBN 978-2-204-08519-9, EUR 39,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Margot Taureck, Paris

Patricia Lavelle stellt ihre für die Veröffentlichung überarbeitete Dissertation als eine Lektüre vor, die versucht, in den zahlreichen von Benjamin verwendeten Metaphern, die philosophischen Grundlagen einer Erfahrung des Denkens aufzuspüren.

Leider fallen als erstes einige negative, für den Leser ärgerliche formale Aspekte ins Auge: Zusätzlich zu den Titeln der von Heinz Wismann herausgegebenen Reihe »Passages« hätte man sich eine Bibliographie gewünscht, auch ein Namensindex wäre bei dieser Thematik nicht überflüssig gewesen. Man vermisst einen kompetenten Lektor, stört sich an der sehr französischen Art des Zitatnachweises, fehlenden Seitenangaben oder Briefdaten. Fast automatisch erhebt sich die Frage nach dem Grad der Vertrautheit der Autorin mit der deutschen Sprache, wenn auf Deutsch angeführte Zitate, Namen und Nachweise zahlreiche Fehler enthalten.

Zu begrüßen ist jedoch der Versuch, dem Einfluss der Philosophie Kants in Benjamins Werk nachzugehen und dabei auch den traditionsreichen philosophischen Begriff Metaphysik wieder ins Gedächtnis zu rufen, da bereits für Benjamins frühe Arbeiten eine theologisch-metaphysische Dimension kennzeichnend ist, und im Rahmen einer vielfach diagnostizierten Kulturkrise in den Jahren ab 1910 der Versuch unternommen wurde, Philosophie theologisch und metaphysisch zu fundieren.

Ausgangspunkt von »Religion et Histoire« ist zum einen der polemische Kontext des Pantheismusstreits von 1785. Hierbei ist vor allem die Antwort Kants an Johann Georg Hamann wichtig, die die symbolische Dimension der Sprache und ihre Bedeutung für ein neues Konzept der Erfahrung anerkennt. Zum anderen beginnt die Arbeit mit der Rückbesinnung auf Kant vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert, dem Erkennen einer notwendigen Veränderung von Kants Erkenntnistheorie und der Auseinandersetzung zwischen Neu-Kantianern in der Nachfolge Hermann Cohens und Anhängern der Phänomenologie Husserls.

Walter Benjamin versucht im Sinne der Antwort Kants, eine Reflexion über die Sprache in die durch seine Philosophie eröffnete Perspektive einer Metakritik der »Kritik der reinen Vernunft«, die Hamann vorgeschlagen hatte, einzubauen. Ausgehend von seinem 1916 veröffentlichtem Text »Über die Sprache im Allgemeinen und über die menschliche Sprache«, der die Beziehung von Denken und Sprache untersucht, stellt Benjamin 1918 in »Über das Programm der kommenden Philosophie« sein höheres Konzept der Erfahrung vor. Patricia Lavelle zufolge beschreitet Walter Benjamin hier einen dritten Weg für ein neues Erkenntniskonzept, zwischen Rationalismus und Irrationalismus, der allerdings in den Randzonen der traditionellen Philosophie angesiedelt ist, was sie im ersten Kaptitel »Expérience et langage« ausführlich erläutert. Sein Konzept bezieht die linguistische Dimension des Denkens mit ein, spricht der Phantasie eine grundlegende Rolle zu und führt so, ausgehend von Kants Erkenntnistheorie zu einem neuen Paradigma der Erfahrung, welches imstande ist die Bereiche Religion und Geschichte zu integrieren wie auch das Konzept von Sprache als Medium des Denkens und als Mittel, mit Hilfe dessen Denken sich verständlich machen kann. Die Erkenntnis, die in der Darstellung der Ideen (der Wahrheit) anvisiert wird, ist dabei im eigentlichen Sinne an die Unbestimmtheit oder die symbolische Dimension der Sprache gebunden, in der sich der »Sitz der Wahrheit« befindet.

Benjamins »metakritische« Lektüre der Problematik der Erfahrung bei Kant, die in mehreren seiner Texte hinter Bildern und sehr literarischen Metaphern zu suchen ist, wurde, wie die Verfasserin erklärt, bisher in der französischen Rezeption seiner Texte, in der entweder mangelndes Interesse an literarischen Ausdrucksformen vorherrsche, oder die sich in emphatischen unkritischen Kommentaren erschöpfe, noch keiner detaillierten Analyse unterzogen. Zahlreichen Veröffentlichungen in Deutschland und Frankreich wird das Fehlen einer kritischen Perspektive der konzeptuellen Dimension Benjaminscher Texte angekreidet. Das erklärt Lavelles Unternehmen, die Sprache des Autors, seine Themen und Bilder, und den sich dahinter verbergenden philosophischen – Kant kritisch verschriebenen – Blickpunkt hermeneutisch zu entziffern, um ihn, hierin Schleiermachers Ratschläge befolgend, vielleicht besser zu verstehen, als er sich selbst verstanden hat.

Die Arbeit ist in drei Kapitel mit je sieben Unterkapiteln gegliedert. Im Anklang an Kants dreigliedriges System und, wie Lavelle betont, trotz des Fehlens einer systematischen Organisation, bezieht Benjamins Reflexion über die Erfahrung den dreifachen Aspekt einer Sprachphilosophie, einer Kunstkritik und einer Geschichtstheorie mit ein, in der man jeweils die Felder Natur und Freiheit in ihrem ästhetischen Bezug finden kann. Die Autorin stellt dem Leser eine große Anzahl wichtiger Schriften Benjamins vor und zeigt dabei jeweils die Verbindung zur Philosophie Kants als Ausgangspunkt auf, bzw. erläutert Benjamins Hinausgehen darüber.

Konstituierende und immer wiederkehrende Bilder sind der »Berliner Kindheit« entnommen, so der Strumpf aus dem Text »Schränke«, der als gelungene Darstellung der Erkenntnis vom Eindringen in das Innere der Dinge und dessen Enthüllung dient, und sich wie ein roter Faden durch die Analyse zieht. Das Bild der »Mummerehlen«, Allegorie des mimetischen Vermögens, umrahmt das zweite Kapitel und trifft an dessen Ende auf die ihr in gewisser Weise komplementäre Figur des »Bucklicht Männlein«, »Herrn Ungeschickt« der auch als mögliches Subjekt der Sprache gedeutet wird und als Allegorie des allegorischen Kerns aller geschichtlichen Wirklichkeit die Vergegenwärtigung des Vergangenen verkörpert.

»Critique et allégorie« untersucht den Begriff der Kunstkritik bei Benjamin zunächst am Beispiel von »Goethes Wahlverwandtschaften« in einer kommentierenden Übersetzung des Aufsatzes, die zugleich eine erklärende und stets die Verankerung in Kants Philosophie demonstrierende Auslegung ist. Sodann wird am »Ursprung des deutschen Trauerspiels«, das Zusammentreffen von Erkenntnistheorie und Theorie der Kunst als Paradigma der zugleich religiösen und historischen, in der Sprachphilosophie skizzierten Erfahrung herausgearbeitet.

»Expérience et histoire«, das dritte Kapitel, versucht die metaphysische Struktur der Geschichte mit Hilfe der linguistischen Konzeption der Erfahrung zu erfassen, wobei die Geschichtstheorie als Versuch vorgestellt wird, durch Kritik am für das 19. Jahrhundert gültigen Begriff des Fortschritts eine wahre historische Zeitlichkeit zu denken. Zur Darstellung des Zeitschemas der Erfahrung und der Geschichte als eine teleologisch in der Erinnerung zu konstruierende Realität zieht Lavelle vor allem das »theologisch-politische Fragment«, die »geschichtsphilosophischen Thesen«, die Arbeiten zu Kafka, Bachofen, Proust, Baudelaire, das »Passagenwerk« und die »Protokolle zu Drogenversuchen« heran.

Das Konzept der Erfahrung, das den gesamten intellektuellen Werdegang Benjamins durchzieht, ist nicht das Resultat einer Argumentation, die in ihrem linearen Ablauf nachvollziehbar wäre, sondern muss jeweils in der Lektürearbeit neu gefunden und zwischen Gegensätzen und Übereinstimmungen als eine nicht systematische Form der Kohärenz ausgemacht werden : der Form eines Lebenswerkes.

Patricia Lavelle hat mit dieser Analyse, die trotz mancher Wiederholungen verständlich geschrieben und flüssig zu lesen ist, eine sehr ausführliche und nützliche Einführung in Benjamins Werk vorgelegt. Die verschiedenen Themenkreise sowie das für die Entstehung der Texte wichtige historisch-kritische intellektuelle Umfeld werden im Detail erläutert und bieten nicht nur dem französischen Leser eine Fülle neuer Ansätze und Einsichten in die Schriften Benjamins. Eine trotz der formalen Einwände verdienstvolle Leistung angesichts der relativ geringen Anzahl derartiger Untersuchungen in Frankreich. Benjamins Werk hat die verschiedensten Diskurse befruchtet und zu vielfältigen neuen Anstößen geführt. In diesem Sinne ist nur zu wünschen, dass »Histoire et Religion« den Kreis der französischen Benjamin-Leser erweitern wird.

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P. Lavelle, Religion et histoire (Margot Taureck)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 05, 2010 12:54 PM
Zugriff vom: May 25, 2012