B. Lachaise, S. Tricaud, Georges Pompidou et Mai 1968 (Ulrich Lappenküper)
Bernard Lachaise, Sabrina Tricaud (dir.),
Georges Pompidou et Mai 1968, Bruxelles, Bern, Berlin u. a. (Peter
Lang) 2009, 203 S., 2 Abb. (Georges Pompidou – Études, 4), ISBN
978-90-5201-468-5, EUR 30,50.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh
In dichter Folge publiziert die Association Georges Pompidou seit einigen Jahren Dokumentationen und Tagungsbände, mit denen in die historiographische Aufarbeitung des Wirkens ihres Namensgebers mittlerweile eine breite Schneise geschlagen worden ist. Welch' tiefe Zäsur im politischen Leben des zweiten Staatspräsidenten der V. Republik das Jahr 1968 darstellte, verdeutlicht nun ein Band der Serie »Études«, der die Referate und Zeitzeugenberichte einer von Bernard Lachaise geleiteten Tagung vom März 2008 präsentiert. Während im ersten Teil das Handeln Pompidous während der Unruhen analysiert wird, seine Einstellung zum Studentenprotest, zur sozialen Frage, zur innenpolitischen Krise und zu den Gaullisten, geht es im zweiten Abschnitt um Pompidou und den Mai 1968, d.h. um sein Verhältnis zu de Gaulle, um die Parlamentswahlen vom Juni und seinen erzwungenen Rücktritt als Premierminister im Juli.
Die Studentenunruhen vom Frühsommer 1968 hatten Frankreich mit voller Wucht erfasst. Hinter der bald über den universitären Raum hinausreichenden Ansammlung von Protest und Verweigerung verbargen sich unterschiedliche Antriebskräfte. In den Parteien herrschte bis in die Regierungsfraktion hinein Unmut über die Aushöhlung der parlamentarischen Rechte; in der Arbeiterschaft grassierte der Frust über die krasse Benachteiligung bei der Verteilung der Früchte des Wirtschaftswunders und die Furcht vor Arbeitslosigkeit; in der Studentenschaft verband sich die Sorge um fehlende Aufstiegsmöglichkeiten angesichts der geburtenstarken Jahrgänge mit der Abneigung gegen Hierarchien und überkommene Ordnungen.
Wie Lachaise in seiner instruktiven Einleitung darlegt, kann an dem »rôle majeur«, den Pompidou in diesen geschichtsmächtigen Wochen spielte, kein Zweifel bestehen (S. 17). »Gagner du temps, isoler les étudiants, circonscrire 'les groupes gauchistes' et mettre en œuvre une réforme de l'université résumant sa gestion de la crise«, so lautete seine Strategie, nachdem er mit der »politique de bras de fer« à la de Gaulle gebrochen hatte (Laurent Jalabert, S. 23–24).
Trotz der sich weiter zuspitzenden Lage schien der Premierminister, und er allein, kühlen Kopf zu bewahren. Während mancher Politiker in den Geschehnissen, wie Frédéric Turpin in Erinnerung ruft, eine »crise du régime instituté par le général de Gaulle« erkannte (S. 53), analysierte Pompidou das Geschehen als »une crise de civilisation« (S. 54). Als »but ultime« des Premierministers markiert Gilles Richard »de voir disparaître l'état de très forte conflictualité sociale du moment« (S. 44).
Um dieses Ziel zu erreichen, vereinbarte Pompidou am 25. Mai mit Gewerkschaften und Unternehmern im berühmten »Grenelle-Abkommen« drastische Lohnverbesserungen, doch nicht einmal dadurch ließ sich der Protest beenden. Dass de Gaulle sich wenige Tage später zu den französischen Truppen nach Baden-Baden absetzte, machte die Lage nicht eben leichter. Für Pompidou markierte der Flug eine »perte de confiance« (Bernard Lachaise, S. 108), deren Wunden nie wieder heilen sollten.
Nach der Rückkehr des Generals rang er ihm das Zugeständnis ab, auf das angekündigte Referendum zu verzichten und stattdessen Neuwahlen zur Nationalversammlung anzusetzen. De Gaulle löste daraufhin die Kammer auf und verstand es, mit einer Rundfunkrede am 30. Mai die Protestbewegung als kommunistischen Umsturzversuch zu diskreditieren. Der Sieg der Regierungsparteien bei den Parlamentswahlen im Juni zeigte in aller Deutlichkeit, dass die Franzosen ihm noch immer zu folgen bereit waren. Sabrina Tricaud deutet diesen Triumph als »une victoire personnelle« des Premiers (S. 119), der als »chef de campagne« (S. 111) sein Bild vom Staatsmann entschieden gefestigt hatte. Pompidous alter Weggefährte Édouard Balladur weist die »extraordinaire réussite politique« (S. 75) hingegen sowohl seinem einstigen Chef als auch de Gaulle zu, von denen jeder auf seine Weise dazu beigetragen habe, die Krise zu meistern.
Die Früchte trug jedoch zunächst nur der Staatspräsident nach Hause. Nach der überzeugenden, ja grandiosen Bestätigung durch das Volk ersetzte er seinen Premierminister für viele überraschend durch den ihm seit Jahren treu ergebenen bisherigen Außenminister Maurice Couve de Murville. Folgt man der Darstellung von Mathias Bernard, war der erzwungene Rücktritt Pompidous nicht nur Folge der glücklich überwundenen Krise, sondern Teil der »relations complexes et souvent tumultueuses« zwischen dem Präsidenten und dem Premierminister (S. 135). Offenbar hatte Pompidou das prekäre Gleichgewicht an der Spitze der Exekutive so sehr ins Wanken gebracht, dass der Präsident sich gezwungen sah, ihn abzusetzen. Aus der Sicht des Volkes war Pompidou dagegen das Opfer der Undankbarkeit de Gaulles. Knapp zwölf Monate später verweigerten die Franzosen ihrem Präsidenten die Gefolgschaft und hievten Pompidou ins höchste Staatsamt.
Da wichtige Archive oder Archivbestände der Forschung weiterhin verschlossen sind, vermag der Band verständlicherweise keine definitiven Gewissheiten zu liefern. Eines aber verdeutlichen die lesenswerten Referate und Zeitzeugenberichte nachdrücklich: »il y a indéniablement plusieurs lectures de Mai 1968« (Jean-François Sirinelli, S. 188).
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