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W. Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus (Jörg Requate)

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Wolfgang Kraushaar (Hg.), Die RAF und der linke Terrorismus

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Wolfgang Kraushaar (Hg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg (Hamburger Edition) 2006, 1415 S., ISBN 978-3-936096-65-1, EUR 78,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jörg Requate, Bielefeld

Wolfgang Kraushaar ist ohne Zweifel einer der besten Kenner des bundesdeutschen Terrorismus der 1970er Jahre und des Umfeldes, in dem dieser entstand. Mit einem Doppelsammelband, der auf über 1400 Seiten rund 60 Beiträge zusammenführt, hat Kraushaar nun ein Kompendium vorgelegt, das – ohne den Anspruch direkt zu formulieren – eine Art »Totalgeschichte« des bundesdeutschen Terrorismus anstrebt.

Kraushaar stellt in der Einleitung kurz die Verbindung zum islamistischen Terrorismus des beginnenden 21. Jahrhunderts her, um dann aber zu Recht vor allem auf die Unterschiede zu verweisen, die sowohl in den internen Strukturen als auch in dem historischen Kontext zu sehen sind. Weiter rekurriert die Einleitung zunächst auf einige zentrale Entwicklungen in der Geschichte der RAF, nimmt dann die gängigen Eingrenzungen des Phänomens Terrorismus vor und stellt die Bezüge zu den Debatten um die Definitionsversuche her. Hier liest man nichts grundsätzlich neues, wohl aber eine im Wesentlichen solide Einführung in den Forschungsstand. Schließlich erläutert Kraushaar die Ziele der vorliegenden Bände, die konkret in »drei Revisionen« bestehen: Erstens sei die RAF stärker als bislang »im Spannungsverhältnis des kalten Krieges zu betrachten« und daher sei auch der internationalen Unterstützung für die RAF mehr Gewicht zu geben. Zweitens beabsichtigt der Band sich von der Binnenperspektive und damit dem »Organisationsfetischismus« zu verabschieden. Stattdessen müsse der bundesdeutsche Linksterrorismus in seinen nationalen und transnationalen Vernetzungen betrachtet werden. Drittens könne die Entstehung und Entwicklung der revolutionären Gruppen nicht als »Addition weniger Einzelbiographien« verstanden werden. Vielmehr sei es wichtig die Personen als »Ausdruck von Strömungen« zu verstehen, »die sich erst unter bestimmten Bedingungen zu Schlüsselfiguren einzelner Organisationen kristallisiert haben«. Ingesamt, so Kraushaars Anspruch, ziele der Band darauf, das Phänomen der RAF »durch die Zuhilfenahme von Erkenntnissen der internationalen Terrorismusforschung [...] analytisch genauer zu durchdringen«.

Die Frage, inwieweit dieser Ansatz zum einen wirklich fruchtbringend ist und zum anderen mit den Bänden auch eingelöst wird, ist nicht leicht zu beantworten. Tatsächlich wird der Blick auf die RAF und den Linksterrorismus stark geweitet: Von den Ideologien über die einzelnen Personen und Gruppen, über die »internationalen Parallelorganisationen und ihre Vernetzungen«, über das Verhältnis zu den staatlichen Institutionen und den Medien bis hin zur Mythisierung und zu unterschiedlichen Interpretationsangeboten liefert der Band ein enorm breites Spektrum an Themen und Ansätzen, das sich naturgemäß nicht einer Interpretationslinie unterordnen lässt. Nicht weniger breit ist das Spektrum der Autoren. Hier finden sich mit Henner Heß und Friedhelm Neidhardt zunächst manche von denen, die schon seit den ausgehenden 1970er Jahren mit dem Thema Terrorismus vertraut sind und zu den Pionieren der Terrorismusforschung in der Bundesrepublik zählen. Dann gibt es eine Reihe von Autoren, die sich wie etwa Herfried Münkler, Rudolf Walther, Gerd Koenen oder Tobias Wunschik in vielen einschlägigen wissenschaftlichen und publizistischen Beiträgen zu den Thema geäußert haben, dann solche, die, wie Klaus Eschen, Uwe Wesel oder Jürgen Seifert von Beginn an eng in die Auseinandersetzungen mit dem Terrorismus involviert waren und insofern eher aus einer teilnehmenden Beobachtung heraus schreiben, weiter solche, die sich wie Stefan Reinecke, Sebastian Haffner oder Manuela Wunderle aus eine vorrangig publizistischen Perspektive mit dem Thema befassen und schließlich viele, und darunter eine Reihe junger Autoren, die einen ihrer Forschungsschwerpunkte in diesem Bereich haben.

So ist neben einigem, das in anderen Veröffentlichungen der Autoren schon ähnlich zu lesen ist, viel Neues zu entdecken. Etwa in dem Aufsatz von Sabine Kebir über »Gewalt und Demokratie bei Fanon, Sartre und der RAF«, die differenziert über die (theoretische) Faszination für die Gewalt bei Fanon und Sartre schreibt und hier einerseits eine Verbindung zur Praxis der RAF zieht, andererseits aber auch den Besuch Sartres in Stammheim überzeugend eher als Versuch der Distanzierung denn als Kumpanei interpretiert. Hochinteressant ist auch der Aufsatz von Thomas Skelton Robinson über die verwickelten Verbindungen des bundesdeutschen Linksterrorismus mit der »Volksfront für die Befreiung Palästinas«. Auch wenn im Einzelnen hier noch viele Fragen offen sind, wird deutlich, in welchem Maße sich die deutschen Gruppen hier in Verbindungen begaben, die sie in keiner Weise mehr steuern oder kontrollieren konnten. Die Reihe ließe sich um einiges verlängern, aber der Umfang der Bände macht es unmöglich hier auch nur annähernd die wichtigen und interessanten Beiträge herauszugreifen.

Insgesamt ist klar, dass die Bände zentrale Bausteine und Anregungen für die künftige Forschung zu diesem Thema liefern. Angesichts der Fülle der Beiträge ist eine geschlossene Interpretation daraus allerdings kaum zu gewinnen, zumal der Band bewusst mit »Hypothesen« verschiedener Autoren und nicht mit einem Fazit endet. Ganz zweifellos ist der internationale Blickwinkel, der hier eingenommen wird, ein großer Gewinn, der auch in die künftige Forschung weiter stärker als bislang einfließen wird.

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W. Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus (Jörg Requate)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 05, 2010 12:39 PM
Zugriff vom: May 25, 2012