Personal tools
Navigation
 

P. Hugues, Marthe und Mathilde (Nora Wagner)

— filed under:
Pascale Hugues, Marthe & Mathilde

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Pascale Hugues, Marthe & Mathilde, Berlin (Rowohlt Berlin Verlag) 2008, 287 S., ISBN 978-3-498-00655-6, EUR 19,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Nora Wagner, Heidelberg

Marthe und Mathilde könnten auf den ersten Blick nicht ähnlicher sein: Beide im Jahre 1902 geboren, wachsen sie im selben Haus im elsässischen Colmar auf und sterben schließlich 2001 fast 100jährig. Doch diese Ähnlichkeit trügt, denn aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft, erleben Marthe und Mathilde die Geschichte ihrer Region fast gegensätzlich.

Mathilde ist Tochter des Deutschen Karl Georg Goerkes und der Belgierin Adèle van Capellen. Marthe ist Tochter der Elsässer Henri und Augustine Réling. Die Probleme und Identitätskrisen, die aus den beiden Nationalitäten aufgrund der jeweiligen Annexion des Elsass an Frankreich oder Deutschland resultieren, versucht die Journalistin Pascale Hugues in ihrem Buch nachzuzeichnen. Dabei unterscheidet sie zwischen der deutschen und französischen, sowie auch der lange ignorierten elsässischen Identität. Die durch die Nationszugehörigkeit ausgelösten Krisen und Zweifel – Marthe wechselt die Nationalität insgesamt vier Mal – weist Hugues letztendlich nicht nur für ihre Großmütter nach, sondern für ihre ganze Familie, wobei sie selbst ihre eigene Identität zu finden sucht.

Eine solche Identitätskrise wird erstmals mit der Niederlage der Deutschen im Jahre 1918 ausgelöst, mit welcher sich Mathildes Leben schlagartig ändert. Sie erfährt gemeinsam mit ihrem Vater das Leben eines Außenseiters, während Marthe die positiven Erinnerungen des französischen Sieges behält. Selbst innerhalb Mathildes Familie wird die Annexion an Frankreich ganz unterschiedlich wahrgenommen. Während Adèle Goerkes sich »auf der richtigen Seite der Geschichte [weiß]« (S. 45), werden ihr Mann Karl Georg als »Altdeutscher« und ihre Tochter Mathilde als »Boches« klassifiziert (S. 59), obwohl sie durchaus ein französisches Zugehörigkeitsgefühl verspüren. Obgleich die Goerkes durch einen falschen litauischen Pass vor der Ausweisung der Reichsdeutschen mit nur dreißig Kilo Gepäck pro Person bewahrt bleiben, erfahren sie einen finanziellen Notstand, der sich aus den fehlenden Geschäftspartnern und dem neu eingeführten Wechselkurs von 1:0,35 Franc für »Altdeutsche« im Gegensatz zu 1 Mark gegen 1,25 Francs für echte Elsässer ergibt (S. 70).

Besonders ausführlich beschäftigt sich Hugues mit Mathildes in Berlin lebender Schwester Georgette. Als Volkshochschullehrerin gründet sie die erste Weltliche Schule Preußens und trifft als aktive Kommunistin auf die Situation in Berlin. Sie ist für Mathilde, die ihre Schulbildung aufgeben muss und den Haushalt versorgt, die Verkörperung von Freiheit, jedoch steht sie auch für die Gefahr, die solche Bindungen für die Goerkes bedeuteten. Ein Phänomen, welches in Deutschland eher den Familien während der Mauer anstatt dem Elsass zugeordnet wird. Dem Antrag des Vaters auf französische Staatsbürgerschaft wird erst nach dem Tod seiner Tochter, im Jahre 1927, entsprochen (S. 101), wobei er wiederum paradoxerweise 1941 im deutschen Kolmar stirbt.

Georgette fungiert für die Autorin als Bindeglied zur großmütterlichen Vergangenheit, denn Mathilde wurde durch Hugues, die als Deutschland-Korrespondentin für die Zeitung »Libération« seit 1989 in Berlin lebt, an ihre Schwester erinnert, was sicherlich ein Anlass für Pascale Hughes war, der Geschichte ihrer Großmütter auf die Spur zu gehen. Nicht nur entwickelt sich eine neue Beziehung zu ihrer Großmutter, die sich plötzlich gerne der deutschen Vergangenheit und Sprache erinnert, sondern die Autorin erkennt auch für sich den deutschen Einfluss auf das heimatliche Elsass.

Im August 1940 tauschen Marthe und Mathilde schließlich die Rollen, als Marthe als Witwe eines französischen Offiziers den Krieg in Tours verbringen muss (S. 110), da es diesmal die Franzosen und Juden sind, die das Elsass mit dreißig Kilo Gepäck verlassen müssen (S. 234). Hugues zeigt auf, inwieweit Identität an Sprache gebunden ist. So ordnet Mathilde, die perfekt zweisprachig ist, den beiden Sprachen zwei unterschiedliche Funktionen zu. »Deutsch war die Sprache der ernsten Gefühle und definitiven Urteile« (S. 81). »Französisch war die leichte Sprache der kleinen, zärtlichen Gefühle« (S. 82). Die nationale Identität spielt auch bei der Namensgebung der Kinder eine Rolle, denn Mathilde nennt ihre Tochter Yvette, um sie »zu einer echten Französin« zu machen (S. 232). Doch 1942 wird sie aufgrund des Gesetzes zur Wiedereinführung der (deutschen) Muttersprache und um die ganze französische Vergangenheit zu neutralisieren in Margarete Marie Magdalena Kleebauer umbenannt (S. 234), was Yvette als nicht schlimm empfindet, denn sie wendet sich von den Elsässern, die ihre deutsche Herkunft verleugnen ab und pflegt ihre doppelte Identität (S. 234).

Der Geschichte ihrer Großväter widmet sich Hugues erst im letzten Drittel des Buches. Dabei arbeitet sie einen weiteren Teil der französischen Geschichte auf, der laut Hugues auch in den heutigen Geschichtsbüchern vollkommen ignoriert wird: die Stellung der elsass-lothringischen Soldaten im Krieg, die, wie Hugues betont, wie ihr Großvater Joseph im Ersten Weltkrieg in die Kaiserliche Armee eingezogen wurden und dort eine Außenseiterrolle einnahmen, da sie als unzuverlässig eingestuft und der Spionage für Frankreich verdächtigt an der Ostfront kämpfen mussten (S. 209). Dass es eine historische Aufarbeitung des Schicksals der Elsass-Lothringer nie gegeben habe, belegt Hugues mit der Verleihung der Orden der Ehrenlegion durch Jacques Chirac am 11. November 1995, von welcher die 145 noch lebenden »Wackes« ausgeschlossen waren (S. 215).

Aufgebaut ist das Buch weniger chronologisch als zu »losen Folgen« (S. 119) zusammengesetzt. Dabei leiten die jeweiligen Erinnerungsstücke die Kapitel ein. Die Erinnerungen erhält Hugues von der Großmutter, welche sie selbst dann mittels ihrer fundierten Recherchearbeiten zu belegen sucht, wobei beispielsweise die Anzeigen aus dem »Elsässer Kurier« die politische Stimmung des Landes und ein Bild der jeweiligen Kriegs- und Nachkriegspropaganda reflektieren. »An mir lag es, diese einzelnen Episoden zusammenzusetzen, um der Familiengeschichte der Goerkes einen Sinn zu geben. An mir lag es, diese versprengten Teile, die vagen Berichte zu einem Ganzen zu fügen« (S. 120). Aufgrund dieser willkürlichen Aneinanderreihung und der zusätzlichen Namensähnlichkeit der beiden Protagonistinnen sind die Ereignisse nicht immer leicht zuzuordnen und der Lesefluss leider beeinträchtigt.

Trotz dieser Kritik, ist es Pascale Hugues gelungen die durch die Grenzlage des Elsass resultierenden machtpolitischen Interessen und ihre prägenden Auswirkungen auf die Identitäten der Elsass-Lothringer deutlich zu machen, wobei sie den Antagonismus zwischen persönlicher Wahrnehmung und rein politischer Annexion belegt. Damit hat sie nicht nur einen Teil ihrer Familiengeschichte warmherzig und humoristisch aufgearbeitet, sondern auch einen Teil der Regionalgeschichte des Elsass, mit dem man sich lange Zeit weder in Deutschland noch in Frankreich beschäftigt hat1.

1 Das Buch, das zunächst in Deutsch erschienen ist, liegt jetzt auch in einer französischen Ausgabe vor, s. Pascale Hughes, Marthe et Mathilde. L’histoire vraie d’une incroyable amitié (1902–2001), Paris (Les Arènes) 2009.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Document Actions
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
P. Hugues, Marthe und Mathilde (Nora Wagner)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/ZG/hugues_wagner
Dokument zuletzt verändert am: Jul 08, 2010 09:39 AM
Zugriff vom: May 25, 2012