H. Groepper, Bismarcks Sturz und die Preisgabe des Rückversicherungsvertrages (Rainer Lahme)
Horst Groepper, Bismarcks Sturz und die
Preisgabe des Rückversicherungsvertrages, bearbeitet und
herausgegeben von Tamina Groepper, Paderborn (Ferdinand Schöningh)
2008, 600 S., ISBN 978-3-506-76540-6, EUR 88,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Rainer Lahme, Boppard
Nahezu unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1918 setzte – nicht nur unter Historikern – die Debatte über die Ursachen für die oftmals so bezeichnete und empfundene »deutsche Katastrophe« ein. Dabei bildete sich schon rasch ein Interpretationsmuster heraus, das über Jahrzehnte hinweg – ungeachtet abweichender Überlegungen – dominierend für die deutsche Geschichtswissenschaft wurde. Verantwortlich für das Desaster waren demzufolge in erster Linie die unbefähigten Nachfolger des Reichsgründers Bismarck, die nach seinem Sturz im März 1890 in relativ kurzer Zeit das stabile außenpolitische Gebäude des Reichskanzlers zum Einsturz brachten und so die für das Deutsche Reich so fatale Konstellation der Mächte herbeiführten, die im Sommer 1914 zum Kollaps des europäischen Mächtesystems führte. Die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages unter dem neuen Reichskanzler Caprivi bildete aus dieser Perspektive betrachtet einen »katastrophalen Fehler« (S. 20), der auch in der Zukunft nicht mehr heilbar war.
Horst Groepper, von 1962 bis Anfang 1966 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Moskau, hat als Resultat seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Thematik eine umfangreiche Studie über den Sturz Bismarcks und die Preisgabe des Rückversicherungsvertrages vorgelegt, die noch einmal alle Argumente dieser Sichtweise ausführlich und auf der Basis einer souveränen Beherrschung der Quellen zusammenführt. Nach seinem Tod wurde der vorliegende Text von seiner Tochter Marina Tamina Groepper durchgesehen und ergänzt sowie durch einen kurzen und prägnanten Überblick über die Forschung zum Rückversicherungsvertrag bereichert. Dies war durchaus sinnvoll, da der Verfasser selbst in seinem Werk die Ergebnisse der Forschung nur recht sporadisch berücksichtigt hatte.
Groepper bewegt sich in seiner Darstellung vollständig in der Gedanken- und Vorstellungswelt des ersten Reichskanzlers. Daher gelingt es ihm hervorragend, in seinem Überblick über die Grundzüge der deutschen Außenpolitik in den achtziger Jahren dem Leser noch einmal die Staatskunst Bismarcks vor Augen zu führen, dem es immer wieder gelungen war, durch seine Virtuosität und allein an der deutschen Staatsräson orientierte Skrupellosigkeit dem Deutschen Reich seine Bewegungsfreiheit im internationalen Staatensystem zu erhalten, um die Entstehung antideutscher Koalitionen um nahezu jeden Preis zu verhindern. Dass die Nachfolger Bismarcks bei ihren Überlegungen im Frühjahr und Sommer 1890, den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht zu verlängern, von alternativen und durchaus nachvollziehbaren außenpolitischen Überlegungen geleitet wurden, wird von Groepper daher kaum wahrgenommen und dementsprechend allein als persönlicher Verrat und unverständliche Preisgabe der bewährten Maximen der bisherigen Außenpolitik gebrandmarkt. Beschäftigt sich der erste Teil der Studie mit den Intrigen und Machtkämpfen, die zum Sturz des Reichskanzlers führten, konzentriert sich der Autor im zweiten und wichtigeren Teil seiner Arbeit auf eine detaillierte Widerlegung der Argumente, die vor allem aus dem Auswärtigen Amt unter dem maßgeblichen Einfluss des Vortragenden Rates Friedrich August von Holstein gegen eine Verlängerung des Rückversicherungsvertrages ins Feld geführt und vom neuen Reichskanzler Caprivi umgesetzt wurden. Unübersehbar ist dabei die Tendenz des Autors, sachliche Differenzen in der Innen- und Außenpolitik auf persönliche Auseinandersetzungen zu reduzieren.
Neben Waldersee habe Holstein »eine bedeutende Rolle« (S. 137) bei Bismarcks Sturz gespielt. Holsteins Argumente gegen eine Fortführung des Rückversicherungsvertrages seien Ausdruck seiner mitunter »geradezu krankhaft anmutenden politischen Gedankenwelt« (S. 426) gewesen, wobei ihn in erster Linie sein tiefes Misstrauen gegen das Zarenreich angetrieben habe. Caprivi, der sich in den ersten Monaten im Amt nahezu vollständig auf Holstein verlassen habe, sei ein »einfältiger Nachfolger« gewesen, »der von Außenpolitik nichts verstand« (S. 350). Kaum weniger drastisch lauten die Urteile über Staatssekretär Marschall, Unterstaatssekretär Berchem und den Botschafter in St. Petersburg, v. Schweinitz. Günstiger fällt dagegen sein Votum über Wilhelm II. aus. Zwar habe sich der Kaiser von Caprivi regelrecht »überrumpeln« lassen (S. 453) und dem Kurs des Kanzlers zugestimmt, doch sei er im Grunde genommen für eine Beibehaltung des bestehenden Vertragsverhältnisses gewesen, wie er es ursprünglich auch dem russischen Botschafter in Berlin bereits zugesichert hatte. Ungeachtet aller mitunter überzogenen verbalen Attacken gegen die Vertreter des Neuen Kurses kann Groepper durch seine kluge Interpretation des Quellenmaterials zahlreiche Beispiele dafür anführen, dass die Nachfolger Bismarcks mitunter recht weit von der Staatskunst des ersten Reichskanzlers entfernt waren und ihr Eintreten für eine einfache, widerspruchsfreie und berechenbare Außenpolitik auch das stille Eingeständnis enthielt, dass sie nicht über die diplomatische Raffinesse, Erfahrung und Weitsicht eines Bismarck verfügten.
Eine völkerrechtliche oder politische Unvereinbarkeit des Rückversicherungsvertrages mit den übrigen vertraglichen Verpflichtungen und Vereinbarungen des Deutschen Reiches vermag der Autor nicht zu erkennen. Allein das Geheime Zusatzprotokoll des Rückversicherungsvertrags habe in einem gewissen Gegensatz zur Mittelmeer-Entente zwischen Österreich, England und Italien gestanden, deren Zustandekommen von Bismarck maßgeblich gefördert worden war, da sich beide Vertragswerke sich in seiner Strategie gegenseitig ergänzten. Groepper sieht in den widersprüchlichen Tendenzen beider Verträge allerdings kein entscheidendes Argument gegen die Fortführung des Rückversicherungsvertrages und des Geheimen Zusatzprotokolls, da in ihnen nur Gegensätze zum Ausdruck kommen würden, die »dem bestehenden Gegensatz der Mächte Rechnung« (S. 302) tragen würden. Zudem sieht der Autor im Geheimen Zusatzprotokoll keinen zentralen und damit unverzichtbaren Bestandteil des Rückversicherungsvertrages. Die Weigerung der deutschen Reichsregierung, auf das erneuerte Angebot des russischen Außenministers Giers einzugehen, den Vertrag auch ohne das Zusatzprotokoll zu verlängern, war dem Autor zufolge daher ein weiterer unverzeihlicher Fehler der Wilhelmstrasse und unmittelbar für das Zustandekommen der russisch-französischen Entente und das endgültige Ende des bewährten bismarckschen Bündnissystems verantwortlich.
Groeppers vehemente Verteidigung des Rückversicherungsvertrages überzeugt immer dann, wenn er sich an die detaillierte Interpretation der Quellen begibt, wobei ihm seine langjährige Erfahrung als Diplomat unübersehbar zugute kommt. Dabei beschränkt er sich nicht allein auf die deutsche Seite, sondern beleuchtet parallel auch das Mit- und Gegeneinander in den Reihen der russischen Diplomaten. Allerdings negiert er in seiner gesamten Darstellung konsequent den Umstand, dass das Fundament der deutschen Außenpolitik zum Zeitpunkt der Entlassung Bismarcks bereits tiefe Risse enthielt und immer weniger dazu imstande war, den Anspruch des Deutschen Reiches als einer souverän und unabhängig agierenden Großmacht im Konzert der Mächte abzusichern. Daher bleibt es doch etwas unbefriedigend, allein die überlegene Staatskunst Bismarcks von der angeblichen Unfähigkeit seiner Nachfolger abzugrenzen und darin die Hauptursache für den Weg in die »deutsche Katastrophe« des Ersten Weltkrieges zu sehen.
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