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J. Dereymez, Le refuge et le piège: les Juifs dans les Alpes (Corinna von List)

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Jean-William Dereymez (dir.), Le refuge et le piège: les Juifs dans les Alpes. (1938–1945). Préface de Robert Redeker

Francia-Recensio 2010/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Jean-William Dereymez (dir.), Le refuge et le piège: les Juifs dans les Alpes. (1938–1945). Préface de Robert Redeker, Paris (L’Harmattan) 2008, 394 S. (La mémoire des Alpes), ISBN 978-2-296-05572-8, EUR 35,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Corinna von List, Berlin

Dieser Sammelband fasst die Ergebnisse des grenzüberschreitenden Forschungsprojektes »Mémoire des Alpes« zusammen, die im Dezember 2004 auf einer Tagung in Grenoble vorgestellt wurden. Die insgesamt 21 Beiträge gliedern sich in 5 Abschnitte, überschrieben mit »Lois«, »Déportations«, »Parcours«, »Résistances» und »Mémoire(s)«.

Im ersten Abschnitt betrachtet zunächst Michele Safatti (Fondazione Centro di documentazione ebraica contemporanea, Mailand) die Judengesetzgebung im faschistischen Italien, die sich erst zwischen 1935 und 1936 durchzusetzen begann. Sie basierte – ebenso wie im nationalsozialistischen Deutschland – auf rassebiologischen Kriterien, wie der Autor durch die Analyse der entsprechenden Gesetzestexte herausarbeitet. Das Ziel der italienischen Regierung bestand in einer Vertreibung der Juden aus dem Land, jedoch nicht in einer Vernichtung der Juden des Landes (S. 38).

Gabrielle Fasan (Mitglied der UNESCO-Delegation des italienischen Außenministeriums) beschreibt das Einsickern antisemitischen Gedankengutes vom faschistischen Italien Mussolinis nach Frankreich. Anhand der französischen Tageszeitungen »Le Temps«, »Paris-Soir« und »Le Petit Parisien« stellt sie dar, wie der italienische Antisemitismus in Form des Rassismus Einzug in rechtsextremistische Kreise hielt. Wortführer dieser Bewegung war Charles Maurras, der den deutschen Antisemitismus mit seinen Gewaltausbrüchen und Mordaktionen auf offener Straße ablehnte, sich jedoch ganz der Ausgrenzungspolitik des italienischen Antisemitismus verschrieben hatte (»discriminer sans persécuter«, S. 51).

Jean-Baptiste Gabbero-Adamski und Jean-Philippe Gonenç (Studenten am IEP Grenoble) geben einen Überblick der in Frankreich eingeführten Judengesetzgebung und beschreiben die einzelnen Schritte der Umsetzung im Alltag: beginnend bei der Definition des ›Juden‹, über die behördliche Erfassung, die gesellschaftliche Ausgrenzung und Enteignung bis schließlich zur Vernichtung. Dargestellt wird ferner der Einfluss der geistigen Schöpfer dieser Politik: Raphaël Alibert, Marcel Peyrouthon und Xavier Vallat. Forschungsdebatten werden nicht thematisiert. Einen gelungenen Beitrag zur Forschung leistet François Boulet mit seiner Untersuchung der Rolle der Präfekten und der Gendarmerie in den französischen Departements entlang der Alpen. Gestützt auf die Aktenüberlieferungen verschiedener Departementarchive der Regionen Rhône-Alpes und Provence-Alpes-Côte-d’Azur sowie der Personalakten der einzelnen Präfekten untersucht er die Reaktion der Bevölkerung auf den wachsenden Zustrom jüdischer Flüchtlinge. Er arbeitet heraus, dass die »judéophobie« der ortsansässigen Bevölkerung weniger in antisemitischen Überzeugungen zu suchen ist, sondern vielmehr aus zunehmenden Versorgungsmängeln und der Ausbreitung des Schwarzmarktes resultierte. Trotzdem wuchs bei der Bevölkerung angesichts der beginnenden Razzien und Deportationen von Juden die Bereitschaft, ihnen zu helfen. Dieser Meinungsumschwung ließ auch die Präfekten und die Gendarmerie an ihrem Handeln zweifeln und es wurden die vorhandenen Spielräume genutzt, um die Betroffenen zu schützen.

Marc Perrenoud (Conseiller scientifique de la comission indépendante d’experts Suisse-Seconde Guerre mondiale) untersucht die Bedeutung der Schweiz als Asylland für politische Flüchtlinge im Alpenraum zwischen 1938 und 1945. Er liefert nicht nur statistische Angaben zur Anzahl der in der Schweiz aufgenommenen Flüchtlinge (S. 98), sondern gibt auch einen differenzierten, quellengestützten Überblick der Stärken und Schwächen dieser Politik, die geprägt war von der Angst vor ›Überfremdung‹ und ›Verjudung‹.

Der zweite Abschnitt »Déportations« beginnt mit dem Beitrag von Jean-William Dereymez (IEP Grenoble), in welchem die amtliche Registrierung jüdischer Menschen im Departement Isère dargestellt wird. Dabei zeigt sich, wie entscheidend dieser behördliche Erfassungsmechanismus für die Durchführung der späteren Razzien war. In einem weiteren Aufsatz beschreibt Dereymez die Lage der jüdischen Flüchtlinge im Departement Haute-Savoie. Er zeichnet dabei mit ausgewählten Beispielen die drei Phasen nach, die Hochsavoyen als Zufluchtsort durchlief: zunächst als ein Department im unbesetzten Teil Frankreichs, dann die Zeit der italienischen Besatzung von November 1942 bis September 1943 und schließlich die Besetzung durch die Deutschen. Cédric Brunner untersucht das Internierungslager Ruffiaux im Departement Savoie und seine Entstehungsgeschichte. Ursprünglich ein von der Vichy-Regierung eingerichtetes Lager für ausländische Arbeitskräfte der Region, wurde es im August 1942 mit Beginn der Razzien gegen Juden dann zum »centre local d’hébergement«, wie es in der Behördensprache euphemistisch hieß. Letztendlich war Ruffiaux damit jedoch zum Vorhof der Vernichtungslager geworden.

Die Situation auf der italienischen Alpenseite erläutert Adriana Muncinelli am Beispiel der Provinz Cuneo, in der es vier Internierungslager gab: Fossoli, Bolzano, Riziere de San Sabba und Borgo San Dalmazzo. Insgesamt wurden aus der Provinz Cuneo 427 Menschen aus rassischen Gründen zumeist nach Auschwitz deportiert. Eine Namensliste ist abgedruckt.

Im dritten Abschnitt »Parcours« thematisiert zunächst Paolo Veziano die Situation ausländischer Juden im Spannungsfeld zwischen italienischer Judengesetzgebung und der französischen Einwanderungspolitik der Jahre 1938–1940. Die betroffenen Menschen profitierten dabei von der wankelmütigen Haltung der italienischen Regierung und ihrer lokalen Behörden ebenso wie von der Tatsache, dass sich Frankreich traditionell als Asylland verstand. Nizza entwickelte sich zu einem Zentrum, das den aus Italien vertriebenen Juden Aufnahme und Schutz bot: Von den 3500 nach Nizza geflohenen Juden entgingen 2700 einer Deportation in die Vernichtungslager.

Alberto Cavaglion untersucht die regionalen Gegebenheiten in den Westalpen von 1939–1945. Dabei geht er insbesondere auf die wechselnde Bedrohungslage für Juden ein, die je nach der Zuständigkeit der Behörden in der Region variierte: Vichy-Regierung, italienische Besatzungszone, Einmarsch deutscher Truppenverbände. Er beschreibt ferner verschiedene Fluchtrouten über die Alpen sowie einzelne Akteure der klandestinen Fluchthilfe wie z. B. Angelo Donati. Der Artikel schließt mit einer Darstellung des aktuellen Forschungsstandes. Die bestehenden Fluchtmöglichkeiten aus der bis September 1943 italienisch besetzten Zone Frankreichs untersucht Ruth Fivaz-Silbermann, wobei der Schwerpunkt auf den ersten drei Monaten der deutschen Besatzung liegt, d. h. bis November 1943. Gestützt auf statistische Auswertungen untersucht sie die illegale Fluchthilfe für verfolgte Menschen als eine Ausprägungsform der Résistance. Die Rolle der Schweiz als Asylland bewertet sie sehr kritisch.

Der Beitrag von Jean Kleinmann ist aus seiner Dissertation hervorgegangen, in der er die Entwicklung des jüdischen Bevölkerungsanteils im Departement Alpes-Maritimes anhand der Aktenüberlieferungen der Präfektur untersucht, wobei er auch soziographische Aspekte (Herkunftsland, Staatsangehörigkeit, Beruf) einbezieht. Im Mittelpunkt der statistisch gestützten Analyse stehen die Jahre der Judenvertreibung- und Verfolgung zwischen 1938 und 1944. Er kommt zu dem Ergebnis, dass im Departement Alpes-Martimes mit 14,5% weniger Juden deportiert wurden als im französischen Landesdurchschnitt (21,8%). Deshalb sah Alois Brunner seine Arbeit in Nizza als gescheitert an (S. 219). Den Abschluss dieses Abschnitts bildet der Artikel von Michèle Ganem-Gumpel über die Lebenssituation des polnisch-jüdischen Schriftstellers Oser Warzawski. Sie untersucht beispielhaft wie jüdische Schriftsteller die Situation ihrer Verfolgung und Flucht innerhalb Frankreichs literarisch verarbeitet haben.

Abschnitt IV umfasst die Beiträge, die sich mit dem jüdischen Widerstand befassen. Jean-Louis Panicacci nimmt eine soziologische Analyse der jüdischen Widerstandskämpfer des Departement Alpes-Marimes vor. Er betont, dass diese eine wichtige Rolle innerhalb der Résistance im Großraum Nizza gespielt haben, ohne jedoch ihre jüdische Herkunft zu thematisieren.

Limore Yagil untersucht die Leistungen der Fluchthelfer aufseiten des französischen und Schweizerischen Roten Kreuzes sowie das Engagement karitativer Organisationen im protestantischen und katholischen Milieu. Dargestellt wird dies anhand der Hilfsorganisation Cimade sowie der Äbtissin und der Schwestern des Klosters Notre-Dame de Sion. Untersucht werden auch private Initiativen einzelner Personen, die mit ausgewählten Beispielen illustriert werden. Andréa Villa erforscht die Situation jüdischer Menschen im südlichen Teil des Piemont und beschreibt, wie sich diese Region im Laufe der 1940er Jahre bis 1948 unter Federführung des Mossad zu einem Transitgebiet für die Flucht aus Europa und die illegale Einreise nach Palästina entwickelte.

Im letzten Abschnitt »Mémoir(e)s« stellt zunächst Karin Dupinay-Bedford am Beispiel des Departement Isère dar, welche gesellschaftlichen Debatten es im Nachkriegsfrankreich zwischen den verschiedenen Gruppen der aus Frankreich deportierten Menschen gab. Denn es wurde bei der Anerkennung zwischen Widerstandskämpfern, Zwangarbeitern (STO) und jüdischen Deportierten unterschieden. Mit dem Ergebnis, dass Letztere bei der Anerkennungspraxis der französischen Behörden weitgehend ausgeblendet wurden und sie als Opfer der Shoa erst seit Mitte der 1980er Jahre ihren Platz im öffentlichen Gedenken fanden.

Paolo Bertilotti thematisiert die Erinnerung der italienischen Juden an die Shoa zwischen 1944 und 1961. Die ersten Nachkriegsjahre waren eine Zeit der Trauer und des Gedenkens, nicht jedoch der Frage nach den Ursachen und den Verantwortlichen. Erst Anfang der 1950er Jahre und verstärkt durch den Eichmann-Prozess in Jerusalem gab es eine politische Mobilisierung der jüdischen Gemeinden Italiens, wodurch das Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung in die italienische Öffentlichkeit getragen wurde. Michele Merowka untersucht aus anthropologischer Perspektive die Erinnerungskultur an den II. Weltkrieg im Departement Alpes-Maritimes. Am Beispiel des Fort-Carré in Antibes zeigt sie auf, wie sich das Erinnern verändert hat. Zunächst ein gefeierter Ort, an dem der Helden der France combattante gedacht wurde, wurde dessen Funktion als Internierungslager für Juden und damit Vorhof der Vernichtung erst 1990 in die öffentlichen Gedenkfeiern einbezogen. Diese Evolution der Erinnerung fasst die Autorin mit den Begriffen »lieux d’amnésie, lieux d’anamnèse, lieux de memoires« zusammen.

Mit Ausnahme des zu hastig und oberflächlich verfassten Beitrages von Henry Huttenbach (City College, New York) »La présence juive dans les régions alpines. Étude comparée des politiques envers les Juifs pendant la Seconde Guerre mondiale (1938–1945)«, der auf jede Annotierung verzichtet, liefern die Autoren schlüssige Beiträge zur Erforschung des französisch-italienischen Alpengebietes und seiner Rolle als Zufluchtsort angesichts der antisemitischen Gesetzgebung in Europa und schließlich der beginnenden Deportationen. Dabei wird deutlich, wie tiefgreifend sich weltpolitische Ereignisse auf Regionen auswirkten, die z. T. seit Jahrhunderten im Abseits der politischen Entwicklung gestanden hatten.

Der Aufbau des Bandes zeichnet in seinen einzelnen Abschnitten die Entwicklung der Judenverfolgungen in Europa nach: von ersten antisemitischen Gesetzgebungen, über die Vertreibungen aus dem eigenen Land, bis hin zur Vernichtung und dem sich entwickelnden Widerstand in Form der Fluchthilfe. Gelungen ist auch der Schlussabschnitt des Bandes, in dem untersucht wird, wie sich das öffentliche Gedenken an die Opfer der Shoa in Frankreich und Italien erst langsam entwickelt hat. Ein Ergebnis dieser Tagung ist, dass die lokalen Behörden auf italienischer und französischer Seite der Alpen angesichts des nicht abreißenden Storm jüdischer Flüchtlinge überfordert waren und zwischen dem geforderten Durchgreifen der Regierungen und der Kapitulation angesichts der Situation vor Ort lavierten, was für viele Betroffene lebensrettend war.

Am Schluss des Bandes findet der Leser eine 22-seitige, thematisch untergliederte Bibliografie sowie ein Namens- und Ortsregister, was bei solchen Publikationen in Frankreich keine Selbstverständlichkeit ist.

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J. Dereymez, Le refuge et le piège: les Juifs dans les Alpes (Corinna von List)
In: Francia-Recensio, 2010-2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/ZG/dereymez_von-list
Dokument zuletzt verändert am: Jul 05, 2010 01:13 PM
Zugriff vom: May 25, 2012