H. Bonin, Histoire de la Socíété générale (Guido Thiemeyer)
Hubert Bonin, Histoire de la Socíété
générale. I: 1864–1890. Naissance d’une banque, Genève (Droz)
2008, 723 S. (Publications d’histoire économique et sociale
internationale, 20), ISBN 2-600-01038-6, EUR 68,31.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Guido Thiemeyer, Siegen
Die unternehmensgeschichtliche Forschung leidet ein wenig darunter, dass sie bislang in starkem Maße ein Nischendasein fristet. Das lag nicht zuletzt daran, dass man sich lange Zeit auch methodisch sehr stark auf die Beschreibung der Strukturen und des Geschäftsgebarens der Unternehmen im engeren Sinn konzentrierte und wenig nach anderen Kategorien fragte. Die vorliegende Arbeit von Hubert Bonin, der Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bordeaux lehrt, ist in dieser Hinsicht eine wertvolle Ausnahme. Die Geschichte der Société générale in den Jahren zwischen ihrer Gründung 1864 und 1890 wird in die allgemeine Wirtschafts- und Sozialgeschichte Frankreichs und Europas eingebettet. Obwohl die Hauptquelle des Autors die Archive der Société générale, vor allem die Vorstandsprotokolle, sind, verliert er das politische und wirtschaftliche Umfeld der Bank nicht aus dem Blick.
Die Entstehung der Société générale in der Mitte der 1860er Jahre war Bestandteil eines fundamentalen Wandels in der europäischen Bankenwelt. Die zuvor existierenden Banken basierten weitgehend auf dem Kapital von einzelnen Familien und ihren Angehörigen. Mit der Société générale entstand eine Kapitalgesellschaft, d.h. das Kapital der Bank war nicht mehr das Privateigentum eines Besitzers, sondern wurde von Anlegern gestellt, die ihr Vermögen in der Erwartung einer Rendite einer anonymen Gesellschaft zur Verfügung stellten. Die Vorzüge dieses Modells waren die ungleich höhere Kapitaldecke, die es erlaubte, Projekte zu finanzieren, die bislang für ein einzelnes Unternehmen nicht zu bewältigen waren. Es ging darum, das im wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertum »schlafende Kapital« zu wecken und nutzbar zu machen.
Bonin erklärt die Entstehung der Société générale als das Ergebnis von zwei Entwicklungen: Zum einen die Liberalisierung der europäischen Kapitalmärkte durch das ab 1861 entstehende Netz von Freihandelsverträgen unter den europäischen Ländern. Dieses führte zu einer steigenden Konkurrenz zwischen den Bankhäusern, ermöglichte ihnen aber auch die Expansion in andere europäische Staaten. Die klassischen Privatbanken gerieten in diesem neuen Markt zunehmend unter Druck. Hinzu kommt die veränderte Rolle des Staates im Wirtschaftsprozess. Im Zweiten Kaiserreich entwickelte sich unter dem Schlagwort des »saint simonisme« eine eigentümliche Wirtschaftsordnungspolitik, die grundsätzlich für die Liberalisierung des Handels eintrat, zugleich aber staatliche Interventionen zugunsten der nationalen Unternehmen durch die Finanzierung etwa der Infrastruktur vorsah. Auch durch diesen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel wurden neue Banken notwendig. Bonin weist völlig zu Recht darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs nur um eine französische, sondern eine westeuropäische Entwicklung handelte. In allen westeuropäischen Ländern entstanden etwa zeitgleich ähnliche Bankgesellschaften.
Die Société générale erlebte in der Zeit zwischen 1864 und 1890 einen bedeutsamen wirtschaftlichen Aufstieg in verschiedenen Geschäftsfeldern. Zum einen entwickelte sie sich zu einer wichtigen Geschäftsbank (Banque de dépot), die sich um die Anlage und Verwaltung der Vermögen des aufstrebenden Bürgertums kümmerte. Auch das war ein allgemeiner Zug der Zeit, dass sich der alltägliche Zahlungsverkehr auch der kleineren und mittleren Unternehmen zunehmend über Geschäftsbanken vollzog. Ein anderes wichtiges Geschäftsfeld wurde die Platzierung von Staatsanleihen. Dies war in Europa zuvor der wichtigste Geschäftszweig der Rothschilds gewesen, nun übernahm ihn unter anderen die Société générale auf globaler Ebene. Staatsanleihen wurden für europäische, Süd- und Mittelamerika (Panama-Kanal), aber auch in Süd- und Osteuropa aufgelegt. Auf allen diesen Märkten war die Bank in ihren ersten Jahren sehr erfolgreich.
Alleine zwei Kapitel widmet Bonin dem ersten großen Rückschlag der Bank. Im Juli 1869 engagierte sich die Société générale im südamerikanischen Guano-Geschäft. Dieses versprach hohe Renditen, weil der peruanische Guano ein begehrter Dünger in der sich entwickelnden französischen und europäischen Landwirtschaft wurde. Mit dem Salpeterkrieg zwischen Chile und Peru zwischen 1879 und 1884 brach die wichtigste Quelle des Guano Importes weg und auch die Société générale verlor das investierte Kapital.
Insgesamt zeichnet der Autor das Bild einer Bank in einer entscheidenden Phase der europäischen Wirtschaftsgeschichte, die als zweite Phase der Industrialisierung bezeichnet worden ist. Die Société générale war aus dieser Perspektive ein typisches Produkt dieser Zeit, ein neuer Typ von Unternehmen, das seinen Erfolg der Tatsache verdankte, dass die jeweilige Leitung der Bank die neuen Strukturen der europäischen und der Weltwirtschaft nicht als Bedrohung, sondern als Chance empfand.
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